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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Leibgeber hausierte nun bei der Kirchen- und Schul-Dienerschaft und trug die Stolgebühren, den Brückenzoll, unter leisen Flüchen ab und sagte: übermorgen in aller Stille bringe man ohne Sang und Klang den Seligen zur Ruhe; es hatte niemand etwas dabei zu tun als das, was sie willig taten – das Postporto, womit man die Leichen in die andere Welt frankieret, einzustecken, einen alten armen Schuldiener ausgenommen, der sagte, er hielt' es für Sünde, einen Kreuzer von der dürftigen Witwe zu nehmen, denn er wisse, wie Armut tue. Das konnten aber die Reichern eben nicht wissen.

Abends ging Heinrich zum Friseur und zu Lenetten hinab und ließ den Schlüssel an der Türe, weil die oben herum wohnenden Mietleute seit dem neulichen Geistergerüchte viel zu furchtsam waren, um nur aus der ihrigen den Kopf zu stecken. Der Haarkräusler, der noch zornig war, daß er das Haarwerk des Verstorbenen nicht kräuseln dürfen, verfiel auf den Gedanken, es wäre doch etwas, wenn er hinaufschliche und den Haar-Forst gar abtriebe. Der Vertrieb von Haaren und von Brennholz – zumal da man jene zu Ringen und Leitern schlingt – ist stärker als ihr Nachwuchs, und man sollte keinem Verstorbenen einen Sarg oder ein eignes Haar lassen, das schon die Alten für den Altar der unterirdischen Götter wegschoren. – Merbitzer wiegte sich daher auf den Zehen in die Stube und hielt schon die Freßzangen der Schere aufgezogen. Siebenkäs schielte in der Kammer leicht aus den Augenhöhlen der Maske und erriet aus der Schere und aus der Gewerkschaft des Hausherrn das nahende Unglück und Popens Lockenraub. Er sah, in dieser Not konnt' er weniger auf seinen Kopf als auf den kahlen unter dem Bette zählen. Der Hausherr, der furchtsam hinter sich die Türe zum Rückzug aufgesperret gelassen, rückte endlich an die Pflanzung menschlicher Scherbengewächse und hatte vor, in diesem Erntemonat als Schnitter zu verfahren und den Bartscherer mit dem Haarkräusler zu vereinigen und zu rächen. Siebenkäs spulte mit den bedeckten Fingern, so gut er konnte, um den Totenkopf herauszuhaspeln; da das aber viel zu langsam ging – Merbitzer hingegen zu hurtig –, so mußt' er sich dadurch einstweilen helfen, daß er unter der Zwischenzeit – besonders da böse Geister den Menschen so häufig anhauchen – dem Hausherren einen langen Nachtwind aus der Mundspalte der Larve entgegenblies. Merbitzer war nicht imstand, sich das bedenkliche Gebläse zu erklären, das ihm wahre Stickluft und einen tödlichen Samiel-Wind entgegentrieb, und seine warmen Bestandteile fingen an, zu einem Eiskegel anzuschießen. Aber leider hatte der Selige den Atem bald verschossen, und er mußte die Windbüchse langsam von frischem laden. Dieser Stillestand brachte den Lockenräuber wieder zu sich und auf die Beine, so daß er neue Anstalten traf, den Troddelwipfel der Nachtmütze anzufassen und diesen dünnen, fliegenden Sommer, die Mütze, der Haar-Flur abzuziehen. Aber mitten im Greifen vernahm er, daß unter dem Bette sich etwas in Gang setze – er hielt still und wartete es gelassen ab – da es eine Ratte sein konnte –, in was sich etwan das weitere Getöse auflöse. Aber unter der Erwartung verspürt' er plötzlich, daß sich etwas Rundes an seinen Schenkeln heraufdrehe und daran aufwärts dringe. Er griff sogleich mit der leeren Hand – denn die andere hielt die Schere offen – hinab, und diese legte sich ohnmächtig wie ein Tasterzirkel um die steigende, schlüpferige Kugel an, die an ihr immer heben wollte. Merbitzer wurde zusehends beinhart und klößig – aber ein neues Aufheben der liegenden Hand und ein Blick auf den kommenden Knauf teilten ihm, bevor er sich käsig und geronnen zu Boden setzte, einen solchen Fußstoß des Schreckens mit, daß er leicht über die Stube flog, wie ein Kernschuß dahingetrieben vom Kartaunenpulver der Angst. – Er setzte unten mitten in die Stube hinein mit aufgesperrter Schere in der Hand, mit aufgesperrtem Maul und Auge und mit einem Bleichplatz auf dem Gesichte, wogegen seine Wäsche und sein Puder Hoftrauer waren; gleichwohl hatt' er in dieser neuen Stellung so viel Besonnenheit – welches ich ihm gern zur Ehre berichte –, daß er kein Wort vom ganzen Vorgang entdeckte; teils weil man Geistergeschichten ohne den größten Schaden nicht vor dem neunten Tage erzählen darf; teils weil er die Haarschur und Kaperei an keinem Tage überhaupt erzählen konnte. –

