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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 133
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 17. Kapitel

Zurückreis aus dem Mittelteil der Erden, seltsame Grillen, Luftgebäu, Kalender und gemachte Zech ohne den Wirt

Indessen hatte sich die Zeit genähert, daß ich wieder heim sollte; derhalben befahl der König, ich sollte mich vernehmen lassen, womit ich vermeinte, daß er mir einen Gefallen tun könnte? Da sagte ich, es könnte mir keine größere Gnade widerfahren, als wenn er mir einen rechtschaffenen medizinalischen Sauerbrunnen auf meinen Hof zukommen lassen würde. »Ists nur das?« antwortet' der König; »Ich hätte vermeint, du würdest etliche große Smaragd aus dem Amerikanischen Meer mit dir genommen und gebeten haben, dir solche auf den Erdboden passieren zu lassen? jetzt sehe ich, daß kein Geiz bei euch Christen ist.« Mithin reichte er mir einen Stein von seltsamen variierenden Farben, und sagte: »Diesen stecke zu dir, und wo du ihn hin auf den Erdboden legen wirst, daselbst wird er anfangen das Centrum wieder zu suchen und die bequemsten Mineralia durchgehen, bis er wieder zu uns kommt und dir unsertwegen eine herrliche Sauerbrunnenquell zuschickt, die dir so wohl bekommen und zuschlagen soll, als du mit Eröffnung der Wahrheit um uns verdient hast.« Darauf nahm mich der Fürst vom Mummelsee alsbald wieder in sein Geleit und passierte mit mir den Weg und See wieder zurück, durch welchen wir herkommen waren, etc.

Diese Heimfahrt dünkte mich viel weiter als die Hinfahrt, also daß ich auf dritthalbtausend wohlgemessener teutscher Schweizer-Meilen rechnete; es war aber gewiß die Ursach, daß mir die Zeit so lang wurde, weil ich nichts mit meinem Convoi redete, als blößlich, daß ich von ihnen vernahm, sie würden bis auf drei-, vier- oder fünfhundert Jahr alt, und solche Zeit lebten sie ohne einzige Krankheit. Im übrigen war ich im Sinn mit meinem Saurbrunnen so reich, daß alle meine Witz und Gedanken genug zu tun hatten, zu beratschlagen, wo ich ihn hinsetzen und wie ich mir ihn zunutz machen wollte. Da hatte ich allbereit meine Anschläg wegen der ansehnlichen Gebäu, die ich dazu setzen müßte, damit die Badgäste auch rechtschaffen akkommodiert seien und ich hingegen ein großes Losamentgeld aufheben möchte; ich ersann schon, durch was für Schmieralia ich die Medicos persuadieren wollte, daß sie meinen Wunder-Sauerbrunnen allen andern, ja gar dem Schwalbacher vorziehen und mir einen Haufen reiche Badgäst zuschaffen sollten; ich machte schon ganze Berg eben, damit sich die Ab- und Zufahrenden über keinen müheseligen Weg beschwereten; ich dingte schon verschmitzte Hausknecht, geizige Köchinnen, vorsichtige Bettmägd, wachtsame Stallknecht, saubere Bad- und Brunnenverwalter, und sann auch bereits einen Platz aus, auf welchen ich mitten im wilden Gebirg, bei meinem Hof, einen schönen ebenen Lustgarten pflanzen und allerlei rare Gewächs darinnen ziehen wollte, damit sich die fremden Herren Badgäst und ihre Frauen darin erspazieren, die Kranken erfrischen und die Gesunden mit allerhand kurzweiligen Spielen ergötzen und errammlen können. Da mußten mir die Medici, doch um die Gebühr, einen herrlichen Traktat von meinem Brunnen und dessen köstlichen Qualitäten zu Papier bringen, welchen ich alsdann neben einem schönen Kupferstück, darin mein Baurnhof entworfen und in Grund gelegt, drucken lassen wollte, aus welchem ein jeder abwesende Kranke sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte; ich ließ alle meine Kinder von L. holen, sie allerhand lernen zu lassen, das sich zu meinem neuen Bad schickte, doch durfte mir keiner kein Bader werden, denn ich hatte mir vorgenommen, meinen Gästen, obzwar nicht den Rücken, doch aber ihren Beutel tapfer zu schröpfen.

