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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 117
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das fünfte Buch

Das 1. Kapitel

Wie Simplicius ein Pilger wird und mit Herzbruder wallen gehet

Nachdem Herzbruder wieder allerdings erstarkt und an seinen Wunden geheilt war, vertraute er mir, daß er in den höchsten Nöten eine Wallfahrt nach Einsiedeln zu tun gelobt; weil er denn jetzt ohnedas so nahe am Schweizerland wäre, so wollte er solche verrichten und sollte er auch dahin betteln! Das war mir sehr angenehm zu hören, derhalben bot ich ihm Geld und meine Gesellschaft an, ja ich wollte gleich zween Klepper kaufen, auf selbigen die Reis zu verrichten; nicht zwar der Ursach, daß mich die Andacht dazu getrieben, sondern die Eidgenoßschaft, als das einzige Land, darin der liebe Fried noch grünete, zu besehen: So freute mich auch nit wenig, daß ich die Gelegenheit hatte, Herzbrudern auf solcher Reis zu dienen, maßen ich ihn fast höher als mich selbst liebte; er aber schlug beides, meine Hilf und meine Gesellschaft ab, mit Vorwand, seine Wallfahrt müßte zu Fuß und dazu auf Erbsen geschehen; sollte ich nun in seiner Gesellschaft sein, so würde ich ihn nicht allein an seiner Andacht verhindern, sondern auch mir selbst wegen seines langsamen mühseligen Gangs große Ungelegenheit aufladen. Das redete er aber mich von sich zu schieben, weil er sich ein Gewissen machte, auf einer so heiligen Reis von demjenigen Geld zu zehren, das mit Morden und Rauben erobert worden; überdas wollte er mich auch nicht in allzugroße Unkosten bringen und sagte unverhohlen, daß ich bereits mehr bei ihm getan, als ich schuldig gewesen und er zu erwidern getraute; hierüber gerieten wir in ein freundlich Gezänk, das war so lieblich, daß ich dergleichen noch niemals hab hören hadern, denn wir brachten nichts anders vor, als daß jeder sagte, er hätte gegen den andern noch nicht getan, was ein Freund dem andern tun sollte, ja bei weitem die Guttaten, so er vom andern empfangen, noch nit wett gemacht. Solches alles aber wollte ihn noch nicht bewegen, mich für einen Reisgefährten zu gedulden, bis ich endlich merkte, daß er beides an Oliviers Geld und meinem gottlosen Leben ein Ekel hatte, derhalben behalf ich mich mit Lügen und überredet ihn, daß mich mein Bekehrungsvorsatz nach Einsiedeln triebe, sollte er mich nun von einem so guten Werk abhalten und ich darüber sterben, so würde ers schwerlich verantworten können. Hierdurch persuadiert ich ihn, daß er zuließ, den heiligen Ort mit ihm zu besuchen, sonderlich weil ich (wiewohl alles erlogen war) eine große Reu über mein böses Leben von mir scheinen ließ, als ich ihn denn auch überredete, daß ich mir selbst zur Buß aufgelegt hätte, sowohl als er auf Erbsen nach Einsiedeln zu gehen.

Dieser Zank war kaum vorbei, da gerieten wir schon in einen andern, denn Herzbruder war gar zu gewissenhaft; er wollte kaum zugeben, daß ich einen Paß vom Kommandanten nahm, der nach meinem Regiment lautete: »Was«, sagte er, »haben wir nit im Sinn, unser Leben zu bessern und nach Einsiedeln zu gehen? und nun siehe um Gottes willen, du willst den Anfang mit Betrug machen und den Leuten mit Falschheit die Augen verkleiben. ›Wer mich vor der Welt verleugnet, den will ich auch vor meinem himmlischen Vater verleugnen‹ sagt Christus! Was sind wir für verzagte Maulaffen? wenn alle Märtyrer und Bekenner Christi so getan hätten, so wären wenig Heilige im Himmel! Lasse uns in Gottes Namen und Schutzempfehlung gehen wohin uns unser heiliger Vorsatz und Begierden hintreiben, und im übrigen Gott walten, so wird uns Gott schon hinführen wo unsere Seelen Ruhe finden.« Als ich ihm aber vorhielt, man müßte Gott nicht versuchen, sondern sich in die Zeit schicken und die Mittel gebrauchen, deren wir nicht entbehren könnten, vornehmlich weil das Wallfahrtengehen bei der Soldateska ein ungewöhnlich Ding sei, und wenn wir unser Vorhaben entdeckten, eher für Ausreißer als Pilger gehalten würden, das uns denn große Ungelegenheit und Gefahr bringen könnte, zumalen auch der hl. Apostel Paulus, dem wir noch bei weitem nicht zu vergleichen, sich wunderbarlich in die Zeit und Gebräuch dieser Welt geschickt; ließ er endlich zu, daß ich einen Paß bekam, nach meinem Regiment zu gehen, mit demselben gingen wir bei Beschließung des Tors samt einem getreuen Wegweiser aus der Stadt, als wollten wir nach Rottweil, wandten uns aber kurz durch Nebenweg' und kamen noch dieselbige Nacht über die schweizerische Grenze und den folgenden Morgen in ein Dorf, allda wir uns mit schwarzen langen Röcken, Pilgerstäben und Rosenkränzen montierten und den Boten mit guter Bezahlung wieder zurückschickten.

