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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 144
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 4. Kapitel

Wettstreit zwischen der Verschwendung und dem Geiz; und ist ein wenig ein länger Kapitel als das vorige

Denn er drang sich vor den Luzifer selbsten und sagte: »Großmächtiger Fürst! beinahe auf dem ganzen Erdboden ist mir niemand mehr zuwider als eben gegenwärtige Bräckin, die sich bei den Menschen für die Freigebigkeit ausgibt, um unter solchem Namen mit Hilf der Hoffart, der Wollust und des Fraßes mich allerdings in Verachtung zu bringen und zu unterdrücken; diese ist, die sich überall wie das Böse in einer Wannen hervorwirft, mich in meinen Werken und Geschäften zu verhindern und wieder niederzureißen, was ich zu Aufnehmung und Nutzen deines Reichs mit großer Mühe und Arbeit auferbaue! Ists nit dem ganzen höllischen Reich bekannt, daß mich die Menschenkinder selbst eine Wurzel alles Übels nennen; was für Freud oder was für Ehr hab ich mich aber von einem solchen herrlichen Titel zu getrösten, wenn mir diese junge Rotznase vorgezogen werden will? soll ich erleben, daß ich! ich sage ich! ich! der wohlverdientsten Ratspersonen und vornehmsten Diener einer! oder größter Beförderer deines Staats und höllischen Interesses, dieser jungen, erst bei meinem Gedenken von Wollust und Hoffart erzeugten Dirn jetzt in meinem Alter weichen und ihr den Vorzug lassen müßte? nimmermehr nit! Großmächtiger Fürst, würde es deiner Hochheit anstehen, noch deiner Intention nachgelebt sein, die du hast, das menschlich Geschlecht sowohl hie als dort zu quälen, wenn du dieser Alamode-Närrin gewonnen gäbest, daß sie in ihrer Verfahrung wider mich recht handele; ich hab zwar mißgeredet, indem ich gesagt, recht handele; denn mir ist recht und unrecht eins wie das ander; ich wollte so viel damit sagen, es gereiche zu Schmälerung deines Reichs, wenn mein Fleiß, den ich von unvordenklichen Jahren her bis auf diese Stund so unverdrossen vorgespannet, mit solcher Verachtung belohnet, mein Ansehen, Ästimation und Valor bei den Menschen dadurch verringert, und endlich ich selbsten auf solche Weis aus ihrer aller Herzen gar ausgelöscht und vertrieben werden sollte; befiehl derohalben dieser jungen unverständigen Landläuferin, daß sie mir als einem Ältern weichen, forthin meinem Beginnen nachgeben und mich in deinen Reichsgeschäften unverhindert fürfahren lassen solle, in aller Maß und Form als vor diesem beschehen, da man in der ganzen Welt von ihr nichts wußte.«

Demnach der Geiz diese Meinung mit noch weit mehrern Umständen vorgebracht hatte, antwortet' die Verschwendung: es verwundere sie nichts mehrers, als daß ihr Großvater so unverschämt in sein eigen Geschlecht hinein gleichwie ein anderer Herodes Ascalonita in das seinige wüten dürfe. »Er nennet mich«, sagt' sie, »eine Bräckin; solcher Titel gebühret mir zwar weil ich sein Enklin bin, meiner eignen Qualitäten halber aber wird mir derselbe nimmermehr zugeschrieben werden können; er rücket mir auf, daß ich mich bisweilen für die Freigebigkeit ausgebe und unter solchem Schein meine Geschäfte verrichte; ach einfältiges Anbringen eines alten Gecken! welches mehr zu verlachen als meine Handlungen zu bestrafen; weiß der alte Narr nicht, daß keiner unter allen höllischen Geistern ist, der sich zuzeiten nit nach Gestaltsame der Sach und erheischender Notdurft nach in ein' Engel des Lichts verstelle? Zwar mein ehrbarer Herr Ahne nehme sich bei der Nasen; überredet er nit die Menschen, wenn er anklopft Herberg bei ihnen zu suchen, er sei die Gesparsamkeit? sollte ich ihn drum deswegen tadeln oder gar verklagen? Nein mit nichten; ich bin ihm deswegen nit einmal gehässig! sintemalen wir uns alle mit dergleichen Vörteln und Betrügereien behelfen müssen bis wir bei den Menschen ein Zutritt bekommen und uns unvermerkt eingeschlichen haben; und möchte ich mir wohl einen rechtschaffenen frommen Menschen (die wir aber allein zu hintergehen haben, denn die Gottlosen werden uns ohnedas nit entlaufen) hören was er sagte, wenn einer von uns angestochen käme, und sagte: ›Ich bin der Geiz, ich will dich zur Höllen bringen! ich bin die Verschwendung, ich will dich verderben; ich bin der Neid, folg mir, so kommst du in die ewige Verdammnis; ich bin die Hoffart, lasse mich bei dir einkehren, so mache ich dich dem Teufel gleich, der von Gottes Angesicht verstoßen worden; ich bin dieser oder der, wenn du mir nachahmest, so wird es dich viel zu spät reuen, weil du alsdann der ewigen Pein nimmermehr wirst entrinnen können!‹ Meinest du nit«, sagte sie zum Luzifer, »großmächtiger Fürst, ein solcher Mensch werde sagen: ›Troll dich geschwind in aller hunderten tausenden Namen in Abgrund der Höllen zu deinem Großvater hinunter, der dich gesandt hat und lasse mich zufrieden!‹ Wer ist unter euch allen«, sprach sie darauf zum ganzen Umstand, »dem nit solchergestalt abgedankt worden, wenn er mit der Wahrheit, die ohnedas überall verhaßt ist, aufzuziehen sich unterstanden? Sollte ich denn allein der Narr sein, mich mit der Wahrheit schleppen? und unser aller Großvater nicht nachfolgen dürfen, dessen größte Arcana die Lügen sind?

