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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 99
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Fünfundzwanzigstes und letztes Kapitel

Die Reise – der Gottesacker – das Gespenst – das Ende des Elendes und des Buchs

Ich sehe jeden Tag mehr, daß ich und die übrigen 1000000099 Menschen1000 Menschen bekriechen diese Kugel. nichts sind als Gefüllsel von Widersprüchen, von unheilbaren Nullitäten und von Vorsätzen, deren jeder seinen Gegenmuskel (musc. antagonista) hat – andern Leuten widersprechen wir nicht halb so oft als uns selber –; dieses letzte Kapitel ist ein neuer Beweis: ich und der Leser haben bisher auf nichts hingearbeitet als auf das Beschließen des Buchs – und jetzo, da wir daran sind, ist es uns beiden äußerst zuwider. Ich tue doch etwas, wenn ich – soviel ich kann – das Ende desselben, wie das Ende eines Gartens, der auch voll Blumenstücke ist, etwa bestens verberge und manches sage, was das Werklein allenfalls verlängert.

Der Inspektor sprang mit der Burg einer muskulösen, vollen Brust ins Freie unter die Kornähren, der Alp des Schweigens und Täuschens drückte nicht mehr so schwer auf ihn. Die Schlaglauwine seines Lebens war überhaupt unter seiner jetzigen Glücksonne um ein Drittel zerlaufen; die elektrische Belegung mit reichern Einkünften und selber die häufigern Geschäfte hatten ihn mit Feuer und Mut geladen. Sein Amt war ein mit einem solchen silbernen und goldnen Geäder durchschossener Berg, daß er schon in diesem Jahre namenlose Beisteuern zur preußischen Witwenkasse ablaufen lassen konnte, um seinen Betrug anfangs zu halbieren, und zuletzt gar aufzuheben und gutzumachen. Ich würde diese Pflichthandlung gar nicht vor die Augen des Publikums befördern, wenn ich nicht zu besorgen hätte, daß Kritter in Göttingen, der den Torschluß dieser Kasse aufs Jahr 1804 verlegt, oder auch noch glimpflichere Rechner, die ihre Letzte Ölung auf 1825 herausrechnen, daß diese etwan von meinen Blumenstücken Gelegenheit nehmen möchten, gar dem Inspektor den Totentanz der Witwenkasse aufzubürden. Es würde mich ungemein reuen, der ganzen Sache nur in den Blumenstücken erwähnt zu haben.

Er nahm seinen Weg nicht über Hof oder Baireuth und über die alten romantischen Reisewege; er fürchtete, Natalien mit seinem Scheinkörper von der hinter den Wolken säenden Hand des Schicksals entgegen gebracht zu werden. Und doch hoffte er von derselben Hand ein wenig, daß sie ihn zufällig auf seinen Leibgeber stoßen lasse, da dieser erst neulich in den kuhschnappelschen Wassern gekreuzet. Ohnehin hatte er sich unterwegs wieder in dessen Hemd und Jacke und ganzes Außen verkörpert, das er von ihm im Gefreeser Wirthaus eingewechselt; und der Anzug war ihm ein Spiegel, der ihm in einem fort den Entfernten zeigte. Ein Saufinder – wie der Leibgebersche –, der in einem Forsthause den Kopf nach ihm aufhob, gab ihm einen Stich der Freude ins Herz; aber die Nase des Hundes kannte ihn so wenig wie dessen Herr.

Indes, je näher er gegen die Berge und Wälder vorschritt, hinter deren sinesischer Gottesackermauer seine zwei leeren Häuser, sein Grab und seine Stube, standen: desto enger zog die Beklommenheit ihr Zugnetz um sein Herz zusammen. Es war nicht die Furcht, erkannt zu werden; dies war (wegen seiner jetzigen Ähnlichkeit mit Leibgebern) unmöglich; ja man hätt' ihn eher für seinen eignen Poltergeist und Propheten Samuel genommen als für den noch lebenden Siebenkäs; sondern außer der Liebe und der Erwartung macht' ihn noch etwas anders ängstlich, was mich einmal einklemmte, da ich unter den herkulanischen Altertümern meiner Kindheit herumreisete. Es warfen sich wieder um meine Brust die eisernen Banden und Ringe, die sie in der Kindheit zusammenzogen, worin der kleine Mensch noch vor den Leiden des Lebens und dem Tode hülf- und trostlos zittert; man steht mitten innen zwischen dem abgerissenen Fußblock, den aufgesperrten Hand- und Beinschellen und zwischen dem hohen brausenden Freiheitbaume der Philosophie, die uns in den freien offnen Waffenplatz und in die Krönungstadt der Erde führte. – Firmian sah in jedem Gebüsche, um das er sonst in seinem armen, leeren Winzer-Herbst spazieren gegangen, den abgestreiften Balg der Schlangen hangend, die sich sonst um seine Füße gewunden hatten – die Erinnerung, dieser Nachwinter der harten, rauhen Tage, fiel in die schönere Jahreszeit seines Lebens ein, und aus der Nähe solcher unähnlicher Gefühle, des vorigen Kettendrucks und der jetzigen Freiheitluft, floß ein drittes, bittersüßes, banges zusammen.

