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Gutenberg > Richard Wagner >

Siegfried

Richard Wagner: Siegfried - Kapitel 3
Quellenangabe
typeopera
booktitleSiegfried
authorRichard Wagner
titleSiegfried
pages2-226
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Mime, Wanderer (Wotan)

Wanderer
Heil dir, weiser Schmied!
Dem wegmüden Gast
gönne hold des Hauses Herd!

Mime
Wer ist's, der im wilden Walde mich sucht?
Wer verfolgt mich im öden Forst?

Wanderer
»Wand'rer« heißt mich die Welt;
weit wandert' ich schon:
auf der Erde Rücken rührt' ich mich viel.

Mime
So rühre dich fort und raste nicht hier,
nennt dich »Wand'rer« die Welt!

Wanderer
Gastlich ruht' ich bei Guten,
Gaben gönnten viele mir:
denn Unheil fürchtet, wer unhold ist.

Mime
Unheil wohnte immer bei mir:
willst du dem Armen es mehren?

Wanderer
Viel erforscht' ich, erkannte viel:
Wicht'ges konnt' ich manchem künden,
manchem wehren, was ihn mühte,
nagende Herzensnot.

Mime
Spürtest du klug
und erspähtest du viel,
hier brauch' ich nicht Spürer noch Späher.
Einsam will ich und einzeln sein,
Lungerern lass' ich den Lauf.

Wanderer
Mancher wähnte weise zu sein,
nur was ihm not tat, wußte er nicht;
was ihm frommte, ließ ich erfragen:
lohnend lehrt' ihn mein Wort.

Mime
Müß'ges Wissen wahren manche:
ich weiß mir grade genug.
Mir genügt mein Witz,
ich will nicht mehr:
dir Weisem weis' ich den Weg!

Wanderer
Hier sitz' ich am Herd
und setze mein Haupt
der Wissenswette zum Pfand:
Mein Kopf ist dein,
du hast ihn erkiest,
erfrägst du dir nicht,
was dir frommt,
lös' ich's mit Lehren nicht ein.

Mime
Wie werd' ich den Lauernden los?
Verfänglich muß ich ihn fragen,
Dein Haupt pfänd' ich für den Herd:
nun sorge, es sinnig zu lösen!
Drei der Fragen stell' ich mir frei.

Wanderer
Dreimal muß ich's treffen.

Mime
Du rührtest dich viel
auf der Erde Rücken,
die Welt durchwandertst du weit;
nun sage mir schlau:
welches Geschlecht tagt in der Erde Tiefe?

Wanderer
In der Erde Tiefe tagen die Nibelungen:
Nibelheim ist ihr Land.
Schwarzalben sind sie;
Schwarz-Alberich hütet' als Herrscher sie einst!
Eines Zauberringes zwingende Kraft
zähmt' ihm das fleißige Volk.
Reicher Schätze schimmernden Hort
häuften sie ihm:
der sollte die Welt ihm gewinnen.
Zum zweiten was frägst du, Zwerg?

Mime
Viel, Wanderer, weißt du mir
aus der Erde Nabelnest:
nun sage mir schlicht,
welches Geschlecht ruht auf der Erde Rücken?

Wanderer
Auf der Erde Rücken
wuchtet der Riesen Geschlecht:
Riesenheim ist ihr Land.
Fasolt und Fafner, der Rauhen Fürsten,
neideten Nibelungs Macht;
den gewaltigen Hort gewannen sie sich,
errangen mit ihm den Ring.
Um den entbrannte den Brüdern Streit;
der Fasolt fällte, als wilder Wurm
hütet nun Fafner den Hort.
Die dritte Frage nun droht.

Mime
Viel, Wanderer, weißt du mir
von der Erde rauhem Rücken.
Nun sage mir wahr,
welches Geschlecht wohnt auf wolkigen Höh'n?

Wanderer
Auf wolkigen Höh'n wohnen die Götter:
Walhall heißt ihr Saal.
Lichtalben sind sie;
Licht-Alberich, Wotan, waltet der Schar.
Aus der Welt-Esche weihlichstem Aste
schuf er sich einen Schaft:
dorrt der Stamm, nie verdirbt doch der Speer;
mit seiner Spitze sperrt Wotan die Welt.
Heil'ger Verträge Treuerunen
schnitt in den Schaft er ein.
Den Haft der Welt hält in der Hand,
wer den Speer führt,
den Wotans Faust umspannt.
Ihm neigte sich der Niblungen Heer;
der Riesen Gezücht zähmte sein Rat:
ewig gehorchen sie alle
des Speeres starkem Herrn.
Nun rede, weiser Zwerg:
wußt' ich der Fragen Rat?
Behalte mein Haupt ich frei?

