Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 156
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
Schließen

Navigation:

Das 16. Kapitel

Wie der Pilger wiederum aus dem Schloß abscheidet

Es war schon ziemlich lang Tag gewesen, als der Schloßherr mit seinem Diener wieder vor mein Bette kam: »Wohl! Herr Simplici«, sagte er, »wie hats Ihm heint nacht zugeschlagen, hat Er keine Karbatsch vonnöten gehabt?« »Nein Monsieur«, antwortet ich, »diese so hierinnen zu wohnen pflegen, brauchtens nicht wie derjenige so mich im Saurbrunnen foppen wollte.« »Wie ists aber abgangen?« fragte er weiters, »fürchtet Er sich noch nicht vor den Geistern?« Ich antwortet: »Daß es ein kurzweilig Ding um die Geister sei, werde ich nimmermehr sagen; daß ich sie darum eben fürchte, werde ich nimmermehr gestehen; aber wie es abgangen, bezeuget zum Teil dies verbrennte Leilachen, und ich werde es dem Herrn erzählen, sobald er mich nur in seinen grünen Saal führet, allwo ich ihm des Prinzipalgeists, der bisher hierinnen gangen, wahres Conterfeit weisen soll.« Er sah mich mit Verwunderung an und konnte sich leicht einbilden, daß ich mit den Geistern geredt haben müßte, weil ich nicht allein vom grünen Saal zu sagen wußte, den ich noch nie sonst von jemand hatte nennen hören, sondern auch weil das verbrennete Leilachen solches bezeugte. »So glaubt Er denn nun«, sagte er, »was ich Ihm hiebevor im Saurbrunnen erzählt hab?« Ich antwortet: »Was bedarf ich des Glaubens, wenn ich ein Ding selbst weiß und erfahren habe?« »Ja«, sagte er weiters, »tausend Gulden wollte ich drum schuldig sein, wenn ich dies Kreuz aus dem Haus hätte.« Ich antwortet: »Der Herr geb sich nur zufrieden, er wird davon erledigt werden, ohne daß es ihn ein Heller kosten solle; ja er wird noch Geld dazu empfangen.«

Mithin stund ich auf, und wir gingen stracks miteinander dem grünen Saal zu, welches zugleich ein Lustzimmer und Kunstkammer war; unterwegs kam des Schloßherrn Bruder an, den ich im Saurbrunnen karbeitscht hatte, denn ihn sein Bruder meinetwegen von seinem Sitz, der etwa zwo Stund von dannen lag, eilends holen lassen; und weil er ein ziemlich mürrisch aussah, besorgte ich mich, er sei etwa auf eine Rach bedacht, doch erzeigte ich im geringsten keine Furcht, sondern als wir in den gedachten Saal kamen, sah ich unter anderen kunstreichen Gemälden und Antiquitäten eben dasjenig Conterfeit, das ich suchte. »Dieser«, sagte ich zu beiden Gebrüdern, »ist euer Urahne gewesen und hat dem Geschlecht von N. zwei Dörfer als N. und N. unrechtmäßigerweis abgedrungen, welche Dörfer aber jetzunder ihre rechtmäßigen Herrn wieder inhaben; von denselbigen Dörfern hat euer Urahne ein namhaftes Stück Geld erhoben und bei seinen Lebzeiten in demjenigen Zimmer darinnen ich heint gebüßt, was ich hiebevor im Saurbrunnen mit der Karbeitsch begangen, einmauren lassen, weswegen er denn samt seinen Helfern bishero an hiesigem Hause so schrecklich sich erzeigt«; wollten sie nun, daß er zur Ruhe komme und das Haus hinfort geheur sei, so möchten sie das Geld erheben und anlegen wie sie vermeinten, daß sie es gegen Gott verantworten können, ich zwar wollte ihnen weisen wo es läge, und alsdann in Gottes Namen meinen Weg weiters suchen. Weilen ich nun wegen der Person ihres Urahnen und beider Dörfer die Wahrheit geredet hatte, gedachten sie wohl, ich würde des verborgenen Schatzes halber auch nicht lügen; verfügten sich derowegen mit mir wiederum in mein Schlafzimmer, allwo wir die steinere Platt erhuben, daraus die Geister das Schererzeug genommen und wieder hingesteckt hatten; wir fanden aber anders nichts als zween irdene Hafen, so noch ganz neu schienen, davon der eine mit rotem, der ander aber weißem Sand gefüllt war, weswegen beide Brüder die gefaßte Hoffnung, dies Orts einen Schatz zu fischen, allerdings fallen ließen; ich aber verzagte drum nicht, sondern freute mich dermaleins die Gelegenheit zu haben, daß ich probieren könnte, was der wunderbarliche Theophrastus Paracelsus in seinen Schriften Tom. 9 in ›Philosophia occulta‹ von der Transmutation der verborgenen Schätze schreibt; wanderte derowegen mit den beiden Hafen und in sich habenden Materien in die Schmiede, die der Schloßherr im Vorhof des Schlosses stehen hatte, setzte sie ins Feur und gab ihnen ihre gebührliche Hitz, wie man sonst zu prozedieren pflegt, wenn man Metall schmelzen will, und nachdem ichs von sich selbsten erkalten ließ, fanden wir in dem einen Hafen eine große Massa Dukatengold, in dem andern aber einen Klumpen vierzehenlötig Silber, und konnten also nicht wissen, was es für Münze gewesen war; bis wir nun mit dieser Arbeit fertig wurden, kam der Mittag herbei, bei welchem Imbiß mir nicht allein weder Essen noch Trinken schmecken wollte, sondern mir wurde auch so übel, daß man mich zu Bett bringen mußte, nicht weiß ich, war es die Ursach, daß ich mich etliche Tag zuvor im Regenwetter gar unbescheiden mortifiziert oder daß mich die verwichne Nacht die Geister so erschreckt hatten.

