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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 167
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 27. Kapitel

Beschluß dieses ganzen Werks, und Abscheid der Holländer

Da ich mich nun wiederum in einem solchen guten Stand befand, ließ ich durch den Trompeter dem Volk zusammenblasen, weil die wenigen Gesunden, so noch ihren Witz behalten, wie obgemeldt, hin und wider auf der Insel zerstreut umgingen; als sie sich nun sammleten, fand ich daß in solcher Tollerei kein einziger verloren worden; derowegen tat unser Kaplan oder Siechentröster eine schöne Predigt, in der er die Wunder Gottes pries, vornehmlich aber vielgemeldten Teutschen, der zwar alles beinahe mit einem Verdruß anhörete, dergestalt lobte, daß derjenige Matrose, so sein Buch und dreißig Dukaten angepackt, solches von freien Stücken wieder hervorbrachte und zu seinen Füßen legte; er wollte aber das Geld nit wieder annehmen, sondern bat mich, ich wollte es mit nach Holland nehmen und wegen seines verstorbnen Kameraden armen Leuten geben. »Denn wenn ich«, sagte er, »gleich viel Tonnen Golds hätte, wüßte ichs doch nicht zu brauchen.« Was aber das gegenwärtige Buch, so der Herr hiebei zu empfangen, anbelangt, schenkte er mir dasselbig, seiner dabei im besten zu gedenken.

Ich ließe vom Schiff Araca, spanischen Wein, ein paar westfälische Schinken, Reis und anders bringen, auch darauf sieden und braten, diesen Teutschen zu gastiern und ihm alle Ehr anzutun, aber er nahm allerdings keine Courtoisie an, sondern behalf sich mit sehr wenigem, und zwar mit der allerschlechtesten Speis, welches wie man sagt wider alle teutsche Art und Gewohnheit läuft; die Unserigen hatten ihm seinen vorrätigen Vin de Palme ausgesoffen, derowegen betrug er sich mit Wasser und wollte weder spanischen noch rheinischen Wein trinken, doch erzeigte er sich fröhlich, weil er sah, daß wir lustig waren; sein größte Freud erwies er, mit den Kranken umzugehen, die er alle einer schnellen Gesundheit vertröstete, und sagte, er erfreue sich dermaleins, daß er den Menschen, vornehmlich aber Christen und sonderlich seinen Landsleuten einmal dienen könnte, welcher Ehr er schon lange Jahr beraubt gewesen wäre; er war beides ihr Koch und Arzt, maßen er mit unserm Medico und Barbierer fleißig konferierte, was etwa an dem einen und andern zu tun und zu lassen sein möchte, weswegen ihn denn beides die Offizianten und das Volk gleichsam wie einen Abgott ehreten.

