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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 160
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 20. Kapitel

Was sie für eine schöne Köchin dingen, und wie sie ihrer mit Gottes Hilf wieder los werden

Dieses war der erste Imbiß, den wir auf unserer Insel einnahmen; und nachdem wir solchen vollbracht, taten wir nichts anders, als dürr Holz zusammensuchen, unser Feur zu unterhalten; wir hätten gern gleich die ganze Insel vollends besichtigt, aber wegen überstandener Abmattung drängte uns der Schlaf, daß wir uns zur Ruhe legen mußten, welche wir auch kontinuierten bis an den lichten Morgen; als wir solchen erlebt, gingen wir dem Bächlein oder Revier nach hinunter, bis an Mund, da es sich ins Meer ergeußt, und sahen mit höchster Verwunderung, wie sich eine unsägliche Menge Fische in der Größe als mittelmäßige Salmen oder große Karpfen dem süßen Wasser nach ins Flüßlein hinauf zog, also daß es schien, als ob man eine große Herd Schwein mit Gewalt hineingetrieben hätte; und weil wir auch etliche Bonanas und Batatas antrafen, so treffliche gute Früchte sind, sagten wir zusammen, wir hätten Schlaraffenland genug (obzwar kein vierfüßig Tier vorhanden) wenn wir nur Gesellschaft hätten, beides die Fruchtbarkeit, als auch die vorhandenen Fisch und Vögel dieser edlen Insel genießen zu helfen; wir konnten aber kein einzig Merkzeichen spüren, daß jemalen Menschen daselbst gewesen wären.

Als wir derowegen anfingen zu beratschlagen, wie wir unser Haushaltung ferner anstellen und wo wir Geschirr nehmen wollten, sowohl darin zu kochen, als den Wein von Palmen hineinzufangen und seiner Art nach verjähren zu lassen, damit wir ihn recht genießen könnten, und in solchem Gespräch so am Ufer herumspazierten, sahen wir auf der Weite des Meers etwas dahertreiben, welches wir in der Ferne nit erkennen konnten, wiewohl es größer schien als es an sich selbsten war; denn nachdem es sich nähert' und an unserer Insel gestrandet, war es ein halb totes Weibsbild, welches auf einer Kisten lag und beide Hände in die Handhaben an der Kisten eingeschlossen hatte; wir zogen sie aus christlicher Liebe auf trocken Land, und demnach wir sie beides wegen der Kleidung und etlicher Zeichen halber, die sie im Angesicht hatte, für eine Abessiner Christin hielten, waren wir desto geschäftiger, sie wieder zu sich selbst zu bringen; maßen wir sie, jedoch mit aller Ehrbarkeit, als sich solches mit ehrlichen Weibsbildern in solchen Fällen zu tun geziemt, auf den Kopf stelleten, bis ein ziemliche Menge Wasser von ihr gelaufen; und ob wir zwar nichts Lebhaftigs zu ferner Erquickung bei uns hatten als Zitronen, so ließen wir doch nicht nach, ihr die spiritualische Feuchtigkeit, die sich in den äußersten Enden der Zitronenschalen enthält, unter die Nase zu drücken und sie mit Schüttlen zu bewegen, bis sie sich endlich von sich selbst regte und Portugiesisch anfing zu reden; sobald mein Kamerad solches hörete, und sich in ihrem Angesicht wiederum ein lebhafte Farb erzeigte, sagte er zu mir: »Diese Abessinerin ist einmal auf unserm Schiff bei einer vornehmen portugiesischen Frauen eine Magd gewesen, denn ich hab sie beide wohl gekannt, sie sind zu Macao aufgesessen und waren willens mit uns in die Insel Annabon zu schiffen.« Sobald jene diesen reden hörete, erzeigte sich sehr fröhlich, nennete ihn mit Namen und erzählte nit allein ihre ganze Reis, sondern auch wie sie [sich freue], sowohl daß sie und er noch im Leben, als auch daß sie als Bekannte einander auf trocknem Land und außer aller Gefahr wieder angetroffen hätten; hierauf fragte mein Zimmermann, was wohl für Waren in der Kisten sein möchten, darauf antwortet' sie, es wären etliche chinesische Stück Gewand, etliche Gewehr und Waffen, und dann unterschiedliche so große als kleine porzellanen Geschirr, so nach Portugal einem vornehmen Fürsten von ihrem Herrn hätte geschickt werden sollen; solches erfreute uns trefflich, weil es lauter Sachen, deren wir am allermeisten bedürftig waren. Demnach ersuchte sie uns, wir wollten ihr doch solche Leutseligkeit erweisen und sie bei uns behalten, sie wollte uns gern mit Kochen, Waschen und andern Diensten als eine Magd an die Hand gehen und uns als ein leibeigne Sklavin untertänig sein, wenn wir sie nur in unserem Schutz behalten und ihr den Lebensunterhalt, so gut als es das Glück und die Natur in dieser Gegend bescherte, neben uns mit zu genießen gönnen wollten.

