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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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In Siebenkäsens Lenette war, ohne seine Schuld, sogleich vor dem Traualtar die ideale, selige Insel meilentief hinabgesunken; der Mann konnte nichts dafür; aber er konnte auch nichts dagegen. Überhaupt, lieber Erziehrat Campe, solltest du nicht so laut mit dem Schulbakel auf dein Schreibpult schlagen, wenn eine einzige Fröschin im nächsten Teich etwas quäket, was in einem Almanach eingesandt werden kann – ach reiße den guten Geschöpfen, die die schönsten Träume voll Phantasieblumen ins leere Leben sticken, doch den kurzen einer empfindsamen Liebe nicht weg: sie werden ohnehin zu bald, zu bald geweckt, und ich und du schläfern sie mit allen unsern Schriften nicht wieder ein!

Siebenkäs schrieb an demselben Tage dem Schulrat kurz und eilig zurück: es sei ihm recht lieb, daß er sich an das Testament und an die Gesetze gehalten, und er schicke ihm hier die ganze Vollmacht zur Gelder-Erhebung; nur bitte er ihn als einen großen Gelehrten, der oft dergleichen weniger verstehe als zu verstehen hoffe, alles bloß durch einen Advokaten abzumachen, da ohne Juristen kein Jus helfe, ja oft mit ihnen kaum. – Programme zu rezensieren hab' er keine Zeit, geschweige zu lesen, und er grüße herzlich die Gattin.

Es ist mir nicht unangenehm, daß alle meine Leser es, wie ich sehe, von selber herausgebracht, daß das Gespenst oder der überirdische Wauwau oder Mumbo JumboIst ein Popanz, 9 Fuß hoch, aus Baumrinde und Stroh, womit die Mandingoer ihre Weiber schrecken und bessern. , der dem Heimlicher v. Blaise besser als Reichs-Kammergerichtsexekutions-Truppen den Erbschaftraub aus den Klauen gezogen, niemand weiter gewesen als Heinrich Leibgeber, der sich seiner Ähnlichkeit mit dem sel. Siebenkäs bediente, um den revenant (Wiederkömmling) zu spielen; ich brauche also dem Leser das nicht erst zu sagen, was er schon weiß.

Wenn der Mensch endlich eine jähe Alpe mit Laubfroschhänden aufgekrochen ist: so ist oft die erste Aussicht droben die in eine neue klaffende Schlucht: Firmian sah eine neue Tiefe unter sich – er mußte seinen neulichen Vorsatz fortweisen – ich meine, er durfte Natalien nicht ein Wort von seiner Auferstehung aus dem Bein-Lüz, nicht eine Silbe von seiner Fortdauer nach dem Tode sagen. Ach das Glück seiner Lenette, die, obwohl unverschuldet, zwei Männer hatte, war dann auf eine Zungenspitze gestellt – er hätte die Schuld, Lenette den Jammer gehabt. »Nein, nein (sagt' er), die Zeit wird schon nach und nach in Nataliens gutem Herzen auf meinem blassen Bild Staub ansetzen und ihm die Farben ausziehen.«

