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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Zwanzigstes Kapitel

Der Schlagfluß – der Obersanitätrat – der Landschreiber – das Testament – der Rittersprung – der Frühprediger Reuel – der zweite Schlagfluß

Abends riß Heinrich den Vorhang des Trauerspiels voll lustiger Totengräberszenen auf, und Firmian lag mit dem schlagflüssigen Kopfe auf dem Bette, stumm und an der ganzen rechten Seite gelähmt. Der Patient konnte sich über seine Verstellung und über die Qualen, womit sie Lenetten durchschnitt, nicht anders beruhigen als durch den innern Schwur, ihr als Vaduzer Inspektor die jährliche Hälfte seiner Einnahmen namenlos zu senden, und durch die Vorstellung, daß sie durch seinen Tod zugleich Freude und Freiheit und ihren Liebhaber gewinne. Das Mietpersonale schloß einen Kreis um den Schlagflüssigen; aber Leibgeber trieb alles aus der Kammer und sagte: »Der Leidende braucht Ruhe.« Es tat ihm ordentlich wohl, daß er in einem fort scherzhaft lügen konnte. Er versah das Reichserbtürhüteramt und schlug vor dem Doktor, den man verordnen wollte, die Tür ins Schloß: »Ich will dem Kranken (sagt' er) wenig verschreiben, aber das wenige gibt ihm doch einstweilen die Sprache. Die verdammten Todesflüsse von Mixturen, Hr. Schulrat« (denn dieser wurde sogleich hergeholt), »sind wie die Flüsse, die jedes Jahr einen Toten haben wollen.« Er rezeptierte ein bloßes Temperierpulver: »Recipe«, schrieb er laut:

»R. Conch. citratae Sirup. I.
Nitri crystallisati gr. X.
D. S. Temperierpulver.

Vor allen Dingen«, setzt' er gebietend hinzu, »muß man die Füße des Patienten in laues Wasser stellen.«

Das ganze Haus wußte, es helfe alles nichts, da sein Tod durch das Mehl-Gesicht nur gar zu gewiß verkündigt worden, und Fecht hatte eine mitleidige Freude, daß er nicht fehlgeschossen.

Der schwache Mann brachte das Temperierpulver kaum hinunter, so war er schon imstande, zum Erstaunen der ganzen Todes-Assekuranzkammer in der Stube wieder vernehmlich (aber nicht stark) zu sprechen. Der Haus-Feme wars fast nicht recht. Der gute Heinrich hatte aber wieder einen Vorwand, seine frohe Miene zu erneuern. Er tröstete die Advokatin mit den Sprüchen: der Schmerz sei hinieden nichts mehr als ein höheres Hänseln oder die Ohrfeige oder der Schwertschlag, womit man zu einem Ritter befördere.

Der Kranke hatte aufs Pulver eine recht leidliche Nacht; und er selber schöpfte wieder Hoffnung. Heinrich gab es nicht zu, daß die gute Lenette mit den Augen voll Tränen und voll Schlafs die Nachtwächterin seines Bettes wurde; er wolle nachts dem Patienten beispringen, sollt' es gefährlich werden, sagt' er. Das letzte war aber nicht möglich, da beide erst eben in dieser Nacht den Vertrag miteinander machten – und zwar lateinisch, wie einen fürstlichen –, daß morgen abends der Tod oder der fünfte Akt dieser Einschiebtragödie, die in der Tragödie des Lebens selber nur ein Auftritt ist, sich ereignen sollte. »Es ist morgen«, sagte Firmian, »schon zu lange – meine Lenette kümmert mich unaussprechlich. Ach, ich habe, wie David, das elende Auslesen unter Teuerung, Krieg und Pest, und keine Wahl als seine. – Du, lieber Bruder, du bist mein Kain und richtest mich hin und glaubst auch so wenig wie er von der Welt, in die du mich schickstDie Rabbinen behaupten nämlich, Kain habe seinen Bruder erschlagen, weil dieser ihn widerlegen wollte, da er (Kain) die Unsterblichkeit der Seele etc. bestritt. Also der erste Mord war ein Autodafé und der erste Krieg ein Religionkrieg. . Wahrlich, eh' du mir das Temperierpulver vorgeschrieben, das mich zu reden nötigte, wünscht' ich in meiner stummen Düsterheit, aus Spaß würde Ernst. Einmal muß ich hindurch, durchs Tor unter der Erde, das in die umbauete Festung der Zukunft führt, wo man sicher ist. O, guter Heinrich, das Sterben schmerzet nicht, aber das Scheiden, das von werten Seelen mein' ich.« – Heinrich versetzte: »Gegen diesen letzten Bajonettstich des Lebens hält uns die Natur ein breites Achilles-Schild vor: man wird auf dem Totenbette früher moralisch- als physischkalt, eine sonderbare hofmännische Gleichgültigkeit gegen alle, von denen wir zu scheiden haben, kriecht frostig durch die sterbenden Nerven. Vernünftige Zuschauer sagen nachher: seht, so verzichtend und vertrauend stirbt nur ein Christ! – – Laß es, guter Firmian; die paar schlimmen, heißen Minuten, die du bis morgen auszuhalten hast, sind ein hübsches warmes Aachner Bad für den kranken Geist, das freilich verdammt nach faulen Eiern riecht; nach einiger Zeit aber, wenn das Bad erkaltet ist, riecht es wie das Aachner nach nichts.«

