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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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»Zuerst will und verordn' ich Firmian Siebenkäs, alias Heinrich Leibgeber, daß Hr. Heimlicher von Blaise, mein Tutor, die 1200 fl. rhnl. Vormundschaftgelder, die er mir, seinem Pupillen, gottlos abgeleugnet, binnen Jahr und Tag an meinen Freund, Hrn. Leibgeber, Inspektor in VaduzDas ist er selber. Er will darum seine Verlassenschaft an sich, und nicht an seine Frau ausgehändigt haben, um es genauer zu wissen, da sie vielleicht während dieses Termins könnte reich geheiratet haben; auch erfährt er so den Fall des Unterlassens leichter und kann also die Drohung erfüllen, die er sogleich ausstoßen wird. , einhändigen solle und wolle, der sie nachher meiner lieben Frau wieder treulich übermachen wird. Weigert Hr. v. Blaise sich dessen, so heb' ich hier die Schwurfinger auf und leiste auf dem Totenbette den Eid ab: daß ich ihn nach meinem Ableben überall, nicht gerichtlich, sondern geistig, verfolgen und erschrecken werde, es sei nun, daß ich ihm als der Teufel erscheine oder als ein langer weißer Mann oder bloß mit meiner Stimme, wie es mir etwa meine Umstände nach dem Tode verstatten.«

Der Landschreiber schwebte mit dem befederten Arme in der Luft und brachte seine Zeit mit bloßem schreckhaften Zusammenfahren hin: »Ich sorge nur, mich nehmen (sagt' er) der Herr Heimlicher, schreib' ich solche Sachen nieder, am Ende beim Flügel.« – Aber Leibgeber schnitt ihm mit seinem Körper und Gesicht die Flucht über das Höllentor der Kammer ab.

»Ferner will und verordne ich, als regierender Schützenkönig, daß kein Sukzessionkrieg mein Testament zu einem Sukzessionpulver für unschuldige Leute mache – daß ferner die Republik Kuhschnappel, zu deren Gonfaloniere und Doge ich durch die Schützen-Kugeln ballotiert worden, keine Defensivkriege führen soll, weil sie sich nicht damit defendieren kann, sondern bloß Offensivkriege, um die Grenzen ihres Reichs, da sie schlecht zu decken sind, wenigstens zu mehren – und daß sie solche holzersparende Mitglieder sein sollen, wie ihr tödlich kranker Landes- und Reichsmarktflecken-Vater war. Jetzo, da mehr Wälder verkohlen als nachwachsen, ist das einzige Mittel dagegen, daß man das Klima selber einheize und in einen großen Brut-, Darr- und Feldofen umsetze, um die Stubenöfen zu ersparen; und dieses Mittel haben längst alle gute forstgerechte Kammern ergriffen, die vor allen Dingen die Forstmaterie, die Wälder, ausreuten, die voll Nachwinter stecken. Wenn man bedenkt, wie sehr schon das jetzige Deutschland gegen das von Tacitus mappierte absticht, bloß durch das Lichten der Wälder ausgewärmt: so kann man leicht schließen, daß wir doch endlich einmal zu einer Wärme, wo die Luft unsere Wildschur ist, gelangen werden, sobald es ganz und gar kein Holz mehr gibt. Daher wird der jetzige Überfluß daran, um die Flöße zu steigern – wie man 1760 in Amsterdam öffentlich für 8 Millionen Livres Muskatennüsse verbrannte, um ihren alten Preis zu erhalten –, gleichfalls eingeäschert.

Ich als König vom kuhschnappelischen Jerusalem will ferner, daß der Senat und das Volk, Senatus populusque KuhschnappeliensisSo steht auf den öffentlichen Gebäuden des Marktfleckens; wiewohl es durch den Abstich lächerlich wird, daß ein solcher Reichs-Bologneser dänische Reichs-Doggen nachahmt, wie z.B. Nördlingen, Bopfingen, die freilich mit ein wenig größerem Rechte auf ihre öffentlichen Gebäude und Ukasen setzen: Senatus populusque Bopfingensis, Nördlingensis. , nicht verdammt werden, sondern selig, besonders auf dieser Welt – daß ferner die Stadt-Magnaten nicht die kuhschnappelischen Nester (Häuser) zugleich mit den indischen verschlucken – und daß die Angaben, die durch die vier Mägen der Hebbedienten durch müssen, durch die Pause, durch die Mütze, den Psalter und den Fettmagen, am Ende doch aus Milchsaft zu rotem Blute (aus Silber zu Gold) verarbeitet, und wenn sie durch die Milchgefäße, den Milchsack und Milchgang geflossen, ordentlich ins Geäder des Staats-Körpers getrieben werden. – Ich will ferner und verordne ferner, daß der Große und der Kleine Rat...«

Der Landschreiber wollte aufhören und schüttelte auffallend den Kopf; aber Leibgeber spielte scherzend mit der ausgehenkten Büchse, womit der Testator sich auf den Schützenthron geschwungen – anstatt daß andere sich an fremden Springstäben von Ladstöcken darauf heben –, und Börstel schrieb in seinen Morgenschweißen weiter nieder:

»Daß also der Schultheiß, der Seckelmeister, der Heimlicher und die acht Ratherrn und der Großweibel mit sich reden lassen und keine andern Verdienste belohnen als die Verdienste fremder Leute, und daß der Schuft von Blaise und der Schuft von Meyern aneinander täglich prügelnde Hände als Verwandte legen sollen, damit doch einer da ist, der den andern bestraft...«

