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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Am Morgen regnete es ein wenig in diese Blumen des Scherzes. Der Advokat hatte, als Leibgeber seine löwenhaarige Brust kalt wusch, einen kleinen Schlüssel zurückschieben sehen und gefragt, was er sperre. – »Auf – nichts«, sagte er, »aber zu – hat er das plombierte CenotaphiumSo oder auch tumulus honorarius hieß das leere Grabmal, das Freunde einem Toten baueten, dessen Körper nicht zu finden war. gesperrt.« Firmian mußte sich mit den Augen über das Fenster herauslehnen und sie ungesehen trocknen; dann sagte er, mit dem Kopfe draußen: »Gib mir den Schlüssel – es ist der in Wachs gedrückte eines künftigen – ich will ihn zum Musikschlüssel meiner innern Töne machen und will ihn hinhängen und täglich ansehen, und wenn mein Vorsatz, besser zu werden, etwan abgelaufen ist, will ich ihn mit diesem Uhrschlüssel wieder aufziehen.« Er bekam ihn. Da sah Leibgeber zufällig in den Spiegel: »Fast sollt' ich mich doppelt sehen, wenn nicht dreifach«, sagt' er; »einer von mir muß gestorben sein, der drinnen oder der draußen. Wer ist hier in der Stube denn eigentlich gestorben und erscheint nachher dem andern? Oder erscheinen wir bloß uns selber? – – He, ihr meine drei Ich, was sagt ihr zum vierten?« fragte er und wandte sich an ihre beiden Spiegelbilder und dann an Firmian und sagte: »Hier bin ich auch!« – Es lag etwas Schauerliches für seine Zukunft in diesen Reden, und Firmian, welchen mitten in seinem bewegten Herzen der kühlere Verstand den gefährlichen Wachstum dieser metamorphotischen Selberspiegelung durch die Einsamkeit des Reisens befürchten ließ, äußerte zärtlich besorgt: »Lieber Heinrich, wenn du auf deinen ewigen Reisen künftig immer so einsam bliebest: ich fürchte, es schadet dir. Ist doch Gott selber nicht einsam, sondern sieht sein All.«

»Ich kann in der größten Einsamkeit immer zu dritt sein, das All nicht einmal gerechnet«, antwortete Leibgeber, durch den Sargschlüssel seltsam aufgerührt, und trat vor den Spiegel und drückte mit dem Zeigefinger den Augapfel seitwärts, so daß er in jenem sein Bild zweimal sehen mußte; »aber du kannst freilich die dritte Person darin nicht sehen.« – Doch fuhr er etwas aufgeweckter fort, um den damit wenig erheiterten Freund zu entwölken, und sagte, ihn ans Fenster führend: »Drunten auf der Gasse hab' ichs freilich besser und viel größere Gesellschaft; ich setze meinen Zeigfinger am Augapfel an: sofort liefer' ich von jedem, wer er auch sei, den Zwilling und habe jeden Wirt so gut doppelt wie seine Kreide. Da geht kein Präsident in die Sitzung, der seinesgleichen sucht, dem ich nicht seinen Urang-Utang gäbe, und beide gehen vor mir tête à tête. – Will ein Genie einen Nachahmer, ich nehme meinen Schreib- und Zeigfinger, und ein lebendiges Fac-simile ist auf der Stelle gezeugt. – Neben jedem gelehrten Mitarbeiter arbeitet ein Mitarbeiter mit, Adjunkten werden Adjunkte adjungiert, einzige Söhne in Duplikaten ausgefertigt; denn, wie du siehst, ich trage meine plastische Natur, meinen Staubfaden, meinen Bossiergriffel bei mir, den Finger. – Und selten lass' ich einen Solotänzer anders als mit vier Beinen springen, und er muß als ein Paar in der Luft hangen; was ich aber durch solches Gruppieren eines einzigen Kerls und seiner Gliedmaßen gewinne, solltest du schätzen. – Schlage endlich die gewonnene Volkmenge an, wenn ich gar ganze Leichen- und andere Prozessionen zu Doppelgängern verdopple, jedes Regiment um ein ganzes Regiment Flügelmänner verstärke, die alles vor- und nachmachen; denn, wie gesagt, ich habe wie eine Heuschrecke den Legestachel bei mir, den Finger. – Aus allem schöpfest du, Firmian, wenigstens die Beruhigung, daß ich mehr Menschen genieße als ihr alle, nämlich gerade noch einmal soviel, und noch dazu lauter Personen, die als ihre Selberaffen in jeder Bewegung durch etwas wahrhaft Lächerliches so leicht ergötzen!«

