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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 138
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 22. Kapitel

Durch was für einen nahen und lustigen Weg er wiederum heim zu seinem Knan kommen

Solang meine Wunde zu heilen hatte, wurde ich allerdings fürstlich traktiert, ich ging allezeit in einem Schlafpelz von goldenem Stück mit Zobeln gefüttert, wiewohl der Schad weder tödlich noch gefährlich war, und ich hab die Tag meines Lebens niemals keiner solchen fetten Küchen genossen als eben damals; solches waren aber alle meine Beuten, die ich von meiner Arbeit hatte, ohne das Lob, so mir der Zar verlieh, welches mir aber aus Neid etlicher Knesen verbittert wurde.

Als ich aber gänzlich heil war, wurde ich mit einem Schiff die Wolga hinunter nach Astrachan geschickt, daselbsten wie in der Moskau ein Pulvermacherei anzuordnen, weil dem Zarn unmöglich war, dieselbe Grenzfestungen allezeit von Moskau aus mit frischem und gerechtem Pulver, das man einen so weiten Weg auf dem Wasser durch viel Gefährlichkeit hinführen mußte, zu versehen; ich ließ mich gern gebrauchen, weil ich Promessen hatte, der Zar würde mich nach Verrichtung solchen Geschäfts wiederum nach Holland fertigen, und mir seiner Hochheit und meinen Verdiensten gemäß ein namhaftes Stück Geld mitgeben. Aber ach! wenn wir in unseren Hoffnungen und gemachten Konzepten am allersichersten und gewissesten zu stehen vermeinen, so kommt unversehens ein Wind der allen Bettel auf einmal übern Haufen wehet, woran wir so lange Zeit gebauet: Der Gubernator in Astrachan traktierte mich wie seinen Zarn, und ich stellt alles in Kürze auf einen guten Fuß; seine verlegene Munition, die allerdings faul und versport war und keinen Effekt mehr tun konnte, goß ich gleichsam wieder von neuem um, wie ein Spengler aus dem alten neue zinnerne Löffel macht, so bei den Reußen damals ein unerhörtes Ding war, weswegen und anderer Wissenschaften mehr mich denn teils für einen Zauberer, andere für einen neuen Heiligen oder Propheten: und aber andere für einen andern Empedoclem oder Gorgiam Leontinum hielten; als ich aber im besten Tun war und mich außerhalb der Festung über Nacht in einer Pulvermühl befand, wurde ich von einer Schar Tatarn diebischerweis gestohlen und ausgehoben, welche mich samt andern mehr so weit in ihr Land hineinführten, daß ich auch das Schafgewächs Borametz nicht allein wachsen sehen konnte, sondern auch davon essen durfte; diese vertauschten mich mit den niuchischen Tartarn um etliche chinesische Kaufmannswaren, welche mich hernach dem König in Korea, mit welchem sie eben Stillstand der Waffen gemacht hatten, für ein sonderbares Präsent verehrten; daselbst wurde ich wert gehalten, weil keiner meinesgleichen in Dusecken sich finden ließ und ich den König lehrete, wie er mit dem Rohr auf der Achsel liegend und den Rücken gegen die Scheiben kehrend dennoch das Schwarze treffen könnte, weswegen er mir denn auch auf mein untertänige Anhalten die Freiheit wieder schenkte, und mich durch Japonia nach Macao zu den Portugiesen gefertigt, die aber meiner wenig achteten; ging derowegen bei ihnen herum wie ein Schaf, das sich von seiner Herde verirret, bis ich endlich wunderbarlicherweis von etlichen türkischen oder mahometanischen Meerräubern gefangen, und (nachdem sie mich wohl ein ganzes Jahr auf dem Meer bei seltsamen fremden Völkern, so die ostindianischen Insulen bewohnen, herumgeschleppt) von denselben etlichen Kaufleuten von Alexandria in Ägypten verhandelt wurde, dieselben nahmen mich mit ihren Kaufmannswaren mit sich nach Konstantinopel, und weil der türkische Kaiser eben damaln etliche Galeeren wider die Venediger ausrüstete und Mangel an Ruderern erschien, mußten viel türkische Kaufleut ihre christlichen Sklaven, jedoch um bare Bezahlung, hergeben, worunter ich mich denn als ein junger starker Kerl auch befand, also mußte ich lernen rudern; aber solche schwere Dienstbarkeit währet' nicht über zween Monat, denn unsere Galeera wurde in Levante von den Venetianern ritterlich übermannet, und ich samt allen meinen Gespanen aus der Türken Gewalt erledigt; als nun besagte Galeera zu Venedig mit reicher Beut und etlichen vornehmen türkischen Gefangnen aufgebracht wurde, war ich auf freien Fuß gestellt, weil ich nach Rom und Loreto pilgersweis wollte, selbige Örter zu beschauen und Gott um meine Erledigung zu danken; zu solchem Ende bekam ich gar leichtlich einen Paß und von ehrlichen Leuten, sonderlich etlichen Teutschen, eine ziemliche Steur, also daß ich mich mit einem langen Pilgerkleid versehen und meine Reis antreten konnte.

Demnach begab ich mich den nächsten Weg auf Rom, allwo mirs trefflich zuschlug, weil ich beides von Großen und Kleinen viel erbettelte; und nachdem ich mich ungefähr sechs Wochen daselbst aufgehalten, nahm ich meinen Weg mit andern Pilgern, darunter auch Teutsche und sonderlich etliche Schweizer waren, die wieder nach Haus wollten, auf Loreto; von dannen kam ich über den Gotthard durchs Schweizerland wieder auf den Schwarzwald zu meinem Knan, welcher meinen Hof bewahrt, und brachte nichts Besonders mit heim als einen Bart, der mir in der Fremde gewachsen war.

Ich war drei Jahr und etlich Monat ausgewesen, in welcher Zeit ich etliche unterschiedliche Meer überfahren und vielerlei Völker gesehen, aber bei denselben gemeiniglich mehr Böses als Gutes empfangen, von welchem allem ein großes Buch zu schreiben wäre; indessen war der Teutsche Fried geschlossen worden, also daß ich bei meinem Knan in sicherer Ruhe leben konnte; denselben ließ ich sorgen und hausen, ich aber setzte mich wieder hinter die Bücher, welches denn beides meine Arbeit und Ergötzung war.

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