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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Endlich erreichten sie beklommen das Grubstreet oder die Münz-Stadt, wo ich gegenwärtige Assignate für halbe Welten kütte und färbeEs ist von 1796 die Rede. Hof nämlich. Es ist freilich mein Vorteil nicht, daß ich damals von allem nichts erfuhr, was nun halb Europa erfährt durch mich – ich war damals noch jünger und saß einsam zu Hause als Kopfsalat, willens, mich zu einem Kopf zu schließen, welches Schließen, sowohl beim Menschen als beim Salat, durch nichts mehr gehindert wird als durch nachbarliches Berühren des Nebensalats. Es ist für einen Jüngling leichter, süßer und vorteilhafter, aus der Einsamkeit in die Gesellschaft überzutreten (aus dem Gewächshause in den Garten), als umgekehrt aus dem Markte in den Winkel. Ausschließende Einsamkeit und ausschließende Geselligkeit sind schädlich, und, ihre Rangordnung ausgenommen, ist nichts so wichtig als ihr Tausch.

In Hof bestellte Siebenkäs zwei Zimmer bei dem Gastwirte, weil er glaubte, erst am Morgen trenne sich Leibgeber von ihm. Aber dieser – welchen sein eignes Vorausbestimmen des Scheidens und das Fürchten vor demselben längst geärgert – hatte sich innerlich geschworen, noch heute den Riß zu tun zwischen zwei Geistern und nachher davon zu laufen ins Sächsische, wär's auch in der Nacht um 11¾ Uhr, aber in jedem Falle doch heute. Gefällig bezog er sein Zimmer, riegelte die Scheidetüre am Siebenkäsischen auf und dachte an die Pfeifmelodien, die ihm wie dem Advokaten noch im Kopfe steckten, wenn nicht im Herzen; aber bald lockte er ihn aus dem ausgeleerten taubstummen Zimmer in den zerstreuenden Wirrwarr der Wirtstube; verharrte auch da nicht lange, sondern bat ihn, als das erste Viertel des Monds gerade als brennende Lampe über einem Laternenpfahl auf dem Markt stand, die Stadt mit ihm zu umschiffen. Beide gingen und kletterten die Allee hinauf und sahen in die Höfer Gärten im Stadtgraben hinab, die vielleicht verdienen, die künstlichen Wiesen zu verdrängen, da sie mehr als andere Wiesen für das Vieh besäet sind. Daraus leit' ichs ab, daß Leibgeber, der in der Schweiz gewesen, nachts so spät die Bemerkung machte – denn die von der Natur geschmückte und adoptierte und von der Kunst enterbte Gegend dehnte sich vor ihm hin –, daß die Höfer den Schweizern glichen, deren ganzes Land ein englicher Garten wäre, ausgenommen die wenigen Gärten darin.

Beide zogen immer weitere Parallelen um die Stadt. Sie kamen über eine Brücke, von der sie einen bloß mit Gras besetzten Rabenstein erblickten, der sie an jene andere Eisregion mit ihrem Krater erinnerte, wo sie gerade vor einem Jahre in der Nacht voneinander geschieden waren; aber mit der schönern Hoffnung eines frühern Wiedersehens. Zwei solche Freunde wie diese haben in ähnlichen Lagen immer gleiche Gedanken; jeder ist, wenn nicht das Unisono, doch die Oktave, die Quinte, die Quarte des andern. Heinrich suchte im dunkeln Klag- und Trauerhaus seines Freundes wieder einiges Licht durch die Vogelstange anzustecken, die, wie ein Kommandostab und Brandpfahl, nicht weit von der Stelle des Königsbannes stand, und merkte an: »Ein Schützenkönig hat hier neben dem Springstab und Hebebaum, woran du dich zum großen Negus und großen Mogul von Kuhschnappel aufschwangest, auf eine schöne Art seinen Rabenstein, seinen malefizischen Sinai an der Hand, auf dem er seine Gesetze sowohl geben als rächen kann... Buffons Naturgesetz, daß jedem Hügel allemal ein zweiter von gleicher Höhe und Materie gegenüberstehe, fasset viele korrespondierende Höhen unter sich, z.B. hier Rabenstein und Thron – in großen Städten große Häuser und petites maisons – die beiden Chöre in den Kirchen – das fünfte Stockwerk und den Pindus – Schaubühnen und außerordentliche Lehrstühle.«

