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Sigwalt und Sigridh

Felix Dahn: Sigwalt und Sigridh - Kapitel 6
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authorFelix Dahn
titleSigwalt und Sigridh
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VI.

Und wäre nun viel davon zu sagen, wie Sigwalt mit seinen beiden Schiffen, vor gutem Winde treibend, gar rasch an die Küste seiner Heimat gelangte, wie sie landeten, wie aus allen Heraden und Fylkir die Männer herbeieilten, auf die Kunde, König Sigwins Sohn sei heimgekehrt, sein Erbe zu nehmen von dem Landräuber und die gequälten Odalbauern und Bonden zu befreien von Druck und Jochzwang. Und wie sein Haufe schnell anwuchs – wie ein Schneeklumpen, der vom Gletscher herabrutscht, – so daß er nach wenigen Nächten den Gewaltherrn aufsuchen konnte in seiner festen Zwingburg, die er sich nahe der alten Königshalle aufgetürmt hatte am Haugar-Fjord, unter harter Fron der Bauern ringsum. Und wie bei dem ersten Sturmlauf jung Sigwalts Adlerhelm der früheste war, der auftauchte oberhalb des äußern Ringwalls, wie der Schwarzkönig von dem höheren inneren Ringwall herab mit beiden Händen einen viel hundert Pfund schweren zackigen Felsstein wohlgezielt auf dessen Helm schleuderte, unvermerkt von dem Jüngling, so daß der alte Arn hinter ihm, ohnmächtig, seinem jungen Herrn zu helfen, laut aufschrie vor Schreck, wie aber der Fels, gerade bevor er die Spitze der Adlerschwingen erreichte, seitwärts absprang, wie von unsichtbarem Schild aufgefangen, zum Staunen von Feind und Freund. Wie dann der Königssohn auch den zweiten Wall erklomm und auf der Krone Swen, der sich grimmig wehrte, mit dem Speere durchstach. Wie dann alles Volk zum Ding gebannt wurde bei der alten Halga-Björg und wie der Sieger, hier von allen Männern zum König von Halgaland gekoren, den Hochsitz seines Vaters in der Halle bestieg. Aber oft kömmt kurze Kunde dem Ohr willkommener als langes Lied und auch wuchtigem Werk genügen oft wenige Worte.

König Sigwalt sandte nun die hundert Kentuwaren, reich bedankt und reich beschenkt für sie selbst, für König Hengist und dessen Tochter nach Hause, und wandte all' seine Sorge dem so lang und schwer bedrückten Volke zu. Er erließ die Schätzung, die der Goldgehrende allen Freimännern und Freihöfen aufgebürdet und spendete reich aus dem Horte, den der Harte habsüchtig hochgehäuft. Und sangen bald die Skalden seiner Taten im Kampf und im Frieden Lob in Liedstäben, von denen manche auch in diese Schlichtrede einschlüpften.

Allein der junge Herrscher ward gar oft abgerufen aus den milden Werken des Friedens durch neue und alte Feinde. Tostig, Swens Sohn, den der zum Jarl von Hardaland bestellt hatte, war auf Raubfahrt fern gewesen in den blauen Meeren von Grêka-Land, als der Gewaltherr fiel. In die Heimat zurückgekehrt, gelobte er Blutrache für den Vater und fiel heerend ein in Halgaland: mächtig und gefährlich war er durch die Waffen ungezählter Wikinger, die, seine alten Raubgenossen in gar mancher kühnen Fahrt, dem Jarl gegen Goldsold und um der Beute willen eifrig halfen: denn Tostig hatte ihnen geeidet, schonungslos sollten sie morden, brennen, rauben, Weiber und Kinder fortschleppen, das ganze Land wüsten und öden dürfen. Das taten sie denn nach Herzensbegehr und desgleichen Tostig der Bluträcher und seine grimmen Männer aus Hardaland. So mußte denn König Sigwalt gar oft ausziehen bald zu Land, bald zur See, seine Bauern zu schützen. Dabei staunten nun wieder gar mächtig Feind und Freund: nicht nur, daß er niemals sieglos ward, – treu, wie ein zahmer Edelfalk, sangen die Skalden – schwebte der Sieg ob dem blaugrauen Banner – stärker noch, daß der Held unverwundbar schien, wie durch Zauber gefeit. Jauchzend warf er sich in die Speere, in jede Gefahr: und nicht die Haut ward ihm geritzt in so vielen, vielen Gefechten. Ohne Gesichtsberge war sein Helm: offen trug er das Antlitz dem Feind entgegen, in den dichtesten Keil der Speerwerfer von Hardaland sprang er, in das Schwirrgewölk der Pfeile der finnischen Bogenschützen, die der Jarl geworben: jede Spitze, mit dem Saft der Tollkirsche oder dem Gift der Kupferotter bestrichen, trug den sichern Tod in jeden Ritz der Haut: – aber hart vor seiner Stirn prallten sie zurück, wie erschrocken vor der grauen Augen zornigem Blitz.

Einmal sprengte er – allzukühn! – den Seinen weit voraus einen kahlen Steilfels hinan, von dessen Krone die Feinde zu vertreiben. Sein Schwarzroß strauchelte und fiel auf die Kniee: der Reiter konnte es nicht aufreißen: in der Linken, der Zügelhand, trug er zugleich den schweren Schaft des Rabenbanners, das er nicht preisgeben wollte, sowenig wie in der Rechten das Schwert: denn schon waren die Lanzenträger des Jarls, von oben herabgesprungen in wilden Sätzen, ganz nahe: lebend hofften sie den hilflosen Reiter im wankenden Sattel zu greifen: – da riß – so schien es – eine unsichtbare Hand den schnaubenden Hengst in die Höhe und nieder zu Boden rannte er in raschem Anlauf die Vordersten.