Ebenso kahl kommts, wenn der alte Pfetzpfennig zu meiner Verkleinerung vorgeben will, die Hoffart und die Wollust seien meine Beiständ; und zwar wenn sie es sind, so tun sie erst, was ihre Schuldigkeit und die Vermehrung des höllischen Reichs von ihnen erfordert; das gibt mich aber wunder, daß er mir mißgönnen will, was er selbst nit entbehren kann! Weiset es nit das höllische Protokoll aus, daß diese beiden manchem armen Tropfen ins Herz gestiegen und dem Geiz den Weg bereitet, ehe er, der Geiz, einmal gedachte oder sich erkühnen durfte, einen solchen Menschen zu attackiern? Man schlage nur nach, so wird man finden, daß denen so der Geiz verführt, entweder zuvor die Hoffart eingeblasen, sie müssen zuvor etwas haben, ehe sie sich sehen lassen zu prangen, oder daß ihnen die Reizung der Wollust geraten, sie müssen zuvor etwas zusammenschachern, ehe sie in Freuden und Wollust leben könnten; warum will mir denn nun dieser mein schöner Großvater diejenigen nit helfen lassen, die ihm doch selbst so manchen guten Dienst getan; was aber den Fraß und die Füllerei anbelangt, kann ich nichts dafür, daß der Geiz seine Untersassen so hart hält, daß sie sich ihrer wie die meinigen nit ebensowohl auch annehmen dürfen; ich zwar halte sie dazu, weil es meiner Profession ist, und er läßt die Seinigen sie auch nit ausschlagen, wenn es nur nit über ihren Säckel gehet; und ich sage dennoch nicht, daß er etwas Ungereimts daran begehe, sintemal es in unserem höllischen Reich ein altes Herkommen, daß je ein Mitglied dem andern die Hand bieten und wir allesamt gleichsam wie ein' Kette aneinanderhangen sollen; betreffend meines Ahnherrn Titel, daß er nämlich je und allweg, wie denn auch noch, die Wurzel alles Übels genennet worden, und daß ich besorglich ihn durch mein Aufnehmen verkleinern oder ihm gar vorgezogen werden möchte: daneben ist mein Antwort, daß ich ihm seine gebührende und wohlhergebrachte Ehr, die ihm die Menschenkinder selbst geben, weder mißgönne noch ihm solche abzurauben trachte; allein wird mir auch niemand unter allen höllischen Geistern verdenken, wenn ich mich befleiße, durch meine eigenen Qualitäten meinen Großvater zu übertreffen oder ihm doch wenigst gleichgeschätzt zu werden; welches ihm denn mehr zur Ehr als Schand gereichen wird, weil ich aus ihm meinen Ursprung zu haben bekenne; zwar hat er meines Herkommens halber etwas Irrigs auf die Bahn gebracht, weil er sich meiner schämet: indem ich nicht wie er vorgibt der Wollust, sondern eigentlich seines Sohns des Überflusses Tochter bin; welcher mich aus der Hoffart, des allergrößten Fürsten ältester Tochter, und ebendamals die Wollust aus der Torheit erzeuget; dieweil ich denn nun Geschlechts und Herkommens halber ebenso edel bin als Mammon immer sein mag, zumalen durch meine Beschaffenheit (ob ich zwar nit so gar klug zu sein scheine) ebensoviel ja noch wohl mehr als dieser alte Kracher zu nützen getraue: also gedenke ich ihm nicht zu weichen, sondern noch gar den Vorzug zu behaupten; versehe mich auch gänzlich, der Großfürst und das ganze höllische Heer werde mir Beifall geben und ihm auferlegen, daß er die wider mich ausgegossenen Schmähwort widerrufen, mich hinfort in meinem Tun unmolestiert und als einen hohen Stand und vornehmstes Mitglied des höllischen Reichs passieren lassen soll.«

