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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 141
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Continuatio

des abenteuerlichen Simplicissimi

oder

Der Schluß desselben

          O wunderbares Tun! O unbeständige Stehen,
Wann einer wähnt er steh, so muß er fürder gehen,
    O schlüpferigster Stand! dem für vermeinte Ruh
    Schnell und zugleich der Fall sich nähert zu,
Gleich wie der Tod selbst tut; was solch hinflüchtig Wesen
Mir habe zugefügt, wird hierinnen gelesen;
    Woraus zu sehen ist daß Unbeständigkeit
    Allein beständig sei, immer in Freud und Leid.

Das 1. Kapitel

Ist ein kleine Vorrede und kurze Erzählung, wie dem neuen Einsiedler sein Stand zuschlug

Wenn sich jemand einbildet, ich erzähle nur darum meinen Lebenslauf, damit ich einem und anderem die Zeit kürzen, oder wie die Schalksnarrn und Possenreißer zu tun pflegen, die Leut zum Lachen bewegen möchte, so findet sich derselbe weit betrogen! denn viel Lachen ist mir selbst ein Ekel, und wer die edle ohnwiederbringliche Zeit vergeblich hinstreichen läßt, der verschwendet diejenige göttliche Gab ohnnützlich, die uns verliehen wird, unserer Seelen Heil in und vermittelst derselbigen zu wirken; warum sollte ich denn zu solcher eitelen Torheit verholfen, und ohne Ursach vergebens anderer Leut kurzweiliger Rat sein? Gleichsam als ob ich nicht wüßte, daß ich mich hierdurch fremder Sünden teilhaftig machte. Mein lieber Leser, ich bedünke mich gleichwohl zu solcher Profession um etwas zu gut zu sein, wer derowegen einen Narren haben will, der kaufe sich zween, so hat er einen zum besten; daß ich aber zuzeiten etwas possierlich aufziehe, geschiehet der Zärtling halber, die keine heilsamen Pillulen können verschlucken, sie seien denn zuvor überzuckert und vergüldt; geschweige daß auch etwa die allergravitätischsten Männer, wenn sie lauter ernstliche Schriften lesen sollen, das Buch ehender hinwegzulegen pflegen, als ein anders, das bei ihnen bisweilen ein kleines Lächlen herauspresset. Ich möchte vielleicht auch beschuldigt werden, als ging' ich zuviel satyrice drein; dessen bin ich aber gar nicht zu verdenken, weil männiglich lieber geduldet, daß die allgemeinen Laster gerneraliter durchgehechelt und gestraft, als die eignen Untugenden freundlich korrigiert werden. So ist der theologische Stilus beim Herrn Omne (dem ich aber diese meine Histori erzähle) zu jetzigen Zeiten leider auch nicht so gar angenehm, daß ich mich dessen gebrauchen sollte; solches kann an einem Marktschreier oder Quacksalber (welche sich selbst vornehme Arzt, Okulisten, Bruch- und Steinschneider nennen, auch ihre guten pergamentenen Brief und Siegel drüber haben) augenscheinlich abnehmen, wenn er am offnen Markt mit seinem Hans Wurst oder Hans Supp auftritt, und auf den ersten Schrei und phantastischen krummen Sprung seines Narren mehr Zulaufs und Anhörer bekommt, als der eiferigste Seelenhirt, der mit allen Glocken dreimal zusammenläuten lassen, seinen anvertrauten Schäflein ein fruchtbare heilsame Predigt zu tun.

Dem sei nun wie ihm wolle, ich protestiere hiemit vor aller Welt, kein Schuld zu haben, wenn sich jemand deswegen ärgert, daß ich den Simplicissimum auf diejenige Mode ausstaffiert, welche die Leut selbst erfordern, wenn man ihnen etwas Nützlichs beibringen will; läßt sich aber indessen ein und anderer der Hülsen genügen und achtet des Kernen nicht, der darinnen verborgen steckt, so wird er zwar als von einer kurzweiligen Histori seine Zufriedenheit, aber gleichwohl dasjenig bei weitem nicht erlangen, was ich ihn zu berichten eigentlich bedacht gewesen; fange demnach wiederum an, wo ichs im End des fünften Buchs bewenden lassen.

