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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 134
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 18. Kapitel

Simplicius verzettelt seinen Saurbrunnen an einem unrechten Ort

Also kamen wir miteinander ins Gespräch, und ich genoß so vieler Höflichkeit von ihnen, daß sie mich hießen zum Feuer niedersetzen und mir ein Stück schwarz Brot und magern Kuhkäs anboten, welches ich denn alles beide akzeptierte; endlich wurden sie so vertraulich, daß sie mir zumuteten, ich sollte ihnen als ein fahrender Schüler gute Wahrheit sagen: und weil ich mich sowohl auf die Physiognomiam als Chiromantiam um etwas verstund, fing ich an einem nach dem andern aufzuschneiden, was ich meinte daß sie contentieren würde, damit ich bei ihnen meinen Kredit nicht verlöre, denn es war mir bei dieser wilden Waldbursch nicht allerdings heimlich. Sie begehrten allerhand vorwitzige Künste von mir zu lernen, ich aber vertröstet sie auf den künftigen Tag und begehrte, daß sie mich ein wenig wollten ruhen lassen. Und demnach ich solchergestalt einen Zigeuner agiert hatte, legte ich mich ein wenig beiseits, mehr zu horchen und zu vernehmen, wie sie gesinnet, als daß ich großen Willen (wiewohl es am Appetit nicht mangelte) zu schlafen gehabt hätte; je mehr ich nun schnarchte, je wachtsamer sie sich erzeugten, sie stießen die Köpf zusammen und fingen an um die Wett zu raten, wer ich doch sein möchte? Für keinen Soldaten wollten sie mich halten, weil ich ein schwarz Kleid antrug, und für keinen Bürgerskerl konnten sie mich nit schätzen, weil ich zu einer solchen ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das Mückenloch (denn so heißet der Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen sie, ich müßte ein lateinischer Handwerksgesell sein, der verirret wäre, oder meinem eigenen Vorgeben nach ein fahrender Schüler, weil ich so trefflich wahrsagen könnte. »Ja«, fing denn ein anderer an, und sagte: »er hat drum nicht alles gewußt, er ist etwa ein loser Krieger und hat sich so verkleidet, unser Vieh und die Schlich im Wald auszukundigen, ach daß wirs wüßten, wir wollten ihn schlafen legen, daß er das Aufwachen vergessen sollte!« Geschwind war ein anderer da, der diesem Widerpart hielt, und mich für etwas anders ansah. Indessen lag ich dort und spitzt die Ohren, ich gedachte, werden mich diese Knollfinken angreifen, so muß mir zuvor einer oder drei ins Gras beißen, ehe sie mich aufopfern.

Demnach nun diese so ratschlagten, und ich mich mit Sorgen ängstigte, wurde mir jähling, als ob einer bei mir läge, der ins Bett brunzte, denn ich lag unversehens ganz naß, o mirum! da war Troja verloren, und alle meine trefflichen Anschläg waren dahin, denn ich merkte am Geruch, daß es mein Sauerbrunnen war; da geriet ich vor Zorn und Unwillen in eine solche Raserei, daß ich mich beinahe allein hinter die sechs Baurn gelassen und mit ihnen herumgeschlagen hätte: »Ihr gottlosen Flegel« (sagte ich zu ihnen, als ich mit meinem schrecklichen Prügel aufgesprungen war), »an diesem Saurbrunnen, der auf meiner Lagerstatt hervorquillt, könnt ihr merken, wer ich sei, es wäre kein Wunder, ich strafte euch alle, daß euch der Teufel holen möchtet weil ihr so böse Gedanken in Sinn nehmen dürfen«; machte darauf so bedrohliche und erschreckliche Mienen, daß sie sich alle vor mir entsetzten: Doch kam ich gleich wieder zu mir selber und merkte, was ich für eine Torheit beging. Nein (gedacht ich) besser ists den Sauerbrunnen als das Leben verloren, das du leicht einbüßen kannst, wenn du dich hinter diese Lümmel machst: gab ihnen derhalben wieder gute Wort und sagte, ehe sie sich etwas anders entsinnen konnten: »Stehet auf und versucht den herrlichen Sauerbrunnen, den ihr und alle Harz- und Holzmacher hinfort in dieser Wildnis meinetwegen zu genießen haben werdet!« Sie konnten sich in mein Gespräch nicht richten, sondern sahen einander an wie lebendige Stockfisch, bis sie sahen, daß ich fein nüchtern aus meinem Hut den ersten Trunk tat; da stunden sie nacheinander vom Feuer auf, darum sie gesessen, besahen das Wunder und versuchten das Wasser, und anstatt daß sie mir darum hätten dankbar sein sollen, fingen sie an zu lästern und sagten: Sie wollten, daß ich mit meinem Saurbrunnen an ein andern Ort geraten wäre, denn sollte ihre Herrschaft dessen innewerden, so müßte das ganze Amt Dornstett fronen und Weg dazu machen, welches ihnen denn ein große Beschwerlichkeit sein würde. »Hingegen«, sagte ich, »habt ihr dessen alle zu genießen, eure Hühner, Eier, Butter, Vieh und anders könnt ihr besser ans Geld bringen.« »Nein nein«, sagten sie, »nein! die Herrschaft setzt einen Wirt hin, der wird allein reich, und wir müssen seine Narren sein, ihm Weg und Steg erhalten und werden noch kein Dank dazu davon haben!« Zuletzt entzweiten sie sich, zween wollten den Sauerbrunnen behalten und ihrer vier muteten mir zu, ich sollte ihn wieder abschaffen; welches, da es in meiner Macht gestanden wäre, ich wohl ohne sie getan haben wollte, es wäre ihnen gleich lieb oder leid gewesen.

