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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Vierundzwanzigstes Kapitel

Nachrichten aus Kuhschnappel – Antiklimax der Mädchen – Eröffnung der sieben Siegel

Das setzet mich eben oft außer mir, daß wir, wenn wir immerhin einen von der Tugend auf uns ausgestellten Wechsel annehmen und honorieren, ihn doch erst nach so vielen Doppel-Usos und so vielen Respekttagen auszahlen, indes der Teufel wie Konstantinopel von keinen wissen will. Firmian machte keine andern Einreden mehr als verzögerliche: er schob bloß seine Beichte auf und dachte, da Apollo der schönste Tröster (Paraklet) der Menschen ist, und da Natalie dem Basilisk des Grams sein eignes Bild im Spiegel der Dichtkunst gewiesen, so werde er an seinem Bildnis umkommen. So werden alle tugendhafte Bewegungen in uns durch die Reibungen der Triebe und der Zeit entkräftet. – –

Ein einziger neuer Brief schob alle Wände seines Theaters wieder durcheinander. Er kam vom Schulrat Stiefel.

Hoch-Edelgeborner,
insbesondere hochzuehrender Herr Inspektor!

Ew. Hoch-Edelgeboren erinnern sich noch mehr als zu gut der testamentarischen Verfügung, die unser beiderseitiger Freund, der sel. Hr. Armenadvokat Siebenkäs, getroffen, daß nämlich Hr. Heimlicher v. Blaise seine Pupillengelder auszahlen solle – und zwar, wie bekannt, an Dero werte Person, die solche wieder an die Witib zu extradieren habe –, widrigenfalls wolle Testator als Gespenst auftreten. Letztem sei, wie ihm wolle: so viel ist stadtkundig, daß allerdings seit einigen Wochen ein Gespenst in Gestalt unsers sel. Freundes dem Hrn. Heimlicher überall nachgesetzt hat, der darüber so bettlägerig geworden, daß er das heilige Abendmahl genommen und den Entschluß gefaßt, besagte Gelder wirklich herauszugeben. Nun frag' ich hier an, ob Sie solche vorher haben wollen, oder ob solche, wie fast natürlicher, sofort der hinterlassenen Witwe einzuhändigen sind. Noch hab' ich anzumerken, daß ich letztere, nämlich die gewesene Frau Siebenkäs, wirklich – nach dem Willen des Erblassers – seit geraumer Zeit geheiratet habe, wie sie denn jetzt gesegneten Leibes ist. Sie ist eine treffliche Haus- und Ehefrau; wir leben in Ruhe und Einigkeit; sie ist gar keine ThaläaDie Ehefrau des Pinarius, Thaläa, unter der Regierung des Tarq. superb. war die erste, die mit ihrer Schwiegermutter Gegania gezanket hat. Plut. im Numa. Vielleicht stellet einmal die deutsche Geschichte noch ehrenhafter die erste Gattin auf, die nicht mit ihrer Schwiegermutter gekeifet; wenigstens sollte ein deutscher Plutarch auf eine solche Jagd machen. und sie ließe ihr Leben so freudig für ihren Mann, wie er für sie – und ich wünsche oft nichts, als daß mein Vormann, ihr guter, unvergeßlicher erste Eheherr, Siebenkäs, der zuweilen seine kleinen Launen hatte, ein Zuschauer des Wohlbefindens sein könnte, worin gegenwärtig seine teuere Lenette schwimmt. Sie beweint ihn jeden Sonntag, wo sie vor dem Gottesacker vorübergeht; doch bekennt sie auch, daß sie es jetzo besser habe. Leider muß ich erst so spät von meiner Frau vernehmen, in welchen erbärmlichen Umständen sich der Selige mit seinem Beutel befunden; wie würde ich sonst ihm und seiner Gattin unter die Arme gegriffen haben, wie es einem Christen gebührt! – Wenn der Selige, der jetzo mehr hat als wir alle, in seinem Glanze herabsehen kann auf uns: so wird er mir gewiß verzeihen. – Ich halte ergebenst um eine baldige Antwort an. Ein Grund der Herausgabe der vormundschaftlichen Gelder möchte dies mit sein, daß Hr. Heimlicher, der im Ganzen ein rechtschaffener Mann ist, nun nicht mehr vom Hrn. von Meyern verhetzet wird; beide haben sich nun stadtkundig ganz miteinander überworfen, und letzter hat sich in Baireuth von fünf Verlobten losgemacht und tritt gegenwärtig mit einer Kuhschnapplerin in den Stand der hl. Ehe.