Als Firmian, in trübere Ähnlichkeiten eingesunken, schwieg: so schwieg er auch. Er führte ihn nun – denn er war in der ganzen Gegend bewandert – einem andern Stein mit einem schönern Namen entgegen, auf den »fröhlichen Stein«. Firmian tat endlich, indem sie sich dazu den Berg hinaufarbeiteten, an ihn die mutige Frage: »Sage mirs, ich bin gefasset, geradezu und auf deine Ehre: wann gehest du auf immer von mir?« – »Jetzt«, antwortete Heinrich. Unter dem Vorwand, den blühenden, in duftende Bergkräuter gekleideten Bergrücken leichter zu ersteigen, hielt sich jeder an die Hand des andern an, und unter dem Hinaufarbeiten wurde jede aus scheinbar-mechanischem Zufall gedrückt. Aber der Schmerz durchzog Firmians Herz mit wachsenden größern Wurzeln und spaltete es weiter, wie Wurzeln Felsen. Firmian legte sich auf dem grauen Felsen-Vorsprung nieder, der abgetrennt in die grünende Anhöhe, wie ein Grenzstein, eingeschlagen war; aber er zog auch seinen scheidenden Liebling an seine Brust herab: »Setze dich noch einmal recht nahe an mich«, sagt' er. Sie zeigten, wie Freunde tun, alles einander, was jeder sah. Heinrich zeigte ihm das um den Fuß des Berges aufgeschlagene Lager der Stadt, die wie eingeschlummert zusammengesunken schien, und in der nichts rege war als die flimmenden Lichter. Der Strom ringelte sich unter dem Monde mit einem schillernden Rücken wie eine Riesenschlange um die Stadt und streckte sich durch zwei Brücken aus. Der halbe Schimmer des Mondes und die weißen durchsichtigen Nebel der Nacht hoben die Berge und die Wälder und die Erde in den Himmel, und die Wasser auf der Erde waren gestirnte wie die blaue Nacht darüber, und die Erde führte, wie der Uranus, einen doppelten Mond, gleichsam an jeder Hand ein Kind.

»Im Grunde«, fing Leibgeber an, »können wir uns alle beide immer sehen, wir dürfen nur in einen gemeinen Spiegel schauen, das ist unser MondspiegelPythagoras machte, daß alles, was er mit Bohnensaft auf einen Spiegel schrieb, im Mond zu lesen war. Cael. Rhodogin. IX. 13. – Als Karl V. und Franz I. sich über Mailand bekriegten, konnte man durch einen solchen Spiegel alles, was in Mailand am Tage vorging, ohne Mühe zu Paris zu nachts am Monde lesen. Agrippa de occ. philos. c. 6. .« – »Nein«, sagte Firmian, »wir wollen eine Zeit ausmachen, wo wir zugleich aneinander denken – an unsern Geburttagen und an meinem pantomimischen Sterbetag – und am jetzigen.« – »Gut, das sollen unsere vier Quatember sein«, sagte Leibgeber.