Weil denn nunmehr der Tag vorhanden war und ich nichts mehr da zu tun hatte, zumalen besorgen mußte, wir würden, da es noch lang herumging, einander endlich in die Haar geraten, sagte ich: Wenn sie nicht wollten, daß alle Kühe im ganzen Baiersbronner Tal rote Milch geben sollten, so lang der Brunn liefe, so sollten sie mir alsobald den Weg nach Seebach weisen, dessen sie denn wohl zufrieden und mir zu solchem End zwei mitgaben, weil sich einer allein bei mir fürchtete.

Also schied ich von dannen, und obzwar dieselbe ganze Gegend unfruchtbar war und nichts als Tannzapfen trug, so hätte ich sie doch noch elender verfluchen mögen, weil ich alle meine Hoffnung daselbst verloren; doch ging ich stillschweigend mit meinen Wegweisern fort, bis ich auf die Höhe des Gebirgs kam, allwo ich mich dem Geländ nach wieder ein wenig erkennen konnte. Da sagte ich zu ihnen: »Ihr Herren könnet euch euren Saurbrunnen trefflich zunutz machen, wenn ihr nämlich hingehet und eurer Obrigkeit dessen Ursprung anzeiget, denn da würde es eine treffliche Verehrung setzen, weil alsdann der Fürst selbigen zur Zierde und Nutz des Lands aufbauen und zu Vermehrung seines Interesses aller Welt bekannt machen lassen wird.« »Ja«, sagten sie, »da wären wir wohl Narren, daß wir uns eine Rut auf unsern eigenen Hintern machten, wir wollten liebet, daß dich der Teufel mitsamt deinem Sauerbrunnen holete, du hast genug gehört, warum wir ihn nicht gerne sehen!« Ich antwortet: »Ach ihr heillosen Tropfen, sollte ich euch nit meineidige Schelmen schelten, daß ihr aus der Art der frommen Voreltern so ferne abtretet! dieselbigen waren ihrem Fürsten so getreu, daß er sich ihrer rühmen durfte, er wäre so kühn, in eines jeden seiner Untertanen Schoß seinen Kopf zu legen und darin sicherlich zu schlafen; und ihr Mausköpf seid nicht so ehrlich, einer besorgenden geringen Arbeit willen, darum ihr doch mit der Zeit wieder ergötzt würdet und deren all eure Nachkömmling reichlich zu genießen hätten, beides eurem hochlöblichen Fürsten zu Nutz und manchem elenden Kranken zur Wohlfahrt und Gesundheit diesen heilsamen Sauerbrunnen zu offenbaren; was sollts sein, wenngleich etwa jeder ein paar Tag dazu fronte?« »Was«, sagten sie, »wir wollten dich, damit dein Sauerbrunnen verborgen bleibe, ehender im Fron totschlagen.« »Ihr Vögel«, sagte ich, »es müßten eurer mehr sein!« zückte darauf meinen Prügel und jagte sie damit für alle Sankt Velten hinweg, ging folgends gegen Niedergang und Mittag bergabwärts und kam nach vieler Mühe und Arbeit gegen Abend wieder heim auf meinen Baurenhof, im Werk wahr zu sein befindend, was mir mein Knan zuvor gesagt hatte, daß ich nämlich von dieser Wallfahrt nichts als müde Bein und den Hergang für den Hingang haben würde.

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