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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 152
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 12. Kapitel

Obige Materia wird kontinuiert und das Urteil exequiert

»Den nächsten Markttag trug mich mein Herr in ein Zimmer, welches man eine Faßkammer nennet, wurde ich geschauet, für gerechte Kaufmannswar erkannt und abgewogen, folgends einem Vorkäufler verhandelt, verzollt, auf einen Wagen verdingt, nach Straßburg geführt, ins Kaufhaus geliefert, abermals geschauet, für gut erkannt, verzollt und einem Kaufherrn verkauft, welcher mich durch die Karchelzieher nach Haus führen und in ein sauber Zimmer aufheben ließ; bei welchem Actu mein gewesener Herr, der Hänfer, den zehenten, der Hanfschauer den elften, der Wäger den zwölften, der Zöllner den dreizehenten, der Vorkäufler den vierzehenten, der Fuhrmann den fünfzehenten, das Kaufhaus den sechzehenten und die Karchelzieher, die mich dem Kaufmann heimführten, den siebenzehenten Gewinn bekamen, dieselben nahmen auch mit ihrem Lohn den achtzehenten Gewinn hin, da sie mich auf ihren Karchen zu Schiff brachten, auf welchem ich den Rhein hinunter bis nach Zwolle gebracht wurde, und ist mir unmöglich alles zu erzählen, wer alls unterwegs sein Gebühr an Zöllen und anderen und also auch einen Gewinn von meinetwegen empfangen, denn ich war dergestalt eingepackt, daß ichs nicht wissen konnte.

Zu Zwolle genoß ich wiederum ein kurze Ruhe, denn ich wurde daselbsten von der mittlern oder engländischen War ausgesondert, wiederum von neuem anatomiert und gemartert, in der Mitten voneinander gerissen, geklopft und gehechelt, bis ich so rein und zart wurde, daß man wohl reiner Ding als Klosterzwirn aus mir hätt spinnen mögen; danach wurde ich nach Amsterdam gefertigt, alldorten gekauft und verkauft und dem weiblichen Geschlecht übergeben, welche mich auch zu zartem Garn machten und mich unter solcher Arbeit gleichsam all Augenblick küßten und leckten; also daß ich mir einbilden mußte, alles mein Leiden würde dermaleins sein Endschaft erreicht haben; aber kurz hernach wurde ich gewaschen, gewunden, dem Weber unter die Händ geben, gespult, mit einer Schlicht gestrichen, an Weberstuhl gespannet, gewebt und zu einer feinen holländischen Leinwand gemacht, folgends gebleicht und einem Kaufherrn verkauft, welcher mich wiederum ellenweis verhandelte; bis ich aber so weit kam, erlitt ich viel Abgang; das erste und gröbste Werg so von mir abging wurde zu Lunten gesponnen, in Kuhdreck gesotten und hernach verbrannt, aus dem andern Abgang spannen die alten Weiber ein grobes Garn, welches zu Zwilch und Sacktaffet gewebt wurde, der dritte Abgang gab ein ziemlich grobes Garn, welches man Bärtlein-Garn nennet, und doch für hanfen verkauft wurde, aus dem vierten Abgang wurde zwar ein Spinner-Garn und Tuch gemacht, es mochte mir aber nicht gleichen; geschweige jetzt der gewaltigen Seile, die aus meinen Kameraden, den anderen Hanfstengeln, daraus man Schleißhanf machte, zugerichtet wurden. Also daß mein Geschlecht den Menschen trefflich nutz, ich auch beinahe nicht erzählen kann, was ein und anders für Gewinn von denselbigen schöpfet; den letzten Abgang litt ich selbst, als der Weber ein paar Knäul Garn von mir nach den diebischen Mäusen warf.

Von obgemeldtem Kaufherren erhandelte mich eine Edelfrau, welche das ganze Stück Tuch zerschnitt und ihrem Gesind zum neuen Jahr verehrete, da wurde derjenige Partikel, davon ich mehrenteils meinen Ursprung hab, der Kammermagd zuteil, welche ein Hemd daraus machte und trefflich mit mir prangte; da erfuhr ich, daß es nicht alle Jungfern sind, die man so nennet, denn nicht allein der Schreiber sondern auch der Herr selbsten wußten sich bei ihr zu behelfen, weil sie nicht häßlich war; solches hatte aber die Läng keinen Bestand, denn die Frau sah einsmals selbsten, wie ihre Magd ihre Stell vertrat, sie bollert' aber deswegen drum nicht so gar greulich, sondern tat als eine vernünftige Dame, zahlt' ihre Magd aus und gab ihr einen freundlichen Abschied; dem Junkern aber gefiel es nicht beim besten, daß ihm solch Fleisch aus den Zähnen gezogen wurde, sagte derowegen zu seiner Frauen, warum sie diese Magd abschaffe, die doch ein so hurtig, geschicktes und fleißigs Mensch sei; sie aber antwortet': ›Lieber Junker, seid nur ohnbekümmert, ich will hinfort ihre Arbeit schon selber versehen.‹

