Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 115
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
Schließen

Navigation:

Das 25. Kapitel

Simplicius kommt reich davon, hingegen zieht Herzbruder sehr elend auf

Ich saß kaum ein halbe Stund in meinen Gedanken, so kam unser Baur daher und schnaubte wie ein Bär, er lief von allen Kräften und wurde meiner nit gewahr, bis ich ihm auf den Leib kam. »Warum so schnell«, sagte ich, »was Neues?« Er antwort: »Geschwind macht Euch abweg! es kommt ein Korporal mit sechs Musketiern, die sollen Euch und den Olivier aufheben und entweder tot oder lebendig nach Lichteneck liefern, sie haben mich gefangen gehabt, daß ich sie zu Euch führen sollte, bin ihnen aber glücklich entronnen und hieher kommen, Euch zu warnen.« Ich gedachte: ›O Schelm, du hast uns verraten, damit dir Oliviers Geld, so im Baum liegt, zuteil werden möge‹, ließ mich aber doch nichts merken, weil ich mich seiner als eines Wegweisers gebrauchen wollte, sondern sagte ihm, daß beides Olivier und diejenigen so ihn hätten fangen sollen, tot wären; da es aber der Bauer nit glauben wollte, war ich noch so gut und ging mit ihm hin, daß er das Elend an den sieben Körpern sehen konnte. »Den siebenten (von denen), die uns fangen sollen«, sagte ich, »habe ich laufen lassen, und wollte Gott, ich könnte auch diese wieder lebendig machen, so wollte ichs nit unterlassen!« Der Bauer erstaunte vor Schrecken, und sagte: »Was Rats?« Ich antwortet: »Der Rat ist schon beschlossen, unter dreien Dingen geb ich dir die Wahl, entweder führe mich alsbald durch sichere Abweg über den Wald hinaus nach Villingen, oder zeige mir Oliviers Geld, das im Baum liegt, oder stirb hier und leiste gegenwärtigen Toten Gesellschaft! Führest du mich nach Villingen, so bleibt dir Oliviers Geld allein, wirst du mirs aber weisen, so will ichs mit dir teilen, tust du aber deren keines, so schieß ich dich tot und gehe gleichwohl meines Wegs.« Der Baur wäre gern entlaufen, aber er fürchte die Muskete, fiel derhalben auf die Knie nieder und erbot sich, mich über Wald zu führen: Also wanderten wir eilend fort, gingen denselben Tag und folgende ganze Nacht, weil es zu allem Glück trefflich hell war, ohne Essen, Trinken und einzige Ruhe immer hin, bis wir gegen Tag die Stadt Villingen vor uns liegen sahen, allwo ich meinen Baurn wieder von mir ließ. Auf diesem Weg trieb den Baurn die Todesfurcht, mich aber die Begierde, mich selbst und mein Geld davonzubringen, und muß fast glauben, daß einem Menschen das Gold große Kräfte mitteilst, denn ob ich zwar schwer genug daran trug, so empfand ich jedoch keine sonderbare Müdigkeit.

Ich hielt es für ein glücklich Omen, daß man die Pfort eben öffnete, als ich vor Villingen kam; der Offizier von der Wacht examinierte mich, und als er vernahm, daß ich mich für einen Freireuter ausgab, von demjenigen Regiment, wobei mich Herzbruder getan, als er mich zu Philippsburg von der Muskete erlöste, wie auch, daß ich aus dem Lager vor Breisach von den Weimarischen herkäme, unter welche ich vor Wittenweir gefangen und untergestoßen worden, und nunmehr wieder zu meinem Regiment unter die Bayrischen begehrte, gab er mir einen Musketierer zu, der mich zum Kommandanten führte. Derselbe lag noch in seiner Ruhe, weil er wegen seiner Geschäfte mehr als die halbe Nacht wachend zugebracht hatte, also daß ich wohl anderthalbe Stund vor seinem Quartier aufwarten mußte, und weil eben die Leut aus der Frühmeß gingen, einen großen Umstand von Bürgern und Soldaten bekam, die alle wissen wollten, wie es vor Breisach stünde? von welchem Geschrei der Kommandant erwachte und mich vor sich kommen ließ.