Ich selbst bedachte mich, wie ich ihm dienen möchte; ich behielt ihn bei mir und ließ ohne sein Wissen durch unsere Zimmerleut wiederum ein neue Hütte aufrichten in der Form, wie die lustigen Gartenhäuser bei uns ein Ansehen haben; denn ich sah wohl, daß er weit ein mehrers meritierte, als ich ihm antun konnte oder er annehmen wollte; seine Konversation war sehr holdselig, hingegen aber mehr als viel zu kurz, und wenn ich ihn etwas seiner Person halber fragte, wies er mich in gegenwärtiges Buch und sagte, in demselbigen hätte er nach Genüge beschrieben davon ihn jetzt zu gedenken verdrießen tät; als ich ihn aber erinnerte, er sollte sich gleichwohl wieder zu den Leuten begeben, damit er nit so einsam wie ein unvernünftig Vieh dahinsterbe, wozu er denn jetzt gute Gelegenheit hätte, sich mit uns wieder in sein Vaterland zu machen, antwortet' er: »Mein Gott, was wollt Ihr mich zeihen; hier ist Fried, dort ist Krieg; hier weiß ich nichts von Hoffart, vom Geiz, vom Zorn, vom Neid, vom Eifer, von Falschheit, von Betrug, von allerhand Sorgen beides um Nahrung und Kleidung noch um Ehr und Reputation; hier ist eine stille Einsame ohne Zorn, Hader und Zank; eine Sicherheit vor eitlen Begierden, ein Festung wider alles unordentliche Verlangen; ein Schutz wider die vielfältigen Strick der Welt und ein stille Ruhe, darinnen man dem Allerhöchsten allein dienen, seine Wunder betrachten und ihn loben und preisen kann; als ich noch in Europa lebte, war alles (ach Jammer! daß ich solches von Christen zeugen soll) mit Krieg, Brand, Mord, Raub, Plünderung, Frauen- und Jungfrauenschänden etc. erfüllt; als aber die Güte Gottes solche Plagen samt der schrecklichen Pestilenz und dem grausamen Hunger hinwegnahm und dem armen bedrängten Volk zum Besten den edlen Frieden wieder sendete, da kamen allerhand Laster der Wollust, als Fressen, Saufen und Spielen, Huren, Buben und Ehebrechen, welche den ganzen Schwarm der anderen Laster alle nach sich ziehen, bis es endlich so weit kommen, daß je einer durch Unterdrückung des andern sich groß zu machen öffentlich praktiziert, dabei dann kein List, Betrug und politische Spitzfindigkeit gespart wird; und was das Allerärgste, ist dieses, daß keine Besserung zu hoffen, indem jeder vermeinet, wenn er nur zu acht Tagen, wenns wohl gerät, dem Gottesdienst beiwohne und sich etwa das Jahr einmal vermeintlich mit Gott versöhne, er habe es als ein frommer Christ nit allein alles wohl ausgerichtet, sondern Gott sei ihm noch dazu um solche laue Andacht viel schuldig; sollte ich nun wieder zu solchem Volk verlangen? müßte ich nit besorgen, wenn ich diese Insel, in welche mich der liebe Gott ganz wunderbarlicherweis versetzt, wiederum quittierte, es würde mir auf dem Meer wie dem Jonae ergehen? Nein!« sagte er, »vor solchem Beginnen wolle mich Gott behüten.«

Wie ich nun sah, daß er so gar keine Lust hatte, mit uns abzufahren, fing ich einen andern Diskurs an und fragte ihn, wie er sich denn so einzig und allein ernähren und behelfen könnte? Item ob er sich, indem er so viel hundert und tausend Meilen von andern lieben Christenmenschen abgesondert lebe, nicht fürchte; sonderlich ob er nicht bedenke, wenn sein Sterbstündlein herbeikommen wer ihm alsdann mit Trost, Gebet, geschweige der Handreichung, so ihm in seiner Krankheit vonnöten sein würde, zu Hilf und Statten kommen werde; ob er alsdann nit von aller Welt verlassen sein und wie ein wildes Tier oder Vieh dahinsterben müßte? Darauf antwortet' er mir, was seine Nahrung anlange, versorge ihn die Güte Gottes mit mehrerm als seiner tausend genießen könnten; er hätte gleichsam alle Monat durchs Jahr ein sondere Art Fisch zu genießen, die in und vor dem süßen Wasser der Insel zu laichen ankämen; solche Wohltaten Gottes genieße er auch von dem Geflügel, so von einer Zeit zur andern sich bei ihm niederließen, entweder zu ruhen und sich zu speisen oder Eier zu legen und Junge zu hecken; wollte jetzt von der Insel Fruchtbarkeit, als die ich selbst vor Augen sehe, nichts melden; betreffend die Hilf der Menschen, deren er bei seinem Abscheid beraubt sein müßte, bekümmere ihn solches im geringsten, nichts, wenn er nur Gott zum Freunde hab; so lang er bei den Menschen in der Welt gewesen, hätte er jeweils mehr Verdruß von Feinden als Vergnügen von Freunden empfangen, und machten einem die Freund selbst oft mehr Ungelegenheit als einer Freundschaft von ihnen zu hoffen; hätte er hier keine Freund, die ihn liebten und bedienten, so hätte er doch auch keine Feinde, die ihn haßten, welche beide Art der Menschen einen jeden zum Sündigen bringen könnten, deren aber er beider überhoben und also Gott desto geruhiger dienen könnte; zwar hätte er anfänglich viel Versuchungen beides von sich selbsten und dem Erbfeind aller Menschen erdulden und überstehen müssen, er hätte aber allwegen durch göttliche Gnad in den Wunden seines Erlösers (dahin noch sein einzige Zuflucht gestellt sei) Hilf, Trost und Errettung gefunden und empfangen.

