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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Neunzehntes Kapitel

Das Gespenst – Heimziehen der Gewitter im August oder letzter Zank – Kleider der Kinder Israel

Einmal abends gegen 11 Uhr geschah unter dem Dachstuhl ein Schlag, als wenn einige Zentner Alpen hineinfielen. Lenette ging mit Sophien hinauf, um zu sehen, ob es der Teufel oder nur eine Katze sei. Mit mehlichten und ausgedehnten, winterlichen Gesichtern kamen die Frauen wieder – »ach daß sich Gott erbarme«, sagte die fremde, »der Hr. Armenadvokat liegt droben, wie eine Leiche, auf dem Gurtbette.« Der lebendige, dem mans erzählte, saß in seiner Stube; er sagte, es sei nicht wahr, er würde doch auch vom Knalle gehöret haben. Aus dieser Taubheit errieten nun alle Weiber, was es bedeute, nämlich seinen Tod. Der Schuster Fecht, der heute durch die Thronfolge regierender Nachtwächter war, wollte zeigen, wo ihm das Herz säße, und versah sich bloß mit dem Wächterspieß – das war sein ganzer Artilleriepark –, steckte aber ungesehen noch ein Gesangbuch, schwarzgebunden, als eine heilige Schar zu sich, falls etwan doch der – Teufel droben läge. Er betete unterweges viel vom Abendsegen, der eigentlich heute von ihm als Wächter-Archont, da ohnehin sein Stundengesang ein ausgedehnter, in Gassen abgeteilter Abendsegen ist, nicht gefodert werden konnte. Er wollte mutig gegen das Gurtbette vorschreiten, als er leider auch das weißgepülverte Gesicht vor sich sah und hinter dem Bette einen Höllenhund mit Feueraugen, der die Leiche grimmig zu bewachen schien. Er stand sogleich verglaset, wie zu einer Leichenwache aus Alabaster gehauen, in Angstschweiß hartgesotten, da und hielt seinen Raufer hin, das Stoßgewehr. Er sah voraus, wenn er sich umwendete, um über die Treppe hinabzuspringen, so werde ihn das Ding von hinten umklaftern und ihn satteln und hinabreiten. Glücklicherweise tropfte eine Stimme unten wie ein Kordial- und Couragewasser ins Herz, und er legte seinen Sauspieß an, willens, das Ding tot zu stechen oder doch den Kubikinhalt zu visieren mit dem Visierstab. Aber als jetzt das eingeschneiete Ding langsam in die Höhe wuchs: – so wurd' es ihm auf seinem Kopfe, als hab' er eine feste Pechmütze auf und jemand schraub' ihm die Kappe samt den inliegenden Haaren je länger, je mehr ab – und den Aalstachel konnt' er mit zwei Händen nicht mehr halten (unten am Schaft hielt er ihn) weil der Speer so schwer wurde, als hinge sich der älteste Schuhknecht daran. Er streckte das Stichgewehr und flog kühn von der obersten, dreimal gestrichnen Oktave der Treppe wehend herunter zur Kontrabaßtaste oder -stufe. Er schwur drunten vor dem Hausherren und vor allen Mietleuten, er wolle sein Nachtwächteramt ohne Spieß versehen, der Geist halte solchen in der Haft; ja es schüttelte ihn Frost, wenn er nur mit den Augen dem Armenadvokaten lange in den Zügen des Gesichts herumging. Firmian war der einzige, der sich erbot, das Rapier zu holen. Als er hinaufkam, traf er an, was er vermutet hatte – seinen Freund Leibgeber, der sich mit einer alten erschütterten Perücke eingepudert hatte, um bei den Leuten allmählich Siebenkäsens Kunst-Tod einzuleiten. Sie umarmten einander leise, und Heinrich sagte, morgen komm' er die Treppe herauf und ordentlich an.