Das Land kam mir so fremd vor gegen andere teutsche Länder, als wenn ich in Brasilia oder in China gewesen wäre; da sah ich die Leute in dem Frieden handlen und wandlen, die Ställe stunden voll Vieh, die Baurnhöf liefen voll Hühner, Gäns und Enten, die Straßen wurden sicher von den Reisenden gebraucht, die Wirtshäuser saßen voll Leute die sich lustig machten, da war ganz keine Furcht vor dem Feind, keine Sorg vor der Plünderung und keine Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren, ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und zwar gegen andere teutsche Länder zu rechnen in lauter Wollust und Freud, also daß ich dieses Land für ein irdisch Paradies hielt, wiewohl es von Art rauh genug zu sein schien. Das machte, daß ich auf dem ganzen Weg nur hin und her gaffte, wenn hingegen Herzbruder an seinem Rosenkranz betete, deswegen ich manchen Filz bekam, denn er wollte haben, ich sollte wie er an einem Stück beten, welches ich aber nicht gewöhnen konnte.

Zu Zürch kam er mir recht hinter die Brief', und dahero sagte er nur die Wahrheit auch am trockensten heraus, denn als wir zu Schaffhausen (allwo mir die Füß von den Erbsen sehr weh taten) die vorig Nacht geherbergt und ich mich den künftigen Tag wieder auf den Erbsen zu gehen fürchtete, ließ ich sie kochen und tat's wieder in die Schuh; deswegen ich denn wohl zu Fuß nach Zürch gelangte, er aber sich gar übel gehub, und zu mir sagte: »Bruder, du hast große Gnad von Gott, daß du unangesehen der Erbsen in den Schuhen dennoch so wohl fortkommen kannst.« »Ja«, sagte ich, »liebster Herzbruder, ich hab sie gekocht, sonst hätte ich so weit nit darauf gehen können.« »Ach daß Gott erbarm«, antwortet' er, »was hast du getan? du hättest sie lieber gar aus den Schuhen gelassen, wenn du nur dein Gespött damit treiben willst, ich muß sorgen, daß Gott dich und mich zugleich strafe; halte mir nichts für ungut Bruder, wenn ich dir aus brüderlicher Liebe teutsch heraussage, wie mirs ums Herz ist, nämlich dies, daß ich besorge, wofern du dich nit anderst gegen Gott schickest, es stehe deine Seligkeit in höchster Gefahr; ich versichere dich, daß ich keinen Menschen mehr liebe als eben dich, leugne aber auch nit, daß, wofern du dich nit bessern würdest, ich mir ein Gewissen machen muß, solche Liebe zu kontinuieren.« Ich verstummte vor Schrecken, daß ich mich schier nit wieder erholen konnte, zuletzt bekannte ich ihm frei, daß ich die Erbsen nit aus Andacht, sondern allein ihm zu Gefallen in die Schuh getan, damit er mich mit sich auf die Reis genommen hätte. »Ach Bruder«, antwortet' er, »ich sehe, daß du weit vom Weg der Seligkeit bist, wenn gleich die Erbsen nit wären, Gott verleihe dir Besserung, denn ohne dieselbe kann unser Freundschaft nicht bestehen.«

Von dieser Zeit an folgte ich ihm traurig nach, als einer den man zum Galgen führt, mein Gewissen fing mich an zu drücken, und indem ich allerlei Gedanken machte, stelleten sich alle meine Bubenstück vor Augen, die ich mein Lebtag je begangen, da beklagte ich erst die verlorne Unschuld, die ich aus dem Wald gebracht und in der Welt so vielfältig verscherzt hatte, und was meinen Jammer vermehrte, war dieses, daß Herzbruder nit viel mehr mit mir redete und mich nur mit Seufzen anschaute, welches mir nit anders vorkam, als hätte er meine Verdammnis gewußt und an mir bejammert.

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