Darauf sahen beide einander ins Gesicht, aber voll freudiger Zuneigung und ohne ein böses Nachgefühl des vorigen wilden Scherzes. Ein Dritter hätte in dieser Stunde sich vor ihrer Ähnlichkeit gefürchtet, da jeder der Gipsabguß des andern war, aber die Liebe machte beiden ihre Gesichter unähnlich; jeder sah im andern nur das, was er außer sich liebte; und es war mit ihren Zügen wie mit schönen Handlungen, die uns wohl an andern, aber nicht an uns selber in Rührung oder gar in Bewunderung versetzen.

Als sie wieder im Freien und auf der Straße nach Gefrees zogen, und der Sargdieterich samt den vorigen Gesprächen ihnen immer den Abschied vor die Seele brachte, dessen Todes-Sense mit jedem Meilenzeiger sich näher auf sie hereinbog: so suchte Heinrich einige rosenfarbene Strahlen in Firmians Nebel dadurch einzubeugen, daß er ihm ein genaues Protokoll alles dessen, was er an jedem Tage mit dem Grafen von Vaduz abgetan und abgeredet hatte, in die Hände gab: »Der Graf (sagt' er) dächte zwar, du hättest die Diskurse nur vergessen – aber so ists doch besser – du hast dich wie ein Negersklave umgebracht, um in die Freiheit und auf die Goldküste deiner Silberküste zu kommen – und als wär's verdammt, wenn du noch verdammt würdest nach deinem Verscheiden.« – »Ich kann dir nie genug danken, du Bester«, sagte Firmian, »aber du solltest mirs nicht noch mehr erschweren und wie eine Hand aus den Wolken zurückfahren, wenn du deine ausgeleeret hast. Warum soll ich dich nach unserem Abschied nicht mehr sehen, sage?« – »Erstlich«, antwortete er gelassen, »könnten die Leute, der Graf, die Witwenkasse, deine Witwe darhinter kommen, daß ich in zwei Ausgaben dawäre, welches in einer Welt ein verdammtes Unglück wäre, wo man kaum in der ersten, im Originalexemplar, einsitzig, einschläferig gelitten wird. Zweitens hab' ich vor, mir auf dem Narrenschiff der Erde eine und die andere Rüpels-Rolle auszulesen, deren ich mich so lange nicht schäme, als kein Teufel mich kennt. – Auch ich wüßte mehr Gründe von Belang! – Auch tuts mir wohl, mich so unbekannt, abgerissen, ungefesselt, als ein Naturspiel, als ein diabolus ex machina, als ein blutfremdes Mond-Lithopädium unter die Menschen und auf die Erde zu stürzen vom Mond herunter. Firmian, es bleibt dabei. Ich schicke dir vielleicht nach Jahren einen und den andern Brief, um so mehr da die GalaterAlexand. ab Alex. III. 7. an die Verstorbnen Briefe auf den Scheiterhaufen wie auf eine Post aufgaben. – Aber anjetzo bleibts dabei, wahrlich.« – »Ich würde mich nicht so leicht in alles fügen«, sagte Siebenkäs, »wenn mir nicht doch ahnete, daß ich dir bald einmal wieder begegnen werde; ich bin nicht wie du; ich hoffe zwei Wiedersehen, eines unten, eines oben. Wollte Gott, ich brächte dich auch zu einem Sterben wie du mich, und wir hätten dann unser Wiedersehen auf einem Bindlocher Berge, blieben aber länger beisammen!«