Kurz er schwieg. Die stolze Natalie schwieg ebenfalls. In diesem abscheulichen Stande neben dem harten, ewigen Knoten des Schauspiels bracht' er seine Stunden auf dem Theater ängstlich zu – über jeden Reiz des Frühlings warf der Rabenzug der Sorgen den gaukelnden Schatten, und in seinen Schlummer fielen die giftigen Träume wie Mehltau. Jede Traumnacht zerschnitt den fallenden, niedersteigenden Planetenknoten und sein Herz dazu. Wie rettete ihn das Schicksal aus diesem Qualm, aus dieser Stickluft der Angst? Wie hellte es seinen Fingerwurm im Ehering-Finger? – Dadurch daß es den Arm abnahm. – Nämlich an einem langen Abende war der Graf kurz vor dem Bettegehen so vertraulich gegen ihn geworden als – Weltleute können. Er sagte, er habe ihm etwas sehr Angenehmes zu berichten; nur möge er ihm eine Vorerinnerung vergönnen. Er komme ihm – fuhr er fort – während seines Amtes nicht mehr so aufgeweckt und humoristisch vor, als er ihn vor demselben gefunden; ja vielmehr, wenn ers sagen sollte, zuweilen niedergeschlagen und zu sentimental; und doch habe er früher selber gesagt (dies war aber der andere Leibgeber), er höre lieber jemand über ein Übel fluchen als jammern, und man könne ja die Füße in dem Winter und doch die Nase in dem Frühling stecken haben und im Schnee an eine Blume riechen. – »Ich verzeih' es gern, denn ich errate vielleicht die Ursache«, setzte er hinzu; aber sein Verzeihen war eigentlich nicht ganz wahr. Denn wie alle Große war ihm alles Starke der Gefühle, sogar liebender, am meisten aber trauernder, ein Verdruß, und ein starker Handdruck der Freundschaft ein halber Fußtritt; und vor ihm sollte der Schmerz nur lächelnd, das Böse nur lachend, höchstens ausgelacht vorüberziehen, wie denn die kältesten Weltleute dem physischen Menschen gleichen, dessen größter Wärmegrad sich in der Gegend des Zwerchfells aufhältWalthers Physiologie. B. 2. . Folglich mußte dem Grafen der vorige Leibgeber – dieser sturmwindige und dabei heitere tiefblaue Himmel – mehr zusagen als der angebliche. – Aber wie anders als wir, die wir den Tadel ruhig lesen, hörte Siebenkäs ihn an! Diese Sonnenfinsternisse seines Leibgebers, welche keine eignen Sonnenflecken waren, sondern die er selber durch seine Stellung scheinbar hervorbrachte, warf er sich als so schwere Sünden gegen seinen Lieben vor, daß er für sie durchaus Beichte und Buße haben mußte.

Als nun gar der Graf fortfuhr: »Euere Empfindsamkeit kann sich wohl nicht bloß auf den Verlust Eueres Freundes Siebenkäs beziehen, von dem Ihr mir überhaupt nach seinem Tode nicht mit so viel Wärme mehr gesprochen als bei seinem Leben; verzeiht mir diese Offenheit« –: da durchschnitt ein neuer Schmerz über Leibgebers Verschattung seine Stirn, und mit Not ließ er seinen Gerichtherrn sich zu Ende erklären. »Aber bei mir, bester Leibgeber, ist dies kein Vorwurf, sondern ein Vorzug – um Tote soll man nicht ewig trauern, höchstens um Lebendige. – Und eben das letzte kann bei Euch in künftiger Woche aufhören, denn da kommt meine Tochter und –« (dies sprach er langgezogen) »ihre Freundin Natalie mit; sie sind sich unterwegs begegnet.« Hastig sprang Siebenkäs auf, stand fest und stumm da, hielt sich die Hand vor die Augen, nicht als einen Fächer, sondern als einen Lichtschirm, um die übereinander stehenden und widereinander laufenden Wolkenreihen von Gedanken recht durchzuschauen und zu verfolgen, eh' er seine Antwort gab.

Aber der Graf, ihn als Leibgeber in allen Punkten schief sehend und seine empfindsame Umwandlung auf Nataliens Rechnung und Entbehrung schreibend, ersuchte ihn, bevor er spreche, ihn nur gar auszuhören und seine Versicherung anzunehmen, mit welcher Freude er alles tun würde, um die schöne Freundin seiner Tochter auf immer in seiner Nachbarschaft zu behalten. Himmel! wie verwickelte der Graf alles Einfache so tausendfältig!

Jetzt mußte der von neuen Windecken gestürmte Siebenkäs um einen Bedenkaugenblick ersuchen – denn hier standen ihm drei Seelen auf dem Spiel –; aber er hatte kaum einige heftige Gänge durch das Zimmer gemacht, als er wieder fest stand und zum Grafen und zu sich sagte: »Ja, ich handle recht!« Darauf tat er die fragende Bitte an ihn um sein Ehrenwort, daß er ein Geheimnis, das er ihm vertrauen wolle, und das weder ihn selber noch seine Tochter im geringsten betreffe oder beschädige, bei sich verwahren wolle. – »In diesem Falle, warum nicht?« versetzte der Graf, dem ein aufgedecktes Geheimnis das Lichten einer Sperrwaldung vor einer weiten Aussicht war.