Ich mußte wohl zwölf Tag des Bettes hüten, und hätte ohne Sterben nicht kränker werden können; ein einziger Aderlaß bekam mir trefflich neben der Gutwartung die ich empfing. Indessen hatten beide Gebrüder ohne mein Wissen einen Goldschmied holen und die zusammengeschmolzenen Massaten probieren lassen, weil sie sich eines Betrugs besorgten; nachdem sie nun dieselbigen just befunden, zumalen sich kein Gespenst im ganzen Hause mehr merken ließ, wußten sie beinahe nicht zu ersinnen, was sie mir nur für Ehr und Dienst erweisen sollten; ja sie hielten mich allerdings für einen heiligen Mann, dem alle Heimlichkeiten ohnverborgen, und der ihnen von Gott insonderheit zugeschickt worden wäre, ihr Haus wiederum in richtigen Stand zu setzen; derowegen kam der Schloßherr selbst schier nie von meinem Bette, sondern freute sich, wenn er nur mit mir diskurrieren konnte, solches währete, bis ich meine vorige Gesundheit wieder völlig erlangte.

In solcher Zeit erzählte mir der Schloßherr ganz offenherzig, daß (als er noch ein junger Knab gewesen) sich ein frevler Landstörzer bei seinem Herrn Vater angemeldet und versprochen den Geist zu fragen, und dadurch das Haus von solchem Ungeheuer zu entledigen; wie er sich dann auch zu solchem Ende in das Zimmer, darin ich über Nacht liegen müssen, einsperren lassen; da seien aber eben diejenigen Geister in solcher Gestalt, wie ich sie beschrieben hätte, über ihn hergewischet, hätten ihn aus dem Bette gezogen, auf ein Sessel gesetzt, ihn seines Bedünkens gezwackt, geschoren und bei etlichen Stunden dergestalt tribuliert und geängstigt, daß man ihn am Morgen halb tot dort liegend gefunden; es sei ihm auch Bart und Haar dieselbe Nacht ganz grau worden, wiewohl er den Abend als ein dreißigjähriger Mann mit schwarzen Haarn zu Bette gangen sei; gestund mir auch daneben, daß er mich keiner andern Ursachen halber in solches Zimmer gelegt, als seinen Bruder an mir zu revanchieren und mich glauben zu machen, was er vor etlichen Jahren von diesen Geistern erzählet und ich nicht glauben wollen; bat mich mithin zugleich um Verzeihung und obligierte sich die Tag seines Lebens mein getreuer Freund und Diener zu sein.

Als ich nun wiederum allerdings gesund worden und meinen Weg ferner nehmen wollte, offerierte er mir die Pferd, Kleidung und ein Stück Geld zur Zehrung; weil ich aber alles rund abschlug, wollte er mich auch nicht hinweglassen, mit Bitt, ich wollte ihn doch nicht zum allerundankbarsten Menschen in der Welt machen, sondern aufs wenigst ein Stück Geld mit auf den Weg annehmen, wenn ich je in solchem armseligen Habit meine Wallfahrt zu vollenden bedacht wäre. »Wer weiß«, sagte er, »wo es der Herr bedarf?« Ich mußte lachen, und sagte: »Mein Herr, es gibt mich wunder wie Er mich einen Herrn nennen mag, da Er doch siehet, daß ich mit Fleiß ein armer Bettler zu verbleiben suche.« »Wohl«, antwortet' er, »so verbleibe Er denn Sein Lebtag bei mir und nehme Sein Almosen täglich an meiner Tafel.« »Herr«, sagte ich hingegen, »wenn ich solches tät, so wäre ich ein größerer Herr als Er selbsten; wie würde aber alsdann mein tierlicher Leib bestehen, wenn er so ohne Sorg wie der reiche Mann auf den alten Kaiser hineinlebte? würden ihn so gute Tage nicht gumpen machen? will mein Herr mir aber je eine Verehrung tun, so bitte ich Er lasse mir meinen Rock füttern, weil es jetzt auf den Winter losgehet.« »Nun gottlob«, antwortet' er, »daß sich gleichwohl etwas findet meine Dankbarkeit zu bezeugen«; darauf ließ er mir einen Schlafpelz geben, bis mein Rock gefüttert wurde, welches mit wollenem Tuch geschah, weil ich kein ander Futter annehmen wollte. Als solches geschehen, ließ er mich passieren und gab mir etliche Schreiben mit, selbige unterwegs an seine Verwandten zu bestellen, mehr mich ihnen zu rekommendieren als daß er viel Nötigs zu berichten gehabt hätte.

 << Kapitel 155  Kapitel 157 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.