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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 157
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 17. Kapitel

Wasmaßen er über das Mare mediterraneum nach Ägypten fährt und an das Rote Meer verführt wird

Also wandert ich dahin, des Vorsatzes die allerheiligsten und berühmtesten Örter der Welt in solchem armen Stand zu besuchen, denn ich bildete mir ein, daß Gott einen sonderbaren gnädigen Blick auf mich geworfen, ich gedachte er hätte ein Wohlgefallen an meiner Geduld und freiwilligen Armut und würde mir derowegen wohl durchhelfen, wie ich denn in gemeldtem Schlosse dessen göttliche Hilf und Gnad handgreiflich verspürt und genossen. In meiner ersten Nachtherberg gesellete sich ein Läuferbote zu mir, der vorgab, er sei bedacht ebenden Weg zu gehen, den ich vor mir hätte, nämlich auf Loretten; weilen ich nun den Weg nicht wußte noch die Sprach recht verstund, er aber vorgab, daß er kein sonderlicher schneller Läufer wäre, wurden wir eins beieinander zu bleiben und einander Gesellschaft zu leisten; dieser hatte gemeiniglich auch an den Enden zu tun, wo ich meines Schloßherrn Schreiben abzulegen hatte, allwo man uns denn fürstlich traktierte; wenn er aber in einem Wirtshaus einkehren mußte, nötigte er mich zu sich und zahlte für mich aus, welches ich die Länge nicht annehmen wollte, weil mich däuchte, ich würde ihm auf solche Weis seinen Lohn, den er so säurlich verdienen mußte, verschwenden helfen; er aber sagte, er genieße meiner auch wo ich Schreiben zu bestellen habe, als wo er meinetwegen schmarotzen und sein Geld sparen können. Solchergestalt überwanden wir das hohe Gebirg und kamen miteinander in das fruchtbare Italia, da mir mein Gefährt erst erzählete, daß er von obgedachtem Schloßherren abgefertigt wäre mich zu begleiten und zehrfrei zu halten, bat mich derowegen, daß ich ja bei ihm vorliebnehmen und das freiwillige Almosen, das mir sein Herr nachschickte, nit verschmähen, sondern lieber als dasjenige genießen wollte, das ich erst von allerhand ohnwilligen Leuten erpressen müßte; ich verwundert mich über dieses Herren redlich Gemüt, wollte aber drum nicht, daß der verstellte Bot länger bei mir bleiben noch etwas mehrers für mich auslegen sollte; mit Vorwand, daß ich allbereit mehr als zuviel Ehr und Guttaten von ihm empfangen, die ich nicht zu widergelten getraute; in Wahrheit aber hatte ich mir vorgesetzt, allen menschlichen Trost zu verschmähen und in niedrigster Demut, Kreuz und Leiden mich allein an den lieben Gott zu lassen; ich hätte auch von diesem Gefährten weder Wegweisung noch Zehrung angenommen, wenn nur bekannt gewesen, daß er zu solchem End abgefertigt worden wäre.

Als er nun sah, daß ich kurzrund seine Beiwohnung nicht mehr haben wollte, sondern mich von ihm wandte, mit Bitt seinen Herren meinetwegen zu grüßen und ihm nachmalen für alle erzeugten Wohltaten zu danken, nahm er einen traurigen Abscheid und sagt': »Nun wohlan denn werter Simplici, ob Ihr zwar jetzt nicht glauben möchtet, wie herzlich gern Euch mein Herr Guts tun möchte, so werdet Ihrs jedoch erfahren, wenn Euch das Futter im Rock zerbricht oder Ihr denselben sonst ausbessern wollt«; und damit ging er davon als wenn ihn der Wind hinjagte.

Ich gedachte: »Was mag der Kerl mit diesen Worten andeuten? ich will ja nimmermehr glauben, daß seinen Herren dies Futter reuen werde; nein Simplici«, sagte ich zu mir selbst, »er hat diesen Boten ein so weiten Weg auf seine Kosten nicht geschickt, mir erst hier aufzurufen, daß er meinen Rock füttern lassen, es stecket etwas anders dahinter.« Wie ich nun den Rock visitierte, befand ich daß er unter die Näht ein Dukaten an den andern hatte nähen lassen, also daß ich ohne mein Wissen ein groß Stück Geld mit mir davongetragen; davon wurde mir mein Gemüt ganz unruhig, also daß ich gewollt, er hätte das Seinig behalten; ich machte allerhand Gedanken, wozu ich solches Geld anlegen und gebrauchen wollte, bald gedachte ichs wieder zurückzutragen und bald vermeinte ich wieder eine Haushaltung damit anzustellen oder mir irgendeine Pfründ zu kaufen; aber endlich beschloß ich, durch solche Mittel Jerusalem zu beschauen, welche Reis ohne Geld nicht zu vollbringen.