Er fing an, mich zu examinieren, und meine Aussag war wie unterm Tor; hernach fragte er mich sonderliche Partikularitäten von der Belagerung und sonsten, und damit bekennete ich alles, wie daß ich nämlich ein Tag oder vierzehen mich bei einem Kerl aufgehalten, der auch durchgangen, und mit demselben eine Kutsche angegriffen und geplündert hätte, der Meinung, von den Weimarischen so viel Beuten zu holen, daß wir uns daraus beritten machen und rechtschaffen montiert wieder zu unsern Regimentern kommen möchten, wir seien aber erst gestern von einem Korporal mit noch sechs andern Kerlen, die uns aufheben sollen, überfallen worden, dadurch mein Kamerad mit noch sechsen vom Gegenteil auf dem Platz geblieben, der siebent aber sowohl als ich, und zwar jeder zu seiner Partei, entlaufen sei; von dem aber, daß ich nach L. in Westfalen zu meinem Weib gewollt und daß ich zwei so wohlgefütterte Hinter- und Vorderstück anhatte, schwieg ich stockstill, und zwar so machte ich mir auch kein Gewissen darum, daß ichs verhehlete, denn was gings ihn an? Er fragte mich auch nit einmal darum, sondern verwunderte sich vielmehr und wollts fast nit glauben, daß ich und Olivier sollten sechs Mann niedergemacht und den siebenten verjagt haben, obzwar mein Kamerad mit eingebüßt. Mt solchem Gespräch gabs Gelegenheit von Oliviers Schwert zu reden, so ich lobte und an der Seiten hatte; das gefiel ihm so wohl, daß ichs ihm, wollte ich anders mit guter Manier von ihm kommen und Paß erlangen, gegen einen andern Degen, den er mir gab, überlassen mußte; in Wahrheit aber, so war dasselbe trefflich schön und gut, es war ein ganzer ewigwährender Kalender darauf geätzet, und lasse ich mir nicht ausreden, daß es nicht in Hora Martis von Vulcano selbst geschmiedet und allerdings zugerichtet worden sei, wie im ›Heldenschatz‹ eins beschrieben wird, wovon alle anderen Klingen entzweispringen und die beherztesten Feinde und Löwengemüter wie furchtsam Hasen entlaufen müssen. Nachdem er mich nun entließ und befohlen, einen Paß für mich zu schreiben, ging ich den nächsten Weg ins Wirtshaus und wußte nicht, ob ich am ersten schlafen oder essen sollte? denn es war mir beides nötig; doch wollt ich zuvor meinen Magen stillen, ließ mir derhalben etwas zu essen und einen Trunk langen, und machte Gedanken, wie ich meine Sachen anstellen möchte, daß ich mit meinem Geld sicher nach L. zu meinem Weib kommen möchte, denn ich hatte so wenig im Sinn zu meinem Regiment zu gehen, als den Hals abzufallen.

Indem ich nun so spekulierte, hinkte ein Kerl in die Stub, an einem Stecken in der Hand, der hatte einen verbundenen Kopf, einen Arm in der Schlinge und so elende Kleider an, daß ich ihm kein Heller darum geben hätte; sobald ihn der Hausknecht sah, wollte er ihn austreiben, weil er übel stank und so voll Läus kroch, daß man die ganze Schwabenheid damit besetzen könnte; er aber bat, man wollte ihm doch um Gottes willen zulassen, sich nur ein wenig zu wärmen, so aber nichts half; demnach ich mich aber seiner erbarmte und für ihn bat, wurde er kümmerlich zum Ofen gelassen: Er sah mir, wie mich dünkte, mit begierigem Appetit und großer Andacht zu, wie ich draufhieb, und ließ etliche Seufzer laufen, und als der Hausknecht ging, mir ein Stück Gebratens zu holen, ging er gegen mich zum Tisch zu und reichte ein irden Pfennighäfelein in der Hand dar, als ich mir wohl einbilden konnte, warum er käme. Nahm derhalben die Kanne und goß ihm seinen Hafen voll, ehe er heischte. »Ach Freund«, sagte er, »um Herzbruders willen gebt mir auch zu essen!« Da er solches sagte, ging mirs durchs Herz, und befand, daß es Herzbruder selbsten war, ich wäre beinahe in Ohnmacht gesunken, da ich ihn in einem so elenden Stand sah, doch erhielt ich mich, fiel ihm um den Hals und setzte ihn zu mir, da uns denn beiden, mir aus Mitleiden und ihm aus Freud, die Augen übergingen.

 << Kapitel 114  Kapitel 116 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.