Hierauf begab sich meine Jungfer mit ihrer Bagage, darunter ich ihr bestes Hemd war, in ihr Heimat nach Cammerich und brachte einen ziemlich schweren Beutel mit sich, weil sie vom Herrn und der Frauen ziemlich viel verdienet und solchen ihren Lohn fleißig zusammengespart hatte, daselbst fand sie keine so fette Küchen als sie eine verlassen müssen, aber wohl etliche Buhler, die sich in sie vernarreten und ihr beides zu waschen und zu nähen brachten, weil sie ein Profession daraus machte und sich damit zu ernähren gedachte; unter solchen war ein junger Schnauzhahn, dem sie das Seil über die Hörner warf und sich für ein Jungfer verkaufte; die Hochzeit wurde gehalten; weil aber nach verflossenem Küßmonat genugsam erschien, daß sich beider jungen Eheleute Vermögen und Einkommen nit so weit erstreckte, sie zu unterhalten, wie sie bisher bei ihren Herrn gewohnet gewesen, zumalen eben damal im Land von Luxemburg Mangel an Soldaten erschien, also wurde meiner jungen Frauen Mann ein Kornett, vielleicht deswegen, weil ihm ein anderer den Raum abgehoben und Hörner aufgesetzt hatte. Damal fing ich an ziemlich dürr und brechhaftig zu werden, derowegen zerschnitt mich meine Frau zu Windeln, weil sie ehestens eines jungen Erben gewärtig war; von demselbigen Bankert wurde ich nachgehends, als sie genesen, täglich verunreinigt und ebensooft wieder ausgewaschen, welches uns denn endlich so blöd machte, daß wir hierzu auch nichts mehr taugten und derowegen von meiner Frauen gar hingeworfen, von der Wirtin im Haus aber (welche gar ein gute Haushälterin war) wieder aufgehoben, ausgewaschen und zu andern dergleichen alten Lumpen auf die obere Bühn gelegt wurden; daselbst mußten wir verharren, bis ein Kerl von Spinal kam, der uns von allen Orten und Enden her versammlet' und mit sich heim in eine Papiermühl führte; daselbst wurden wir etlichen alten Weibern übergeben, die uns gleichsam zu lauter Streichpletzen zerrissen, allwo wir denn mit einem rechten Jammergeschrei unser Elend einander klagten; damit hats aber drum noch kein End, sondern wir wurden in der Papiermühl gleich einem Kinderbrei zerstoßen, daß man uns wohl für kein Hanf- oder Flachsgewächs mehr hätte erkennen mögen, ja endlich eingebeizt in Kalk und Alaun und gar in Wasser zerflößt, also daß man wohl von uns mit Wahrheit hätte sagen können, wir seien ganz vergangen gewesen; aber unversehens wurde ich zu einem feinen Bogen Schreibpapier kreiert, durch andere mehr Arbeiten neben anderen meinen Kameraden mehr erstlich in ein Buch, endlich in ein Ries, und alsdann erst wieder unter die Preß gefördert, zuletzt zu einem Ballen gepackt und die einstehende Meß nach Zurzach gebracht, daselbst einem Kaufmann von Zürch verhandelt, welcher uns nach Haus brachte und dasjenige Ries, darin ich mich befand, einem Faktor oder Haushalter eines großen Herrn wieder verkaufte, der ein groß Buch oder Journal aus mir machte; bis aber solches geschah, ging ich den Leuten wohl sechsunddreißigmal durch die Hände, seit ich ein Lump' gewesen.

Dieses Buch nun, worin ich als ein rechtschaffner Bogen Papier auch die Stell zweier Blätter vertrat, liebte der Faktor so hoch als Alexander Magnus den Homerum; es war sein Virgilius, darin Augustus so fleißig studiert, sein Oppianus, darin Antonius Kaisers Severi Sohn so emsig gelesen; seine Commentarii Plinii Junioris, welche Largius Licinius so wert gehalten; sein Tertullianus, den Cyprianus allzeit in Händen gehabt, seine Paedia Cyri, welche sich Scipio so gemein gemacht; sein Philolaus Pythagoricus, daran Plato so großen Wohlgefallen getragen; sein Speusippus, den Aristoteles so hoch geliebt; sein Cornelius Tacitus, der Kaiser Tacitum so höchlich erfreut, sein Comminaeus, den Carolus Quintus vor allen Skribenten hochgeachtet, und in summa summarum seine Bibel, darinnen er Tag und Nacht studierte; zwar nicht deswegen, daß die Rechnung aufrichtig und just sein, sondern daß er seine Diebsgriff bemänteln, seine Untreu und Bubenstück bedecken und alles dergestalt setzen möchte, daß es mit dem Journale übereinstimme.

Nachdem nun bemeldtes Buch überschrieben war, wurde es hingestellt bis Herr und Frau den Weg aller Welt gingen, und damit genoß ich ein ziemliche Ruh, als aber die Erben geteilt hatten, wurde das Buch von denselben zerrissen und zu allerhand Packpapier gebraucht, bei welcher Occasion ich zwischen einen verbrämten Rock gelegt wurde, damit beides Zeug und Posamenten keinen Schaden litten, und also wurde hiehergeführt und nach der Wiederauspackung an diesen Ort kondemniert, den Lohn meiner dem menschlichen Geschlecht treu geleisten Dienste mit meinem endlichen Untergang und Verderben zu empfangen; wovor du mich aber wohl erretten könntest.«

Ich antwortete: »Weil dein Wachstum und Fortzielung aus Feistigkeit der Erden, welche durch die Excrementa der Animalien erhalten werden muß, ihren Ursprung, Herkommen und Nahrung empfangen, zumalen du auch ohnedas solcher Materi gewohnet und von solchen Sachen zu reden ein grober Gesell bist, so ist billig, daß du wieder zu deinem Ursprung kehrest, wozu dich denn auch dein eigner Herr verdammt hat.« Damit exequierte ich das Urteil; aber das Schermesser sagt': »Gleichwie du jetzunder mit mir prozedierest, also wird auch der Tod mit dir verfahren, wenn er dich nämlich wieder zur Erden machen wird, davon du genommen worden bist; und davor wird dich nichts fristen mögen, wie du mich für diesmal hättest erhalten können.«

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