Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 155
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
Schließen

Navigation:

Das 15. Kapitel

Wie es Simplicio in etlichen Nachtherbergen ergangen

Es glückte mir ziemlich auf dem Weg, weil ich treuherzige Leut fand, die mir von ihrem Überfluß beides Herberg und Nahrung gern mitteilten und das um soviel desto lieber, weil sie sahen, daß ich nirgends weder Geld fordert noch annahm, wenn man mir gleich ein Angster oder zween geben wollte; in der Stadt sah ich einen noch sehr jungen wohlgeputzten Menschen stehen, um welchen etliche Kinder liefen, die ihn Vater nenneten, weswegen ich mich denn verwundern mußte; denn ich wußte noch nicht, daß solche Söhn darum so jung heiraten, damit sie desto ehender Staatspersonen abgeben und desto früher auf die Präfekturen gesetzt werden möchten; dieser sah mich vor etlichen Türen bettlen, und da ich mit einem tiefen Bückling (denn ich konnte keinen Hut vor ihm abziehen, weil ich barhäuptig ging) bei ihm vorüber passieren wollte, ohne daß ich etlicher unverschämten Bettler Brauch nach ihn auf der Gassen angelaufen hätte, griff er in Sack und sagte: »Ha, warum forderst mir kein Almosen; sieh hier, da hast du auch ein Lutzer.« Ich antwortet: »Herr, ich konnte mir leicht einbilden, daß Er kein Brot bei sich trägt, drum hab ich Ihn auch nicht bemühet; so trachte ich auch nicht nach Geld, weil den Bettlern solches zu haben nicht gebührt.« Indessen sammlete sich ein Umstand von allerhand Personen, dessen ich denn schon wohl gewohnt war; er aber antwortet' mir: »Du magst mir wohl ein stolzer Bettler sein, wenn du das Geld verschmähest.« »Nein Herr, Er belieb mir zu glauben«, sagte ich, »daß ich dasselbe darum verachte, damit es mich nicht stolz machen soll.« Er fragte: »Wo willst du aber herbergen, wenn du kein Geld hast?« Ich antwortet: »Wenn mir Gott und gute Leut gönnen, unter diesem Schopf mein Ruhe zu nehmen, die ich jetzt trefflich wohl bedarf, so bin ich schon versorgt und wohl content.« Er sagte: »Wenn ich wüßte, daß du keine Läuse hättest, so wollte ich dich herbergen und in ein gut Bett legen.« Ich hingegen antwortet, ich hätte zwar so wenig Läus als Heller, wüßte aber gleichwohl nicht, ob mir ratsam wär in einem Bett zu schlafen, weil mich solches verleckern und von meiner Gewohnheit hart zu leben abziehen möchte. Mit dem kam noch ein feiner reputierlicher alter Herr daher, zu dem sagte der junge: »Schauet um Gotteswillen einen andern Diogenem Cynicum!« »Ei, ei, Herr Vetter«, sagt' der Alte, »was redet Ihr, hat er denn schon jemand angebollen oder gebissen, gebt ihm dafür ein Almosen und laßt ihn seins Wegs gehen.« Der junge antwortet': »Herr Vetter, er will kein Geld, auch sonst nichts annehmen, was man ihm Guts tun will«; erzählte dem Alten darauf alles was ich geredt und getan hatte. »Ha!« sagt' der Alt, »viel Köpf viel Sinn«; gab darauf seinen Dienern Befehl, mich in ein Wirtshaus zu führen und dem Wirt gutzusprechen für alles, was ich dieselbe Nacht verzehren würde; der junge aber schrie mir nach, ich sollte bei Leib und Leben morgen frühe wieder zu ihm kommen, er wollte mir ein gute kalte Küch mit auf den Weg geben.

Also entrann ich aus meinem Umstand, da man mich mehr gehetzt, als ich beschreibe; kam aber aus dem Fegfeur in die Höll, denn das Wirtshaus stak voller trunkner und toller Leute, die mir mehr Dampfs antaten, als ich noch nie auf meiner Pilgerschaft erfahren; jeder wollte wissen wer ich wäre; der eine sagte ich wäre ein Spion oder Kundschafter, der ander sagte ich sei ein Wiedertäufer, der dritte hielt mich für einen Narren, der vierte schätzte mich für einen heiligen Propheten, die allermeisten aber glaubten ich wäre der ewig Jud, davon ich bereits oben Meldung getan, also daß sie mich beinahe dahin brachten aufzuweisen, daß ich nicht beschnitten wär; endlich erbarmt' sich der Wirt über mich, riß mich von ihnen und sagte: »Laßt mir den Mann ungeheiet, ich weiß nicht ob er oder ihr die größten Narren sind«, und damit ließ er mich schlafen führen.