Mime
Fragen und Haupt hast du gelöst:
nun, Wand'rer, geh deines Wegs!

Wanderer
Was zu wissen dir frommt,
solltest du fragen:
Kunde verbürgte mein Kopf.
Daß du nun nicht weißt,
was dir frommt,
des fass' ich jetzt deines als Pfand.
Gastlich nicht galt mir dein Gruß,
mein Haupt gab ich in deine Hand,
um mich des Herdes zu freun.
Nach Wettens Pflicht pfänd' ich nun dich,
lösest du drei der Fragen nicht leicht.
Drum frische dir, Mime, den Mut!

Mime
Lang schon mied ich mein Heimatland,
lang schon schied ich aus der Mutter Schoß;
mir leuchtete Wotans Auge,
zur Höhle lugt' es herein:
vor ihm magert mein Mutterwitz.
Doch frommt mir's nun, weise zu sein,
Wandrer, frage denn zu!
Vielleicht glückt mir's, gezwungen
zu lösen des Zwergen Haupt.

Wanderer
Nun, ehrlicher Zwerg,
sag mir zum ersten:
welches ist das Geschlecht,
dem Wotan schlimm sich zeigte
und das doch das liebste ihm lebt?

Mime
Wenig hört' ich von Heldensippen;
der Frage doch mach' ich mich frei.
Die Wälsungen sind das Wunschgeschlecht,
das Wotan zeugte und zärtlich liebte,
zeigt' er auch Ungunst ihm.
Siegmund und Sieglind' stammten von Wälse,
ein wild-verzweifeltes Zwillingspaar:
Siegfried zeugten sie selbst,
den stärksten Wälsungensproß.
Behalt' ich, Wand'rer, zum ersten mein Haupt?

Wanderer
Wie doch genau das Geschlecht du mir nennst:
schlau eracht' ich dich Argen!
Der ersten Frage wardst du frei.
Zum zweiten nun sag mir, Zwerg:
ein weiser Niblung wahret Siegfried;
Fafnern soll er ihm fällen,
daß den Ring er erränge,
des Hortes Herrscher zu sein.
Welches Schwert muß Siegfried nun schwingen,
taug' es zu Fafners Tod?

Mime
Notung heißt ein neidliches Schwert;
in einer Esche Stamm stieß es Wotan:
dem sollt' es geziemen,
der aus dem Stamm es zög'.
Der stärksten Helden keiner bestand's:
Siegmund, der Kühne, konnt's allein:
fechtend führt' er's im Streit,
bis an Wotans Speer es zersprang.
Nun verwahrt die Stücken ein weiser Schmied;
denn er weiß, daß allein mit dem Wotansschwert
ein kühnes dummes Kind,
Siegfried, den Wurm versehrt.
Behalt' ich Zwerg auch zweitens mein Haupt?

Wanderer
Der witzigste bist du unter den Weisen:
wer käm' dir an Klugheit gleich?
Doch bist du so klug,
den kindischen Helden
für Zwergenzwecke zu nützen,
mit der dritten Frage droh' ich nun!
Sag mir, du weiser Waffenschmied:
wer wird aus den starken Stücken
Notung, das Schwert, wohl schweißen?

Mime
Die Stücken! Das Schwert!
O weh! Mir schwindelt!
Was fang' ich an?
Was fällt mir ein?
Verfluchter Stahl, daß ich dich gestohlen!
Er hat mich vernagelt in Pein und Not!
Mir bleibt er hart,
ich kann ihn nicht hämmern;
Niet' und Löte läßt mich im Stich!
Der weiseste Schmied weiß sich nicht Rat!
Wer schweißt nun das Schwert,
schaff' ich es nicht?
Das Wunder, wie soll ich's wissen?

Wanderer
Dreimal solltest du fragen,
dreimal stand ich dir frei:
nach eitlen Fernen forschtest du;
doch was zunächst dir sich fand,
was dir nützt, fiel dir nicht ein.
Nun ich's errate, wirst du verrückt:
gewonnen hab' ich das witzige Haupt!
Jetzt, Fafners kühner Bezwinger,
hör, verfall'ner Zwerg:
»Nur wer das Fürchten nie erfuhr,
schmiedet Notung neu.«
Dein weises Haupt wahre von heut:
verfallen lass' ich es dem,
der das Fürchten nicht gelernt!

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