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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 161
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 21. Kapitel

Wie sie beide nach der Hand miteinander hausen und sich in den Handel schicken

Sobald er sich wiederum erkobert hatte und zu seinen sieben Sinnen kommen war, kniete er vor mir nieder, faltete beide Händ und sagte wohl eine halbe Viertelstund nacheinander sonst nichts, als: »Ach Vater! ach Bruder; ach Vater! ach Bruder!« und fing darauf an, mit Wiederholung solcher Worte so inniglich zu weinen, daß er vor Schluchzen kein verständliche Wort mehr herausbringen konnte; also daß ich mir einbildete, er müßte durch Schrecken und Gestank seines Verstands beraubt worden sein; wie er aber mit solcher Weis nit nachlassen wollte und mich immerhin um Verzeihung bat, antwortet ich: »Liebster Freund, was soll ich Euch verzeihen, da Ihr mich doch Euer Lebtag niemal beleidigt habt? sagt mir doch nur wie es Euch zu helfen sei?« »Verzeihung«, sagte er, »bitte ich, denn ich hab wider Gott, wider Euch und wider mich selbst gesündigt!« und damit fing er sein vorige Klag wieder an, kontinuierte sie auch so lang, bis ich sagte, ich wüßte nichts Böses von ihm, und dafern er gleichwohl etwas begangen, deswegen er sich ein Gewissen machen möchte, so wollte ichs ihm nicht allein so viel es mich beträfe von Grund meines Herzens verziehen und vergeben haben, sondern auch wenn er sich wider Gott vergriffen, neben ihm dessen Barmherzigkeit um Begnadigung anrufen; auf solche Wort faßte er meine Schenkel in seine Arm, küßte meine Knie, und sah mich so sehnlich und drauf an, daß ich drüber gleichsam erstummete und nicht wissen oder erraten konnte, was es doch immermehr mit dem Kerl für eine Beschaffenheit haben möchte; demnach ich ihn aber freundlich in die Arme nahm und an meine Brust drückte, mit Bitt mir zu erzählen was ihm anläge und wie ihm zu helfen sein möchte, beichtet' er mir alles haarklein heraus, was er mit der vermeinten Abessinerin für ein Diskurs geführt und über mich, beides wider Gott, wider die Natur, wider die christliche Liebe und wider das Gesetz getreuer Freundschaft, die wir einander solenniter geschworen, bei sich selbst beschlossen gehabt hatte; und solches tat er mit solchen Worten und Gebärden, daraus sein inbrünstige Reu und zerknirschtes Herz leicht zu mutmaßen oder abzunehmen war.

Ich tröstete ihn, so gut ich immer konnte, und sagte, Gott hätte vielleicht solches zur Warnung über uns verhängt, damit wir uns künftig vor des Teufels Stricken und Versuchungen desto besser vorsehen, und in steter Gottesfurcht leben sollten; er hätte zwar Ursach, seiner bösen Einwilligung halber Gott herzlich um Verzeihung zu bitten, aber noch ein größere Schuldigkeit sei es, daß er ihm um seine Güte und Barmherzigkeit danke, indem er ihn so väterlich aus des leidigen Satans List und Fallstrick gerissen und ihn vor seinem zeitlichen und ewigen Fall behütet hätte; es würde uns vonnöten sein vorsichtiger zu wandeln, als wenn wir mitten in der Welt unter dem Volk wohneten; denn sollte einer oder der ander oder wir alle beide fallen, so würde niemand vorhanden sein, der uns wiederum aufhülfe, als der liebe Gott, den wir derowegen desto fleißiger vor Augen haben und ihn ohn Unterlaß um Hilf und Beistand anflehen müßten.