Am Morgen pries ihn Heinrich so: »Wie der jüngere Kato in der Nacht vor seinem Tode ruhig schlief – die Geschichte konnte ihn schnarchen hören –, so scheinest du heute nacht ein erneuertes Beispiel dieser Seelengröße in so entkräfteten Zeiten gegeben zu haben: wär' ich dein Plutarch, ich gedächte des Umstandes.« – »Aber ernstlich«, versetzt' er, »ich wünschte wohl, daß ein gescheuter Mann, ein literarischer Historienmaler West, meinen sonderbaren Primatod nach vielen Jahren, wenn der Tod schon den Sekundawechsel geschickt, einer guten Beschreibung würdigte für die Presse.«... Derselben hat ihn nun, wie es scheint, ein biographischer West gewürdigt; aber man lasse mich es frei heraussagen, daß ich mit unglaublicher Freude diese Bett-Rede und diesen Wunsch, den ich so gänzlich erfülle, unter den Dokumenten angetroffen habe. – Leibgeber sagte darauf: »Die Jesuiten in Löwen edierten einmal ein schmales Buch, worin das schreckliche Ende Luthers gut, aber lateinisch beschrieben war. Der alte Luther erwischte das Werk und verzierte es wie die Bibel und fügte bloß hinten bei: ›Ich D. M. Luther habe diese Nachricht selbst gelesen und verdolmetscht.‹ – Das würd' ich an deiner Stelle, wenn ich meinen Tod ins Englische übersetzte, auch darunter schreiben.« – Schreib es immer darunter, lieber Siebenkäs, da du noch lebst; aber vertiere mich nur!

Der Morgen gibt sonst seine Erfrischungen unter dem menschlichen Lagerkorn herum, es sei, daß einer auf dem harten Krankenbette oder auf der weichern Matratze liege, – und richtet mit dem Morgenwind gebückte Blumen- und Menschenhäupter auf; aber unser Kranker blieb liegen. Es setzte ihm bedenklich zu, und er konnte nicht verhehlen, daß es mit ihm zurückgehe – wenigstens wollt' er auf allen Fall sein Haus bestellen. Dieses erste Viertel, das die Totenglocke zur Sterbestunde schlug, drückte einen schweren scharfen Glockenhammer in Lenettens Herz hinein, aus dem der warme Strom der alten Liebe in bittern Zähren brach. Firmian konnte dieses trostlose Weinen nicht ansehen; er streckte verlangend die Arme aus, und die Gepeinigte legte sich sanft und gehorsam zwischen sie an seine Brust, und nun vereinigte die heißeste Liebe ihre doppelten Tränen, ihre Seufzer und ihre Herzen, und sie ruhten, obwohl an lauter Wunden, glücklich aneinander in so geringer Entfernung vom Grenzhügel der Trennung.

