Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 154
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
Schließen

Navigation:

Das 14. Kapitel

Allerhand Aufschneidereien des Pilgers, die einem auch in einem hitzigen Fieber nicht seltsamer vorkommen können

Damal erfuhr ich, daß einer nit wohl in der Welt fortkommt der kein Geld hat, wenn einer dessen zu seines Lebens Aufenthalt gleich gern entbehren wollte; andere Pilger, die Geld hatten und auch nach Einsiedeln wollten, saßen zu Schiff und ließen sich den See hinauf führen, da hingegen mußte ich durch Umweg zu Fuß forttanzen, keiner andern Ursachen halber, als weil ich den Fergen nit zu bezahlen vermochte; ich ließ mich solches aber mitnichten anfechten, sondern machte desto kürzere Tagreisen, und nahm mit allen Herbergen vorlieb wie sie mir anstunden, und hätte ich auch in einem Beinhäusel übernachten sollen; wenn mich aber irgends ein Vorwitziger meiner Seltsamkeit wegen aufnahm, um etwas Wunderlichs von mir zu hören, so traktierte ich denselben, wie ers haben wollte, und erzählte ihm allerhand Storgen, die ich hin und wieder auf meinen weiten Reisen gesehen, gehört und erfahren zu haben vorgab; schämte mich auch gar nicht, die Einfäll, Lügen und Grillen der alten Skribenten und Poeten vorzubringen und für eine Wahrheit darzugeben, als wenn ich selbst überall mit und dabei gewesen wäre; exempelsweis: ich hatte ein Geschlecht der pontischen Völker, so Thybii genannt, gesehen, die in einem Aug zween Augäpfel, in dem andern das Bildnis eines Pferds haben, und bewies solches mit Phylarchi Zeugnis; ich war beim Ursprung des Flusses Ganges bei den Astomis gewesen, die weder essen noch Mäuler haben, sondern nach Plinii Zeugnis allein durch die Nase vom Geruch sich ernähren; item bei den bithynischen Weibern in Scythia, und den Tribalis in Illyria, die zween Augäpfel in jedem Aug haben, maßen solches Apollonides und Hesigonus bezeugen; ich hatte vor etlichen Jahren mit den Einwohnern des Bergs Myli gute Kundschaft gehabt, welche wie Megasthenes sagt Füße haben wie die Füchs und an jedem Fuß acht Zehen; bei den Troglodytis gegen Niedergang wohnhaftig hatte ich mich auch ein Weil aufgehalten, welche wie Ktesias bezeugt weder Kopf noch Hals, sondern Augen, Maul und Nase auf der Brust stehen haben; nicht weniger bei Monoscelis oder Sciopodibus, die nur einen Fuß haben, damit sie den ganzen Leib vor Regen und Sonnenschein beschirmen, und dennoch mit solchem einzigen großen Fuß ein Hirsch überlaufen können; ich hatte gesehen die Anthropophagi in Scythia und die Caffres in India, die Menschenfleisch fressen; die Andabati, so mit zugetanen Augen streiten und in den Haufen schlagen; Agriophagi, die Löwen und Pantertierfleisch fressen; die Arimphei, so unter den Bäumen ohn alle Verwahrung sicher hineinschlafen; die Bactriani, welche so mäßig leben, daß bei ihnen kein Laster verhaßter ist als Fressen und Saufen; die Samojeden, die hinter der Moskau unter dem Schnee wohnen; die Insulaner im Sinu Persarum als zu Ormus, die wegen großer Hitz im Wasser schlafen; die Grönländer, deren Weiber Hosen tragen; die Berberi, welche alle die, so über 50 Jahre leben, schlachten und ihren Göttern opfern; die Indianer hinter der Magellanischen Straße, am Mare Pacifico, deren Weiber kurze Haar, die Männer selbst aber lange Zöpf tragen; die Condei, die sich von Schlangen ernähren; die Unteutschen hinter Livland, die sich zu gewissen Zeiten des Jahrs in Werwölf verwandeln, die Gapii, welche ihre Alten nach erlangtem siebzigstem Jahr mit Hunger hinrichten; die schwarzen Tartarn, deren Kinder ihre Zähn mit auf die Welt bringen; die Getae, so alle Ding, auch die Weiber gemein haben; die Himantopodes, welche auf der Erden kriechen wie die Schlangen; Brasilianer, so die Fremden mit Weinen, und die Mosineci, so ihre Gäst mit Prügeln empfangen; ja ich hatte auch die selenitischen Weiber gesehen, welche (wie Herodotus behauptet) Eier legen und Menschen draus hecken, die zehenmal größer werden als wir in Europa.

