Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 147
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
Schließen

Navigation:

Das 7. Kapitel

Avarus findet auf ohngekehrter Bank, und Julus hingegen macht Schulden, dessen Vater aber reiset in ein andere Welt

Avarus stahl soviel Geld zusammen daß ihm angst dabei ward, maßen er nicht wußte wo er damit hin sollte, damit dem Julo sein Untreu verborgen bliebe; er sann derowegen diese List ihm ein Aug zu verkleben: er verwechselt' zum Teil sein Gold in grobe teutsche silberne Sorten, tat solche in ein großes Felleisen und kam damit bei nächtlicher Weil vor seines Herren Bett gelaufen, mit gelehrten Worten daherlügend, oder höchlicher zu reden dahererzählend, was ihm für ein Fund geraten wäre. »Gnädiger Herr«, sagte er, »ich stolperte über diese Beut, als ich von etlichen von dero Liebsten Losament gejagt wurde, und wenn der Ton des gemünzten Metalls nicht einen andern Klang von sich geben hätte als das Eingeweid eines Abgestorbenen nicht tut, so hätte ich geschworen, ich wäre über einen Toten gelaufen.« Damit schüttete er das Geld aus, und sagt' ferner: »Was geben mir Eur Gnaden wohl für ein Rat, daß dies Geld seinem rechtmäßigen Herren wieder zukommt; ich verhoffe derselbe sollte mir wohl ein stattlich Trinkgeld davon zukommen lassen.« »Narr«, antwortet' Julus, »hast du was so behalts; was bringst du aber für eine Resolution von der Jungfer?« »Ich konnte«, antwortet' Avarus, »diesen Abend mit ihr nicht zu sprechen kommen, weil ich wie gehört etlichen mit großer Gefahr entrinnen müssen und mir dieses Geld ohnversehens zugestanden.« Also behalf sich Avarus mit Lügen so gut er konnte, wie es alle jungen angehenden Dieb zu machen pflegen, wenn sie vorgeben sie haben gefunden, was sie gestohlen.

Eben damal bekam Julus von seinem Vater Briefe und in denselbigen einen scharfen Verweis, daß er so ärgerlich lebe und so schrecklich viel Gelds verschwende; denn er hatte von den englischen Kaufherrn, die mit ihm korrespondierten und dem Julo jeweils seine Wechsel entrichteten, alles des Juli und seines Avari Tun erfahren, ohne daß dieser seinen Herrn bestahl, jener aber solches nicht merkte; weswegen er sich denn solchergestalt bekümmerte, daß er darüber in ein schwere Krankheit fiel; er schrieb bemeldten Kaufherrn, daß sie forthin seinem Sohn mehrers nicht geben sollten als die bloße Notdurft, die ein gemeiner Edelmann haben mußte, sich in Paris zu behelfen; mit dem Anhang, wofern sie ihm mehr reichen würden, daß er ihnen solches nicht wieder gutmachen wollte. Den Julum aber bedrohet' er, wofern er sich nicht bessern und ein ander Leben anstellen würde, daß er ihn alsdann gar enterben und nimmermehr für keinen Sohn halten wollte.

Julus wurde zwar darüber trefflich bestürzt, faßte aber drum keinen Vorsatz gesparsamer zu leben; und wenn er gleich seinem Vater zu genügen vor den gewöhnlichen großen Ausgaben hätte sein wollen, so wäre es ihm für diesmal doch ohnmöglich gewesen, weil er schon allbereit viel zu tief in den Schulden stak; er hätte denn seinen Kredit erstlich bei seinen Kreditoren und consequenter auch bei jedermann verlieren wollen, welches ihm aber die Hoffart mächtig widerrief, weil es wider sein Reputation war, die er mit vielem Spendieren erworben; derowegen redet' er seine Landsleute an und sagte: »Ihr Herren wißt, daß mein Herr Vater an vielen Schiffen, die beides nach Ost- und Westindien gehen, nicht allein Part, sondern auch in unserer Heimat auf seinen Gütern jährlich bei 4 oder 5000 Schaf zu scheren hat, also daß es ihm auch kein Kavalier im Land gleich, noch weniger vorzutun vermag; geschweige jetzt Barschaft und der liegenden Güter, so er besitzt! auch wißt ihr, daß ich alles seines Vermögens heut oder morgen eineinziger Erbe bin, und daß gedachter mein Herr Vater allerdings auf der Gruben gehet; wer wollte mir denn nun zumuten, daß ich hier als ein Bärnhäuter leben sollte? wäre solches, wenn ichs tät, nicht unserer ganzen Nation ein Schand? Ihr Herren, ich bitt, laßt mich in solche Schand nicht geraten, sondern helfet mir aus, wie bisher, mit einem Stück Geld, welches ich euch wieder dankbarlich ersetzen und bis zur Bezahlung mit Kaufmannsinteresse verpensionieren, auch einem jeden insonderheit mit einer solcher Verehrung begegnen will, daß er mit mir zufrieden sein wird.«

