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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Durchreise durch Fantaisie – Wiederfund auf dem Bindlocher Berg – Berneck, Menschen-Verdoppeln – Gefrees, Kleiderwechsel – Münchberg, Pfeifstück – Hof, der fröhliche Stein und Doppel-Abschied samt Töpen

Heinrich bewegte jetzo mehre Flügel als ein Seraphim, um seinem Freunde früher nachzufliegen. Eilig packt' er die Schreibereien desselben ein und überschrieb sie nach Vaduz – das zugesiegelte Testament des Landschreibers wurde der Orts-Obrigkeit übergeben – von dieser wurden die Totenscheine ausgestellt, damit die preußische Witwenkasse sähe, daß man sie nicht betröge – und dann stieß er ab und stellete noch einige wichtige Trostgründe und einige wichtige Dukaten der gebeugten Strohwitwe zu, die in ihrem grillierten Kattun so trauerte, wie sichs gehört.

Lasset uns jetzt früher als er seinen Verstorbenen einholen und begleiten. In der ersten Stunde des Nachtganges kämpften in Firmians Herzen noch verworrene Bilder der Vergangenheit und der Zukunft durcheinander, und ihm war, als gäb' es für ihn gar keine Gegenwart, sondern zwischen Vergangen und Zukünftig sei Öde. Aber bald gab der frische reiche Erntemonat August ihm das weggespielte Leben zurück, und als der glänzende Morgen kam: so lag die Erde vor ihm sanft erhellet mit einem niedergefallenen Donnerwetter, das nur noch schönere Blitze aus Tropfen der Ähren warf, wie von einem Monde überschienen – es war eine neue Erde, er ein neuer Mensch, der durch die Eierschale des Sarges mit reifen Flügeln durchgebrochen war – o eine breite, sumpfige, überschattete Wüste, in der ihn ein langer, schwerer Traum herum getrieben, war mit dem Traum zersprungen, und er blickte weit und wach ins Eden – lang, lang hatte besonders die letzte Woche die Krümmungen des Leidens ausgedehnet, die unserem kleinen Leben eine Überlänge anlügen, wie man den kurzen Gängen eines Gartens durch Krümmungen derselben eine täuschende Ausdehnung zuteilt. Auf der andern Seite wurde seine leichtere, von alten Lasten entladene Brust durch einen großen Seufzer halb bang, halb froh geschwellet – er war nämlich zu weit in die Trophonius-Höhle des Grabes gegangen und hatte den Tod zu nahe gesehen – daher kam es ihm vor, als lägen um den Vulkan des Grabhügels mit seinem Krater die Landhäuser und unsere Lustschlösser und Weingärten angebauet, und die nächste Nacht verschütte sie. Er schien sich allein, ausgehoben und ein verstorbner Wiederkömmling zu sein, und daher glänzte ihn jedes Menschengesicht an wie das eines wiedergefundenen Bruders: »es sind meine auf der Erde zurückgelassenen Geschwister«, sagte sein Herz, und eine frühlingwarme, fruchtbare Liebe dehnte darin alle Fibern und Adern aus, und es wuchs um jedes fremde mit weichen festen Efeutrieben verstrickend herum, aber das teuerste fehlte ihm noch zu lange; er zog daher recht langsam weiter, damit ihn Leibgeber, vor welchem er Weg und Zeit voraushatte, früher einholen könnte als in der Stadt Hof. Hundertmal wandt' und sah er sich unterwegs fast unwillkürlich nach dessen Nachschreiten und Einholen um, als wäre dieses schon jetzo zu sehen.

Endlich langte er in der Baireuther Fantaisie an einem Morgen an, wo die Welt glänzte von den Tautröpfchen an bis zu den Silberwölkchen hinauf; aber still war es überall; alle Lüftchen schwiegen, und der August hatte in seinen Büschen und in seinen Lüften keine Sänger mehr. Ihm war, als durchwandle er als Abgeschiedner von den Sterblichen eine zweite verklärte Welt, wo die Gestalt seiner Natalie mit Augen der Liebe, mit Worten des Herzens frei ohne Erdenfesseln neben ihm gehen und ihm sagen durfte: »Hier hast du dankbar zur Sternennacht aufgeblickt – hier hab' ich dir mein wundes Herz gegeben – hier sprachen wir die irdische Trennung aus – und hier war ich oft allein und dachte mir das kurze Erscheinen.« – »Aber hier«, sagte er zu sich, als er vor dem schönen Schlosse stand, »hat sie zuletzt geweint im schönen Tale, weil sie von ihrer Freundin schied.«