Von solchen und dergleichen Zusprechen wurde er zwar um etwas getröst, er wollte sich aber nichtsdestoweniger nicht allerdings zufrieden geben, sondern bat aufs demütigste, ich wollte ihm doch wegen seines Verbrechens eine Buß auflegen; damit ich nun sein niedergeschlagenes Gemüt nach Möglichkeit wiederum etwas aufrichten möchte, sagte ich, dieweil er ohnedas ein Zimmermann sei und seine Axt noch im Vorrat hätte, so sollte er an demjenigen Ort, wo sowohl wir als unsere teuflische Köchin gestrandet, am Ufer des Meers ein Kreuz aufrichten, damit würde er nicht allein ein Gott wohlgefällig Bußwerk verrichten, sondern auch zuwegen bringen, daß künftig der böse Geist, welcher das Zeichen des hl. Kreuzes scheue, unsere Insel nicht mehr so leichtlich anfallen würde. »Ach«, antwortet' er, »nicht nur ein Kreuz in die Niedere, sondern auch zwei auf das Gebirg sollen von mir verfertigt und aufgerichtet werden; wenn ich nur, o Vater, deine Huld und Gnade wieder habe, und mich der Verzeihung von Gott getrösten darf.« Er ging in solchem Eifer auch gleich hin und hörete nicht auf zu arbeiten, bis er die drei Kreuz verfertigt hatte, davon wir eins am Strand des Meers und die anderen zwei jedes besonders auf die höchsten Gipfel des Gebirgs mit folgender Inskription aufrichteten:

»Gott dem Allmächtigen zu Ehren und dem Feind des menschlichen Geschlechts zu Verdruß hat Simon Meron von Lissabon aus Portugal mit Rat und Hilf seines getreuen Freunds Simplici Simplicissimi, eines Hochteutschen, dies Zeichen des Leidens unsers Erlösers aus christlicher Wohlmeinung verfertigt und hieher aufgerichtet.«

Von da an fingen wir an etwas gottseliger zu leben als wir zuvor getan hatten, und damit wir den Sabbat auch heiligen und feiern möchten, schnitt ich anstatt eines Kalenders alle Tag eine Kerb auf ein Stecken und am Sonntag ein Kreuz; alsdann saßen wir zusammen und redeten miteinander von heiligen und göttlichen Sachen; und diese Weise mußte ich gebrauchen, weil ich noch nichts ersonnen hatte, mich damit anstatt Papiers und Tinten zu behelfen, dadurch ich etwas Schriftlichs hätte zu unserer Nachricht aufzeichnen mögen.

Hier muß ich zum Beschluß dieses Kapitels einer artlichen Sach gedenken, die uns den Abend, als unser feine Köchin von uns abschied, gewaltig erschreckt' und ängstigte, dern wir die erste Nacht nicht wahrgenommen, weil uns der Schlaf wegen überstandener Abmattung und großer Müdigkeit gleich überwunden; es war aber dieses: Als wir noch vor Augen hatten, durch was für tausend List uns der leidige Teufel in Gestalt der Abessinerin verderben wollen, und dannenhero nicht schlafen konnten, sondern lang wachend die Zeit und zwar mehrenteils im Gebet zubrachten, sahen wir, sobald es ein wenig finster wurde, um uns her einen unzähligen Haufen der Lichter in der Luft herumschweben, welche auch einen solchen hellen Glanz von sich gaben, daß wir die Früchte an den Bäumen vor dem Laub unterscheiden konnten; da vermeinten wir, es wäre abermal ein neuer Fund des Widersachers uns zu quälen, wurden derowegen ganz still und dusam, befanden aber endlich, daß es eine Art der Johannsfünklein oder Zündwürmlein (wie man sie in Teutschland nennet) waren, welche aus einer sonderbaren Art faulen Holzes entstehen, so auf dieser Insel wächst; diese leuchten so hell, daß man sie gar wohl anstatt einer hellbrennenden Kerzen gebrauchen kann, maßen ich nachgehends dies Buch mehrenteils dabei geschrieben; und wenn sie in Europa, Asia und Afrika so gemein wären als hier, so würden die Lichterkrämer schlechte Losung haben.

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