Daselbst hat der geliebte Leser verstanden, daß ich wiederum ein Einsiedler worden, auch warum solches geschehen; gebühret mir derowegen nunmehr zu erzählen, wie ich mich in solchem Stand verhalten. Die ersten paar Monat, alldieweil auch die erste Hitz noch dauret, gings trefflich wohl ab, die Begierde der fleischlichen Wollüste oder besser zu sagen Unlüste, denen ich sonst trefflich ergeben gewesen, dämpfte ich gleich anfangs mit ziemlicher geringer Mühe, denn weil ich dem Baccho und der Cereri nicht mehr dienete, wollte Venus auch nicht mehr bei mir einkehren; aber damit war ich drum bei weitem nit vollkommen, sondern hatte stündlich tausendfältige Anfechtungen; wenn ich etwa an meine alten begangnen losen Stücklein gedachte, und eine Reu dadurch zu erwecken, so kamen mir zugleich die Wollüste mit ins Gedächtnis, deren ich etwa da und dort genossen, welches mir nit allemal gesund war, noch zu meinem geistlichen Fortgang auferbaulich; wie ich mich seithero erinnert und der Sach nachgedacht, ist der Müßiggang mein größter Feind und die Freiheit (weil ich keinem Geistlichen unterworfen, der meiner gepflegt und wahrgenommenen hätte) die Ursach gewesen, daß ich nicht in meinem angefangenen Leben beständig verharret. Ich wohnete auf einem hohen Gebirg, die Moos genannt, so ein Stück vom Schwarzwald und überall mit einem finstern Tannenwald überwachsen ist; von demselben hatte ich ein schönes Aussehen gegen Aufgang in das Oppenauer Tal und dessen Nebenzinken; gegen Mittag in das Kinziger Tal und die Grafschaft Geroldseck, allwo dasselbe hohe Schloß zwischen seinen benachbarten Bergen das Ansehen hat wie der König in einem aufgesetzten Kegelspiel; gegen Niedergang konnte ich das Ober- und Unterelsaß übersehen, und gegen Mitternacht der Niedern Markgrafschaft Baden zu den Rheinstrom hinunter, in welcher Gegend die Stadt Straßburg mit ihrem hohen Münsterturm gleichsam wie das Herz mitten mit einem Leib beschlossen hervorpranget; mit solchem Aussehen und Betrachtungen so schöner Landsgegend delektierte ich mich mehr als ich eiferig betete; wozu mich mein Perspektiv, dem ich noch nicht resigniert, trefflich anfrischte; wenn ich mich aber desselbigen wegen der dunklen Nacht nicht mehr gebrauchen konnte, so nahm ich mein Instrument, welches ich zu Stärkung des Gehörs erfunden, zuhanden und horchte dadurch, wie etwa auf etlich Stund Wegs weit von mir die Baurenhund bellen, oder sich ein Gewild in meiner Nachbarschaft regte; mit solcher Torheit ging ich um, und ließ mit der Zeit zugleich Arbeiten und Beten bleiben, wodurch sich hiebevor die alten ägyptischen Einsiedel beides leib- und geistlicherweis erhalten. Anfänglich als ich noch neu war, ging ich von Haus zu Haus in den nächsten Tälern herum und suchte zu Aufenthaltung meines Lebens das Almosen, nahm auch nit mehr, als was ich blößlich bedurfte, und sonderlich verachtet ich das Geld, welches die umliegenden Nachbarn für ein groß Wunder: ja für ein sonderbare apostolische Heiligkeit an mir schätzten; sobald aber meine Wohnung bekannt wurde, kam kein Waldgenoß mehr in Wald, der mir nit etwas von Essenspeisen mit sich gebracht hätte; diese rühmten meine Heiligkeit und ungewöhnliches einsiedlerisches Leben auch anderwärts, also daß auch die etwas weiters wohnenden Leut entweder aus Vorwitz oder Andacht getrieben mit großer Mühe zu mir kamen und mich mit ihren Verehrungen besuchten; da hatte ich an Brot, Butter, Salz, Käs, Speck, Eiern und dergleichen nit allein keinen Mangel, sondern auch einen Überfluß; wurde aber darum nit desto gottseliger, sondern je länger je kälter, saumseliger und schlimmer, also daß man mich beinahe einen Heuchler oder heiligen Schalk hätt nennen mögen; doch unterließ ich nicht, die Tugenden und Laster zu betrachten und zu gedenken, was mir zu tun sein möchte, wenn ich in Himmel wollte; es geschah aber alles unordentlich, ohne rechtschaffenen Rat und einen festen Vorsatz, hierzu einen Ernst anzulegen, welchen mein Stand und dessen Verbesserung von mir erforderte.

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