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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 150
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 10. Kapitel

Der Eremit wird aus einem Wald- ein Wallbruder

Das Leben des heiligen Alexii kam mir im ersten Griff unter die Augen, als ich das Buch aufschlug; da fand ich, mit was für einer Verachtung der Ruhe er das reiche Haus seines Vaters verlassen, die heiligen Örter hin und wieder mit großer Andacht besucht und endlich beides sein Pilgerschaft und Leben unter einer Stiegen in höchster Armut, ohnvergleichlicher Geduld und wunderbarer Beständigkeit seliglich beschlossen hätte. »Ach!« sagte ich zu mir selbst, »Simplici was tust du? du liegst halt hier auf der faulen Bärenhaut und dienest weder Gott noch den Menschen! wer allein ist, wenn derselbe fällt, wer wird ihm wieder aufhelfen? ists nicht besser du dienest deinen Nebenmenschen und sie dir hingegen hinwiederum, als daß du hier ohn alle Leutseligkeit in der Einsame sitzest wie ein Nachteul? bist du nicht ein totes Glied des menschlichen Geschlechts, wenn du hier verharrest? und zwar wie wirst du den Winter ausdauren können, wenn dies Gebirg mit Schnee bedeckt und dir nit mehr wie jetzt von den Nachbarn dein Unterhalt gebracht wird? zwar diese ehren dich jetztund wie ein Orakel, wenn du aber verneujahren hast, werden sie dich nit mehr würdigen über ein Achsel anzuschauen, sondern anstatt dessen das sie dir jetzt hertragen, dich vor ihren Türen mit ›helf dir Gott‹ abspeisen; vielleicht ist dir Baldanders darum persönlich erschienen, damit du dich beizeiten vorsehen und in die Unbeständigkeit dieser Welt schicken sollest«; mit solchen und dergleichen Anfechtungen und Gedanken wurde ich gequälet, als bis ich mich entschloß aus einem Wald- ein Wallbruder oder Pilger zu werden.

Demnach ertappte ich ohnversehens mein Scher und stutzte meinen langen Rock, der mir allerdings auf die Füß ging (und so lang ich ein Einsiedel gewesen, anstatt eines Kleids auch Unter- und Oberbetts gedient hatte), die abgeschnittenen Stück aber setzte ich darauf und darunter, wie es sich schickte, doch also, daß es mir zugleich Säck und Taschen abgab, dasjenig so ich etwa erbettlen möchte darinnen zu verwahren; und weil ich keinen proportionierlichen Jakobsstab mit feinen gedrehten Knöpfen haben konnte, überkam ich einen wilden Apfelstamm, damit ich einem, wenn er gleichwohl seinen Degen in der Faust gehabt, gar wohl schlafen zu leuchten getraut; welchen böhmischen Ohrlöffel mir folgends ein frommer Schlosser auf meiner Wanderschaft mit einer starken Spitz trefflich versehen, damit ich mich vor den Wölfen die mir etwa unterwegs begegnen möchten, erwehren konnte.

Solchergestalt ausstaffiert machte ich mich in das wilde Schapbach und erbettelt von selbigem Pastor einen Schein oder Urkund, daß ich mich ohnweit seiner Pfarr als ein Eremit erzeigt und gelebt hätte, nunmehr aber willens wäre, die heiligen Örter hin und wieder andächtig zu besuchen, ohnangesehen mir derselbe vorhielt, daß er mir nit recht traue. »Ich schätze mein Freund«, sagt' er, »du habest entweder ein schlimm Stück begangen, daß du deine Wohnung so urplötzlich verläßt, oder habest im Sinn einen anderen Empedoclem Agrigentinum abzugeben, welcher sich in den Feuerberg Aetnam stürzte, damit man glauben sollte, er wäre, weil man ihn sonst nirgends finden könnte, gen Himmel gefahren; wie wäre es, wenn es mit dir eine von solchen Meinungen hätte und ich dir mit Erteilung meines besseren Zeugnis darin hülfe?« Ich wußte ihm aber mit meinem guten Maulleder unter dem Schein frommer Einfalt und heiliger aufrichtiger Meinung dergestalt zu begegnen, daß er mir gleichwohl angeregte Urkund mitteilete, und bedünkte mich, ich spürete einen heiligen Neid oder Eifer an ihm und daß er meine Wegkunft gern sehe, weil der gemeine Mann wegen eines so ohngewöhnlichen strengen und exemplarischen Lebens mehr von mir hielt als von etlichen Geistlichen in der Nachbarschaft, ohnangesehen ich ein schlimmer liederlicher Kund war, wenn man mich gegen die rechten wahren Geistlichen und Diener Gottes hätte abschätzen sollen.

Damals war ich zwar noch nicht so gar gottlos wie ich hernach wurde, sondern hätte mich noch wohl für einen solchen vergangen, der eine gute Meinung und Vorsatz; sobald ich aber mit andern alten Landstörzern bekannt wurde und mit denselben vielfältig umging und konversierte, wurde ich je länger je ärger; also daß ich zuletzt gar wohl für einen Vorsteher, Zunftmeister und Präzeptor derjenigen Gesellschaft hätte passieren mögen, die aus der Landfahrerei zu keinem andern End eine Profession machen, als ihre Nahrung damit zu gewinnen; hierzu war mein Habit und Leibsgestalt fast bequem und beförderlich, sonderlich die Leut zur Freigebigkeit zu bewegen; wenn ich dann in einen Flecken kam oder in ein Stadt gelassen wurde, vornehmlich an den Sonn- und Feiertagen, so kriegte ich gleich von Jungen und Alten einen größern Umstand als der beste Marktschreier, der ein paar Narren, Affen und Meerkatzen mit sich führet; alsdann hielten mich teils wegen meines langen Haars und wilden Barts für einen alten Propheten, weil ich, es war gleich Wetter wie es wollte, barhäuptig ging, andere für sonst einen seltsamen Wundermann, die allermeisten aber für den ewigen Juden, der bis an den jüngsten Tag in der Welt herumlaufen soll; ich nahm kein Geld zum Almosen an, weil ich wußte, was mir solche Gewohnheit in meiner Eremitage genützt, und wenn mich jemand dessen etwas zu nehmen dringen wollte, sagte ich: »Die Bettler sollen kein Geld haben.« Damit brachte ich zuwegen, wo ich etwa ein paar Heller verschmähete, daß mir hingegen beides an Speis und Trank mehrers geben wurde, als ich sonst um ein paar Kopfstück hätt kaufen mögen.

Also marschierte ich die Gutach hinauf über den Schwarzwald auf Villingen dem Schweizerland zu, auf welchem Weg mir nichts Notabels oder Ohngewöhnlichs begegnete, als was ich allererst gemeldet; von dannen wußte ich den Weg selbst auf Einsiedeln, daß ich deswegen niemand fragen durfte; und da ich Schaffhausen erlangte, wurde ich nicht allein eingelassen, sondern auch nach vielem Fatzwerk, so das Volk mit mir hatte, von einem ehrlichen wohlhäbigen Bürger freundlich zur Herberg aufgenommen; und zwar so war es Zeit, daß er kam und sich meiner als ein wohlgereister Junker, der ohn Zweifel in der Fremde auf seinen Reisen viel Saurs und Süßes erfahren, erbarmte, weil etliche böse Buben anfingen mich gegen Abend mit Gassenkot zu werfen.

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