Den folgenden Tag verfügte ich mich vor des jungen Herrn Haus, das versprochen Frühstück zu empfangen; aber der Herr war nicht daheim, doch kam seine Frau mit ihren Kindern herunter, vielleicht meine Seltsamkeit zu sehen, davon ihr der Mann gesagt haben mochte; ich verstund gleich aus ihrem Diskurs (gleichsam als ob ichs hätte wissen müssen) daß ihr Mann beim Senat wäre und ohngezweifelte Hoffnung hätte, denselben Tag die Stell eines Landvogts oder Landamtmanns zu bekommen, ich sollte, sagte sie, nur noch ein wenig verziehen, er würde bald wieder daheimen sein; wie wir nun so miteinander redeten, tritt er die Gassen dort her und sah meinem Bedünken nach bei weitem so lustig nicht aus als gestern abend; sobald er unter die Tür kam, sagte zu ihm: »Ach Schatz, was seid Ihr worden?« Er aber lief die Stiegen hinauf und im Vorbeigehen sagte er zu ihr: »Ein Hundsfott bin ich worden.« Da gedachte ich, ›hie wirds für diesmal schlechten guten Willen setzen‹, schlich derowegen allgemach von der Tür hinweg, die Kinder aber folgten mir nach sich übergenug zu verwundern, denn es geselleten sich andere zu, welchen sie mit großen Freuden rühmten, was ihr Vater für ein Ehrenamt bekommen: »Ja«, sagten sie zu jeglichem, das zu ihnen kam, »unser Vater ist ein Hundsfott worden«, welcher Einfalt und Torheit ich wohl lachen mußte.

Da ich nun merkte, daß es mir in den Städten bei weitem nicht so wohl ging als auf dem Land, setzte ich mir vor auch in keine Stadt mehr zu kommen, wenn es anders möglich sein könnte solche umzugehen; also behalf ich mich auf dem Land mit Milch, Käs, Zieger, Butter und etwa ein wenig Brot, das mir der Landmann mitteilete, bis ich beinahe die savoysche Grenzen überschritten hatte; einsmals wandelt ich in selbiger Gegend im Kot daher bis über die Knöchel gegen einen adeligen Sitz, als es eben regnete, als wenn mans mit Kübeln heruntergegossen hätte; da ich mich nun demselbigen adeligen Hause näherte, sah mich zu allem Glück der Schloßherr selbsten, dieser verwundert' sich nicht allein über meinen seltsamen Aufzug, sondern auch über meine Geduld; und weil ich in solchem starken Regenwetter nicht einmal unterzustellen begehrte, ohnangesehen ich daselbst Gelegenheit genug dazu hatte, hielt er mich beinahe für einen puren Narren; doch schickte er einen von seinen Dienern zu mir herunter, nicht weiß ich ob es aus Mitleiden oder Vorwitz geschah, der sagte, sein Herr begehre zu wissen wer ich sei, und was es zu bedeuten habe, daß ich so in dem grausamen Regenwetter um sein Haus daherum gehe.

Ich antwortet: »Mein Freund, sagt Eurem Herrn wiederum, ich sei ein Ball des wandelbaren Glücks; ein Exemplar der Veränderung und ein Spiegel der Unbeständigkeit des menschlichen Wesens; daß ich aber so im Ungewitter wandele, bedeute nichts anders, als daß mich, seit es zu regnen angefangen, noch niemand zur Herberg eingenommen.« Als der Diener solches seinem Herrn wieder hinterbrachte, sagte er: »Dies sind keine Wort eines Narren, zudem ists gegen Nacht und so elend Wetter daß man keinen Hund hinausjagen sollte«; ließ mich derowegen ins Schloß und in die Gesindstuben führen, allwo ich meine Füße wusch und meinen Rock wieder trocknete.