Mit solchem und gleichmäßigen mehrerem Gespräch brachte ich mein Zeit mit dem Teutschen zu; indessen wurde es mit unseren Kranken von Stund zu Stund besser, so daß wir den vierten Tag auch kein einzigen mehr hatten, der sich klagt'; wir besserten im Schiff, was zu bessern war, nahmen frisch Wasser und anders von der Insel ein und fuhren, nachdem wir sechs Tag uns auf der Insel genugsam ergötzt und erfrischt, den siebenten Tag aber gegen die Insel S. Helenae, allwo wir teils Schiff von unserer Armada fanden, die auch ihre Kranken pflegten und der überigen Schiff erwarteten; von dannen wir nachgehends glücklich allhier in Holland ankommen.

Hiebei hat der Herr auch ein paar von den leuchtenden Käfern zu empfangen, vermittelst deren ich mit oftgemeldtem Teutschen in abgesagte Höhle kommen, welches wohl ein grausame Wunderspelunke ist; sie war ziemlich proviantiert mit Eiern, welche sich, wie mir der Teutsche sagt', in derselbigen übers Jahr halten, weil der Ort mehr kühl als kalt ist; in dem hintersten Winkel der Höhlen hatte er viel hundert dieser Käfer, davon es so hell war, als in einem Zimmer, darin überflüssig Lichter brennen; er berichtet' mich, daß sie zu einer gewissen Zeit des Jahrs auf der Insel von einer sonderen Art Holz wachsen, würden aber innerhalb vier Wochen von einer Gattung fremder Vögel, die zu derselben Zeit ankommen und Junge hecken, alle miteinander aufgefressen, alsdann müsse er die Notdurft finden, sich deren das Jahr hindurch anstatt der Lichter sonderlich in besagter Höhle zu bedienen; in der Höhle behalten sie ihre Kraft übers Jahr, in der Luft aber trocknet die leuchtende Feuchtigkeit aus, daß sie den geringsten Schein nit mehr von sich geben, wenn sie nur acht Tag tot gewesen; und gleich wie allein durch diese geringen Käfer der Teutsche sich der Höhlen erkundigt und sich selbige zu seinem sichern Aufenthalt zunutz gemacht, also hätten wir ihn auch mit keiner menschlichen Gewalt, wenn wir gleich 100 000 Mann stark gewesen wären, ohne seinen Willen nicht herausbringen können. Wir schenkten ihm bei unserer Abreis eine englische Brillen, damit er Feur von der Sonnen anzünden könnte, welches auch das einzige war, so er von uns bittlich begehrt; und ob er zwar sonst nichts von uns annehmen wollte, so hinterließen wir ihm doch eine Axt, ein Schaufel, ein Hau, zwei Stücke baumwollen Zeug von Bengala, ein halb Dutzend Messer, eine Scher, zween kupferne Hafen und ein paar Kaninchen, zu probiern, ob sie sich auf der Insel vermehren wollten; womit wir dann einen sehr freundlichen Abscheid voneinander genommen; und halte ich diese Insel für den allergesündesten Ort in der Welt, weil unser Kranken innerhalb fünf Tagen alle miteinander wiederum zu Kräften kamen und der Teutsche selbst die ganze Zeit, so er daselbst gewesen, von Krankheit nichts gewahr worden.

Ende

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