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Sigwalt und Sigridh

Felix Dahn: Sigwalt und Sigridh - Kapitel 8
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authorFelix Dahn
titleSigwalt und Sigridh
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VIII.

Zur gleichen Stunde saßen Odin und Frigga nebeneinander auf dem Doppelhochsitz zu Hlidskialf, Odins Halle, von wannen er alle neun Welten überblicken mag. Und beide schauten durch das flimmernde Mondlicht der Sommernacht in das offne Fenster zum Schlafhause und sahen ihn liegen, den lächelnden Träumer, der im Schlaf weilings abgerissene Worte sprach und mit dem rechten Arm manchmal ausholte, aber nicht gar weit, als wolle er eine nahe Gestalt noch näher an sich ziehn.

Die Göttin hatte den Arm vertraulich auf die linke Schulter des Gatten gelehnt, der, den Speer zwischen den beiden Füßen auf den Boden gestützt, die Spitze über die rechte Schulter gelehnt, sinnend hinabblickte: langsam strichen die Finger seiner Linken durch den wirren Bart. Scharf sah sie auf ihn, wie um hinter der gewaltigen Stirne seine Gedanken zu lesen, aber nicht umsonst hieß er der unergründliche Grübler.

»Arger Gott...« begann sie. Da wandte er ihr voll das Antlitz zu: schön stand ihm das heiter überlegne Lächeln, das die bärtigen Lippen leis öffnete: »Dieser Ansprache hast du mich gewöhnt. Auswendig kann ich sie. Willst du sie nicht künftig weglassen? Sie versteht sich von selbst!« Und ruhig sah er wieder hinab. – »Wie lange noch,« fuhr sie ungeduldig fort, »soll dieses Spiel währen?« – »Es ist kein Spiel. Ich sorge, es wird bittrer Ernst.« – »Seit lange, lange – seit er sie zuerst geschaut! – quält ihn die sehnende Liebe. Und länger noch quält liebendes Sehnen Guntfride, meine sanfte Lieblingin. Der stattliche Held, ihm gebührt die Gattin am Herde, Und soll das nicht mein braun jung Rehlein werden, – warum gibst du ihm – deinem Patsohn, deinem Schützling! – nicht ein ander würdig Gemahl!« Odin lupfte leicht die Schultern, wie er pflag, lehnte er ab. »Bin ich der Gott der Verliebten? Rufe Freia. Die versteht das und tut das. Und wie gern!« lachte er. – »Du entschlüpfest mir nicht!« – »Arger Gott!« lächelte Odin, – »Warum gaukelst du dem Sehnenden so oft – wie gerade jetzt wieder! – im Traum ihr Bildnis vor?« – »Der arme Junge! Solchen Liebesgenuß – außer der Ehe! – selbst deine Gestrengheit mag ihm den doch gönnen!« – »Warum tust du das?« – »Er– er soll ihrer nicht vergessen. Und soll gern in Kampf und Schlacht reiten, weil er weiß, sie ist ihm dann helfend nah.« – »Und weshalb führst du die beiden zusammen mit der Linken und hältst sie auseinander mit der Rechten?« – »Weil...: – viel fragt forschende Frau! Weil die Nornen mir verkündet, ihr Geschick sei eng verbunden. Und um dieser sehnenden Liebe willen werde er den Bluttod sterben. Dann aber kann er eingehn unter die Einheriar nach Walhall, wie vor ihm sein Vater.« – »Nun wohl, so gib ihm Sigridh zum Weibe.« Leicht kopfschüttelnd blies er mit leisem Spott in den Bart: »Puh! Weiter nichts? Meine Walküren sollen nicht Kindlein wiegen. Brauche sie zu besserem Werk!« – »Nicht besser Werk ward dem Weibe.« – »Meinst du? Anders denkt Sigridh, mein kühnherzig Kind. Frage die Frohe.« – Da erhob sich die Göttin vom Sitze, hoheitvoll: ein edles Feuer leuchtete aus ihren großen Augen: »Ich habe sie gefragt.« – »Nun?« meinte Odin sehr ruhig. – »Vielmehr – sie fragte mich.« – »Das wäre!« rief er jetzt, unwillig. – »Ja, grübelnder Ase, Vielkluger, Vielwissender: alles weißt du denn doch nicht.« – »Ach nein! Nicht einmal die Nornen!« – seufzte er. – »Viele Rätsel weißt du zu raten! Doch in der Mädchen Herzen, in der Weiber Seelen ...« – »Oft schaltest du schon,« lächelte er, »der ,arge Gott' sei darin nur allzuviel erfahren;« er lächelte vergnüglich vor sich hin. – »Spotte nicht! Ich fürchte, diese beiden machen dir den Spott vergehn! – Höre denn. Wenig Freude hab' ich an deiner Wunschmaide wilder, tobender Schar: nicht meine Töchter sind es!« – »Es wären dir wohl zu viele geworden,« flüsterte er lächelnd, aber unhörbar, sie nicht zu kränken. »Ehelos gezeugt sollen sie der Ehe fremd bleiben.« – »Das sollen sie! Höherer Freuden genießen sie.« – »Aber zuweilen durchbricht die echte Weibesart in ihnen deine Pläne. Gedenkst du noch Hildens? Und ist es dir etwa nach Wunsch und zu Freude geraten, daß du durch allerlei Zauber deinen Liebling Brunhild und deinen Enkel Sigurdh getrennt?« – »Schweig mir davon!« grollte er finster. – »So trotzt auch Sigridhens Weibesherz deinem Willen. Längst hatt' ich's erkannt: – du nicht, du großer Ergrübler! – nicht die Walküre, die Liebende in ihr war's und ist's, die so eifrig, so treu ihn beschützte und beschützt, wie nie Walküre getan.« – Ein ungläubiger Blick traf sie von der Seite: »Eia! Nein! So wollte ich nicht. Nur er sollte ...« – »Ja,« lachte die schöne Göttin und warf die dichten weizenblonden Doppelflechten über die Schultern zurück, »so wolltest du. Aber so will nicht sie! Wisse denn: manche Nacht, wann du ihm ihr Traumbild gezeigt, saß sie selber leibhaftig an seinem Lager.«