Hierüber zogen etliche die Achseln ein und entschuldigten sich, sie hätten derzeit nit übrige Mittel; in Wahrheit aber waren sie ehrlich gesinnet und wollten des Juli Vatern nit erzürnen; die anderen aber gedachten was sie für einen Vogel zu rupfen bekämen, wenn sie den Julum in die Klauen kriegten. »Wer weiß«, sagten sie zu sich selbsten, »wie lang der Alte lebt, zudem will ein Sparer ein' Verzehrer haben; will ihn der Vater gleich enterben, so kann er ihm doch das Mütterlich nicht nehmen.« In Summa, diese schossen dem Julo noch tausend Dukaten dar, wofür er ihnen verpfändet', was sie selbst begehrten, und ihnen jährlich acht pro cento versprach, welches denn alles in bester Form verschrieben wurde; damit reichte Julus nit weit hinaus, denn bis er seine Schulden bezahlte und Avarus sein Part hinwegzwackte, verblieb wenig mehr übrig; maßen er in Bälde wieder entlehnen und neue Unterpfand geben mußte; welches seinem Vater von andern Engländern, die nit interessiert waren, zeitlich avisiert wurde, darüber sich der Alte dergestalt erzürnte, daß er denen, so seinem Sohn über sein Ordre Geld geben hätten, eine Protestation insinuieren und sie seines vorigen Schreibens erinnern, benebens andeuten ließ, daß er ihnen kein Heller wiederum dafür gutmachen, sondern sie noch dazu, wenn sie wieder nach England anlangen würden, als Verderber der Jugend und die seinem Sohn zu solcher Verschwendung verholfen gewesen, vorm Parlament verklagen wollte; dem Julo selbst aber schrieb er mit eigner Hand, daß er sich hinfüro nit seinen Sohn mehr nennen, noch vor sein Angesicht kommen sollte.

Als solche Zeitungen einliefen, fing des Juli Sach abermal an zu hinken; er hatte zwar noch ein wenig Geld, aber viel zu wenig, weder seine verschwenderische Pracht hinauszuführen noch sich auf eine Reis zu montieren, irgends einem Herrn mit ein paar Pferden im Krieg zu dienen, wozu ihn beides Hoffart und Verschwendung anhetzte; und weil ihm auch hierzu niemand nichts vorsetzen wollt, flehet' er seinen getreuen Avarum an, ihm von dem, was er gefunden, die Notdurft vorzustrecken; Avarus antwortet': »Eur Gnaden wissen wohl, daß ich ein armer Schüler bin gewesen, und sonst nichts vermag, als was mir neulich Gott beschert.« (Ach heuchlerischer Schalk, gedachte ich, hätt dir das nun Gott beschert, was du deinem Herrn abgestohlen hast? solltest du ihm in seinen Nöten nit mit dem Seinigen zuhilf kommen? und das um soviel desto ehender, dieweil du, so lang er etwas hatte, mitgemacht und das Seinige hast verfressen, versaufen, verhuren, verbuben, verspielen und verbankettieren helfen? O Vogel, gedachte ich, du bist zwar aus England kommen wie ein Schaf, aber seit dich der Geiz besessen, in Frankreich zu einem Fuchs, ja gar zu einem Wolf worden.) »Sollte ich nun«, sagte er weiter, »solche Gaben Gottes nicht in acht nehmen und zu meines künftigen Lebens Aufenthalt anlegen, so müßte ich sorgen, ich möchte mich dadurch alles meines künftigen Glücks unwürdig machen, das ich noch etwa zu hoffen; wen Gott grüßt, der soll ihm danken, es dürfte mir vielleicht mein Leben lang kein solcher Fund wieder geraten; soll ich nun dieses an ein Ort hingeben, dahin auch reiche Engländer nichts mehr lehnen wollen, weil sie die besten Unterpfand bereits hinweghaben, wer wollte mir solches raten? Zudem haben mir Euer Gnaden selbst gesagt, wenn ich etwas habe, so sollte ichs behalten; und über dies alles liegt mein Geld auf der Wechselbank, welches ich nit kriegen kann wann ich will, ich wollte mich denn eines großen Interesses verzeihen.«

Diese Worte waren dem Julo zwar schwer zu verdauen, als deren er sich weder von seinem getreuen Diener versehen, noch von andern zu hören gewohnt war; aber der Schuh, den ihm Hoffart und Verschwendung angelegt, drückte ihn so hart, daß er sie leichtlich verschmerzte, für billig hielt und durch Bitten soviel vom Avaro brachte, daß er ihm alles sein erschundenes und abgestohlenes Geld verlieh, mit dem Geding, daß sein, des Avari, Lidlohn samt demjenigen, so er noch in vier Wochen an Interesse davon haben können, zur Hauptsumma geschlagen, mit acht pro cento jährlich verzinset, und damit er um Hauptsumma und Pension versichert sein möchte, ihm ein frei adelig Gut, so Julo von seiner Mutter Schwester vermacht worden, verpfändet werden sollte; welches auch alsobalden in Gegenwart der andern Engländer als erbetenen Zeugen in der allerbesten Form geschah, und belief sich die Summa allerdings auf sechshundert Pfund Sterling, welches nach unserer Münz ein namhafts Stück Geld macht.

Kaum war obiger Kontrakt gemacht, die Verschreibung verfertigt und das Geld dargezählet, da kam Julo die Verkündigung eines erfreulichen Leids, daß nämlich sein Herr Vater die Schuld der Natur bezahlt hätte; weswegen er denn gleichsam eine fürstliche Trauer anlegte und sich gefaßt machte, ehestens nach England zu verreisen, mehr die Erbschaft anzutreten, als seine Mutter zu trösten; da sah ich mein Wunder, wie Julus wieder einen Haufen Freund bekam, weder er vor etlich Tagen gehabt; auch wurde ich gewahr, wie er heuchlen konnte, denn wenn er bei den Leuten war, so stellte er sich um seinen Vater gar leidig; aber bei dem Avaro allein sagte er: »Wäre der Alte noch länger lebendig blieben, so hätte ich endlich heim bettlen müssen; sonderlich wenn du Avare mir mit deinem Geld nit wärest zuhilf kommen.«

 << Kapitel 146  Kapitel 148 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.