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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 145
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 5. Kapitel

Der Einsiedel wird aus seiner Wildnis zwischen Engeland und Frankreich auf das Meer in ein Schiff versetzt

Indem der Geiz so daherplauderte, sich selbst zu loben und der Verschwendung vorzuziehen, kam ein höllischer Geist dahergeflattert, der vor Alter gleichsam hinfällig, ausgemergelt, lahm und bucklet zu sein schien, er schnaufte wie ein Bär oder wenn er ein Hasen erlaufen hätte; weswegen denn alle Anwesenden die Ohren spitzten, zu vernehmen was er Neus brächte oder für ein Wildbret gefangen hätte, denn er hatte hierzu vor andern Geistern den Ruhm einer sonderbaren Dexterität; da sie es aber beim Licht besahen, war es nihil und ein nisi dahinter, das ihn an seiner Verrichtung verhindert, denn da ihm stattgeben ward Relation zu tun, verstund man gleich, daß er Julo, einem Edelmann aus England, und seinem Diener Avaro (die miteinander aus ihrem Vaterland nach Frankreich reisten) vergeblich aufgewartet, entweder beide oder einen allein zu berücken; dem ersten hätte er wegen seiner edlen Art und tugendlichen Auferziehung, dem andern aber wegen seiner einfältig Frommkeit nicht beikommen mögen, bat derowegen den Luzifer, daß er ihm mehr Sukkurs zuordnen wollte.

Eben damals hatte es das Ansehen, als wenn Mammon seinen Diskurs beschließen, und die Verschwendung den ihrigen hätte anfangen wollen; aber Luzifer sagte: »Es bedarf nicht vieler Wort, das Werk lobt den Meister, einem jeden von euch beiden Gegenteilen sei auferlegt, einen von diesen Engländern vor die Hand zu nehmen, ihn anzuwenden, zu versuchen, zu hetzen, und durch seine Kunst und Geschicklichkeit anzufechten, so lang und so viel, bis daß ein oder ander Teil den seinigen angefesselt, in seine Strick gebracht und unserem höllischen Reich einverleibt habe; und welches Teil den seinigen alsdann am gewissesten und festesten herschafft oder heimbringt, der soll den Preis gewonnen und die Präminenz vor dem andern haben.« Diesen Bescheid lobten alle höllischen Geister, und die beiden streitigen Parteien verglichen sich selbst gütlich, aus Rat der Hoffart, daß Mammon den Avarum und die Verschwendung den Julum vor die Hand nehmen sollten, mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß kein Teil dem andern bei dem seinigen den geringsten Eintrag nicht tun, noch sich unterstehen sollte, solchen auf seine anderwärtige Art zu neigen, es sei denn Sach, daß des höllisch Reichs Interesse dasselbig ausdrücklich erfordere. Da sollte man wunder gesehen haben, wie die anderen Laster diesen beiden Glück wünschten und ihnen ihrer Gesellschaft Hilf und Dienst anboten; mithin schied die ganze höllische Versammlung voneinander, worauf sich ein starker Wind erhub, der mich mitsamt der Verschwendung und dem Geiz samt ihren Anhängern und Beiständern in einem Nun zwischen Engeland und Frankreich führet' und in dasjenige Schiff niederließ, worin beide Engländer überfuhren und gleich aussteigen wollten.

Die Hoffart machte sich den geraden Weg zum Julo und sagte: »Tapferer Kavalier, ich bin die Reputation, und weil Ihr jetzt ein fremd Land betretet, wird mir nicht übel anstehen, wenn Ihr mich zur Hofmeisterin behaltet; hier könnt Ihr die Einwohner durch eine sonderbare Pereleganz sehen lassen, daß Ihr kein schlechter Edelmann, sondern aus dem Stamm der alten König entsprossen seid! und wenngleich solches nicht wäre, so würde Euch jedoch gebühren, Eurer Nation zu Ehren den Franzosen zu weisen, was Engeland für wackere Leut trage.«

Darauf ließ Julus durch Avarum, seinen Diener, dem Schiffpatronen die Fracht in lauter wiewohl groben, jedoch anmutig und holdselig Goldsorten entrichten, weswegen denn der Schiffherr dem Julo einen demütig Bückling machte und ihn gar vielmal einen gnädigen Herren nennete; solches machte sich die Hoffart zunutz, und sagte zum Avaro: »Schaue wie einer geehrt wird, der dieser Gesellen viel herbergt!« Der Geiz aber sagte zu ihm: »Hättest du solcher Gäste soviel besessen als dein Herr nur jetzt ausgibt, du solltest sie wohl anders angelegt haben; denn weit besser ists, der Vorrat und Überfluß werde zu Haus auf ein gewisses Interesse angelegt, damit man künftig etwas davon zu genießen habe, als daß man denselbigen auf einer Reis, die ohnedas voller Mühe, Sorg und Gefahr steckt, so unnützlich durchjagt.«

Sobald betraten beide Jüngling das feste Land nicht, als Hoffart die Verschwendung vertraulich avisierte, daß sie nicht allein ein Zutritt, sondern allem Vermuten nach einen unbeweglichen Sitz auf ihr erstes Anklopfen in des Juli Herzen bekommen; mit angehängter Erinnerung, sie möchte noch mehrerer anderwärtlichen Assistenz sich bewerben, damit sie desto sicherer und gewisser ihr Vorhaben ins Werk stellen könnte; sie wolle ihr zwar nit weit von der Hand gehen, aber gleichwohl mußte sie ihrem Gegenteil, dem Geiz, ebenso große Hilf leisten, als sie, die Verschwendung, von ihr zu hoffen.