Ein andermal war Sigwalt, nur von Arngrimr begleitet, zur Nacht ausgefahren in kleinem Boot, die Ankerungen zahlreicher Wikinger aus Dänenland heimlich zu erkunden, die sich vor dem Haugar-Fjord geschart hatten, alsbald ein paar hundert Räuber zu landen und abermals alle Schrecken der Heerung in Sigwalts Königsfrieden zu tragen. Trefflich war die Spähung gelungen: die wenig Vorsichtigen schmausten, zechten und lärmten an Bord: kurz vor Sonnenaufgang wandten die Kühnen das Schifflein gen Norden, ungesehen nach Hause zu kommen mit wichtiger Kundschaft. Aber plötzlich erhob sich – gerade als die Sonnenscheibe über die Meeresfläche gestiegen war und sie weithin erhellte – ein furchtbarer Sturm aus Nordnordost, dem weder Segelkunst noch Ruderkraft gewachsen war: trotz alles Wider-Ringens der vier starken Arme ward das kleine Fahrzeug wie ein schwimmender Strohhalm zurückgeworfen nach Südsüdwest, zurück ganz in die Nähe der feindlichen Drachen. Bald hatte man nun von deren Mastkörben aus die hilflos Treibenden entdeckt, erkannt: und jene hochbordigen, tiefgehenden, steuergehorsam gebauten Orlogschiffe, von hundert Rudern beflügelt, konnten es wagen, dem Sturm entgegenzufahren, – wie oft taten sie das zu eitel Lustbarkeit! – und jene Nußschale abzufangen oder durch das bloße Anfahren umzustürzen. Alsbald sahen die Bedrängten die stolzen Drachen von vorn und von beiden Flanken heranrauschen.

»In die Schären dort, gen Osten, nah zu Land!« gebot der König, der – stehend – das Steuer führte. »Leg dich aus! Zieh so stark du kannst. In jenes Seicht können uns die Tiefgänger nicht folgen sonst zerschellen sie am Geklipp ringsum!« Mit der Kraft der Verzweiflung arbeiteten die beiden Männer, Und wirklich gelang der verwegene Plan: ohne aufzurennen – Arngrimr staunte über des Königs Steuerkunst, aber dieser selbst noch mehr! – schoß der flache Kiel durch einen gefährlich schmalen Spalt mitten in das Gewirr der Basalt-Klippen, die zum Teil aus dem Wasser ragten, zum Teil wie schwarze Seeungetüme hart unter der Oberfläche zu lauern schienen. Und die feindlichen Schiffe vermieden es weislich, den Flüchtlingen hierher zu folgen. Aber, o Schrecken! Sie ließen vor der einzigen Öffnung der kreisförmigen Schären die Anker nieder und hielten jene enge Spalte bewacht, durch die das Bot allein wieder ausfahren konnte.

Die beiden schienen verloren! Verhungern oder sich gefangen geben: – es blieb nichts drittes: sie waren schon gefangen in dem Kessel, in welchem die Brandung, wütend kreiselnd, den weißen Gischtschaum der giftig-hellgrünen Wogen hoch über die Klippen, über die Helme der Männer schleuderte, das kleine Boot fortwährend im Kreise herumwirbelte und so tief mit Wasser füllte, daß es zu sinken drohte: es war ein ohnmächtig Bemühen, diese Wassermengen mit den beiden gewölbten Schilden auszuschöpfen.

»Wir sinken,« sprach der König, das nutzlose Werk aufgebend; »Dank für deine Treue. So greifen sie uns doch nicht lebend.« Und er ließ den Schild auf den Boden des Nachens gleiten.

»Halt!« rief Arngrimr. »Schau dorthin – dort im Westen. Plötzlich! Was fliegt da Weißes, was läßt sich herab hoch aus der Luft?« – »Ein weißer Schwan!« – »Unmöglich! So weit im Meer!« – »Bei solchem Sturm!« – »Da! Zwischen uns und dem Lande schwimmt er.« – »Sieh, er schwebt hoch auf den Wellenkämmen, die müssen ihn tragen. Nach Osten schwimmt er pfeilgerade,« – »Nun muß er zerschellen an jener schwarzen Felswand.« – »Nein! Schau! Da öffnet sich vor ihm ein gähnender Spalt.« – »Den sah ich doch zuvor nicht!« – »Brandung deckte ihn und Schaum,« – »Der Schwan schwimmt darauf los.« – »Durch schwimmt er. Er ist verschwunden!« – »Er ist draußen, in der Weitsee!« – »Folgen wir ihm!« – »Wir sind gerettet!«

Und sie ruderten mit allen Kräften auf den neu entdeckten Spalt zu: haarscharf schoß das schmale Schifflein durch die Enge, nicht ohne an beiden Borden scharf angeschrammt zu werden. Aber nun waren sie draußen, ostwärts vor dem Kreise der Klippen und durch deren hohe Wände hier den Blicken der Feinde entzogen.

»Schau! Der Schwan! Er fliegt. Denn der Sturm läßt nach.« – »Er sucht Land! Der kennt sicher den Weg. Er zeigt ihn uns! Folgen wir ihm. An Land!« – »In die Heimat! In die Freiheit!«

Als aber der alte Arn das von dem Schwan vernahm, nickte er bedeutsam mit dem Haupte: »Das war kein Federvieh! Fliegt nicht im Meersturm. Das war eine Schwanenjungfrau, Siegvaters rettende Botin.« – »Du magst wohl Recht haben,« meinte Sigwalt. – »Ach, nur einmal wieder sie schauen!« seufzte er leise und traurig.

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