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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 136
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 20. Kapitel

Hält in sich einen kurzweiligen Spazierweg, vom Schwarzwald bis nach Moskau in Reußen

Denselbigen Herbst näherten sich französische, schwedische und hessische Völker, sich bei uns zu erfrischen und zugleich die Reichsstadt in unserer Nachbarschaft, die von einem engländischen König erbaut und nach seinem Namen genannt worden, blockiert zu halten, deswegen denn jedermann sich selbst samt seinem Vieh und besten Sachen in die hohen Wälder flehnte; ich machte es wie meine Nachbarn und ließ das Haus ziemlich leer stehn, in welches ein reformierter schwedischer Obrist logiert wurde. Derselbige fand in meinem Kabinett noch etliche Bücher, denn ich in der Eil nicht alles wegbringen konnte, und unter andern einige mathematischen und geometrischen Abriß, auch etwas vom Fortifikationwesen, womit vornehmlich die Ingenieur umgehen, schloß derhalben gleich, daß sein Quartier keinem gemeinen Bauren zuständig sein müßte; fing derowegen an, sich um meine Beschaffenheit zu erkundigen und meiner Person selbsten nachzutrachten, maßen er selbsten durch courtoise Zuentbietungen und untermischte Drohwort mich dahin brachte, daß ich mich zu ihm auf meinen Hof begab, daselbst traktierte er mich gar höflich und hielt seine Leut dahin, daß sie mir nichts unnützlich verderben oder umbringen sollten. Mit solcher Freundlichkeit brachte er zuwegen, daß ich ihm all meine Beschaffenheit, vornehmlich aber mein Geschlecht und Herkommen vertraute. Darauf verwundert' er sich, daß ich mitten im Krieg so unter den Baurn wohnen und zusehen mochte, daß ein anderer sein Pferd an meinen Zaun binde, da ich doch mit bessern Ehren das meinig an eines andern binden könnte; ich sollte (sagte er) den Degen wieder anhängen und meine Gaben, die mir Gott verliehen hätte, nicht so hinterm Ofen und beim Pflug verschimmlen lassen, er wüßte, wenn ich schwedische Dienst annehmen würde, daß mich meine Qualitäten und Kriegswissenschaften bald hoch anbringen würden: Ich ließ mich hierzu gar kaltsinnig an und sagte, daß die Beförderung in weitem Feld stünde, wenn einer keine Freund hätte, die einem unter die Arm griffen; hingegen replizierte er, meine Beschaffenheiten würden mir schon beides Freunde und Beförderung schaffen, überdas zweifle er nicht, daß ich nit Verwandte bei der schwedischen Hauptarmee antreffen würde, die auch etwas gelten, da bei derselben viel vornehme Schottische von Adel sich befänden; ihm zwar (sagte er ferner) sei vom Torstenson ein Regiment versprochen, wenn solches gehalten würde, woran er denn gar nit zweifele, so wollte er mich alsbald zu seinem Obristleutnant machen. Mit solchen und dergleichen Worten machte er mir das Maul ganz wässerig, und weilen noch schlechte Hoffnung auf den Frieden zu machen war und ich deswegen sowohl fernerer Einquartierung als gänzlichem Ruin unterworfen, also resolviert ich mich wiederum mitzumachen, und versprach dem Obristen, mich mit ihm zu begeben, wofern er mir seine Parol halten und die Obristleutnantstelle bei seinem künftigen Regiment geben wollte.

Also wurde die Glock gegossen; ich ließ meinen Knan oder Petter holen, derselbe war noch mit meinem Vieh zu Bairischbrunn, dem und seinem Weib verschrieb ich meinen Hof für Eigentum, doch daß ihn nach seinem Tod mein Bastard Simplicius, der mir vor die Tür gelegt worden, samt aller Zugehörde erben sollte, weil keine ehelichen Erben vorhanden; folgends holte ich mein Pferd und was ich noch für Geld und Kleinodien hatte, und nachdem ich alle meine Sachen richtig und wegen Auferziehung erstermeldten meines wilden Sohns Anstalt gemacht, wurde angeregte Blockada unversehens aufgehoben, also daß wir aufbrechen und zu der Hauptarmee marschieren mußten, ehe wirs uns versahen; ich agierte bei diesem Obristen einen Hofmeister und erhielt mit seinen Knechten und Pferden ihn und seine ganze Haushaltung mit Stehlen und Rauben, welches man auf soldatisch fouragieren nennet.

Die Torstensonischen Promessen, mit denen er sich auf meinem Hof so breit gemacht, waren bei weitem nit so groß als er vorgeben, sondern wie mich bedünkte wurde er vielmehr nur über die Achsel angesehen: »Ach!« sagte er dann gegen mich, »was für ein schlimmer Hund hat mich bei der Generalität eingehauen, da wird meines Verbleibens nicht lang sein.« Und demnach er argwöhnete, daß ich mich bei ihm in die Läng nicht gedulden würde, dichtet' er Brief', als wenn er in Livland, allwo er denn zu Haus war, ein frisch Regiment zu werben hätte, und überredete mich damit, daß ich gleich ihm zu Wismar aufsaß, und mit ihm nach Livland fuhr. Da war es nun auch ›nobis‹, denn er hatte nicht allein kein Regiment zu werben, sondern war auch sonsten ein blutarmer Edelmann, und was er hatte, war von seinem Weib da.