Jetzo war allein sie die Verklärte; er war sich bloß der Zurückgebliebene, der zu ihr hinübersah. Er fühlt' es, daß er sie nicht mehr sehe auf der Welt; aber die Menschen, sagt' er sich, müssen sich lieben können, ohne sich zu sehen. Seine ganze karge Zukunft wird bloß von verklärten Traumbildern erleuchtet. Aber wie der Baum (nach Bonnet) so gut in die Luft oder den Himmel gepflanzt ist als in die Erde und sich aus beiden nährt: so der rechte Mensch überhaupt; und so lebte Firmian noch mehr künftig als bisher nur mit wenigen Wurzelästen seines Selbst in der sichtbaren Erde; der ganze Baum mit Zweigen und Gipfel stand im Freien und sog mit seinen Blüten an der Himmelluft, wo ihn eine bloß unsichtbare Freundin und ein unsichtbarer Freund erquicken sollten.

Endlich verdeckte sich der schöne Duft des Träumens zu einem Nebel. Nataliens Trauer über sein Sterben schwebte ihm vor, und sein Einsamsein drückte auf das Herz, und die von Liebe wundgepreßte Brust schmachtete unsäglich nach einem lebendigen Wesen, das da stände und ihn herzlich liebte; aber dieses Wesen lief erst hinter seinem Rücken und suchte ihn zu erreichen, sein Heinrich.

– »Herr Leibgeber«, rief plötzlich eine nachlaufende Stimme, »so stehen Sie doch! Ich bring' Ihnen Ihr Schnupftüchlein wieder, ich hab' es drunten gefunden.«

Er blickte sich um, und dasselbe Mädchen, das Natalie aus dem Wasser gezogen, lief ihm mit einem weißen Schnupftuch entgegen. Da er nun seines noch hatte und die Kleine ihn verwundert überschauete und sagte, es sei ihm vor einer Stunde unten am Bassin herausgefallen, aber er habe keinen so langen Rock angehabt: so stürzte ein Freudenguß in sein Herz – Leibgeber war nachgekommen und unten gewesen.

Im Sturme und mit dem Schnupftuche lief er nach Baireuth. Das Tuch war feucht, als wären die weinenden Augen seines Freundes darin gewesen; er drückte es auf seine eignen heißen, aber er konnte sie nicht mehr damit trocknen; denn er malte sich aus, wie Heinrich in der Einsamkeit lebe und seinen eignen Ausspruch bewähre: wer das Gefühl schont und verpanzert, der erhält es am empfindlichsten, wie unter dem Fingernagel die wundeste Gefühlhaut liegt. – Im Gasthofe zur Sonne vernahm er vom Kellner Johann, Leibgeber sei wirklich angekommen und vor einer halben Stunde abgegangen. Rechts und links blind und taub rannte Firmian ihm nach auf der Höfer Straße und mit einem solchen stürmischen Verfolgen des Freundes, daß ihn nicht einmal das feuchte Tuch mehr beschäftigte.

Spät erblickte er ihn auf der hinter dem Dorfe Bindloch aufsteigenden langen Anhöhe, einer Bergstraße im eigentlichen Sinne, auf der weder ab- noch aufwärts zu eilen war. Nach Vermögen schnell watete Leibgeber hinauf, um den Advokaten unerwartet einzuholen schon vor Hof, etwan in Münchberg oder in Gefrees, wenn nicht gar in Berneck, das wenige Post-Stunden von Baireuth abliegt.

Aber sollte alles nicht noch zehnmal besser gehen? Erblickte nicht Siebenkäs am Fuße des Berges ihn endlich oben unweit der Gipfelebene und rief seinen Namen, und er hörte es nicht? Lief er nicht außerordentlich mit dem Schnupftuch in der Hand dem langsamen bergmüden Freunde nach, und kehrte dieser sich oben nicht zufällig und zum Überschauen der sonnigen Landschaft um und sah ganz Baireuth, ja zuletzt gar den – laufenden Freund? – Und stießen endlich nicht beide, der eine bergab, der andere bergauf eilend, aneinander, aber nicht wie zwei feindliche Heere, sondern wie zwei bekränzte schäumende Becher der Freude und der Freundschaft? –

Heinrich nahm bald wahr, daß in der Brust seines Freundes viel Gewaltsames und Auflösendes, vergangene und künftige Zeit, durcheinander arbeite; er suchte daher alle »Najaden der Tränenwellen« zu versöhnen und zu besänftigen. »Alles ging göttlich, und jedermann war gesund«, sagte er, »jetzo bist du frei wie ich – die Ketten sind abgetan – die Welt ist aufgemacht – da fahre nur recht frisch hinein wie ich und hebe dein Leben ordentlich erst an.« – »Du hast recht«, sagte Firmian, »ich habe ein Wiedersehen wie nach dem Tode, heiter und still und warm steht der Himmel über uns.« Er hatte deshalb auch nicht den Mut, nach seinen Hinterbliebenen, besonders nach der Witwe zu fragen. Leibgeber äußerte viele Freude, daß er ihn schon vier Poststationen vor Hof eingeholt und jagdbar gemacht; und es sei ihm dies um so lieber, da er sich auf diese Weise noch recht lange von ihm könne begleiten lassen, bevor sie in Hof auseinander müßten; welches letzte eigentlich das war, was er sagen und einschärfen wollte.