Meine Frau ist ihm so gram, als es die christliche Liebe nur erlaubt, und sie sagt, wenn er ihr begegne, sei ihr wie einem Jäger, dem am Morgen eine alte Frau in den Weg tritt. Denn er habe zu manchem unnützen Verdrusse mit ihrem Manne geholfen; und sie erzählt mir oft mit Vergnügen davon, wie hübsch Sie, hochgeehrtester Hr. Inspektor, manchmal diesen gefährlichen Menschen abgekappt. In mein Haus wagt er jedoch keinen einen Tritt. – Für heute verspare ich noch eine ausführlichere Bitte, ob Sie nicht die noch erledigte Stelle des Verstorbnen in dem Götterboten deutscher Programme – welcher, darf ich sagen, in den Gymnasien und Lyzeen von Schwaben bis Nürnberg, Baireuth und Hof mit Beifall gehalten wird – als Mitarbeiter besetzen wollten. An elenden Programmensudlern ist eher Überfluß als Mangel – und Sie sind daher (lassen Sie sich dies ohne Schmeichelei sagen) ganz der Mann dazu, der die satirische Geißel über dergleichen Froschlaich in den kastalischen Quellen zu schwingen wissen würde, wie wahrlich nur wenige. Jedoch künftig mehr! – Auch meine gute Frau schließet hier die herzlichsten Grüße an den hochgeehrten Freund ihres sel. Mannes bei; und ich selber verharre unter der Hoffnung baldiger Bittegewähr

Ew. Hochwohlgeboren
ergebenster
S. R. Stiefel,
Schulrat.

*

Das Menschenherz wird durch große Schmerzen gegen das Gefühl der kleinen gedeckt, durch den Wasserfall gegen den RegenDer bekannte Wasserfall – pisse vache – stürzt sich in einem solchen Bogen vom Felsen, daß man unter ihm weggehen kann und also gegen Regen zugedecket ist. Malerische Reise in die Alpen. . Firmian vergaß alles, um sich zu erinnern, um zu leiden, um sich zuzurufen: »So hab' ich dich ganz verloren, auf ewig – O du warest allemal gut, nur ich nicht – Sei glücklicher als dein einsamer Freund, den du mit Recht jeden Sonntag beweinest.« – Er warf auf seine satirischen Launen jetzt alle Schuld seiner vorigen Eheprozesse und schrieb seiner eignen unfreundlichen Witterung den Mißwachs an Freuden zu.