Ob nun ich zwar mich zweimal betrügen und so weit hinwegführen lassen, so ging ich doch auch das drittemal an, denn er wies mir Schreiben vor, die er aus der Moskau bekommen, in welchen ihm (seinem Vorgeben nach) hohe Kriegschargen angetragen wurden, maßen er mir dieselbigen Schreiben so verteutschte und von richtiger und guter Bezahlung trefflich aufschnitt: Und weilen er gleich mit Weib und Kind aufbrach, dachte ich, ›er wird ja um der Gäns willen nicht hinziehen‹; begab mich derowegen voll guter Hoffnung mit ihm auf den Weg, weil ich ohnedas kein Mittel und Gelegenheit sah, für diesmal wieder zurück nach Teutschland zu kehren; sobald wir aber über die reußische Grenze kamen, und uns unterschiedliche abgedankte teutsche Soldaten, vornehmlich Offizier begegneten, fing mir an zu graueln und sagte zu meinem Obristen: »Was Teufels machen wir? wo Krieg ist, da ziehen wir hinweg, und wo es Fried, und die Soldaten unwert und abgedankt worden, da kommen wir hin!« Er aber gab mir noch immer gute Wort, und sagte: Ich sollte ihn nur sorgen lassen, er wisse besser was zu tun sei als diese Kerl, an denen nicht viel gelegen.

Nachdem wir nun sicher in der Stadt Moskau ankommen, sah ich gleich daß es gefehlt hatte; mein Obrister konferierte zwar täglich mit den Magnaten, aber viel mehr mit den Metropoliten als den Knesen, welches mir gar nicht spanisch, aber viel zu pfäffisch vorkam; so mir auch allerhand Grillen und Nachdenkens erweckte, wiewohl ich nicht ersinnen konnte, nach was für einem Zweck er zielte; endlich notifiziert' er mir, daß es nichts mehr mit dem Krieg wäre und daß ihn sein Gewissen treibe, die griechische Religion anzunehmen; sein treuherziger Rat wäre, weil er mir ohnedas nunmehr nicht helfen könnte wie er versprochen, ich sollte ihm nachfolgen; des Zarn Majestät hätte bereits gute Nachricht von meiner Person und guten Qualitäten, die würden gnädigst belieben, wofern ich mich akkommodieren wollte, mich als einen Kavalier mit einem stattlichen adeligen Gut und vielen Untertanen zu begnadigen; welches allergnädigste Anerbieten nicht auszuschlagen wäre, indem einem jedweden ratsamer wäre, an einem solchen großen Monarchen mehr einen allergnädigsten Herrn als einen ungeneigten Großfürsten zu haben. Ich wurd hierüber ganz bestürzt, und wußte nichts zu antworten, weil ich dem Obristen, wenn ich ihn an einem andern Ort gehabt, die Antwort lieber im Gefühl als im Gehör zu verstehen geben hätte; mußte aber meine Leier anders stimmen, und mich nach demjenigen Ort richten, darin ich mich gleichsam wie ein Gefangner befand, weswegen ich denn, ehe ich mich auf eine Antwort resolvieren konnte, so lang stillschwieg: Endlich sagte ich zu ihm, ich wäre zwar der Meinung kommen, Ihrer Zarischen Majestät als ein Soldat zu dienen, wozu er, der Herr Obriste, mich daselbst veranlaßt hätte; seien nun Dieselbe meiner Kriegsdienste nicht bedürftig, so könnte ichs nicht ändern, viel weniger Derselben Schuld zumessen, daß ich Ihretwegen einen so weiten Weg vergeblich gezogen, weil sie mich nicht zu Ihro zu kommen beschrieben; daß aber Dieselbe mir ein so hohe Zarische Gnad allergnädigst widerfahren zu lassen geruheten, wäre mir mehr rühmlich aller Welt zu rühmen, als solche alleruntertänigst zu akzeptieren und zu verdienen, weil ich mich meine Religion zu mutieren noch zur Zeit nicht entschließen könne, wünschend, daß ich wiederum am Schwarzwald auf meinem Baurenhof säße, um niemandem einziges Anliegen noch Ungelegenheiten zu machen; hierauf antwortet' er: »Der Herr tue nach seinem Belieben, allein hätte ich vermeinet, wenn ihn Gott und das Glück grüßet, so sollte er beiden billig danken; wenn er sich aber ja nicht helfen lassen, noch gleichsam wie ein Prinz leben will, so verhoffe ich gleichwohl, er werde dafürhalten, ich habe an ihm das Meinig nach äußerstem Vermögen zu tun keinen Fleiß gespart«; daraufhin machte er einen tiefen Bückling, ging seines Wegs und ließ mich dort sitzen, ohne daß er zulassen wollte, ihm nur bis vor die Tür das Geleit zu geben.

Als ich nun ganz perplex dort saß und meinen damaligen Zustand betrachtete, hörete ich zween reußische Wagen vor unserm Losament, sah darauf zum Fenster hinaus und wie mein guter Herr Obrister mit seinen Söhnen in den einen, und die Frau Obristin mit ihren Töchtern in den andern einstieg; es waren des Großfürsten Fuhren und Liberei, zumalen etliche Geistliche dabei, so diesem Ehevolk gleichsam aufwarteten und allen guten geneigten Willen erzeugten.

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