Jetzo fingen nun – um jeder wechselseitigen Rührung vorzubauen – seine Scherze über das Sterben an, die ordentlich wie Meilenzeiger oder Steinbänke auf der Kunststraße bis Hof fortgingen und die wir alle auf dieser Reise mitnehmen müssen, wenn wir nicht umkehren wollen. Er fragte ihn, ob die Diäten zugelangt, die er ihm, wie die alten Deutschen und Römer und Ägypter ihren andern Toten, mitgegeben – er gestand, Firmian müsse sehr fromm sein, da er, als er kaum das Sterbliche ausgezogen, schon wieder von Toten auferstanden sei; und er bestätigte Lavaters Lehre, daß es zwei Auferstehungen gebe, die frühere für die Frommen, die spätere für die Gottlosen. Er brachte ferner bei: »Du hättest nach deinem tödlichen Hintritt keinen besseren ArchimimusEs war bei den Römern der Schauspieler, der bei dem Leichenbegängnis den Toten mit seinem ganzen Mienenspiel nachmachte. Pers. Sat. 3. haben können als mich; und jede Fliege, die ich auf deiner Hand weglaufen sah, war in meinen Augen ein Schirmvogt der Römer, die es wohl einsahen, daß der Vogt nichts auf der Hand zu machen habe, und daher einen Knaben mit einem Fliegenwedel vor jeden Toten postierten, was ich sündlich unterlassen habe.« Leibgebers Geist und Körper sprangen mehr als sie gingen: »Ich bin fröhlich und frei«, sagt' er, »solang' ich im Freien bin – unter den Wolken hab' ich keine Wolken. – In der Jugend pfeifet einem der rauhe Nordwind des Lebens nur auf den Rücken; und beim Himmel, ich bin jünger als ein Rezensent.«

In Berneck übernachteten sie zwischen den hohen Brückenpfeilern von Bergen, zwischen welchen sonst die Meere schossen, die unsere Kugel mit Gefilden überzogen haben. Die Zeit und die Natur ruhten groß und allmächtig nebeneinander auf den Grenzen ihrer zwei Reiche – zwischen steilen, hohen Gedächtnissäulen der Schöpfung, zwischen festen Bergen zerbröckelten die leeren Bergschlösser, und um runde grünende Hügel lagen Felsen-Barren und Stein-Schollen, gleichsam die zerschlagenen Gesetztafeln der ersten Erdenbildung.

Beim Eintritt sagte Heinrich: »Die Pfarrer von hier bis Vaduz müssen nicht wissen, daß du das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hast: sonst würden sie dir die Stolgebüren abfodern, die jede Leiche in jedem Pfarrort entrichten muß, wodurch sie geht. – Wären wir im alten Rom und nicht in Berneck«, sagte er vor dem Wirtshaus, »so ließe dich der Wirt nirgends ins Haus als durch den Rauchfang; – und wärs in Athen: so brauchtest du, gerade als wenn du in ein geistliches Amt wolltest, bloß durch einen Reifrock zu kriechenBeides mußten sich die gefallen lassen, die man für tot gehalten und als solche eines Leichenbegängnisses gewürdigt hatte. Potters Archäol. von Rambach übersetzt. S. 530 f. .« – Er konnte in einem solchen Fall voll Witz nie aufhören – welches ihn zu seinem Nachteil von mir unterscheidet – und sagte, es sei mit Gleichnissen und Ähnlichkeiten wie mit Goldstücken, von denen Rousseau sagt, das erste sei schwerer zu erhalten als das nächste Tausend.

Daher stand es nicht in seinem Vermögen, abends keinen Einfall zu haben, als er den Advokaten die Nägel beschneiden sah: »Ich begreife nicht, da ichs an dir sehe, warum sichs Katharina Vicri, der man 250 Jahre nach ihrem Tode die Nägel sauber abkneipen müssen, nicht so gut selber getan hat wie du jetzt nach deinem Geistaufgeben.« Und als er ihn im Bette sich auf die linke Seite kehren sah: bemerkte er bloß, der Armenadvokat lasse gerade sein Oberbette so auf- und niedersteigen wie der Evangelist Johannes seinesAugustin, commentar. ad Johan. XXI. 23. aus Erde, das Grab, noch bis auf diese Stunde.

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