Wenn die Leser sich bei diesen Wünschen an den Schoppe im Titan erinnert finden: so werden sie betrachten, in welchem Sinne das Schicksal oft unsere Wünsche auslegt und erfüllt. Leibgeber antwortete bloß: »Man muß sich auch lieben, ohne sich zu sehen, und am Ende kann man ja bloß die Liebe lieben; und die können wir beide täglich in uns selber schauen.«

In Gefrees tat Leibgeber ihm den Vorschlag, im Gasthofe bei so schöner Muße, da in und außer der eingassigen Stadt nichts zu sehen sei, die Kleider gegeneinander auszuwechseln, besonders deswegen – führte er als triftigen Grund an –, damit der Graf von Vaduz, der ihn seit Jahren nicht anders als in gegenwärtigem Anzuge gesehen, sich bei dem Advokaten an nichts zu stoßen brauche, sondern alles genau so wie sonst antreffe, sogar bis auf den Schuhabsatz mit Nägeln herab. Das fiel ordentlich wie ein breiter Streif warmer Februarsonne auf des Advokaten Brust, der Gedanke, künftig von Heinrichs Ärmeln gleichsam umarmt und von allen seinen äußern Reliquien umfaßt und erwärmt zu werden. – Leibgeber ging ins Nebenzimmer und warf zuerst seine kurze grüne Jacke durch die halboffne Thür hindurch und rief: »Schanzlooper herein!« – dann nach der Halsbinde und Weste lange Beinkleider mit Lederstreifen, sagend: »kurze herein!« – und endlich gar sein Hemde mit den Worten: »das Totenhemd her!«

Das hereingeworfne Hemd wurde dem Advokaten auf einmal der Zeichendeuter Leibgebers, er erriet, daß dieser mit der Körperwanderung in Kleider auf etwas Höheres ausgelaufen als auf einen Rollenanzug für Vaduz; nämlich auf das Bewohnen des Gehäuses oder der Hülle, die seinen Freund umschlossen hatte. In einem ganzen Band von Gellertischen oder Klopstockischen Briefen voll Freundschaft, in einer ganzen Woche voll Leibgeberscher Opfertage lag für den Advokaten nicht so viel Liebes und Süßes als in diesem Kleider-Beerben. Er wollte seine beglückende Ahnung nicht durch Aussprechen entheiligen; aber bestärkt wurd' er darin, als nun Leibgeber, zu einem Siebenkäs umgekleidet, heraustrat und sich mit sanften Blicken im Spiegel ansah und darauf seine drei Finger stumm auf Firmians Stirn auflegte, was das größte Zeichen seiner Liebe war; daher ich zu meiner und Firmians Freude berichte, daß er das Zeichen unter dem Mittagessen (das Gespräch drehte sich um die gleichgültigsten Sachen) über dreimal wiederholte. Welche andere und lange Scherze würde über das Mausern Leibgeber zu anderer Zeit, bei andern Gefühlen getrieben haben! Wie würde er, um nur einiges zu mutmaßen, das wechselseitige Umbinden ihrer zwei Foliobände nicht benützt haben, um den Herrn Lochmüller (den Gastwirt in Gefrees) in die größten und lustigsten Verlegenheiten zu verstricken, aus denen der höfliche Mann sich keine Minute früher gewickelt hätte, als bis ihm dieser vierte Band zu Hülfe gekommen wäre, der erst gegenwärtig in Baireuth und nicht einmal unter der Presse ist! – Doch Leibgeber tat von allem nichts; und auch von Einfällen bracht' er nur die wenigen schwachen vor über beide als Wechselkinder und deren Wechselkinderei – über schnellen französischen Übergang der Leute en longue robe in die en robe courte; – und auch sagte er etwa noch, er nenne nun Siebenkäs nicht mehr einen seligen Verklärten in Stiefeln, sondern einen in Schuhen, was sich eher schicke und etwas erhabener klinge.

