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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus - Kapitel 106
Quellenangabe
typefiction
booktitleSimplicius Simplicissimus
authorHans Jakob Christoph von Grimmelshausen
year1975
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05098-8
titleSimplicius Simplicissimus
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1667
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Das 16. Kapitel

Wie er Herzbruders Weissagung zu seinem Vorteil auslegt und deswegen seinen ärgsten Feind liebet

Unser Essen war weiß Brot und ein gebratener kalter Kalbsschlegel, dabei hatten wir einen guten Trunk Wein und ein warme Stub. »Gelt Simplici«, sagt' Olivier, »hier ists besser als vor Breisach in den Laufgräben?« Ich sagte: »Das wohl, wenn man solch Leben mit gewisser Sicherheit und bessern Ehren zu genießen hätte.« Darüber lachte er überlaut, und sagte: »Sind denn die armen Teufel in den Laufgräben sicherer als wir, die sich all Augenblick eines Ausfalls besorgen müssen? Mein lieber Simplici, ich sehe zwar wohl, daß du deine Narrnkapp abgelegt, hingegen aber deinen närrischen Kopf noch behalten hast, der nicht begreifen kann, was gut oder bös ist, und wenn du ein anderer als derjenige Simplicius wärest, der nach des alten Herzbruders Wahrsagung meinen Tod rächen solle, so wollte ich dich bekennen lehren, daß ich ein edler Leben führe als ein Freiherr.« Ich gedachte, was will das werden, du mußt ander Wort hervorsuchen als bisher, sonst möcht dich dieser Unmensch, so jetzt den Baurn fein zu Hilf hat, erst kaputt machen, sagte derhalben: »Wo ist sein Tag je erhört worden, daß der Lehrjung das Handwerk besser verstehe als der Lehrmeister? Bruder, hast du ein so edel glückselig Leben wie du vorgibst, so mache mich deiner Glückseligkeit auch teilhaftig, sintemal ich eines guten Glücks hoch vonnöten.« Darauf antwort Olivier: »Bruder sei versichert, daß ich dich so hoch liebe als mich selbsten und daß mir die Beleidigung, so ich dir heut zugefügt, viel weher tut als die Kugel, damit du mich an meine Stirn troffen, als du dich meiner wie ein tapferer rechtschaffener Kerl erwehrtest, warum wollte ich dir denn etwas versagen können? Wenn dirs beliebt, so bleibe bei mir, ich will für dich sorgen als für mich selbsten, hast du aber keine Lust bei mir zu sein, so will ich dir ein gut Stück Geld geben und begleiten, wohin du willst. Damit du aber glaubest, daß mir diese Wort von Herzen gehen, so will ich dir die Ursach sagen, warum ich dich so hoch halte: Du weißt dich zu erinnern, wie richtig der alte Herzbruder mit seinen Prophezeiungen zugetroffen, schaue, derselbe hat mir vor Magdeburg diese Wort geweissagt, die ich bishero fleißig im Gedächtnis behalten: ›Olivier, siehe unsern Narrn an wie du willst, so wird er dennoch durch seine Tapferkeit dich erschrecken und dir den größten Possen erweisen, der dir dein Lebtag je geschehen wird, weil du ihn dazu verursachest in einer Zeit, darin ihr beide einander nicht erkennet gehabt, doch wird er dir nit allein dein Leben schenken, so in seinen Händen gestanden, sondern er wird auch über ein Zeitlang hernach an dasjenig Ort kommen, da du erschlagen wirst, daselbst wird er glückselig deinen Tod rächen.‹ Dieser Weissagung halber, liebster Simplici, bin ich bereit mit dir das Herz im Leib zu teilen, denn gleichwie schon ein Teil davon erfüllt, indem ich dir Ursach geben, daß du mich als ein tapferer Soldat vor den Kopf geschossen und mir mein Schwert genommen (das mir freilich noch keiner getan), mir auch das Leben gelassen, da ich unter dir lag und gleichsam im Blut erstickte; also zweifle ich nicht, daß das übrige von meinem Tod auch im wenigsten fehlschlagen werde. Aus solcher Rach nun, liebster Bruder, muß ich schließen, daß du mein getreuer Freund seiest, denn dafern du es nicht wärest, so würdest du solche Rach auch nicht über dich nehmen; da hast du nun die Concepta meines Herzens, jetzt sag mir auch, was du zu tun gesinnet seiest?« Ich gedachte: »Trau dir der Teufel, ich nicht! nehm ich Geld von dir auf den Weg, so möchtest du mich erst niedermachen, bleib ich denn bei dir, so muß ich sorgen, ich dürfte mit dir gevierteilt werden«; setzte mir demnach vor, ich wollt ihm eine Nas drehen, bei ihm zu bleiben, bis ich mit Gelegenheit von ihm kommen könnte, sagte derhalben, so er mich leiden möchte, wollte ich mich ein Tag oder acht bei ihm aufhalten zu sehen, ob ich solche Art zu leben gewöhnen könnte, gefiel mirs, so sollte er beides einen getreuen Freund und guten Soldaten an mir haben, gefiel mirs nit, so sei allezeit gut voneinander scheiden. Darauf setzt' er mir mit dem Trunk zu, ich getraute aber auch nicht und stellte mich voll ehe ichs war zu sehen, ob er vielleicht an mich wollte, wenn ich mich nicht mehr defendieren könnte.

Indessen plagten mich die Müllerflöhe trefflich, deren ich eine ziemliche Quantität von Breisach mit mir gebracht hatte, denn sie wollten sich in der Wärme nicht mehr in meinen Lumpen behelfen, sondern spazierten heraus, sich auch lustig zu machen. Dieses nahm Olivier an mir gewahr und fragte, ob ich Läus hätte? Ich sagte: »Ja freilich, mehr als ich mein Lebtag Dukaten zu bekommen getraue.« »So mußt du nit reden«, sagte Olivier, »wenn du bei mir bleibest, so kannst du noch wohl mehr Dukaten kriegen, als du jetzt Läus hast.« Ich antwortet: »Das ist so unmöglich, als ich jetzt meine Läus abschaffen kann.« »O ja«, sagte er, »es ist beides möglich«, und befahl gleich dem Baurn, mir ein Kleid zu holen, das unfern vom Haus in einem hohlen Baum stak, das war ein grauer Hut, ein Koller von Elen, ein Paar rote scharlachner Hosen und ein grauer Rock, Strümpf und Schuh wollte er mir morgen geben. Da ich solche Guttat von ihm sah, getraute ich ihm schon etwas Bessers zu als zuvor und ging fröhlich schlafen.

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