Firmian machte seinem Freund nachts um 1 Uhr die ganze Sache mit der Treue bekannt, die ich jetzt selber gegen den Leser zu beobachten gesucht. – Dies gab Leibgebern den guten Fingerzeig, vor die hohe Leiche eine tüchtige Leichenwache zu stellen, zu welcher er in Ermanglung von Kammerherrn und andern Hofbedienten niemand anstellen konnte als den Saufinder.

Am letzten Morgen, der unserem Siebenkäs, die Hausmiete aufkündigen sollte, kam die casa santa des Menschen, unsere chambre garnie, unsere letzte Samenkapsel, der Sarg, für den man zahlen mußte, was begehret wurde. »Es ist die letzte Baubegnadigung dieses Lebens, der letzte Betrug der Zimmerleute«, sagte Heinrich.

In der Nachmitternacht, um 12½ Uhr, als keine Fledermaus, kein Nachwächter, kein Biergast, kein Nachtlicht mehr zu sehen war – und bloß noch einige Feldgrillen in Garben und einige Mäuse in Häusern zu hören –, sagte Leibgeber zum bangen Geliebten: »Jetzt marschier ab! Du warst ohnehin, seitdem du das Sterbliche ausgezogen und in die Ewigkeit gegangen bist, nicht eine Minute selig und fröhlich. Ich sorge für das übrige. Warte auf mich in Hof an der Saale; wir müssen uns nach dem Tode noch einmal wiedersehen.« Firmian legte sich schweigend und weinend an sein warmes Angesicht. Er durchlief in der dämmernden Stunde noch einmal alle blühende Stätten der Vergangenheit, hinter denen er wie in eine Gruft versank, sein erweichtes Herz legte gern auf jedes Kleid seiner trüben, geraubten Lenette, auf jede Arbeit und Spur ihrer häuslichen Hand die letzten Tränen nieder – er steckte ihren Verlobungstrauß aus Rosen und Vergißmeinnicht hart an die heiße Brust und drückte die Rosenknospen Nataliens in die Tasche – und so schlich er stumm, zerdrückt, mit überwältigtem Schluchzen und gleichsam durch ein Erdbeben aus der Erde hinausgeworfen an die Eisküste einer fremden, die Treppe hinter seinem besten Freunde hinab, drückte ihm unter der Haustür die helfende Hand, und die Nacht bauete ihn bald mit dem Grabhügel ihres großen Schatten zu. – Leibgeber weinte herzlich, sobald er verschwunden war; Tropfen fielen auf jeden Stein, den er einsteckte, und auf den alten Block, den er in die Arme auffassete, um in die Sarg-Muschel das Gewicht eines Leichnams einzubetten. Er füllete den Hafen unsers Körpers und sperrte die Bundeslade zu und hing sich den Sargschlüssel wie ein schwarzes Kreuzchen auf die Brust. – Jetzo schlief er das erstemal im Trauerhause ruhig: alles war getan.