Also hatte ich auch viel wunderbarliche Brunnen gesehen, als am Ursprung der Weichsel einen, dessen Wasser zu Stein wird, daraus man Häuser bauet; item den Brunnen bei Zepusio in Ungarn, welches Wasser Eisen verzehrt, oder besser zu reden in eine Materiam verändert, aus der hernach durchs Feur Kupfer gemacht wird, da sich der Regen in Vitriol verändert; mehr daselbst einen giftigen Brunnen, dessen Wasser, wo der Erdboden damit gewässert wird, nichts anders als Wolfskraut hervorbringt, welcher wie der Mond ab- und zunimmt; mehr daselbst einen Brunnen, der Winterszeit warm, im Sommer aber nichts als lauter Eis ist, den Wein damit zu kühlen; ich hatte die zween Brunnen in Irland gesehen, darinnen das eine Wasser, wenn es getrunken wird, alt und grau, das ander aber hübsch jung macht; den Brunnen zu Engstlen im Schweizerland, welcher nie läuft, als wenn das Vieh auf der Weid zur Tränke kommt; item unterschiedliche Brunnen in Island, da ein heiß, der ander kalt Wasser, der dritte Schwefel, der vierte geschmolzen Wachs hervorbringt; mehr die Wassergruben zu St. Stephan gegen Saanenland in der Eidgenoßschaft, welche die Leut für ein Kalender brauchen, weil das Wasser trüb wird, wenn es regnen will, und hingegen sich klar erzeigt, wenn schön Wetter obhanden; nicht weniger den Schantlibach bei Ober-Nähenheim im Elsaß, welcher nit ehe fleußt, es solle denn ein groß Unglück, als Hunger, Sterben oder Krieg übers Land gehen; den giftigen Brunn in Arcadia, der Alexandrum Magnum ums Leben brachte; die Wasser zu Sybaris, welche die grauen Haar wieder schwarz machen; die Aquae Sinessuanae, die den Weibern die Unfruchtbarkeit benehmen; die Wasser in der Insel Aenaria, welche Grieß und Stein vertreiben; die zu Clitumno, darin die Ochsen weiß werden, wenn man sie damit badet; die zu Solennio, welche die Wunden der Liebe heilen; den Brunnen Aleos, dadurch das Feur der Liebe entzündet wird; den Brunnen in Persia daraus lauter Öl, und einen ohnfern von Kronweißenburg, daraus nur Karchsalb und Wagenschmier quillt; die Wasser in der Insel Naxo, darin man sich kann trunken trinken; den Brunnen Arethusam, darin lauter Zuckerwasser; auch wußte ich alle berühmten Paludes, Seen, Sümpf und Lachen zu beschreiben, als den See bei Zirknitz in Kärnten, dessen Wasser Fisch, zwo Ellen lang, hinterläßt, folgends, wenn solche gefangen, von den Bauren besamt, abgemähet und eingeerntet, hernach aber auf den Herbst wieder von sich selbst 18 Ellen tief mit Wasser angefüllt wird, welches den künftigen Frühling abermal ein solche Menge Fisch zum besten gibt; das Tote Meer in Judäa; den See Leomondo in der Landschaft Lemnos, welche 24 Meilen lang und viel Inseln, darunter auch eine schwimmende Insel hat, die mit Vieh und allem was drauf ist vom Wind hin und her getrieben wird; ich wußte zu sagen vom Federsee in Schwaben, vom Bodensee bei Konstanz, vorn Pilatussee auf dem Berg Fractmont, vom Camarin in Sicilia, von dem Lacu Bebeide in Thessalia, vom Gigeo in Lydia, vom Marette in Ägypten, vom Stymphalide in Arcadia, vom Lasconio in Bythinia, vom Icomede in Aethiopia, vom Thesprotio in Ambratia, vom Trasimeno in Umbria, vom Maeotide in Scythia, und vielen andern mehr.