Demnach begab ich mich den geraden Weg auf Loretten und von dannen nach Rom; als ich mich daselbst ein Zeitlang aufgehalten, meine Andacht verrichtet und Kundschaft zu etlichen Pilgern gemacht hatte, die auch gesinnet waren, das Heilig Land zu beschauen, ging ich mit einem Genueser aus ihnen in sein Vaterland; daselbst sahen wir uns nach Gelegenheit um, über das Mittelländische Meer zu kommen; trafen auch auf geringe Nachfrag gleich ein geladen Schiff an, welches fertig stund mit Kaufmannsgütern nach Alexandriam zu fahren und nur auf gute Wind wartete; ein wunderlichs, ja göttlichs Ding ist ums Geld bei den Weltmenschen! der Patron oder Schiffherr hätte mich meines elenden Aufzugs halber nit angenommen, wenn ich gleich eine güldene Andacht und hingegen nur bleiern Geld gehabt hätte, denn da er mich das erstemal sah und hörete, schlug er mein Begehren rund ab; sobald ich ihm aber eine Handvoll Dukaten wies, die zu meiner Reise employiert werden sollen, war der Handel ohn einzigs ferners Bitten bei ihm schon richtig, ohne daß wir uns um den Schifflohn miteinander verglichen; worauf er mich selber instruierte, mit was für Proviant und andern Notwendigkeiten ich mich auf die Reis versehen sollte; ich folgte ihm wie er mir geraten und fuhr also in Gottes Namen mit ihm dahin.

Wir hatten auf der ganzen Fahrt Ungewitters oder widerwärtigen Winds halber keine einzige Gefahr, aber den Meerräubern, die sich etlichemal merken ließen und Mienen machten uns anzugreifen, mußte unser Schiffherr oft entgehen, maßen er wohl wußt, daß er wegen seines Schiffs Geschwindigkeit mehr mit der Flucht als sich zu wehren gewinnen könnte; und also langten wir zu Alexandria an, ehender als sichs alle Seefahrer auf unserem Schiff versehen hatten, welches ich für ein gut Omen hielt, meine Reis glücklich zu vollenden. Ich bezahlte mein Fracht und kehrte bei den Franzosen ein, die alldorten jeweils sich aufzuhalten pflegen, von welchen ich erfuhr, daß für diesmal meine Reis nach Jerusalem fortzusetzen ohnmöglich sei, indem der türkische Bassa zu Damasco eben damals in armis begriffen und gegen seinen Kaiser rebellisch war, also daß keine Karawane, sie wäre gleich stark oder schwach gewesen, aus Ägypten nach Judäam passieren mögen, sie hätte sich denn freventlich alles zu verlieren in Gefahr geben wollen.

Es war damals eben zu Alexandria, welches ohnedas ein ungesunde Luft zu haben pflegt, eine giftige Kontagion eingerissen, weswegen sich viel von da anderwärtlich hin retirierten, sonderlich europäische Kaufleut, so das Sterben mehr fürchten als Türken und Araber; mit einer solchen Compagnia begab ich mich über Land auf Rosseten, einen großen Flecken am Nilo gelegen; daselbst saßen wir zu Schiff und fuhren auf dem Nilo mit völligem Segel aufwärts, bis an ein Ort so ohngefähr ein Stund Wegs von der großen Stadt Alkayr gelegen, auch Alt-Alkayr genennt wird; und nachdem wir allda schier um Mitternacht ausgestiegen, unsere Herbergen genommen und des Tags erwartet, begaben wir uns vollends nach Alkayr, der jetzigen rechten Stadt, in welcher ich gleichsam allerhand Nationen antraf; daselbst gibt es auch ebenso vielerlei seltsame Gewächs als Leute, aber was mir am allerseltsamsten vorkam, war dieses, daß die Einwohner hin und wieder in dazu gemachten Öfen viel hundert junge Hühner ausbrüteten, zu welchen Eiern nit einmal die Hennen kamen, seit sie solches gelegt hatten, und solchem Geschäft warten gemeiniglich alte Weiber ab.

Ich hab zwar niemalen keine so große volkreiche Stadt gesehen, da es wohlfeiler zu zehren als eben an diesem Ort; gleichwie aber nichtsdestoweniger meine übrigen Dukaten nach und nach zusammengingen, wenns schon nit teur war, also konnte ich mir auch leicht die Rechnung machen, daß ich nit erharren würde können, bis sich der Aufruhr des Bassae von Damasco legen und der Weg sicher werden würde, meinem Vorhaben nach Jerusalem zu besuchen; verhängte derowegen meinen Begierden den Zügel andere Sachen zu beschauen, wozu mich der Vorwitz anreizte; unter andern war jenseit des Nili ein Ort, da man die Mumia gräbt, den besichtigt ich etlichmal, item an einem Ort die beiden Pyramides Pharaonis und Rhodope; machte mir auch den Weg dahin so gemein, daß ich fremde Unkennliche alleinig dahin führn durfte; aber es gelang mir zum letztenmal nit beim besten; denn als ich einsmals mit etlichen zu den ägyptischen Gräbern ging, Mumia zu holen, wobei auch fünf Pyramides stehen, kamen uns einige arabische Räuber auf die Haube, welche der Orten die Straußenfänger zu fangen ausgangen waren; diese kriegten uns bei den Köpfen und führten uns durch Wildnisse und Abweg an das Rote Meer, allwo sie den einen hier den andern dort verkauften.

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