Darauf trugen wir beide mit großer Mühe und Arbeit die Kiste an denjenigen Ort, den wir uns zur Wohnung auserkoren hatten; daselbsten öffneten wir sie und fanden so beschaffene Sachen darinnen, die wir zu unserem damaligen Zustand und Behuf unserer Haushaltung nimmermehr anders hätten wünschen mögen; wir packten aus und trockneten solche War an der Sonnen, wozu sich unser neue Köchin gar fleißig und dienstbar erzeigte; folgends fingen wir an Geflügel zu metzgen, zu sieden und zu braten, und indem mein Zimmermann hinging, Palmwein zu gewinnen, stieg ich aufs Gebirg, für uns Eier auszunehmen, solche hart zu sieden und anstatt des lieben Brots zu brauchen; unterwegs betrachtete ich mit herzlicher Danksagung die großen Gaben und Gnaden Gottes, die uns dessen barmherzige Vorsehung so vatermildiglich mitgeteilt und ferners zu genießen vor Augen stellete; ich fiel nieder auf das Angesicht und sagte mit ausgestreckten Armen und erhobenem Herzen: »Ach! ach! du allergütigster himmlischer Vater, nun empfinde ich im Werk selbsten, daß du williger bist uns zu geben, als wir von dir zu bitten! ja allerliebster Herr! du hast uns mit dem Überfluß deiner göttlichen Reichtümer ehender und mehrers versehen, als wir armen Kreaturen bedacht waren, im geringsten etwas dergleichen von dir zu begehren. Ach getreuer Vater, deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit wolle allergnädigst gefallen, uns zu verleihen, daß wir diese deine Gaben und Gnaden nicht anders gebrauchen, als wie es deinem allerheiligsten Willen und Wohlgefallen beliebt und zu deines großen unaussprechlichen Namens Ehr gereicht, damit wir dich neben allen Auserwählten hie zeitlich und dort ewig, loben, ehren und preisen mögen.« Mit solchen und viel mehr dergleichen Worten, die alle aus dem innersten Grund meiner Seelen ganz herzlich und andächtig daherflossen, ging ich um, bis ich die Notdurft an Eiern hatte und damit wiederum zu unserer Hütten kam, allwo die Abendmahlzeit auf der Kisten (die wir selbigen Tag samt der Köchin aus dem Meer gefischt und mein Kamerad anstatt eines Tisches gebrauchte) bestens bereitstund.