Aber er tat sich jetzt mehr Unrecht als sonst Lenetten. Ich will auf der Stelle die Welt mit meinen Gedanken darüber beschenken. Die Liebe ist die Sonnennähe der Mädchen, ja es ist der Durchgang einer solchen Venus durch die Sonne der idealen Welt. In dieser Zeit ihres hohen Stils der Seele lieben sie alles, was wir lieben, sogar Wissenschaften und die ganze beste Welt innerhalb der Brust; und sie verschmähen, was wir verschmähen, sogar Kleider und Neuigkeiten. In diesem Frühlinge schlagen diese Nachtigallen bis an die Sommersonnenwende: der Trautag ist ihr längster Tag. Dann holet der Teufel zwar nicht alles, aber doch jeden Tag ein Stück. Das Bastband der Ehe bindet die poetischen Flügel, und das Ehebette ist für die Phantasie eine Engelsburg und ein Karzer bei Wasser und Brot. Ich bin oft in den Flitterwochen dem armen Paradiesvogel oder Pfau von Psyche nachgegangen und habe in der Mause des Vogels die herrlichen Schwung- und Schwanzfedern aufgelesen, die er verzettelte. und wenn dann der Mann dachte, er habe eine kahle Krähe geehlicht, setzt' ich ihm den Federbusch entgegen. Woher kommt dies? Daher: Die Ehe überbauet die poetische Welt mit der Rinde der wirklichen, wie nach Descartes unsere Erdkugel eine mit einer schmutzigen Borke überzogene Sonne ist. Die Hände der Arbeit sind unbehülflich, hart und voll Schwielen und können den feinen Faden des Idealgewebes schwer mehr halten oder ziehen. Daher ist in den höhern Ständen, wo man statt der Arbeitstuben nur Arbeitkörbchen hat, und wo man auf dem Schoß die Spinnrädchen mit dem Finger tritt, und wo in der Ehe die Liebe noch fortdauert – oft sogar gegen den Mann –, der Ehering nicht so oft wie in den niedern Ständen ein Gygesring, welcher Bücher, Ton-, Dicht-, Zeichen- und Tanz-Künste – unsichtbar macht; auf den Höhen bekommen Gewächse und Blumen aller Art, besonders die weiblichen, gewürzhaftere Kräfte. Eine Frau hat nicht wie der Mann das Vermögen, die innern Luft- und Zauberschlösser gegen die äußere Wetterseite zu verwahren. An was soll sich die Frau nun halten? An ihren Ehevogt. Der Mann muß immer neben dem flüssigen Silber des weiblichen Geistes mit einem Löffel stehen und die Haut, womit es sich überzieht, beständig abschäumen, damit der Silberblick des Ideals fortblinke. Es gibt aber zweierlei Männer: Arkadier oder Lyriker des Lebens, die ewig lieben wie Rousseau in grauen Haaren – solche sind nicht zu bändigen und zu trösten, wenn sie an der mit goldnem Schnitt gebundenen weiblichen Blumenlese nichts mehr vom Golde wahrnehmen, sobald sie das Werklein Blatt für Blatt durchschlagen, wie es bei allen umgoldeten Büchern geht – zweitens gibt es Schafknechte und Schmierschäfer, ich meine Meistersänger oder Geschäftleute, die Gott danken, wenn die Zauberin sich, wie andere Zauberinnen, endlich in eine knurrende Hauskatze umsetzt, die das Ungeziefer wegfängt.

Niemand hat mehr Langeweile und Angst – daher ich einmal in einer komischen Lebenbeschreibung das Mitleiden darauf hinlenken will – als ein feister, schiebender, gewichtvoller Bassist von Geschäftmann, der, wie sonst römische Elefanten, auf dem schlaffen Seile der Liebe tanzen muß, und dessen liebendes Mienenspiel ich am vollständigsten bei Murmeltieren antreffe, die ins Bewegen nicht recht kommen können, wenn die Stubenwärme sie aus dem Winterschlaf aufreißet. Bloß bei Witwen, die weniger geliebt als geheiratet sein wollen, kann ein schwerer Geschäftmann seinen Roman auf der Stufe anfangen, wo alle Romanschreiber die ihrigen ausmachen, nämlich auf der Trau-Altarstufe. Ein solcher im einfachsten Stil gebaueter Mann würde eine Last vom Herzen haben, wenn jemand seine Schäferin so lange in seinem Namen lieben wollte, bis er nichts mehr dabei zu machen hätte als die Hochzeit; – und zu so etwas, nämlich zu diesem Last- oder Kreuzabnehmen, bezeigt niemand mehr Lust als ich selber; ich wollt' es oft in öffentliche Blätter setzen lassen (ich sorgte aber, man nähm' es für Spaß), daß ich erbötig wäre, erträglichen Mädchen, zu deren Liebe ein Mann von Geschäften nicht einmal die Zeit hat, so lange platonische, ewige Liebe zu schwören, ihnen die nötigen Liebeerklärungen als Plenipotentiar des Bräutigams zu übermachen und kurz, solche als substitutus sine spe succedendi oder als Gesellschaftkavalier am Arme durch das ganze unebene Breitkopfische Land der Liebe zu führen, bis ich an der Grenze die Fracht dem Sponsus (Bräutigam) selber völlig fertig übergeben könnte, welches dann mehr eine Liebe als eine Vermählung durch Gesandte wäre. Wollte einer (nach einem solchen systema assistentiae) den Schreiber dies, da doch auch in den Flitterwochen noch einige Liebe vorkommt, auch in diesen zum Lehnsvormund und Prinzipalkommissarius anstellen, so müßte er so viel Verstand haben und es sich vorher ausbedingen...

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