Da sprang der Landschreiber in die Höhe, berichtete, es versetz' ihm die Luft, und trat ans Fenster, um frischere zu schöpfen, und als er ersah, daß drunten in geringer Schußweite vom Fensterstock ein Gerberloh-Hügel emporstehe, hob und setzte ihn der nachschiebende Schrecken von hinten auf die Brüstung hinaus; nach einem solchen ersten Schritte tat er, eh' ihn ein Testamentzeuge hinten fangen konnte, einen zweiten, langen in die nackte Luft hinein und schlug als die eigne Zunge seiner Schnellwaage über den Fensterstock hinaus, so daß er dem niedrigen Poussierstuhl – ich meine der Gerber-Loh – leicht begegnen konnte. Als fallender Künstler konnt' er nach seiner Ankunft nichts Besseres vornehmen, als daß er sich seines Gesichtes als eines Grabstichels und einer plastischen Form und Kopiermaschine bediente und damit sein Bild in vertiefter Arbeit matt in den Hügel formte; auf letztem lagen seine Finger als arbeitsame Poussiergriffel und kopierten sich selber, und mit dem Notariatpetschaft, das er neben das Dintenfaß gestellt und mitgenommen hatte, kontrasignierte er aus Zufall den Vorfall. So leicht kreiert ein Notarius – einem Pfalzgrafen gleich – einen zweiten; Börstel aber ließ den Konotarius und das ganze Naturspiel liegen und dachte im Heimgehen an andere Sachen. Die Herren Stiefel und Leibgeber hingegen sahen zum Fenster heraus und hielten sich, als er unter Dach und Fach verschwunden war, an seinen zweiten äußerlichen Menschen, der ausgestreckt unten auf dem anatomischen Theater lag und nach Juchten roch – worüber der Verfasser dieses nicht ein Wort mehr sagen will als das von Heinrich: »Der Landschreiber hat unter das Testament ein größeres Petschaft drücken wollen, das keiner nachsucht, und solches mit seinem Leibe untersiegelt – und drunten sehen wir ja den ganzen sphragistischen Abdruck.«

Der Letzte Wille wurde von den Testamentzeugen und dem Testator unterzeichnet, so weit der Wille ging – und mehr als ein solches halb militärisches Testament war unter solchen Umständen kaum zu fodern.

Jetzo neigte sich der Abend herein, wo sich der kranke Mensch, wie seine Erde, von der Sonne abwendet und sich bloß dem dämmernden Abendstern der zweiten Welt zukehrt, wo die Kranken in diese ziehen, und wo die Gesunden nach dieser schauen – und wo Firmian ungestört dem teuern Weibe den Abschiedkuß zu geben und langsam zu ermatten hoffte, als leider der gewitterhafte Helfer (Diakonus) und Frühprediger ReuelReuel, und nicht Reul, wie ich sonst geschrieben, heißt er; und es ist mir um so lieber, da ein solcher theologischer Helfer nicht den Klangnamen eines medizinischen Helfers, wie der edelherzige freigeistige Reil gewesen, unnütz führen soll. in die Stube rauschte. Er stellte sich in der kirchlichen Rüstung, in Ringkragen und Schärpe, ein, um den Kranken, dem er das Band der Ehe in doppelte Schleifen unter dem Halse gebunden hatte, hinlänglich auszuhunzen, daß er als Beichtpfennig-Defraudant den Zoll der Kranken- und der Gesunden-Kommunion auf dem Himmel- und Höllenwege umfahren wolle. Wie (nach Linné) die ältern Botaniker, ein Croll, Porta, Helvetius, Fabrizius, aus der Ähnlichkeit, die ein Gewächs mit einer Krankheit hatte, den Schluß machten, daß es solche hebe – daher sie gelbe Pflanzen, Safran, Kurkumei, gegen Gelbsucht verschrieben – Drachenblut, spanische Erde gegen Dysenterie – Kopfkohl gegen Kopfweh – spitze Dinge, Fischgräten gegen Seitenstich –, wie also die offizinelle Pflanze sich wenigstens von weitem dem Gebrechen nähert, wogegen sie wirkt: so nehmen auch in den Händen guter Frühprediger die geistigen Heilmittel, Predigten, Ermahnungen, die Gestalt der Krankheiten, des Zorns, des Stolzes, des Geizes, an, wider welche sie arbeiten, so daß oft zwischen dem Bettlägerigen und dem Arzte kein Unterschied ist als der der Stellung. Reuel war so. Vorzüglich dacht' er darauf, in einer Zeit, wo der lutherische Geistliche so leicht für einen heimlichen Jesuiten und Mönch verschrieen wird, sich von letztem, der nichts sein nennt und der kein Eigentum haben darf, nicht durch Worte, sondern durch Handlung zu unterscheiden und daher recht augenscheinlich nach Eigentum zu jagen und zu schnappen. Hoseas Leibgeber suchte ein Sperrstrick und Drehkreuz für den Prediger zu werden und hielt ihn mit der Anrede auf der Schwelle auf: »Es wird schwerlich viel verfangen, Ew. Hochehrwürden – ich wollt' ihn gestern ebenso im Flug, volti subito, citissime bekehren und ummünzen; aber am Ende warf er mir vor, ich wäre selber nicht bekehrt, und das ist auch wahr: denn im Sommer-Raps meiner Meinungen sitzen ketzerische Pfeifer an Pfeifer und nagen.« Reuel versetzte, zwischen Moll- und Durton schwankend: »Ein Diener Gottes wartet und pflegt seines hl. Amts und sucht Seelen zu retten, es sei nun vom Atheismus oder von andern Sünden; aber der Erfolg bleibt ganz den Sündern heimgestellt.«

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