Indessen ich nun um obige Eier ausgewesen, hatt' mein Kamerad (welcher ein Kerl von etlich wenig und zwanzig Jahren, ich aber über die vierzig Jahr alt gewesen) mit unserer Köchin einen Akkord gemacht, der beides zu seinem und meinem Verderben gereichen sollte; denn nachdem sie sich in meiner Abwesenheit allein befanden und von alten Geschichten, zugleich aber auch von der Fruchtbarkeit und großen Nutznießung dieser überaus gesegneten, ja mehr als glückseligen Insel miteinander gesprochen, wurden sie so vertraulich, daß sie auch von einer Trauung zwischen ihnen beiden zu reden begannen, von welcher aber die vermeinte Abessinerin nichts hören wollte, es wäre denn Sach, daß mein Kamerad der Zimmermann sich allein zum Herrn der Insel machte und mich aus dem Weg räumte; es wäre, sagte sie, ohnmöglich, daß sie ein friedsame Ehe miteinander haben können, wenn noch ein Unverheirater neben ihnen wohnen sollte. »Er bedenke nur selbst«, sagte sie ferner zu meinem Kameraden, »wie Ihn Argwohn und Eifersucht plagen würde, wenn Er mich heiratet und der Alte täglich mit mir konversiert, obgleich er Ihn zum Cornuto zu machen niemal in Sinn nähme; zwar weiß ich einen besseren Rat, wenn ich mich je vermählen und auf dieser Insel (die wohl tausend oder mehr Personen ernähren kann) das menschlich Geschlecht vermehren soll; nämlich diesen, daß mich der Alte eheliche; denn wenn solches geschähe, so wäre es nur um ein Jahr oder zwölf oder längst vierzehn zu tun, in welcher Zeit wir etwa eine Tochter miteinander erzeugen werden, Ihm solche (verstehe dem Zimmermann) ehlich beizulegen; alsdann wird Er nicht so bei Jahren sein, als jetzunder der jetzige Alte ist; und würde interim zwischen euch beiden die ohnzweifelige Hoffnung, daß der erste des andern Schwährvater und der ander des ersten Tochtermann werden sollte, allen bösen Argwohn aus dem Weg tun und nach aller Gefahr, darin ich anderwärts geraten möchte, befreien; zwar ists natürlich, daß ein jungs Weibsbild wie ich bin, lieber einen jungen als alten Mann nehmen wird; aber wir müssen uns jetzunder miteinander in die Sach schicken, wie es unser gegenwärtiger Zustand erfordert, um vorzusehen, daß ich und die so aus mir geboren werden möchten, das Sichere spielen.« Durch diesen Diskurs, der sich weit auf ein mehrers erstreckte und auseinanderzog, als ich jetzunder beschreibe, wie auch durch der vermeinten Abessinerin Schönheit (so beim Feur in meines Kameraden Augen viel vortrefflicher herumglänzte als zuvor) und ihre hurtigen Gebärden wurde mein guter Zimmermann dergestalt eingenommen und betört, daß er sich entblödete zu sagen, er wollte ehe den Alten (mich vermeinend) ins Meer werfen und die ganze Insel ruinieren, ehe er eine solche Dame wie sie wäre, überlassen wollte; und hierauf wurde auch obengedachter Akkord zwischen ihn' beiden beschlossen; doch dergestalt, daß er mich hinterrücks oder im Schlaf mit seiner Axt erschlagen sollte, weil er sich sowohl vor meiner Leibsstärke als meinem Stab, den er mir selbst wie einen böhmischen Ohrlöffel verfertigt, entsetzte.

Nach solchem Vergleich zeigte sie meinem Kameraden zunächst an unserer Wohnung eine schöne Art Hafnererde, aus welchem sie nach Art der indianisch Weiber, so am guineischen Gestad wohnen, schön irden Geschirr zu machen getraute, tat auch allerlei Vorschläg, wie sie sich und ihr Geschlecht auf dieser Insel ausbringen, ernähren und bis in das hundertste Glied ihnen ein geruhigs und vergnügsames Leben verschaffen wollte; da wußte sie nicht genugsam zu rühmen, was sie für Nutzen aus den Kokosbäumen ziehen wollte und aus der Baumwoll, so selbige tragen oder hervorbringen, sich und aller ihrer Nachkömmlinge Nachkömmling' mit Kleidungen zu versehen.

Ich armer Stern kam und wußte kein Haar von diesem Schluß und Laugenguß, sondern setzte mich zu genießen, was zugerichtet dastund, sprach auch nach christlichem und hochlöblichem Brauch das Benedicte; sobald ich aber das Kreuz beides über die Speisen und meine Mitesser machte, und den göttlichen Segen anrufte, verschwand beides unsere Köchin und die Kiste, samt allem dem was in besagter Kisten gewesen war, und ließ einen solchen grausamen Gestank hinter sich, daß meinem Kameraden ganz unmächtig davon wurde.

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