So hatte ich auch alle namhaften Flüß in der Welt gesehen, als Rhein und Donau in Teutschland, die Elb in Sachsen, die Moldau in Böhmen, den Inn in Bayern, die Wolga in Reußen, die Thems in England, den Tagum in Hispania, den Amphrisum in Thessalia, den Nilum in Ägypten, den Jordan in Judäa, den Hypanim in Scythia, den Bagradam in Africa, den Gangem in India, Rio de la Plata in America, den Eurotam in Laconia, den Euphratem in Mesopotamia, die Tiber in Italia, den Cidnum in Cilicia, den Acheloum zwischen Aetolia und Acarnania, den Boristhenem in Thracia und den Sabbaticum in Syria, der nur sechs Tag fleußt und den siebenten verschwindet; item in Sicilia einen Fluß, in welchem nach Aristotelis Zeugnis die erwürgten und erstickten Vögel und Tier wieder lebendig werden; sodann auch den Gallum in Phrygia, welcher nach Ovidii Meinung unsinnig macht, wenn man draus trinkt; ich hatt auch des Plinii Brunnen zu Dodona gesehen und selbst probiert, daß sich die brennenden Kerzen auslöschen, die ausgelöschten aber anzünden, wenn man solche nur daran hält; so war ich auch bei dem Brunnen zu Apollonia gewesen, des Nymphaei Becher genannt, welcher denen so draus trinken, wie Theopompus meldet, alles Unglück zu verstehen gibt, so ihnen noch begegnen wird.

Gleichermaßen wußte ich auch von andern wunderbarlichen Dingen in der Welt aufzuschneiden, als von den Calaminischen Wäldern, die sich von einem Ort zum andern treiben lassen, wo man sie nur hin haben will; so war ich auch in dem Ciminischen Wald gewesen, allwo ich meinen Pilgerstab nit in die Erde stecken durfte, weil alles, was dort in die Erde kommt, stracks einwurzelt, daß mans nit wieder herauskriegen kann, sondern geschwind zu einem großen Baum wird; so hatte ich auch die zween Wälder gesehen, deren Plinius gedenkt, welche bisweilen dreieckicht, bisweilen viereckicht und bisweilen rund sind, nicht weniger den Felsen, den man zuzeiten mit einem Finger, bisweilen aber mit keiner Gewalt bewegen kann.

In Summa Summarum ich wußte von seltsamen und verwunderungswürdigen Sachen nit allein etwas daherzulügen, sondern hatte alles selbst mit meinen eignen Augen gesehen, und sollten es auch berühmte Gebäu als die sieben Wunderwerk der Welt, der babylonisch Turm und dergleichen Sachen gewesen sein, so vor vielen hundert Jahren abgangen; also machte ichs auch, wenn ich von Vögeln, Tieren, Fischen und Erdgewächsen zu reden kam, meinen Beherbergern, die solches begehrten, die Ohren damit zu krauen, wenn ich aber verständige Leut vor mir hatte, so hieb ich bei weitem nit so weit über die Schnur, und also brachte ich mich nach Einsiedeln, verrichtete dort meine Andacht und begab mich gegen Bern zu, nicht allein auch dieselbe Stadt zu beschauen, sondern von da durch Savoya nach Italia zu gehen.

 << Kapitel 153  Kapitel 155 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.