Auf einmal drückte des letzten Hand auf eine wahrscheinlich von Schloßen erlegte Lerche. Er fassete plötzlich Firmians Achsel und sagte, ihn aufziehend: »Steh auf, wir sind Männer – was soll das alles? – Lebe wohl! – Gott soll mich mit tausend Donnerkeilen zerknirschen, wenn du mir je aus dem Kopfe und aus dem Herzen kommst. Du sitzest mir ewig so warm in der Brust wie ein lebendiges Herz. Und so gehab dich denn wohl, und auf dem Berghemschen Seestück deines Lebens sei keine Welle so groß wie eine Träne. Fahre wohl!« – Sie wuchsen ineinander und weinten herzlich, und Firmian antwortete noch nicht: seine Finger streichelten und drückten das Haar seines Heinrichs. Endlich lehnt' er bloß sein Halbgesicht an die geliebten Augen; vor seinen schimmerte das weite Geklüft der Nacht, und seine vom Kusse abgewandten Lippen sagten, aber ohne allen Tonfall: »Lebe wohl, sagst du zu mir? Ach, das kann ich ja nicht, wenn ich meinen treuesten, meinen ältesten Freund verloren habe. Die Erde bleibt mir nun so verschattet, wie sie jetzt um uns steht. Es wird mir einmal hart fallen im Tode, wenn ich in meiner Finsternis mit der Hand herumgreife nach dir und im Fieber denke, das Sterben sei wieder verstellet wie dasmal, und wenn ich sage: ›Heinrich, drücke mir wieder die Augen zu, ich kann ohne dich nicht sterben.‹« – Sie schwiegen in einem krampfhaften Umschlingen. Heinrich lispelte in seine Brust herab: »Frage mich, was ich dir noch sagen soll, dann soll mich Gott strafen, wenn ich nicht verstumme.« Firmian stotterte: »Wirst du mich fortlieben, und seh' ich dich bald wieder?« – »Spät«, antwortete er; »- und ohne Aufhören lieb' ich dich.« Unter dem Abreißen hielt und bat ihn Firmian: »Wir wollen uns nur noch einmal ansehen.« Und sie bogen sich mit den von den Strömen der Rührung zerrissenen Angesichtern auseinander und blickten sich zum letztenmal an, als der Nachtwind, wie der Arm eines Stroms, sich mit dem tiefen Flusse vereinigte und beide in größern Wellen fortbrausten, und als das weite Gebirge der Schöpfung sich unter dem trüben Schimmer gebrochner Augen erschütterte. Aber Heinrich entriß sich, machte eine Bewegung mit der Hand, gleichsam als »alles sei aus«, und nahm seine Flucht an der Anhöhe hinunter.

Firmian wurd' ihm nach einiger Zeit, ohne es zu wissen, vom Stachelrad des Schmerzes nachgestoßen, und der von Blutschrauben taub gequetschte innere Mensch fühlte jetzo die Abnahme seines Gliedes nicht. Beide eilten, obwohl von Tälern und Bergen auseinandergeworfen, denselben Weg. Sooft Heinrich einmal stand und zurücksah, so tat Firmian beides auch. Ach nach einem solchen schwülen Sturm erstarren alle Wogen zu Eisspitzen, und das Herz liegt durchstochen auf ihnen. Klang es nicht unserem Firmian, da er mit diesem zerbrochenen Herzen über unkenntliche, dämmernde Pfade lief, klang es ihm nicht, als läuteten hinter ihm alle Totenglocken – als flöge vor ihm das entrinnende Leben dahin – und da er den blauen Himmel durchschnitten sah von einem schwarzen WetterbaumEine lange Wolke mit Streifen wie Äste, die Sturmwetter verkündigt. , der auf den Sternen wie eine Bahre für die Zukunft stand, mußt' es da nicht um ihn rufen: mit diesem Maßstab aus Dunst nimmt das Schicksal von euch und euerer Erde und euerer Liebe das Maß zum letzten Sarge? –

