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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 110
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 20. Kapitel

Heimkunft und Abschied des ehrbaren Studiosi, und wie er im Krieg seine Beförderung gesucht

»Da mich mein Vater heimbrachte, befand er, daß ich in Grund verderbt wäre; ich war kein ehrbarer Domine worden, als er wohl gehofft hatte, sondern ein Disputierer und Schnarcher, der sich einbildete, er verstehe trefflich viel! Ich war kaum ein wenig daheim erwarmt, als er zu mir sagte: ›Höre Olivier, ich sehe deine Eselsohren je länger je mehr hervorragen, du bist ein unnütze Last der Erden, ein Schlingel, der nirgendszu mehr taug! ein Handwerk zu lernen bist du zu groß, einem Herrn zu dienen bist du zu flegelhaftig, und meine Hantierung zu begreifen und zu treiben bist du nichts nutz. Ach was hab ich doch mit meinem großen Kosten, den ich an dich gewendet, ausgericht? Ich hab gehofft, Freud an dir zu erleben und dich zum Mann zu machen, so hab ich dich hingegen jetzt aus des Henkers Händen kaufen müssen: Pfui der Schand! Das beste wirds sein, daß ich dich in eine Kalmusmühl tue und Miseriam cum aceto schmelzen lasse, bis dir ohnedas ein besser Glück aufstößt, wenn du dein übel Verhalten abgebüßt haben würdest.‹

Solche und dergleichen Lectiones mußte ich täglich hören, bis ich zuletzt auch ungeduldig wurde und zu meinem Vater sagte: Ich wäre an allem nit schuldig, sondern er und mein Präceptor, der mich verführet hätte; daß er keine Freud an mir erlebe, wäre billig, sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht zu erfreuen, als die er gleichsam im Bettel verhungern lasse. Er aber ertappte einen Prügel und wollte mir um meine Wahrsagung lohnen, hoch und teur sich verschwörend, er wollte mich nach Amsterdam ins Zuchthaus tun. Da ging ich durch und verfügte mich selbige Nacht auf seinen unlängst erkauften Meierhof, sah meinen Vorteil aus und ritt seinem Meier den besten Hengst auf Köln zu, den er im Stall hatte.

Denselben versilberte ich und kam abermal in eine Gesellschaft der Spitzbuben und Diebe, wie ich zu Lüttich eine verlassen hatte, diese erkannten mich gleich am Spielen und ich sie hinwieder, weil wirs beiderseits so wohl konnten; ich verfügte mich gleich in ihre Zunft und half bei Nacht einfahren wo ich zukommen möchte, demnach aber kurz hernach einer aus uns ertappt wurde, als er einer vornehmen Frauen auf dem Alten Markt ihren schweren Beutel toll machen wollte, zumal ich ihn einen halben Tag mit einem eisern Halskragen am Pranger stehen, ihm auch ein Ohr abschneiden und mit Ruten aushauen sah, erleidet' mir das Handwerk, ließ mich derowegen für einen Soldaten unterhalten, weil eben damals unser Obrist, bei dem wir vor Magdeburg gewesen, sein Regiment zu verstärken Knecht annahm. Indessen hatte mein Vater erfahren, wo ich hinkommen, schrieb derhalben seinem Faktor zu, daß er mich auskundigen sollte, dies geschah eben, als ich bereits Geld auf die Hand empfangen hatte; der Faktor berichtet' solches meinem Vater wieder, der befahl, er sollte mich wieder ledig kaufen, es koste auch was es wolle; da ich solches hörte, fürchtete ich das Zuchthaus und wollt einmal nicht ledig sein. Hierdurch vernahm mein Obrister, daß ich eines reichen Kaufherrn Sohn wäre, spannete derhalben den Bogen gar zu hoch, daß mich also mein Vater ließ wie ich war, der Meinung, mich im Krieg ein Weil zappeln zu lassen, ob ich mich bessern möchte.

Nachgehends stund es nicht lang an, daß meinem Obristen sein Schreiber mit Tod abging, an dessen Statt er mich zu sich nahm, maßen dir bewußt: Damal fing ich an hohe Gedanken zu machen, der Hoffnung, von einer Staffel zur andern höher zu steigen und endlich gar zu einem General zu werden: Ich lernete von unserm Secretario, wie ich mich halten sollte, und mein Vorsatz groß zu werden verursachte, daß ich mich ehrbar und reputierlich einstellte und nit mehr, wie hiebevor meiner Art nach, mich mit Lumpenpossen schleppte; es wollte aber gleichwohl nicht hotten, bis unser Secretarius starb, da gedacht ich, du mußt sehen, daß du dessen Stell bekommst; ich spendierte wo ich konnte, denn als meine Mutter erfuhr, daß ich anfing gut zu tun, schickte sie mir noch immer Geld. Weil aber der junge Herzbruder meinem Obristen gar ins Hemd gebacken war und mir vorgezogen wurde, trachtet ich, ihn aus dem Weg zu räumen, vornehmlich da ich inne wurde, daß der Obrist gänzlich gewillet, ihm die Sekretariatsstelle zu geben. In Verzögerung solch meiner Beförderung, die ich so heftig suchte, wurd ich so ungeduldig, daß ich mich von unserm Profosen so fest als Stahl machen ließ, des Willens mit dem Herzbruder zu duellisieren, und durch die Kling hinzurichten; aber ich konnte niemals mit Manier an ihn kommen; so wehrete mir auch unser Profos mein Vorhaben, und sagte: Wenn du ihn gleich aufopferst, so wird es dir doch mehr schäd- als nützlich sein, weil du des Obristen liebsten Diener ermordt haben würdest', gab mir aber den Rat, daß ich etwas in Gegenwart des Herzbruders stehlen und ihm solches zustellen sollte, so wollte er schon zuwegen bringen, daß er des Obristen Gnad verliere. Ich folgte, nahm bei des Obristen Kindtauf seinen übergüldten Becher, und gab ihn dem Profosen, mit welchem er dann den jungen Herzbruder abgeschafft hat; als du dich dessen noch wohl wirst zu erinnern wissen, als er dir in des Obristen großem Zelt die Kleider auch voll junger Hündlein gaukelte.«

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