Mit solchen reichen Gedanken und überglückseligem Sinnhandel erreichte ich wiederum die Luft, maßen mich der vielgedachte Prinz allerdings mit trockenen Kleidern aus seinem Mummelsee ans Land setzte, doch mußte ich das Kleinod, so er mir anfänglich geben, als er mich abgeholet, stracks von mir tun, denn ich hätte sonst in der Luft entweder ersaufen oder Atem zu holen den Kopf wieder ins Wasser stecken müssen, weil gedachter Stein solche Wirkung vermochte. Da nun solches geschehen, und er denselben wieder zu sich genommen, beschirmten wir einander als Leut, die einander nimmermehr wieder zu sehen würden bekommen, er duckte sich und fuhr wieder mit den Seinigen in seinen Abgrund, ich aber ging mit meinem Lapide, den mir der König geben hatte, so voller Freuden davon, als wenn ich das Gülden Fell aus der Insel Kolchis davongebracht hätte.

Aber ach! meine Freud, die sich selbst vergeblich auf eine immerwährende Beständigkeit gründete, währete gar nicht lang, denn ich war kaum von diesem Wundersee hinweg, als ich bereits anfing in dem ungeheuren Wald zu verirren, weil ich nit Achtung geben hatte, von wannen her mein Knan mich zum See gebracht; ich ging ein gut Stück Wegs fort, ehe ich meiner Verirrung gewahr wurde, und machte noch immerfort Kalender, wie ich den köstlichen Sauerbrunnen auf meinen Hof setzen, wohl anlegen und mir dabei einen geruhigen Herrnhandel schaffen möchte. Dergestalt kam ich ohnvermerkt je länger je weiter von dem Ort, wohin ich am allermeisten begehrte, und was das schlimmste war, wurde ichs nicht eher inne, bis sich die Sonn neigte und ich mir nit mehr zu helfen wußte; da stund ich mitten in einer Wildnis wie Matz von Dresden, beides ohne Speis und Gewehr, dessen ich gegen die bevorstehende Nacht wohl bedürftig gewesen wäre; doch tröstete mich mein Stein, den ich mit mir aus dem innersten Ingeweid der Erden heraus gebracht hatte: »Geduld, Geduld!« sagte ich zu mir selber, »dieser wird dich aller überstandenen Not wiederum ergötzen, gut Ding will Weil haben, und vortreffliche Sachen werden ohne große Mühe und Arbeit nicht erworben, sonst würde jeder Narr ohne Schnaufens und Bartwischens einen solchen edlen Sauerbrunnen, wie du einen bei dir in der Taschen hast, seines Gefallens zuwegen bringen.«

Da ich mir nun solchergestalt zugesprochen, faßte ich zugleich mit der neuen Resolution auch neue Kräfte, maßen ich weit tapferer als zuvor auf die Sohlen trat, ob mich gleich die Nacht darüber ereilte; der Vollmond leuchtete mir zwar fein, aber die hohen Tannen ließen mir sein Licht nicht so wohl gedeihen, als denselben Tag das tiefe Meer getan hatte, doch kam ich so weit fort, bis ich um Mitternacht von weitem ein Feuer gewahr wurde, auf welches ich den geraden Weg zuging, und von ferne sah, daß sich etliche Waldbauren dabei befanden, die mit dem Harz zu tun hatten: Wiewohl nun solchen Gesellen nit allzeit zu trauen, so zwang mich doch die Not und riet mir meine eigene Courage ihnen zuzusprechen; ich hinterschlich sie unversehens, und sagte: »Gute Nacht oder guten Tag, oder guten Morgen oder guten Abend ihr Herren! sagt mir zuvor, um welche Zeit es sei, damit ich euch danach zu grüßen wisse?« Da stunden und saßen sie alle sechse vor Schrecken zitternd und wußten nicht was sie mir antworten sollten, denn weil ich einer von den Längsten bin und eben damals noch wegen meines jüngstverstorbenen Weibleins sel. ein schwarz Trauerkleid anhatte, zumalen einen schrecklichen Prügel in Händen trug, auf welchen ich mich wie ein wilder Mann steurete, kam ihnen meine Gestalt entsetzlich vor. »Wie?« sagte ich, »will mir denn keiner antworten?« Sie verblieben aber noch ein gute Weil erstaunt, bis sich endlich einer erholte, und sagte: »Wear ischt denn der Hair?« Da hörete ich, daß es ein schwäbische Nation sein müßte, die man zwar (aber vergeblich) für einfältig schätzet; sagte derowegen, ich sei ein fahrender Schüler, der jetzo erst aus dem Venusberg komme und ein ganzen Haufen wunderliche Künst gelernet hätte. »Oho!« antwortet' der ältste Baur, »jetzt glaub ich gottlob, daß ich den Frieden wieder erleben werde, weil die fahrenden Schüler wieder anfangen zu reisen.«

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