Dieser Kavalier hatte einen Kerl, der war sein Schaffner, seiner Kinder Präzeptor und zugleich sein Schreiber, oder wie sie jetzt heißen wollen sein Sekretarius; der examinierte mich, woher, wohin, was Lands und was Stands? ich aber bekannt ihm alles wie mein Sach beschaffen, wo ich nämlich haushäblich, und auch als ein Einsiedler gewohnet und daß ich nunmehr willens wäre, die heiligen Örter hin und wieder zu besuchen, solches alles hinterbrachte er seinem Herrn wiederum, derowegen ließ mich derselbe bei dem Nachtessen an seine Tafel sitzen, da ich nit übel traktiert wurde und auf des Schloßherren Begehren alles wiederholen mußte, was ich zuvor seinem Schreiber von meinem Tun und Wesen erzählt hatte; er fragte auch allen Partikularitäten so genau nach, als wenn er auch dort zu Haus gewesen wäre; und da man mich schlafen führte, ging er selbsten mit dem Diener der mir vorleuchtete, und führte mich in ein solch wohl gerüstes Gemach, daß auch ein Graf darin hätte vorliebnehmen können; über welche allzu große Höflichkeit ich mich verwunderte und mir nichts anders einbilden konnte, als täte solches gegen mich aus lauter Andacht, weil ich meiner Einbildung nach das Ansehen eines gottseligen Pilgers hätte; aber es stak ein ander Que dahinter, denn da er mit dem Licht und seinem Diener unter die Tür kam, ich mich auch bereits gelegt hatte, sagte er: »Nun wohlan Herr Simplici! Er schlafe wohl; ich weiß zwar daß Er kein Gespenst zu fürchten pflegt, aber ich versichere Ihn, daß diejenigen so in diesem Zimmer gehen, sich mit keiner Karbatsch verjagen lassen«; damit schloß er das Zimmer zu und ließ mich in Sorg und Angst liegen.

Ich gedachte hin und her und konnte lang nit ersinnen, woher mich dieser Herr kennen müßte oder gekannt haben mochte, daß er mich so eigentlich mit meinem vorigen Namen nennete; aber nach langem Nachdenken fiel mir ein, daß ich einsmals, nachdem mein Freund Herzbruder gestorben, im Saurbrunnen von den Nachtgeistern mit etlichen Kavalieren und Studenten zu reden kommen; unter welchen zween Schweizer, so Gebrüder gewesen, Wunder erzählt, welchergestalt es in ihres Vaters Hause nicht nur bei Nacht sondern auch oft bei Tag rumore, denen ich aber Widerpart gehalten und mehr als vermessen behauptet, daß derjenige, so sich vor Nachtgeistern fürchte, sonst ein feiger Tropf sei; darauf sich der eine aus ihnen weiß angezogen, sich bei Nacht in mein Zimmer praktiziert und angefangen zu rumpeln, der Meinung mich zu ängstigen und alsdann, wenn ich mich entsetzen und aus Furcht still liegen bleiben würde, mir die Decke zu nehmen, nachgehends aber wenn der Poß solchergestalt abgehe, mich schrecklich zu vexieren und also meine Vermessenheit zu strafen; aber wie dieser anfing zu agieren, also daß ich drüber erwachte, wischte ich aus dem Bette und ertappte ohngefähr eine Karbatsch, kriegte auch gleich den Geist beim Flügel und sagte: »Holla Kerl, wenn die Geister weiß gehen, so pflegen die Mägd wie man sagt zu Weibern zu werden; aber hier wird der Herr Geist irr sein gangen«, schlug damit tapfer zu, bis er sich endlich von mir entriß und die Tür traf. Da ich nun an diese Histori gedachte und meines Gastherren letztere Wort betrachtete, konnte ich mir ohnschwer einbilden, was die Glocke geschlagen; ich sagte zu mir selber: »Haben sie von den fürchterlichen Gespenstern in ihres Vaters Haus die Wahrheit gesagt, so liegst du ohn Zweifel in eben demjenigen Zimmer, darin sie am allerärgsten poltern; haben sie aber nur für die Langeweil aufgeschnitten, so werden sie dich gewißlich wieder karbeitschen lassen, daß du ein Weil dran zu dauen haben wirst.« In solchen Gedanken stund ich auf, der Meinung irgends zum Fenster hinauszuspringen, es war aber überall mit Eisen so wohl vergittert, daß mirs ohnmöglich ins Werk zu setzen, und was das ärgste war, so hatte ich auch kein Gewehr, ja aufs äußerst auch meinen kräftigen Pilgerstab nit bei mir, mit welchem ich mich auf den Notfall trefflich gewehrt haben wollte; legte mich derowegen wieder ins Bette, wiewohl ich nicht schlafen konnte, mit Sorg und Angst erwartend, wie mir diese herbe Nacht gedeihen würde.