Er tat es daher der Armen zuliebe und besserte sich zusehends; auch war diese Herstellung vonnöten, um die gute Laune zu erklären, womit er seinen Letzten Willen besorgte. Leibgeber gab seine Freude zu erkennen, daß der Patient wieder imstande war, auf der Serviette des Deckbettes zu speisen und eine tiefe Krankensuppen-Schüssel wie einen Weiher völlig abzuziehen. »Die lustige Laune«, sagte Leibgeber zum Pelzstiefel, »die sich beim Kranken wieder einstellet, gibt mir große Hoffnungen; die Suppe aber frisset er offenbar nur der Frau zuliebe hinein.« – Niemand log so gern und so oft aus Satire und Humor als Leibgeber; und niemand feindete ernste Unredlichkeit und Verschlagenheit unduldsamer an als er; er konnte 1000 Scherzlügen, und keine 2 Notlügen vorbringen; bei jenen standen ihm alle täuschende Mienen und Wendungen zu Gebote, bei diesen keine.

Vormittags wurden der Schulrat und der Hausherr Merbitzer ans Bette vorgefordert: »Meine Herren«, fing der Kranke an, »ich gedenke nachmittags meinen Letzten Willen zu haben und auf dem Richtplatz der Natur drei Dinge zu sagen, welche ich will, wie mans in Athen durfteDrei solche Dinge durfte in Athen jeder Verurteilte öffentlich sagen, nach Casaubon in seiner XVI. Exerc. gegen Baron. Annal., ders wieder aus dem Suidas haben will. ; aber ich will jetzo schon ein Testament eröffnen, eh' ich das zweite mache oder vielmehr das Kodizill des ersten. Meine sämtlichen Schreibereien soll mein Freund Leibgeber einpacken und behalten, sobald ich selber eingepacket bin ins letzte Kuvert mit Adresse. – Ferner will und verordne ich, daß man sich nicht weigere – da ich die dänischen Könige, die alten österreichischen Herzoge und die vornehmen Spanier vor mir habe, wovon sich die ersten in ihrer Rüstung, die zweiten in Löwenfellen, die dritten in elenden Kapuzinerbälgen beisetzen lassen – man soll sich nicht weigern, sag ich, mich ins Beet der andern Welt mit der alten Hülse und Schote zu stecken, worin ich in der ersten grünte; kurz, so wie ich hier bin und testiere. – Diese Verordnung nötigt mich, die dritte zu machen, daß man die Totenfrau bezahle, aber sogleich fortweise, weil ich in meinem ganzen Leben zwei Weibern auffallend gram geblieben, der einen, die uns herein-, und der andern, die uns hinausspület, obwohl in einem größern Badezuber abscheuert als jene: der Hebamme und der Totenfrau; sie soll mit keinem Finger an mich tippen, und überhaupt gar niemand als mein Heinrich da.« – Sein Groll gegen diese Dienerschaft des Lebens und des Todes kann, wie ich vermute, aus demselben Anlaß fließen wie der meinige: nämlich aus dem herrischen und sportelsüchtigen Regiment, womit uns diese beiden Pflanzerinnen und Konviktoristinnen der Wiege und der Bahre gerade in den zwei entwaffneten Stunden der höchsten Freude und der höchsten Trauer keltern und pressen.

»Weiter will ich, daß Heinrich mir mein Gesicht, sobald es die Zeichen meines Abschiedes gegeben, mit unserer langhälsigen Maske, die ich oben aus dem alten Kasten heruntergetragen, auf immer bedachen und bewaffnen soll. Auch will ich, wenn ich aus allen Fluren meiner Vergangenheit gehe und nichts hinter mir höre als rauschende Grummethügel, wenigstens an meine Brust noch den seidnen Strauß meiner Frau, als Spielmarke der verlornen Freuden, haben. Mit einer solchen Schein-Insignie geht man am schicklichsten aus dem Leben, das uns so viele Pappendeckelpasteten voll Windfülle vorsetzt. – Endlich soll man nicht, wenn ich fortgehe, hinter mir, wie hinter einem, der aus Karlsbad abreiset, vom Turm nachklingen, wie man uns sieche, flüchtige Brunnengäste des Lebens ebenso wie Karlsbader mit Musizieren auf den Türmen empfängt, zumal da die Kirchendienerschaft nicht so billig ist wie der Karlsbader Türmer, der für An- und Nachblasen nur auf 3 Kopfstücke aufsieht.« – – Er ließ sich nun Lenettens Schattenriß ins Bette reichen und sagte stammelnd: »Meinen guten Heinrich und den Hrn. Hausherrn ersuch' ich, nur auf eine Minute abzutreten und mich mit dem Hrn. Schulrate und meiner Frau allein zu lassen.«

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