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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 153
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 13. Kapitel

Was Simplicius seinem Gastherren für das Nachtlager für eine Kunst gelehret

Ich hatte den Abend zuvor eine Spezifikation verloren aller meiner gewissen Künste, die ich etwa hiebevor geübet und aufgeschrieben hatte, damit ich solche nicht so leichtlich vergessen sollte, es stund aber drum nit dabei, welchergestalt und durch was Mittel solche zu praktizieren; zum Exempel setze ich den Anfang solches Verzeichnis hieher.

Lunten oder Zündstrick zuzurichten, daß er nicht rieche, als durch welchen Geruch oft die Musketierer verraten, und dero Anschläg zu nichts werden;

Lunten zuzurichten, daß sie brenne, wenn sie gleich naß wird.

Pulver zuzurichten, daß es nicht brenn, wenn man gleich einen glühenden Stahl hineinstecke welches den Festungen nützlich, die des gefährlichen Gasts eine große Quantität herbergen müssen;

Menschen oder Vögel allein mit Pulver zu schießen, daß sie ein Zeitlang für tot liegen bleiben, hernach aber ohne allen Schaden wieder aufstehen.

Einem Menschen eine doppelte Stärk ohne Eberswurzel und dergleichen verbotene Sachen zuwegen zu bringen.

Wenn man in Ausfällen verhindert wird, dem Feind seine Stück zu vernaglen, solche in Eil zuzurichten, daß sie zerspringen müssen.

Einem ein Rohr zu verderben, daß er alles Wildbret damit zu Holz schießt, bis es wiederum mit einer andern gewissen Materi ausgeputzt wird.

Das Schwarze in der Scheiben ehender zu treffen, wenn man das Rohr auf die Achsel legt und der Scheiben den Rücken kehrt, als wenn man gemeinem Gebrauch nach auflegt und anschlägt;

Ein gewisse Kunst, daß dich keine Kugel treffe.

Ein Instrument zuzurichten, vermittelst dessen man, sonderlich bei stiller Nacht, wunderbarlicher Weis alles hören kann, was in unglaublicher Ferne tönet oder geredt wird (so sonst ohnmenschlich und ohnmöglich), den Schildwachten und sonderlich in den Belagerungen sehr nützlich, etc.

Solchergestalt waren in besagter Spezifikation viel Künste beschrieben, welche mein Gastherr gefunden und aufgehoben hatte; derowegen trat er selber zu mir in die Kammer, wies mir das Verzeichnis und fragte, obs wohl möglich sei, daß diese Stück natürlicher Weise verrichtet werden könnten; er zwar könnte es schwerlich glauben, doch müsse er gestehen, daß in seiner Jugend, als er sich knabenweis bei dem Feldmarschallen von Schauenburg in Italia aufgehalten, von etlichen ausgeben worden wären, die Fürsten von Savoya seien alle vor den Kuglen versichert; solches hätte gedachter Feldmarschall an Prinz Thomae versuchen wollen, den er in einer Festung belagert gehalten; denn als sie einsmals beiderseits eine Stund Stillstand beliebt, die Toten zu begraben und Unterredung miteinander zu pflegen, hätte er einem Korporal von seinem Regiment, der für den gewissesten Schützen unter der ganzen Armee gehalten worden, Befehl geben, mit seinem Rohr, damit er auf fünfzig Schritt ein brennende Kerzen ohnausgelöscht putzen können, gedachtem Prinzen, der sich zur Konferenz auf die Brustwehr des Walls begeben, aufzupassen, und sobald die bestimmte Stund des Stillstands verflossen, ihm ein Kugel zuzuschicken; dieser Korporal hätte nun die Zeit fleißig in acht genommen; und mehr ermeldten Prinzen die ganze Zeit des Stillstands fleißig im Gesicht und vor seinem Absehen behalten; auch, als sich der Stillstand mit dem ersten Glockenstreich geendet und jeder von beiden Teilen sich in Sicherheit retiriert, auf ihn losgedrückt; das Rohr hätte ihm aber wider alles Vermuten versagt, und sei der Prinz, bis der Korporal wieder gespannt, hinter die Brustwehr kommen; worauf der Korporal dem Feldmarschall, der sich auch zu ihm in den Laufgraben begeben gehabt, einen Schweizer aus des Prinzen Garde gewiesen, auf welchen er gezielt und denselben dergestalt getroffen, daß er über und über gepurzelt; woraus denn handgreiflich abzunehmen gewesen, daß etwas an der Sach sei, daß nämlich kein Fürst von Savoya von Büchsenschüssen getroffen oder beschädigt werden möge; ob nun solches auch durch dergleichen Künste zuginge oder ob vielleicht dasselbe hohe fürstliche Haus ein absonderliche Gnad von Gott habe, weil es wie man sagt aus dem Geschlecht des königlichen Propheten Davids entsprossen, könnte er nicht wissen.