Am Morgen macht' er kein Geheimnis vor den Trägern und vor Lenetten daraus, daß er den Leichnam mit großer Mühe mit seinen zwei Armen eingesargt. Sie wollte ihren sel. Herrn noch einmal sehen; aber Heinrich hatte den Hausschlüssel zum bunten Gehäuse in der Finsternis verworfen. Er half, indem er den Schlüssel herumtrug, darnach eifrig suchen – aber es war ganz vergeblich, und viele Umherstehende mutmaßten bald, Heinrich betrüge bloß und wolle nur den verweinten Augen der Witwe nicht gern noch einmal den zusammengehäuften Stoff des Schmerzes zeigen. Man zog mit dem blinden Passagier im Quasi-Sarg hinaus auf den Kirchhof, der im Tau unter dem frischen blauen Himmel glimmte. In Heinrichs Herz kroch eine eiskalte Empfindung herum, als er den Leichenstein durchlas. Er war vom herrnhutischen plattierten Grabe des Großvaters Siebenkäsens abgehoben und umgestürzt, und auf der glatten Seite glänzte die eingehauene Grabschrift: »Stan. Firmian Siebenkäs ging 1786 den 24. August...« Dieser Name war sonst Heinrichs seiner gewesen, und sein jetziger »Leibgeber« stand unten auf der Kehrseite des Monuments. Heinrich dachte daran, daß er in einigen Tagen mit weggeworfnem Namen als ein kleiner Bach in das Weltmeer falle und darin ohne Ufer fließe und in fremde Wellen zergehe – es kam ihm vor, daß er selber mit seinem alten und neuen Namen herunterkomme in die Grube: – da wurde ihm so gemischt zu Mute, als sei er auf dem eingefrorenen Strom des Lebens angewachsen, und droben steche eine heiße Sonne auf das Eisfeld herab, und er liege so zwischen Glut und Eis. – Noch dazu kam jetzt der Schulrat gelaufen, mit dem Schnupftuch an der Nase und an den Augen, und teilte im stotternden Schmerze die eben im Marktflecken eingelaufene Neuigkeit mit, daß der alte König in Preußen den 17ten dieses verstorben sei. – Die erste Bewegung, die Leibgeber machte, war, daß er auf zur Morgensonne sah, als werfe aus ihr Friedrichs Auge Morgenfeuer über die Erde. – – Es ist leichter, ein großer als ein rechtschaffener König zu sein; es ist leichter, bewundert als gerechtfertigt zu werden; ein König legt den Ohrfinger an den längsten Arm des ungeheuern Hebels und hebt, wie Archimedes, mit Fingermuskeln Schiffe und Länder in die Höhe, aber nur die Maschine ist groß – und der Maschinist, das Schicksal – aber nicht der, der sie gebraucht. Der Laut eines Königs hallet in den unzähligen Tälern um ihn als ein Donner nach, und ein lauer Strahl, den er wirft, springt auf dem mit unzähligen Planspiegeln überdeckten Gerüste als glühender dichter Brennpunkt zurück. Aber Friedrich konnte durch einen Thron höchstens – erniedrigt werden, weil er darauf sitzen mußte, und ohne die so eng umschließende Krone, den Stachelgürtel und Zauberkreis des Kopfes, wäre dieser höchstens – größer geworden; und glücklich, du großer Geist, konntest du noch weniger werden; denn ob du gleich in deinem Innern die Bastille und die Zwinger der niedrigern Leidenschaften abgebrochen; ob du gleich deinem Geiste das gegeben, was Franklin der Erde, nämlich Gewitterableiter, Harmonika und Freiheit; ob du gleich kein Reich schöner fandest und lieber ausdehntest als das der Wahrheit; ob du dir gleich von der Hämlings-Philosophie der gallischen Enzyklopädisten nur die Ewigkeit, nicht die Gottheit verhängen ließest, nur den Glauben an Tugend, nicht deine eigene: so empfing doch deine liebende Brust von der Freundschaft und von der Menschheit nichts als den Widerhall ihrer Seufzer – die Flöte –, und dein Geist, der mit seinen großen Wurzeln, wie der Mahagonibaum, oft den Felsen zertrieb, worauf er wuchs, dein Geist litt am grellen Kampfe deiner Wünsche mit deinen Zweifeln, am Kampfe deiner idealen Welt mit der wirklichen und deiner geglaubten, ein Mißlaut, den kein milder Glaube an eine zweite sanft verschmerzte, und darum gab es auf und an deinem Thron keinen Ort zur Ruhe als den, den du nun hast. – –

Gewisse Menschen bringen auf einmal die ganze Menschheit vor unser Auge, wie gewisse Begebenheiten das ganze Leben. Auf Heinrichs aufgedeckte Brust sprangen scharfe Splitter des niedergesunkenen Gebirges, dessen Erdfall er vernahm.

Er stellte sich an das offne Grab und hielt diese Rede, mehr an unsichtbare Zuhörer als an sichtbare: »Also die Grabschrift ist die versio interlinearis des so kleingedruckten Lebens? – Das HerzBekanntlich kommt ein Königherz in ein goldenes Sarg-Besteck. ruhet nicht eher, als bis es so wie sein Kopf in Gold gefasset ist? – Du verborgner Unendlicher, mache das Grab zum Souffleurloch und sage mir, was ich denken soll vom ganzen Theater! Zwar was ist im Grabe? Einige Asche, einige Würmer, Kälte und Nacht – – beim Himmel, oben darüber ist auch nichts Bessers, ausgenommen daß mans noch dazu fühlet. – Hr. Rat, die Zeit sitzt hinter unsereinem und lieset den Lebens-Kalender so kursorisch und schlägt einen Monat nach dem andern um, daß ich mir vorstellen kann, dieses Grab, dieser Schloßgraben hier um unsere Lustschlösser, dieser Festungsgraben stehe verlängert neben meinem Bette, und man schüttele mich aus dem Bettuche, wie herabgeschüttelte aufgefaßte spanische Fliegen, in dieses Kochloch – – nur zu, würd' ich sagen – nur zu, ich komme entweder zum Alten Fritz oder zu seinen Würmern – und damit basta! Beim Himmel! man schämt sich des Lebens, wenn es die größten Männer nicht mehr haben – Und so holla!« –

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