In der Dämmerung ging er langsam und aufmerksam durch die mit verzettelten Ähren bezeichneten Gassen der Stadt; jedes Kind, das mit dem Nachtbier vor ihm vorüberlief, jeder bekannte Hund und jeder alte Glockenschlag waren voll Schieferabdrücke von Freudenrosen und Passionblumen, deren Exemplare längst auseinandergefallen waren. Als er vor seinem vorigen Hause wegging, hört' er oben in seiner Stube zwei Strumpfwirkerstühle schnurren und klappern mit ihrem gezognen Schnarrkorpus-Register.

Er quartierte sich im Gasthofe zur Eidechse ein, der nicht das glänzendeste Hotel im Marktflecken gewesen sein kann – da der Advokat darin Rindfleisch auf einem Zinnteller bekam, der nach den Schnitten und Stigmen durch ein Fac-simile seines eignen Messers sich unter seinen verpfändeten Teller-Ausschuß eingeschrieben –; indes aber hatte der Gasthof das Gute, daß Firmian das drei Treppen hohe Stübchen Nro. 7 nehmen und darin eine Sternwarte oder einen Mastkorb der Beobachtung anlegen konnte, gerade der tiefern Studierstube Stiefels gegenüber. Aber seine Lenette kam nicht ans Fenster. Ach, er wäre, hätte er sie erblickt, in die Stube vor Wehmut hingekniet. Bloß als es sehr dunkel wurde, sah er seinen alten Freund Pelzstiefel ein gedrucktes Blatt – höchst wahrscheinlich einen Korrekturbogen des Anzeigers deutscher Programme –, weil es zu finster war, gegen die Abendröte zum Fenster heraushalten. Es wunderte ihn, daß der Rat sehr eingefallen aussah und eine Florschärpe oder Binde um den Ärmel hatte: »Sollte denn«, dacht' er, »das arme Kind meiner Lenette schon verstorben sein?«

Spät schlich er sich zitternd nach dem Garten, aus dem nicht jeder wiederkommt, und an welchen der hangende Eden-Garten des zweiten Lebens stößet. Im Kirchhof war er vor nahen Zuschauern durch die Gespenstergeschichten gedeckt, womit Leibgeber dem Vormunde die Mündelgelder aus den Händen gerungen. Da er an sein leerstehendes unterirdisches Bette nicht sogleich gelangen konnte: so kam er vorher vor der Kindbetterin vorbei, auf deren damals schwarzen, jetzo grasigen Hügel er den Blumenstrauß gepflanzet hatte, der dem Herzen seiner Lenette eine unerwartete Freude machen sollte und nur einen unerwarteten Kummer machte. Endlich kam er vor den Bettschirm der Grab-Sieste, vor seinen Leichenstein, dessen Inschrift er mit einem kalten Schauer herunterlas. »Wenn nun diese steinerne Falltüre auf deinem Angesichte läge und den ganzen Himmel verbauete?« sagt' er zu sich – und dachte daran, welches Gewölke und welche Kälte und Nacht um die beiden Pole des Lebens, so wie um die beiden Pole der Erde, herrsche, um den Anfang und um das Ende des Menschen – er hielt jetzt seine Nachäffung der letzten Stunde für sündlich – der Trauerfächer einer langen, finstern Wolke war vor dem Monde ausgebreitet – sein Herz war bang und weich, als plötzlich etwas Buntes, was nahe an seinem Grabe stand, ihn ergriff und seine ganze Seele umkehrte.

Es stand nämlich darneben ein neues, lockeres Grab in einer hölzernen, übermalten Einfassung, ähnlich einer Bettlade; auf diesen bunten Brettern las Firmian, solang' es sein überströmendes Auge lesen konnte: »Hier ruht in Gott Wendeline Lenette Stiefel, geborne Egelkraut aus Augsburg. Ihr erster Mann war der wohlsel. Armenadvokat St. F. Siebenkäs. Sie trat zum zweitenmal 1786 den 20. Okt. in die Ehe mit dem Schulrate Stiefel allhier und entschlief, nachdem sie ¾ Jahre mit ihm in einer ruhigen Ehe gelebet, den 22. Jul. 1787 im Kindbette und liegt hier mit ihrem totgebornen Töchterlein und wartet auf eine fröhliche Auferstehung.«...