Ich antwortet: »So weiß ichs auch nicht; aber dies weiß ich gewiß, daß die verzeichneten Künste natürlich und keine Zauberei sind«; und wenn er ja solches nicht glauben wollte, so sollte er mir nur sagen, welche er für die verwunderlichste und ohnmöglichste halte, so wollte ich ihm dieselbige gleich probieren, doch sofern es eine sei, die nicht längere Zeit und andere Gelegenheit erfordere, als ich übrig hätte solche ins Werk zu setzen, weil ich gleich fortwandern und meine vorhabende Reis befördern müßte; darauf sagte er, dies käme ihm am unmöglichsten vor, daß das Büchsenpulver nicht brennen soll, wenn Feur dazu komme, ich würde denn zuvor das Pulver ins Wasser schütten; wenn ich solches natürlicherweis probieren könne, so wolle er von den andern Künsten allen, deren gleichwohl über die sechzig waren, glauben was er nicht sehe, und vor solcher Prob nicht glauben könne; ich antwortet, er sollte mir nur geschwind einen einzigen Schuß Pulver und noch eine Materia, die ich dazu brauchen müßte, samt Feuer herbeibringen, so würde er gleich sehen, daß die Kunst just sei; als solches geschah, ließ ich ihn der Gehörde nach prozedieren, folgends anzünden; aber da vermochte er nit mehr als etwa nach und nach ein paar Körnlein zu verbrennen, wiewohl er ein Viertelstund damit umging, und damit nichts anders ausrichtete, als daß er sowohl glühende Eisen als Lunten und Kohlen im Pulver selbst über solcher Arbeit auslöschte. »Ja«, sagte er zuletzt, »jetzt ist aber das Pulver verderbt«; ich aber antwortet ihm mit dem Werk und macht das Pulver ohne einzigen Kosten ehender man 16 zählen konnte, daß es hinbrannte, da ers mit dem Feur kaum anrührte. »Ach!« sagte er, »hätte Zürch diese Kunst gewußt, so hätten sie verwichen so großen Schaden nit gelitten, als das Wetter in ihren Pulverturm schlug.«

Wie er nun die Gewißheit dieser natürlichen Kunst gesehen, wollte er kurzum auch wissen, durch was Mittel ein Mensch sich vor den Büchsenkuglen versichern könnte; aber solches ihm zu kommunizieren war mir ungelegen; er setzte mir zu mit Liebkosungen und Verheißungen, ich aber sagte, ich bedürfe weder Geld noch Reichtum; er wendet' sich zu Bedrohungen, ich aber antwortet, man müßte die Pilger nach Einsiedeln passieren lassen; er rückte mir vor die Undankbarkeit für empfangne freundliche Bewirtung, hingegen hielt ich ihm vor, er hätte bereits genug von mir dafür gelernet; demnach er aber gar nicht von mir ablassen wollte, gedachte ich ihn zu betrügen; denn wer solche Kunst von mir entweder mit Lieb oder Gewalt erfahren wollen, hätte ein höhere Person sein müssen; und weil ich merkte, daß ers nicht achtete, obs mit Wörtern oder Kreuzen zuging, wenn er nur nicht geschossen würde, beschlug ich ihn auf dem Schlag wie mich Baldanders beschlagen, damit ich gleichwohl nicht zum Lügner würde, und er doch die rechte Kunst nit wüßte; maßen ich ihm folgenden Zettel dafür gab.

»Das Mittel folgender Schrift / behüt daß dich kein Kugel trifft.