Auf sprang der Gott und stieß den Speer auf den Estrich, daß der erdröhnte. »Sie hat es gewagt? Die Walküre! Und du, strenge Göttin, du hast es gewußt und geduldet?« – »Gern! Denn kein Unrecht geschah dabei. Sittig saß sie neben seinem Pfühl, unerreichbar seinem greifenden Arm.« – »Er sah sie ja nicht!« – »Doch! Ich hatte ihm die Augen berührt, daß er sie sah mit geschlossenen Lidern. Ei, seliger machte ihn das als dein Traumgespenst.« – »Und du – Frigga! – hast meine Walküre betört, hast mit ihr zusammen ...« – »Behüte! Sie ahnt nicht, daß ich um ihre Liebe weiß, daß ich sie schweben sah in sein Gemach.« – »Aber warum ...?« – »Weil ich will, – nachdem Guntfrid ausgeschlossen! – daß diese Liebe Ehe wird. Nur Ehe ist echte Liebe.« – »Nimmermehr! Eh' töt' ich ihn: Jungfrau bleibt mir Sigridh und Walküre. Sie wird! Sie will's selbst.«

»Glaubst du? – Wohlan, so höre alles. Gestern suchte sie mich in dem stillsten Gemach von Fensal, trat vor mich hin und sprach: – zwar übergoß ihr holde Scham dabei die Wangen, aber fest sah sie mir ins Auge: ›Hilf, Ehegöttin! Nicht Freia ruf' ich an: wir bedürfen ihrer nicht: – Sigwalt, mein' ich, der Held, und ich. Er liebt mich, oft rief er's im Schlaf. Und sein ist mein Herz. Und mein Leben. Hilf, daß wir zusammen kommen am ehelichen Herd. Siegvater hat verwehrt, mich ihm zu zeigen, bis er selbst mich entsendet: sonst droh' ihm Verderben. Das allein hält mich ab: sonst hätt' ich längst dem Verbote getrotzt.‹« – »Verwegene!« – »›Du aber,‹ – fuhr sie fort –, ›die sie die Harte schelten, ich weiß: du schirmst, ja, du bist selbst die wahre Liebe. Dich ruf' ich an. – Du bist nicht meine Mutter: – die Erdenfrau starb, sobald sie mich geboren: – aber als die gütige Mutter aller Weiber ruf' ich dich an: wende Siegvaters Willen.‹« – Unmutig schüttelte der das mächtige Haupt. – »›Oder ersinne – listig, sagt man, ist dein Sinn! – erfinde einen Ausweg aus seinem Verbot.‹« – Da lachte Odin grimmig vor sich hin: »Wird dir schwer werden!« – »Ich will nicht erlisten: erweichen, erbitten will ich dich!« Und leise zog sie ihm Haupt und Nacken näher an ihren Busen. – Aber ungestüm riß er sich los und schritt hinaus: »Spare das! Nie! Sie bleibt Walküre.«

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