Als es nun um Mitternacht wurde, öffnete sich die Tür, wiewohl ich sie inwendig wohl verriegelt hatte; der erste so hineintrat, war ein ansehenliche gravitätische Person, mit einem langen weißen Bart, auf die antiquitätische Manier mit einem langen Talar von weißem Atlas und güldenen Blumen mit Genet gefüttert bekleidet; ihm folgten drei auch ansehenliche Männer; und indem sie eingingen, wurde auch das ganze Zimmer so hell, als wenn sie Fackeln mit sich gebracht hätten, obwohl ich eigentlich kein Licht oder etwas dergleichen sah; ich steckte die Schnauppe unter die Decke und behielt nichts haußen als die Augen, wie ein erschrockenes und furchtsams Mäuslein, das da in seiner Höhle sitzet und aufpasset zu sehen, ob es Bläsi sei oder nicht hervorzukommen; sie hingegen traten vor mein Bette und beschaueten mich wohl und ich sie hingegen auch; als solches ein gar kleine Weil gewähret hatte, traten sie miteinander in ein Eck des Zimmers, huben eine steinene Platten auf, damit der Ort besetzt war, und langten dort alle Zugehör heraus, die ein Barbier zu brauchen pflegt, wenn er jemand den Bart putzet; mit solchen Instrumenten kamen sie wieder zu mir, setzten ein Stuhl in die Mitte des Zimmers und gaben mit Winken und Deuten zu verstehen, daß ich mich aus dem Bette begeben, auf den Stuhl sitzen und mich von ihnen barbieren lassen sollte; weil ich aber still liegen blieb, griff der Vornehmste selbst an das Deckbett, solches aufzuheben und mich mit Gewalt auf den Stuhl zu setzen; da kann jeder wohl denken wie mir die Katz den Rücken hinausgelaufen, ich hielt die Decke fest und sagte: »Ihr Herrn was wollt ihr, was habt ihr mich zu scheren? ich bin ein armer Pilger der sonst nichts als seine eignen Haar hat, seinen Kopf beides vor Regen, Wind und Sonnenschein zu beschirmen; zudem sehe ich euch auch für kein Scherergesindel an, drum laßt mich ungeschoren.« Darauf antwortet' der Vornehmste: »Wir sind freilich Erzscherer, aber du kannst uns helfen, mußt uns auch zu helfen versprechen, wenn du anders ungeschorn bleiben willst.« Ich antwortet: »Wenn euer Hilf in meiner Macht stehet, so versprech ich zu tun alles was mir möglich und zu euer Hilf vonnöten sei; werdet nur derowegen sagen wie ich euch helfen soll.« Hierauf sagte der Alte: »Ich bin des jetzigen Schloßherrn Urahne gewesen und hab mit meinem Vettern von Geschlecht N. um zwei Dörfer N. N., die er rechtmäßig inhatte, einen unrechtmäßigen Hader angefangen und durch Arglist und Spitzfindigkeit die Sach dahin gebracht, daß diese drei zu unsern willkürlichen Richtern erwählet wurden, welche ich sowohl durch Verheißung als Bedrohung dahin brachte, daß sie mir bemeldte beiden Dörfer zuerkannten; darauf fing ich an, dieselbigen Untertanen dergestalt zu scheren, schröpfen und zwacken, daß ich ein merklich Stück Geld zusammenbrachte, solches nun liegt in jenem Eck und ist bisher mein Scherzeug gewesen, damit mir meine Schererei widergolten werde; wenn nun dies Geld wieder unter die Menschen kommt (denn beide Dorfschaften sind gleich nach meinem Tode wieder an ihre rechtmäßigen Herrn gelangt) so ist mir so weit geholfen als du mir helfen kannst, wenn du nämlich diese Beschaffenheit meinem Urenkel erzählest, und damit er dir desto besseren Glauben zustelle, so lasse dich morgen in den sogenannten grünen Saal führen, da wirst du mein Conterfeit finden, vor demselben erzähle ihm, was du von mir gehört hast.« Da er solches verbracht hatte, streckt' er mir die Hand dar und begehrte, ich sollte ihm mit gegebener Handtreu versichern, daß ich solches alles verrichten wollte; weil ich aber vielmal gehört hatte, daß man keinem Geist die Hand geben sollte, streckte ich ihm den Zipfel vom Leilachen dar, das brannt alsobald hinweg so weit ers in die Hand kriegte, die Geister aber trugen ihre Scherinstrumente wieder an vorigs Ort, deckten den Stein wieder drüber, stellten auch den Stuhl hin, wo er zuvor gestanden, und gingen wieder nacheinander zum Zimmer hinaus; indessen schwitzte ich wie ein Braten beim Feur und war doch noch so kühn, in solcher Angst einzuschlafen.

 << Kapitel 154  Kapitel 156 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.