»O du Arme, du Arme!« mehr konnt' er nicht denken. Jetzo, da ihr Lebenstag heller und wärmer wurde, schlingt die Erde sie ein; und sie bringt nichts hinunter als eine Haut voll Schwülen der Arbeit, ein Angesicht voll Runzeln des Krankenbettes und ein zufriedenes, aber leeres Herz, das, in die Hohlwege und Schachten der Erde hinabgedrückt, so wenig Gefilde und wenig Gestirne gesehen hatte. Ihre Leiden hatten sich allemal so eng und schwarz und groß über sie herüber gezogen, daß keine malende Phantasie sie durch das Farbenspiel der Dichtung mildern und verschönern konnte, so wie kein Regenbogen möglich ist, wenn es über den ganzen Himmel regnet. »Warum hab' ich dich so oft gekränkt, sogar durch meinen Tod, und deinen unschuldigen Launen so wenig vergeben?« sagt' er bitter weinend. Er warf einen Regenwurm, der sich aus dem Grabe drängte und ringelte, weit hinweg, als wenn er eben aus dem geliebten, kalten Herzen satt gefüllet käme, da ihn doch das sättigt, was uns am Ende auch satt macht, Erde. Er dachte an das zerstäubende Kind, das wie ein eignes die welken, dünnen Arme um seine Seele legte, und dem Tod so viel, wie ein Gott dem Endymion, gegeben: Schlaf – ewige Jugend – und Unsterblichkeit. Er wankte endlich langsam von der Trauerstätte hinweg, als die Tränen sein Herz nicht erleichtert, nur ermüdet hatten.

Als er im Gasthof eintrat: sang eine Harfenistin in Begleitung eines kleinen Flötenspielers der Wirtstube ein Lied vor, dessen Wiederkehr war: »Tot ist tot, hin ist hin.« Es war dieselbe, die am hl. Abend vor dem neuen Jahre, als seine nun zerstörte und gestillte Lenette mit der brechenden Brust voll Qualen, weinend und verlassen, ihr verzognes Angesicht ins Schnupftuch drückte, gespielet und gesungen hatte. O die heißen Pfeile der Töne zischten durch sein zerstochnes Herz – der Arme hatte keinen Schild – »Ich habe sie damals sehr gemartert (sagt' er unaufhörlich); wie sie seufzete, wie sie schwieg! – O wenn du doch mich jetzt sähst aus deinen Höhen, da du gewiß glücklicher bist; wenn du meine vollgeblutete Seele erblicktest, nicht damit du mir vergäbest – nein, damit ich nur den Trost hätte, deinetwegen etwas zu leiden – o wie wollt' ich jetzt anders gegen dich sein!«

So sagen wir alle, wenn wir die begraben, die wir gequälet haben; aber an demselben Trauerabende werfen wir den Wurfspieß tief in eine andere, noch warme Brust. O wir Schwächlinge mit starken Vorsätzen! Wenn heute die zerlegte Gestalt, deren verwesende, von uns selber geschlagene Wunden wir mit reuigen Tränen und bessern Entschlüssen abbüßen, wieder neu geschaffen und jugendlich überblüht in unsere Mitte träte und bei uns bliebe: so würden wir bloß in den ersten Wochen die wiedergefundne, liebere Seele vergebend an unsern Busen, aber dann später sie doch wie sonst in die alten, scharfen Marterinstrumente drücken. Daß wir dieses sogar gegen unsere lieben Verstorbenen täten, seh' ich daraus – die Härte gegen die Lebenden noch ungerechnet –, weil wir in den Träumen, wo uns die versunknen Gestalten wieder besuchen, gegen sie alles wiederholen, was wir bereuen. – Ich sage das nicht, um einem Wehklagenden den Trost der Reue oder des Gefühles zu nehmen, daß er das verlorne Wesen schöner liebe; sondern nur um den Stolz auf diese Reue und auf dieses Gefühl zu schwächen. –

Als Firmian noch spät das von der Trauerzeit ausgesogne, zernagte Angesicht seines alten Freundes, dessen Herz so wenig mehr besaß, gen Himmel blicken sah, als wenn er da zwischen den Sternen die geraubte Freundin suchte: so drückte der Schmerz die letzte Träne aus dem ausgepreßten Herzen, und im Wahnsinn der Qual gab er sich sogar die Leiden seines Freundes schuld, als hätte dieser sie ihm nicht früher zu verdanken als zu vergeben gehabt.

Er erwachte mit der Müdigkeit des Schmerzes, d. h. mit der Verblutung aller Gefühle, die sich endlich in ein süßes Zerfließen und ein tötliches Sehnen auflöset. Er hatte ja alles verloren, sogar das, was nicht begraben war. Zum Schulrate durft' er aus Besorgnis nicht gehen, daß er sich verrate; daß er wenigstens die Ruhe des unschuldigen Mannes, der mit der Heirat einer noch verheirateten Frau weder sein orthodoxes Gewissen noch seinen Ehrgeiz hätte versöhnen können, auf ein zweideutiges Spiel zu setzen wage.

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