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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 119
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 3. Kapitel

Wie beide Freund den Winter hinbringen

Ich dingte daselbst ein lustige Stube und Kammer für uns, deren sich sonsten, sonderlich Sommerszeit, die Badgäst zu gebrauchen pflegen, welches gemeiniglich reiche Schweizer sind, die mehr hinzeihen sich zu erlustieren und zu prangen, als einiger Gebrechen halber zu baden; so verdingte ich uns auch zugleich in die Kost, und als Herzbruder sah, daß ichs so herrlich angriff, vermahnete er mich zur Gesparsamkeit und erinnert' mich des langen rauhen Winters, den wir noch zu überstehen hätten; maßen er nicht getraute, daß mein Geld so weit hinauslangen würde; ich würde meinen Vorrat, sagte er, auf den Frühling wohl brauchen, wenn wir wieder von hinnen wollen, viel Geld sei bald vertan, wenn man nur davon und nichts dazu tue: Es stäube hinaus wie der Rauch und verspreche nimmermehr wiederzukommen, etc. Auf solche treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern nicht länger verbergen wie reich mein Säckel wäre, und daß ich bedacht uns beiden Guts davon zu tun, sintemal dessen Ankunft und Erwerbung ohnedas alles Segens so unwürdig wäre, daß ich keinen Meierhof daraus zu erkaufen gedächte, und wenn ichs schon nit anlegen wollte, meinen liebsten Freund auf Erden damit zu unterhalten, so wäre doch billig, daß er Herzbruder aus Oliviers Geld vergnügt würde, um diejenige Schmach, die er hiebevor von ihm vor Magdeburg empfangen. Und demnach ich mich in aller Sicherheit zu sein wußte, zog ich meine beiden Skapulier ab, trennete die Dukaten und Pistolen heraus und sagte zu Herzbrudern, er möge nun mit diesem Geld nach seinem Belieben disponieren und solches anlegen und austeilen, wie er vermeine, daß es uns beiden am nützlichsten wäre.

Da er neben meinem Vertrauen das ich zu ihm trug, soviel Geld sah, mit welchem ich auch ohne ihn wohl ein ziemlicher Herr hätte sein können, sagte er: »Bruder, du tust nichts solang ich dich kenne, als deine gegen mich habende Lieb und Treu zu bezeugen! Aber sage mir, womit vermeinst du wohl, daß ichs wieder um dich werde beschulden können? es ist nit nur um das Geld zu tun, denn solches ist vielleicht mit der Zeit wieder zu bezahlen, sondern um deine Lieb und Treu, vornehmlich aber um dein zu mir habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist; Bruder mit einem Wort, dein tugendhaft Gemüt macht mich zu deinem Sklaven, und was du gegen mich tust, ist mehr zu verwundern als zu wiedergelten möglich; O ehrlicher Simplici, dem bei diesen gottlosen Zeiten, in welchen die Welt voll Untreu steckt, nicht in Sinn kommt, der arme und hochbedürftige Herzbruder möchte mit einem so ansehlichen Stück Geld fortgehen und ihn an seine Statt in Mangel setzen; versicher Bruder, dieses Beweistum wahrer Freundschaft verbindet mich mehr gegen dich als ein reicher Herr, der mir viel Tausend verehrte: Allein bitte ich mein Bruder, bleib selber Herr, Verwahrer und Austeiler über dein Geld, mir ists genug, daß du mein Freund bist!« Ich antwortet: »Was wunderliche Reden sind das, hochgeehrter Herzbruder, er gibt mündlich zu vernehmen, daß er mir verbunden sei, und will doch nicht dafür sein, daß ich unser Geld, beides ihm und mir zu Schaden, nicht unnütz verschwende.« Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil je einer in des andern Lieb trunken war. Also wurde Herzbruder zugleich mein Hofmeister, mein Säckelmeister, mein Diener und mein Herr, und in solcher müßigen Zeit erzählte er mir seinen Lebenslauf und durch was Mittel er bei dem Grafen von Götz bekannt und befördert worden, worauf ich ihm auch erzählte, wie mirs ergangen, seit sein Vater sel. gestorben, denn wir uns bisher noch niemal so viel Zeit genommen; und da er hörte, daß ich ein junges Weib zu L. hatte, verwies er mir, daß ich mich nit ebender zu derselbigen als mit ihm in das Schweizerland begeben, denn solches wäre mir anständiger und auch meine Schuldigkeit gewesen. Und demnach ich mich entschuldiget, daß ich ihn als meinen allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nit übers Herz bringen können, beredet' er mich, daß ich meinem Weib schrieb und ihr meine Gelegenheit zu wissen machte, mit Versprechen, mich mit ehestem wieder zu ihr zu begeben, tat auch meines langen Ausbleibens halber meine Entschuldigungen, daß ich nämlich allerhand widriger Begegnisse halber, wie gern ich auch gewollt, mich nit ehender bei ihr hätte einfinden können.

Und dieweil Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, daß es um den Grafen von Götz wohlstünde, sonderlich daß er mit seiner Verantwortung bei der Kaiserl. Majestät hinauslangen, wieder auf freien Fuß kommen und gar wiederum das Kommando über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen Zustand nach Wien, schrieb auch nach der kurbayrischen Armee wegen seiner Bagage, die er noch dort hatte, und fing an zu hoffen, sein Glück würde wieder grünen, derhalben machten wir den Schluß, künftigen Frühling voneinander zu scheiden, indem er sich zu bemeldtem Grafen, ich aber mich nach L. zu meinem Weib begeben wollte. Damit wir aber denselben Winter nit müßig zubrächten, lernten wir von einem Ingenieur auf dem Papier mehr fortifizieren, als die Könige in Hispanien und Frankreich ins Werk setzen können; daneben kam ich mit etlichen Alchimisten in Kundschaft, die wollten mich, weil sie Geld hinter mir merkten, Gold machen lehren, da ich nur den Verlag dazu hergeben wollte, und ich glaube, sie hätten mich überredt, wenn ihnen Herzbruder nicht abgedankt hätte, denn er sagte: Wer solche Kunst könnte, würde nicht so bettelhaftig dahergehen, noch andere um Geld ansprechen.

Gleichwie nun Herzbruder von hochermeldtem Grafen ein angenehme Wiederantwort und treffliche Promessen von Wien aus erhielt, also bekam ich von L. kein einzigen Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttag in duplo hinschrieb: Das machte mich unwillig und verursachte, daß ich denselben Frühling meinen Weg nit nach Westfalen antrat, sondern von Herzbrudern erhielt, daß er mich mit sich nach Wien nahm, mich seines verhoffenden Glücks genießen zu lassen; also montierten wir uns aus meinem Geld wie zwei Kavalier, beides mit Kleidungen, Pferden, Dienern und Gewehr, gingen durch Konstanz auf Ulm, allda wir uns auf die Donau setzten und von dort aus in acht Tagen zu Wien glücklich anlangten. Auf demselben Weg observierte ich sonst nichts, als daß die Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden, so ihnen zuschrien, nicht mündlich, sondern schlechthin mit dem Beweistum selbst antworten, davon ein Kerl manch feines Einsehen haben kann.

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