Heinrich wurd' endlich aus der Fortdauer desselben Zwischenraums zwischen ihm und der abgekehrten Gestalt gewahr, daß sie ihm folge, und daß sie nur stocke, wenn er halte. Er nahm sich daher vor, im nächsten Dorfe, das seinen Stillestand verdeckte, der nachschleichenden Gestalt zu stehen. Im nächsten, in ein Tal versenkten Dorfe – Töpen – wartete er die Ankunft des nachfolgenden unkenntlichen Wesens im breiten Schatten einer blinkenden Kirche ab. Firmian eilte über die weiße, breite Straße, trunken vom Schmerz, blinder im Mond, und erstarrete nahe vor dem Abgetrennten. Sie waren einander gegenüber, wie zwei Geister über ihren Leichen, und hielten sich, wie der Aberglaube das Getöse der lebendig Begrabnen, für Erscheinungen. Firmian zitterte, aus Furcht, daß sein Liebling zürne, und machte von ferne die bebenden Arme auf und stotterte: »ich bins, Heinrich« und ging ihm entgegen. Heinrich tat einen Schrei des Schmerzens und warf sich an die treue Brust, aber der Schwur hielt seine Zunge – und so drückten die zwei Elenden oder Seligen, stumm und blind und weinend, ihre zwei schlagenden Herzen noch einmal recht nahe aneinander. – Und als die sprachlose, qualenvolle, wonnevolle Minute vorüber war: so riß sie eine eiserne, kalte auseinander, und das Schicksal ergriff sie mit zwei allmächtigen Armen und schleuderte das eine blutige Herz nach Süden, und das andere nach Norden – und die gebückten, stillen Leichname gingen langsam und allein den wachsenden Scheideweg weiter in der Nacht ... Und warum bricht denn mir mein Herz so gewaltsam entzwei, warum konnt' ich schon lange, eh' ich an diese Trennung kam, meine Augen nicht mehr stillen? O es ist nicht, mein guter Christian, darum, weil in dieser Kirche die ruhen und zerfallen, die an deinem und meinem Herzen gewesen waren. – – Nein, nein, ich hab' es schon gewohnt, daß in der schwarzen Magie unsers Lebens an der Stelle der Freunde plötzlich Gerippe aufspringen – daß einer davon sterben muß, wenn sich zwei umarmenDer Aberglaube wähnt, daß von zwei Kindern, die sich küssen, ohne reden zu können, eines sterben muß. – daß ein unbekannter Hauch das dünne Glas, das wir eine Menschenbrust nennen, bläset, und daß ein unbekannter Schrei das Glas wieder zertreibt. – Es tut mir jetzo nicht mehr so weh wie sonst, ihr zwei schlafenden Brüder in der Kirche, daß die harte, kalte Todeshand euch so früh vom Honigtau des Lebens wegschlug, und daß euere Flügel aufgingen, und daß ihr verschwunden seid – o ihr habt entweder einen festern Schlaf als unsern oder freundlichere Träume als unsere oder ein helleres Wachen als unseres. Aber was uns an jedem Hügel quält, das ist der Gedanke: »Ach wie wollt' ich dich gutes Herz geliebet haben, hätt' ich dein Versinken vorausgewußt.« Aber da keiner von uns die Hand eines Leichnams fassen und sagen kann: »du Blasser, ich habe dir doch dein fliegendes Leben versüßet, ich habe doch deinem zusammengefallenen Herzen nichts gegeben als lauter Liebe, lauter Freude« – da wir alle, wenn endlich die Zeit, die Trauer, der Lebens-Winter ohne Liebe unser Herz verschönert haben, mit unnützen Seufzern desselben an die umgeworfenen Gestalten, die unter dem Erdfall des Grabes liegen, treten und sagen müssen: »O daß ich nun, da ich besser bin und sanfter, euch nicht mehr habe und nicht mehr lieben kann – o daß schon die gute Brust durchsichtig und eingebrochen ist und kein Herz mehr hat, die ich jetzt schöner lieben und mehr erfreuen würde als sonst« – was bleibt uns noch übrig als ein vergeblicher Schmerz, als eine stumme Reue und unaufhörliche bittere Tränen? – Nein, mein Christian, etwas Bessers bleibt uns übrig, eine wärmere, treuere, schönere Liebe gegen jede Seele, die wir noch nicht verloren haben.

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