Mein großgünstiger hochgeehrter Leser, wenn ich eine Histori zu erzählen hätte, so wollte ichs kürzer begreifen und hier nicht soviel Umständ machen; ich muß selbst gestehen, daß mein eigner Vorwitz von jedem Geschichtschreiber stracks erfordert, mit seinen Schriften niemand lang aufzuhalten; aber dieses, was ich vortrage, ist ein Vision oder Traum, und also weit ein anders; ich darf nicht so geschwind zum Ende eilen, sondern muß etliche geringe Partikularitäten und Umstände mit einbringen, damit ich etwas vollkommner erzählen möge, was ich den Leuten dies Orts zu kommuniziern vorhabe; welches denn nichts anders ist, als ein Exempel zu weisen, wie aus einem geringen Fünklein allgemach ein groß Feur werde, wenn man die Vorsichtigkeit nicht beobachtet; denn gleichwie selten jemand in dieser Welt auf einmal den höchsten Gradum der Heiligkeit erlangt, also wird auch keiner jähling und sozusagen in einem Augenblick aus einem Frommen zu einem Schelmen, sondern jeder Teil steigt allgemach, sacht und sacht fein staffelweis hinan; welche Staffeln des Verderbens denn in diesem meinem Gesichte billig nicht außer acht zu lassen, damit sich ein jeder zeitlich davor zu hüten wisse; zu welchem End ich denn vornehmlich solche beschreibe; maßen es diesen beiden Jünglingen gangen wie einem jungen Stück Wild, welches, wenn es den Jäger siehet, anfänglich nicht weiß ob es fliehen oder stehen soll, oder doch ehender gefällt wird, als es den Schützen erkennet; zwar gingen sie etwas geschwinder als gewöhnlich ins Netz, aber solches war die Ursach, daß bei jedem der Zunder bequem war, die Funken des einen und andern Lasters alsogleich zu fangen; denn wie das junge Vieh, wenn es wohl ausgewintert ist und im Frühling aus dem verdrießlichen Stall auf die lustige Weid gelassen wird, anfängt zu gumpen, und sollte es auch zu seinem Verderben in einen Spalt oder Zaunstecken springen, also machts auch die unbesonnene Jugend, wenn sie sich nicht mehr unter der Ruten väterlicher Zucht, sondern aus der Eltern Augen in der lang erwünschten Freiheit befindet, als der gemeiniglich Erfahrenheit und Vorsichtigkeit manglet.

Das obgemeldte sagte die Hoffart nicht nur für die Langeweil zu der Verschwendung, sondern wendet' sich gleich zu dem Avaro selbsten, bei dem sie den Neid und Mißgunst fand, welche Kameraden der Geiz geschickt hatte, ihm den Weg zu bereiten; derowegen richtet' sie ihren Diskurs danach ein, und sagte zu ihm: »Höre du Avare, bist du nicht so wohl ein Mensch als dein Herr? bist du nicht so wohl ein Engeländer als Julus? was ist denn das, daß man ihn einen gnädigen Herrn und dich seinen Knecht nennet? hat euch beide denn nicht Engeland und zwar den einen wie den andern geborn und auf die Welt gebracht? wo kommt es her, daß er hier im Land, da er so wenig Eignes hat als du, für einen gnädigen Herren gehalten, du aber als ein Sklav traktiert würdest? seid nicht ihr beide einer wie der ander über Meer herkommen? hätte er nicht so wohl als du und ihr beide als Menschen zugleich ersaufen müssen, wenn euer Schiff unterwegs gescheitert? oder wäre er, weil er ein Edelmann ist, etwa wie ein Delphin unter den Wellen der Ungestüme in ein sichern Port entronnen? oder hätte er sich vielleicht als ein Adler über die Wolken (darinnen sich der Anfang und die grausame Ursach eures Schiffbruchs enthalten) schwingen und also dem Untergang entgehen können? nein Avare! Julus ist so wohl ein Mensch als du, und du bist so wohl ein Mensch, als er! warum wird er dir aber so weit vorgezogen?« mit dem fiel Mammon der Hoffart in die Red und sagt': »Was ist das für ein Handel, einen zum Fliegen anzuspornen ehe ihm die Federn gewachsen? gleichsam als wenn man nicht wüßte, daß solches das Geld sei, was Julus ist! sein Geld, sein Geld ists, was er ist, und sonst ist er nichts! nichts, sag ich, ist er, als was sein Geld aus ihm macht; der gute Gesell harre nur ein wenig und lasse mich gewähren, ob ich dem Avaro durch Fleiß und Gehorsamkeit nicht ebensoviel Geld, als Julus verschwendet, zuwegen bringen und ihn dadurch zu einem solchen Stutzer, wie Julus einer ist, gleichmachen möchte.«

So hatten des Avari erste Anfechtungen eine Gestalt, denen er nicht allein fleißig Gehör gab, sondern sich auch entschloß, denselben nachzuhängen; so unterließ Julus auch nicht demjenigen mit allem Fleiß nachzuleben, was ihm die Hoffart eingab.

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