Asa, vitom, rahoremarhi, ahe, menalem renah, oremi, nasiore ene, nahores, ore, eldit, ita, ardes, inabe, ine, nie, nei, alomade sas, ani, ita, ahe, elime, arnam, asa, locre, rahel, nei, vivet, aroseli, ditan, Veloselas, Herodan, ebi, menises, asa elitira, eve, harsari erida, sacer, elachimai, nei, elerisa.«

Als ich ihm diesen Zettel zustellte, stellte er demselbigen auch Glauben zu, weil es so kauderwelsche Wort waren, die niemand verstehet, wie er vermeinete; aber gleichwohl wirkte ich mich solchergestalt von ihm los und verdiente die Gnad, daß er mir ein paar Taler auf den Weg zur Zehrung mitgeben wollte, aber ich schlug die Annehmung ab und ließ mich mehr als gern nur mit einem Frühstück abfertigen. Also marschierte ich den Rhein hinunter auf Eglisau zu, unterwegs aber blieb ich sitzen, wo der Rhein seinen Fall hat und mit großem Sausen und Brausen Teils seines Wassers gleichsam in Staub verwandelt.

Damals fing ich an zu bedenken, ob ich der Sach nit zu viel getan, indem ich meinen Gastherrn, der mich gleichwohl so freundlich bewirtet, mit Dargebung der Kunst hinters Licht geführt; vielleicht, gedachte ich, wird er diese Schrift und närrischen Wörter künftig seinen Kindern oder sonst seinen Freunden als ein gewisse Sach kommuniziern, die sich alsdann darauf verlassen, in unnötige Gefahr geben und darüber ins Gras beißen werden, ehe sie zeitig, wer wäre alsdann an ihrem frühen Tod anders schuldig als du? wollte derowegen wiederum zurücklaufen, einen Widerruf zu tun, weil ich aber sorgen mußte, wenn ich ihm wieder in die Kluppen käme, würde er mich härter als zuvor halten oder mir doch wenigst den Betrug eintränken; also begab ich mich ferners nach Eglisau, daselbst erbettelt ich Speis, Trank, Nachtherberg und einen halben Bogen Papier, darauf schrieb ich folgends: »Edler und frommer hochgeehrter Herr, ich bedanke mich nachmalen der guten Herberg und bitte Gott, daß ers dem Herrn wieder tausendfältig vergelten wolle, sonst hab ich Sorg, der Herr möchte sich vielleicht künftig zu weit in Gefahr wagen und Gott versuchen, weil er so eine treffliche Kunst von mir wider das Schießen gelernet; also habe ich den Herren warnen, und ihm die Kunst erläutern wollen, damit sie ihm vielleicht nicht zu unstatten und Schaden gereiche; ich hab geschrieben:

›Das Mittel der folgend Schrift / behüt daß dich kein Kugel trifft.‹

Solches verstehe der Herr recht und nehme aus jedem unteutschen Wort, als welche weder zauberisch noch sonst von Kräften sind, den mittlern Buchstaben heraus, setze sie der Ordnung nach zusammen so wird es heißen: ›Steh an ein Ordt, da niemant hinscheust, so bistu sicher.‹ Dem folge der Herr, denke meiner zum besten und bezeihe mich keines Betrugs, womit ich uns beiderseits Gottes Schutz befehle, der allein beschützet welchen er will. Dat. etc.«

Des andern Tags wollte man mich nicht passieren lassen, weil ich kein Geld hatte, den Zoll zu entrichten, mußte derowegen wohl zwo Stund sitzen bleiben, bis ein ehrlicher Mann kam, der die Gebühr um Gotteswillen für mich darlegte; dasselbe muß mir aber sonst niemand als ein Henker gewesen sein, denn der Zöllner sagte zu ihm: »Wie dünkt Euch Meister Christian, getrauet Ihr wohl, an diesem Kerl einen zeitlichen Feierabend zu machen?« »Ich weiß nit«, antwortet' Meister Christian, »ich hab meine Kunst noch nie an den Pilgern probiert, wie an Euersgleichen Zöllnern.« Davon kriegte der Zöllner ein lange Nas, ich aber trollte fort Zürch zu; allwo ich auch erst mein Schreiben zurück auf Schaffhausen bestellte, weil mir nit geheur bei der Sach war.

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