»Welchen wollte es nicht schmerzen«, antwortet' der Geiz auf dem Wolf, »wenn einer so widerwärtige Kinder erzeugt, die so gar aus seiner Art schlagen; und ich soll mich noch dazu verkriechen und stillschweigen, wenn dieser Schleppsack mir nit allein alles, was er nur erdenken kann, zuwider tut, sondern was mehr ist, noch drüberhin durch solche Widerspenstigkeit mein ansehenlich Alter zu vernützen und über mich selbst zu steigen gedenkt.« »O Alter«, antwortet' die Verschwendung, »es hat wohl eher ein Vater Kinder erzeugt, die besser gewesen als er!« »Aber noch öfter«, antwortet' Mammon, »haben die Eltern über ihre ungeratenen Kinder zu klagen gehabt!«

»Wozu dienet dies Gezänk«, sagte Luzifer, »jedes Teil erweise, was es vor dem andern unserm Reich für Nutzen schaffe, so wollen wir daraus judizieren, welchem unter euch der Vorzug gebühre, als um welchen es vornehmlich zu tun; und in solchem unserm Urteil wollen wir weder Alter noch Jugend, noch Geschlecht noch ichtwas anders ansehen; denn wer dem großen Numen am allermeisten zuwider und den Menschen am schädlichsten zu sein befunden wird, soll unserem alten Gebrauch und Herkommen nach auch der vornehmst Hahn im Korb sein.«

»Sintemal, großer Fürst, mir zugelassen ist«, antwortet' Mammon, »meine Qualitäten und auf wie vielerlei Weis ich mich dadurch bei dem höllischen Staat verdient mache, an Tag zu legen; so zweifelt mir nicht, wenn ich anders recht gehöret, und alles umständlich und glücklich genug vorbringen würde, daß mir nit allein das ganze höllische Reich den Vorzug vor der Verschwendung zusprechen, sondern noch dazu die Ehr und den Sitz des alten abgangnen Plutonis, unter welchem Namen ich ehemalen für das höchste Oberhaupt allhier respektiert worden, wiederum gönnen und einräumen werde, als welcher Stand mir billig gebührt. Zwar will ich nit rühmen, daß mich die Menschen selbst die Wurzel alles Übels, das ist einen Ursprung, Kloak und Grundsuppe nennen alles desjenigen, was ihnen an Leib und Seel schädlich und hingegen unserem höllischen Reich nutz sein mag, denn solches sind nun allbereit so bekannte Sachen, daß sie auch bereits die Kinder wissen! will auch nit herausstreichen, wie mich deswegen die, so dem großen Numen beigetan sind, täglich loben und wie das saure Bier ausschreien, mich bei allen Menschen verhaßt zu machen; wiewohl mirs zu nicht geringer Ehr gereicht, wenn hieraus erscheinet, daß ich ohnangesehen aller solchen numinalischen Verfolgungen dennoch bei den Menschen meinen Zugang erpraktiziere, mir ein festen Sitz stelle und auch endlich wider alle solchen Sturmwinde behaupte; wäre mir dieses allein nit Ehr genug, daß ich diejenigen gleichwohl beherrsche, denen das Numen selbst treuherziger Warnungsweis sagte, sie könnten ihm und mir nit zugleich dienen, und daß sein Wort unter mir wie der gute Samen unter den Dornen erstickt; hiervon aber will ich durchaus stillschweigen, weil es wie gemeldt schon so alte Possen sind, die bereits gar zu bekannt! Aber dessen, dessen, sage ich, will ich mich rühmen, daß keiner unter allen Geistern und Mitgliedern des höllischen Reichs die Intention unsers Großfürsten besser ins Werk setze als eben ich; denn derselbe will und wünscht nichts anders, als daß die Menschen sowohl in ihrer Zeitlichkeit kein geruhiges, vergnügsames und friedliches, als auch in der Ewigkeit kein seliges Leben haben und genießen sollen.