Da schloß Firmian sein Herz und sein Leben und alles auf; es war ein losgelaßner Strom, der in einem neuen Kanale sich überstürzt und mit Blicken noch nicht zu übermessen ist. Mehrmals hielt ihn der Graf durch neues Mißverstehen auf, weil er eine Liebe Nataliens gegen den eigentlichen Leibgeber bloß voraussetzend sich erdichtet und die wahre gegen Siebenkäs von niemand erfahren hatte.

Jetzt überraschte wieder der überraschte Gerichtherr von seiner Seite und zeigte dem Inspektor unter so vielen Gesichtern, die in solchen Fällen zu machen waren – beleidigte, zornige, bestürzte, verlegne, entzückte, kalte –, bloß eines der zufriedensten. Vorzüglich erfreu' ihn nur, sagte er, daß er doch an so manchem sich gestoßen und Licht sich angezündet – und daß er in einigen Punkten von Leibgeber nicht zu gut und in andern nicht zu blind gedacht; – am meisten aber sei er über das Glück entzückt, auf diese Weise einen Leibgeber doppelt zu haben und den abgereisten in keiner Trauer um einen verstorbenen Freund zu wissen. –

Über des Grafen Heiterbleiben wundere sich doch niemand, der nur irgendeinen hellen Ordenstern auf einer bejahrten erloschenen Brust funkeln sehen. Wenn unser alter Weltmann so den auf- und abfliegenden Weberschiffchen dieser freundschaftlichen Kette nachsah, dem Lieben und Opfern auf jeder Seite – und die dadurch zusammengewirkte glänzende Raffaels-Tapete der Freundschaft in der Hand hielt und besah, so überkam er nach so langer Zeit den Genuß von etwas Neuem; so daß er bisher in seiner ersten Loge vor einem lebendigen komisch-historischen Schauspiel gestanden, das er sich selber schön entwickelte und das sich jede Minute in seinem Kopfe wiedergeben ließ. Auch sein Inspektor wurde für ihn zu einem neuen Wesen voll frischer Unterhaltung dadurch eben, daß er von der Bühne wegging, sich umkleidete und als der Pseudo-Selige, Siebenkäs, in seine Stube eintrat und ihm in der Zukunft von nichts als dem Erzähler selber recht viel erzählen konnte. Und so wurden ihm beide Freunde gleich schmeichelhaft-lieb durch eine sich andrängende Teilnahme an ihm, mit welcher sie gegenseitig ihren Seelenbund durchflochten hatten.

Wer die Seligkeit, wahr zu bleiben, genossen, der begreift die neue, mit welcher Siebenkäs sich jetzt über alles, über sich und über Heinrich und Natalie, ungehemmt ergießen konnte, – indem er die weggeworfne Last erst nachfühlte, die leichte Scherzlüge des Augenblicks zu einem jährlichen Lustspiel von 365 Aufzügen zu verarbeiten. Wie leicht eröffnete ers dem Grafen, daß er vor der Ankunft Nataliens, die er weder forttäuschen noch enttäuschen könne, fliehen wollte, und zwar geradezu nach dem Reichsmarktflecken Kuhschnappel. Da der Graf aufhorchte: so sagte er ihm alles, was ihn trieb und reizte: Sehnsucht nach seinem Grabstein und unheiligen Grabe, ordentlich um zu büßen – Sehnsucht, Lenetten von fernen ungesehen zu sehen, ja vielleicht in der Nähe ihr Kind – Sehnsucht, über ihren Glück- und Ehestand mit Stiefeln das Rechte von Augenzeugen zu erfahren; denn Stiefels Brief hatte ihm die Blumenasche der vergangnen Tage in die Augen geweht und die eingeschlafne Blume der ehelichen Liebe aufgeblättert – Sehnsucht, den Schauplatz seiner niederbeugenden Lage dort mit abgelegter Bürde aufrecht und romantisch zu durchwandern – Sehnsucht, im Marktflecken etwas Neues von seinem Leibgeber zu vernehmen, der ja erst vor kurzem da gewesen – Sehnsucht, seinen Totenmonat, den August, einsam zu feiern, wo es ihm wie dem Weinstock ergangen, dem man im August die Blätter abbricht, damit die Sonne stärker auf die Beeren steche. –

Mit drei Worten – denn weshalb viele Gründe, da man nur einmal wollen darf, so kanns nachher an Gründen dazu nicht fehlen – er reiste ab.

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