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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 118
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 2. Kapitel

Simplicius bekehrt sich, nachdem er zuvor von dem Teufel erschreckt worden

Solchergestalt langten wir zu Einsiedeln an und kamen eben in die Kirch, als ein Priester einen Besessenen exorzisieret'; das war mir nun auch etwas Neues und Seltsams, derowegen ließ ich Herzbrudern knien und beten, solang er mochte, und ging hin, diesem Spektakul aus Vorwitz zuzusehen; aber ich hatte mich kaum ein wenig genähert, da schrie der böse Geist aus dem armen Menschen: »Oho, du Kerl, schlägt dich der Hagel auch her? ich hab vermeint, dich zu meiner Heimkunft bei dem Olivier in unserer höllischen Wohnung anzutreffen, so sehe ich wohl, du läßt dich hier finden, du ehebrecherischer mörderischer Hurenjäger, darfst du dir wohl einbilden, uns zu entrinnen? O ihr Pfaffen, nehmt ihn nur nicht an, er ist ein Gleisner und ärgerer Lügner als ich, er foppt sich nur und spottet beides Gott und der Religion!« Der Exorzist befahl dem Geist zu schweigen, weil man ihm als einem Erzlügner ohnedas nit glaube. »Ja ja«, antwortet' er, »fragt dieses ausgesprungenen Mönchs Reisgesellen, der wird euch wohl erzählen können, daß dieser Atheist sich nit gescheuet, die Erbsen zu kochen, auf welchen er hieherzugehen versprochen.« Ich wußte nit, ob ich auf dem Kopf oder Fuß stund, da ich dieses alles hörete und mich jedermann ansah; aber der Priester strafte den Geist und machte ihn stillschweigen, konnte ihn aber denselben Tag nicht austreiben. Indessen kam Herzbruder auch herzu, als ich eben vor Angst mehr einem Toten als Lebendigen gleichsah und zwischen Hoffnung und Furcht nit wußte, was ich tun sollte, dieser tröstete mich so gut als er konnte, versicherte daneben die Umstehenden und sonderlich die Patres, daß ich mein Tage nie kein Mönch gewesen, aber wohl ein Soldat, der vielleicht mehr Böses als Gutes getan haben möchte, sagte daneben, der Teufel wäre ein Lügner, wie er denn auch das von den Erbsen viel ärger gemacht hätte, als es an sich selbst wäre; ich war aber in meinem Gemüt dermaßen verwirret, daß mir nicht anders war, als ob ich allbereit die höllische Pein selbst empfände; also daß die Geistlichen genug an mir zu trösten hatten, sie vermahnten mich zur Beicht und Kommunion, aber der Geist schrie abermal aus dem Besessenen: »Ja ja, er wird fein beichten, er weiß nit einmal was beichten ist, und zwar was wollt ihr mit ihm machen, er ist einer ketzerischen Art und uns zuständig, seine Eltern sind mehr wiedertäuferisch als calvinisch gewesen«, etc. Der Exorzist befahl dem Geist abermal stillzuschweigen, und sagte zu ihm: »So wird dichs nur desto mehr verdrießen, wenn dir das arme verlorne Schäflein wieder aus dem Rachen gezogen und der Herd Christi einverleibt wird«; darauf fing der Geist so grausam an zu brüllen, daß es schrecklich zu hören war. Aus welchem greulichen Gesang ich meinen größten Trost schöpfte, denn ich gedachte, wenn ich keine Gnad von Gott mehr erlangen könnte, so würde sich der Teufel nicht so übel gehaben.

Wiewohl ich mich damals auf die Beicht nicht gefaßt gemacht, auch mein Lebtag nie in Sinn genommen zu beichten, sondern mich jederzeit aus Scham davor gefürchtet wie der Teufel vorm hl. Kreuz, so empfand ich jedoch in selbigem Augenblick in mir eine solche Reu über meine Sünden und ein solche Begierde zur Buße und mein Leben zu bessern, daß ich alsobald einen Beichtvater begehrte, über welcher jählingen Bekehrung und Besserung sich Herzbruder höchlich erfreuete, weil er wahrgenommen und wohl gewußt, daß ich bisher noch keiner Religion beigetan gewesen, demnach bekannt ich mich öffentlich zu der katholischen Kirchen, ging zur Beicht und kommunizierte nach empfangener Absolution; worauf mir denn so leicht und wohl ums Herz wurde, daß ichs nicht aussprechen kann, und was das Verwunderlichste war, ist dieses, daß mich der Geist in dem Besessenen fürderhin zufrieden ließ, da er mir doch vor der Beicht und Absolution unterschiedliche Bubenstück, die ich begangen gehabt, so eigentlich vorgeworfen, als wenn er auf sonst nichts, als meine Sünden anzumerken, bestellt gewesen wäre; doch glaubten ihm als einem Lügner die Zuhörer nichts, sonderlich weil mein ehrbares Pilgerhabit ein anders vor die Augen stellete.

Wir verblieben vierzehen ganzer Tag an diesem gnadenreichen Ort, allwo ich Gott um meine Bekehrung dankte, und die Wunder so allda geschehen, betrachtete; welches alles mich zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete, doch währete solches auch so lang als es mochte; denn gleichwie meine Bekehrung ihren Ursprung nicht aus Liebe zu Gott genommen, sondern aus Angst und Furcht verdammt zu werden; also wurde ich auch nach und nach wieder ganz lau und träg, weil ich allgemählich des Schreckens vergaß, den mir der böse Feind eingejagt hatte; und nachdem wir die Reliquien der Heiligen, die Ornat' und andere sehenswürdige Sachen des Gotteshauses genugsam beschauet, begaben wir uns nach Baden, alldorten vollends auszuwintern.

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