Sehet doch alle euren blauen Wunder! wie sich diejenigen anfangen zu quälen, bei denen ich nur einen geringen Zutritt bekomme; wie unablässig sich diejenigen ängstigen, die mir ihr Herz zum Quartier beginnen einzuräumen; und betrachtet nur ein wenig die Wege dessen, den ich ganz besitze und eingenommen; danach sagt mir, ob auch ein elendere Kreatur auf Erden lebe, oder ob jemalen ein einziger höllischer Geist einen größern oder standhaftigern Märtyrer vermocht und zugerichtet habe als eben derselbig einer ist, den ich zu unserem Reich ziehe. Ich benehme ihm kontinuierlich den Schlaf, welchen doch sein eigne Natur selbst so ernstlich von ihm erfordert, und wenn er gleich solche Schuldigkeit nach Notdurft abzulegen gezwungen wird, so tribuliere und vexiere ich ihn jedoch hingegen dergestalt mit allerhand sorgsamen und beschwerlichen Träumen, daß er nit allein nit ruhen kann, sondern auch schlafend viel mehr als mancher wachend sündigt; mit Speis und Trank, auch allen andern angenehmen Leibsverpflegungen traktiere ich die Wohlhäbigen viel schmäler, als andere Dürftigste zu genießen pflegen; und wenn ich der Hoffart zu Gefallen nit bisweilen ein Aug zutäte, so müßten sie sich auch elender bekleiden als die allerarmseligsten Bettler; ich gönne ihnen keine Freud, keine Ruhe, keinen Fried, keine Lust und in Summa nichts das gut genannt und ihren Leibern geschweige den Seelen zum besten gedeihen mag; ja auch aufs äußerst diejenigen Wollüste nit, die andere Weltkinder suchen und sich dadurch zu uns stürzen; die fleischlichen Wollüste selbst, denen doch alles von Natur nachhängt, was sich nur auf Erden regt, versalze ich ihnen mit Bitterkeit; indem ich die blühenden Jüngling mit alten abgelebten, unfruchtbaren, garstigen Vetteln, die allerholdseligsten Jungfrauen aber mit eisgrauen, eifersüchtigen Hahnreiern verkuppele und beunselige; ihr größte Ergötzung muß sein, sich mit Sorg und Bekümmernis zu grämen, und ihr höchstes Contentament, wenn sie ihr Leben mit schwerer saurer Mühe und Arbeit verschleißen, sich um ein wenig roter Erden, die sie doch nicht mitnehmen können, die Höll härtiglich zu erarnen.

Ich gestatte ihnen kein rechtschaffenes Gebet, noch weniger daß sie aus guter Meinung Almosen geben, und ob sie zwar oft fasten oder besser zu reden Hunger leiden, so geschiehet jedoch solches nit Andacht halber, sondern mir zu Gefallen etwas zu ersparen; ich jage sie in Gefährlichkeit Leibs und Lebens, nit allein mit Schiffen über Meer, sondern auch gar unter die Wellen in desselbigen Abgrund hinunter, ja sie müssen mir das innerste Eingeweid der Erden durchwühlen, und wenn etwas in der Luft zu fischen wär, so müßten sie mir auch fischen lernen; ich will nit sagen von den Kriegen die ich anstifte, noch von dem Übel das daraus entstehet, denn solches ist aller Welt bekannt! will auch nicht erzählen, wieviel Wucherer, Beutelschneider, Dieb, Räuber und Mörder ich mache; weil ich mich dessen zum höchsten rühme, daß sich alles was mir beigetan ist, mit bittrer Sorg, Angst, Not, Mühe, und Arbeit schleppen muß; und gleichwie ich sie an Leib so greulich martere, daß sie keines andern Henkers bedürfen, also peinige ich sie auch in ihrem Gemüt, daß kein anderer höllischer Geist weiters vonnöten, sie den Vorgeschmack der Höllen empfinden zu lassen, geschweige in unserer Andacht zu behalten; ich ängstige den Reichen! ich unterdrücke den Armen! ich verblende die Justitiam, ich verjage die christliche Liebe, ohne welche niemand selig wird, die Barmherzigkeit findt bei mir keine Statt!«

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