Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Sigwalt und Sigridh

Felix Dahn: Sigwalt und Sigridh - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
authorFelix Dahn
titleSigwalt und Sigridh
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid6a31dbdf
created20070410
Schließen

Navigation:

XII.

Allein viel länger, als die Kühnen gehofft, ließen sie auf sich warten, Odins Raben und Rache. Sie wußten ja nicht, – auch nicht Sigridh – daß am frühen Morgen des Tages ihrer Vereinigung schlimme Botschaft aus Riesenheim den König der Asen und fast alle seine Scharen abgerufen hatte zu langer, langwieriger Heerfahrt.

Die Feuerriesen hatten vom Südende Midhgardhs, von Muspelheim her, den Erdwall, den die Menschen dort unter Thors Leitung errichtet, in plötzlichem, unaufhaltbarem Einsturm durchbrochen, indem sie – auf Lokis geheimen Rat – nicht wagrecht, von außen, sondern senkrecht, aus der Tiefe aufsteigend, aus feuerspeienden Bergen, Erdspalten und heißen Wasserdampf zischenden Geisern, von unten nach oben, das müheschwere Werk in einer Nacht zerstört hatten. Unhemmbar ergossen sie nun flammende Zerstörung über die Siedelungen der Menschen, die verzweifelnd die Hilfe der Götter anriefen.

Allvater eilte, sie zu bringen. War doch die Lohe so plötzlich und so hoch emporgezüngelt, daß sie sogar Hugins, des schnellen und klugen Raben, linke Schwinge angesengt und der treue Bote, nur mühsam flatternd, mit seiner Schreckenskunde die goldenen Zinnen von Asgardh erreicht hatte. Sofort befahl Odin Heimdall, in das gellende Horn zu stoßen und sobald Frigga ihn vollgewaffnet hatte – obwohl sie mit Kinde ging, ließ sie sich das nicht wehren! – stürmte er auf dem raschen Luftroß dem ganzen Aufgebot der Götter und der Einheriar vorauf gen Mittag: zum Schutz Asgardhs und der Göttinnen hatte er nur Heimdall an der Regenbogenbrücke, dann eine Schar Einheriar zurückgelassen – und die Walküren.

So hatte Sigridh, vor Tagesanbruch enteilt, keine Mahnung zur Heerfahrt erhalten: ihr Fehlen fiel auch später nicht gleich auf: waren doch die Schildmaide, denen einzelner Helden Beschirmung übertragen, gar oft und lang über die Länder und Meere verstreut.

Monde, viele Monde vergingen und die Scharen von Asgardh weilten immer noch fern: nicht zu bemeistern war in der Glut der Sommerhitze der feuerflammende Feind, auch nicht in dem warmen Herbst des Südens: erst während des kalten Winters gelang es allmählich, die Feuerriesen langsam zu bändigen und endlich zurückzudrängen.

Das Fernbleiben Sigridhs – nach geraumer Zeit – blieb Frigga freilich nicht verborgen: sie ahnte deren Tat, erriet deren Aufenthalt. So bestätigte nur, was sie gefürchtet, Gna, ihre rasche Botin, die sie in Schwalbengestalt entsendet hatte nach Halgaland. »Man ehrt sie dort hoch in der Halle,« berichtete die Wohlwollende, »als echte Herrin. ›Frau Königin‹ grüßen sie Hallmänner und Gäste. Freilich,« fügte sie zögernd bei, »nicht Ehegürtel trägt sie, nicht Ehring.« – »Nicht möcht' ich's ihr raten,« grollte die Göttin. – »Sie ist so schön, so rührend in ihrem Glück – in ihrer Zärtlichkeit ...« – »Weh ihr und ihrer freveln Umarmung! Ich kann sie nicht mehr schützen vor ihres Vaters Zorn: sie strafen ist sein Recht: ich greife ihm nicht vor.«

So hatte das Paar geraume Zeit ungestörten Glückes gewonnen. Als aber Odin endlich – nach neun Monden – siegreich heimgekehrt war und der scharfäugige Hugin bei einem Flug über Halgaland hin sofort alles erschaut und seinem Herrn in Asgardh verkündet hatte, da entbrannte der in so furchtbaren Zorn, wie ihn Frigga und die andern Asen nie an ihm gesehen. Nicht rote Lohen des Grimmes, wie sonst wohl, stiegen ihm in Wangen und Stirn, – er erbleichte vor Wut. Wort und Stimme versagten ihm. Stumm hob er den Speer, ihn drohend gen Halgaland schüttelnd, und gewaltig ausschreitend gen Osten, wo Sigwalts Lande lagen. Aber plötzlich blieb er stehen und wandte sich nordwärts.

»Wohin?« rief ihm Frigga von der Schwelle nach, bis wohin sie ihm erbangend gefolgt war.

»Erst zu den Nornen: dann zu – – ihr,« sprach er zurück, an der Türe vorbeischreitend. »Nicht ihm zürne ich: nichts habe ich ihm verboten, nicht er brach meinen Willen. Daß Mannes Heißliebe auch einer Jungfrau nicht schont, – man hat's schon oft erlebt.«

»Du selbst. Man weiß es,« grollte Frigga.

»Aber sie, mein Kind, mein Blut ...«

Freia im roten Gelock war lauschend in die offne Türe getreten: »Wohl eben deswegen!« wagte sie zu lächeln. Aber erschrocken, verschüchtert entwich sie ins Haus, als er ihr zuherrschte: »Du, ew'ge Verführerin, schweig! – Sigridh! Sie soll's bereuen!« – »Das wird sie nie,« sprach Frigga, »wie ich sie kenne. Wahrlich, vor vielen andern war sie würdig des Ehrings,« schloß sie seufzend.


Als Odin von den Nornen wiederkehrte, war der heiße Zorn kalter Ruhe gewichen; unheimlich ruhig – lächelnd, – sprach er, den gefürchteten Speer an die Hallenwand lehnend: zu Frigga, die Widar, den Knaben, an der Brust hielt, den sie während des Vaters Abwesenheit geboren: »Nun brauche ich nicht mehr ihr die Strafe zu ersinnen. Das Schicksal wird sie strafen an meiner Statt. Und das ist gut. Das Schicksal ist unerbittlich, nicht – wie du weißt! – Allvater.«

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.