Mit besonderem Erfreuen sah er zu, wie sein Hund, der Saufinder, zwischen den alten Körpern und den neuen Kleidern, gleichsam zwischen zwei Feuern der Liebe, sich in nichts recht finden konnte und mehrmals mit langer Nase abzog von dem einen zum andern; das Konkordat zwischen beiden, die Verkürzungen der einen Partei, die Vergrößerungen der andern machten das Vieh stutzig, aber nicht klug. »Ich schätze ihn wegen seines Betragens gegen dich noch einmal so hoch«, sagte Leibgeber; »glaube mir, er wird mir gar nicht untreu, wenn er dir treu ist.« Etwas Verbindlicheres konnt' er dem Advokaten schwerlich sagen.

Auf dem ganzen kahlen Wege von Gefrees nach Münchberg gab sich der Advokat aus Dankbarkeit die größte Mühe, das Sonnenlicht der Heiterkeit, in das ihn Heinrich immer zu führen suchte, auf ihn zurückzuwerfen. Es wurd' ihm nicht leicht, besonders wenn er seinem Schreiten im langen Rock nachsah. Am meisten strengt' er sich in Münchberg an, der letzten Poststation vor Hof, wo ihnen die körperlichen Arme, womit sie sich aneinander schlossen, gleichsam abgenommen werden sollten durch ein langes Entfernen.

Indem sie mehr schweigend als bisher auf der Höfer Landstraße und Leibgeber vorausging: so hob dieser, den das Fichtelgebirge zur Rechten wieder erquickte, sein gewöhnliches Reisepfeifen an, frohe und trübe Melodieen des Volkes, die meisten in Molltönen. Er sagte selber, er halte sich nicht für den schlechtesten Stadt- und Straßenpfeifer und er führe, glaub' er, das angeborne Fußbotenposthorn mit Ehren. Aber für Firmian waren, so kurz vor dem Abschiede, diese Klänge, die gleichsam aus Heinrichs langen vorigen Reisen wiederzukommen und aus seinen künftigen einsamen entgegenzutönen schienen, eine Art von Schweizer Kuhreigen, die ihm ins Herz rissen; und er konnte, zum Glücke hinter ihm gehend, sich mit aller Gewalt nicht des Weinens enthalten. – O bringt die Töne weg, wenn das Herz voll ist und doch nicht überfließen soll!

Endlich brachte er so viel Ruhe in der Stimme zusammen, daß er ganz unbefangen fragen konnte: »Pfeifst du gern und oft unterwegs?« Im Fragtone lag aber so etwas, als mach' ihm das Flöten nicht so viele Freude als dem Musiker selber. »Stets«, versetzte Leibgeber, – »ich pfeife das Leben aus, das Welttheater und was so darauf ist und dergleichen – vielerlei aus dem Vergangenen – auch pfeif' ich wie ein Karlsbader Türmer die Zukunft an. – Mißfällts dir etwa? – Fugier' ich falsch, oder pfeif' ich gegen den reinen Satz?« – »O nur zu schön«, sagte Siebenkäs.

Darauf fing Leibgeber von neuem an, aber zehnmal kräftiger und trug ein so schönes schmelzendes Mundorgelstück vor, daß Siebenkäs ihm vier weite Schritte nachtat und – indem er zu gleicher Zeit mit der Linken das Tuch über seine nassen Augen deckte und die Rechte sanft auf Heinrichs Lippen legte – zu ihm fast stotternd sagte: »Heinrich, schone mich! Ich weiß nicht wie; aber heute ergreift mich jeder Ton gar zu stark.« Der Musiker sah ihn an – Leibgebers ganze innere Welt war im Augapfel – dann nickte er stark und schritt schweigend heftig voraus, ohne sich umzuschauen oder angeschauet zu werden. Doch setzten die Hände, vielleicht unwillkürlich, in kleinen Taktregungen einiges von den Melodieen fort.

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