Drunten bemerkte Firmian bloß, es sei oben nichts zu sehen als eine alte Perücke – da sei der Spieß des schnellfüßigen Spießers, und er zähle hier zwei furchtsam Häsinnen und einen Hasen. Aber der ganze Konventikel wußte nun wohl, was er zu denken habe – man müßte keinen Verstand im Kopfe haben, wenn man noch einen Kreuzer für Siebenkäsens Leben geben wollte, und die Geisterseher und -seherinnen dankten Gott herzlich für den Todesschrecken als Pfandstück des eignen weiteren Lebens. Lenette hatte die ganze Nacht nicht das Herz, sich aufzusetzen im Gitterbette, aus Angst, sie sehe – ihren Mann, wie er leibt und lebt.

Am Morgen stieg Heinrich mit seinem Hunde die Treppe herauf, in bestäubten Stiefeln. Dem Armenadvokaten war, als müsse dessen Hut und Achsel voll Blüten aus dem Baireuther Eden liegen – er war ihm eine Gartenstatue aus dem verlornen Garten. Für Lenetten war eben darum diese Palme aus Firmians ostindischen Besitzungen in Baireuth – vom Saufinder wollen wir nicht einmal sprechen – nichts als eine Stechpalme; und nie konnte sie weniger als jetzo Geschmack einem solchen Stachelbeerstrauche, einem solchen Distelkopf – der so schön war, als käm' er eben aus Hamiltons PinselDer sich durch gemalte Disteln, wie Swift durch andere, auszeichnete. – abgewinnen. Allerdings – ich will es geradezu sagen – begegnete er aus inniger Liebe gegen seinen Firmian Lenetten, die ebensoviel Schuld als Recht hatte, ein wenig zu kahl und zu kalt. Wir hassen nie eine Frau herzlicher, als wenn sie unsern Liebling quält, so wie umgekehrt eine Frau dem Plagegeist ihrer Schoßjüngerin am meisten gram wird.

Der Auftritt, den ich sogleich zu geben habe, läßt sich am stärksten fühlen, welche Kluft zwischen dem Romanschreiber, der über das Verdrüßliche wegsetzen und alles sich und dem Helden und den Lesern verzuckern kann, und zwischen dem bloßen Geschichtschreiber wie ich, der alles durchaus rein historisch, unbekümmert um Verzuckern und um Versalzen, auftragen muß, immer bleiben wird. Wenn ich daher früher den folgenden Auftritt ganz unterschlagen habe: so ist dies wohl ein Fehler, aber kein Wunder in den Jahren, wo ich lieber bezauberte als belehrte und mehr schön malen wollte als treu zeichnen.

Lenetten war nämlich schon vor geraumer Zeit der ganze Leibgeber nicht recht zum Ausstehen, weil er, der weder Titel noch Ansehen hatte, mit ihrem Manne, einem längst eingebürgerten Kuhschnappler Armenadvokaten und Gelehrten, öffentlich so gemein und bekannt tat und ebensogut als ihr von ihm verführter Mann ohne Zopf ging, so daß viele mit den Fingern auf beide wiesen und sagten: »Ei, seht das Paar oder par nobile fratrum!« Diese Reden und noch schlimmere konnte Lenette aus den echtesten historischen Quellen schöpfen. Freilich heutigentages gehört fast so viel Mut dazu, sich einen Zopf anzuhängen, als damals, sich seinen abzuschneiden. Ein Domherr hat in unsern Zeiten nicht nötig, wie in den vorigen, sich einen Zopf und dadurch den angenehmen Gesellschafter zu machen, und er braucht ihn also nicht erst zweimal jährlich, wie einen Pfauenschweif, abzuwerfen, um seine tausend Gulden Einkünfte gesetzmäßig zu verdienen, indem er im Chore zur Vesper erscheint mit rundem Haar; er trägts schon am Spieltische wie am Chorpulte. In den wenigen Ländern, wo etwa der Zopf noch herrscht, ist er mehr Dienst-Pendel und Staats-Perpendikel, und langes Haar, das schon die fränkischen Könige als Kron-Abzeichen (Kron-Insignie) haben mußten, ist bei Soldaten, sobald es nicht wie bei jenen fliegend und ungebunden getragen wird, sondern fest geschnürt und gefangen vom Zopfband, ein ebenso schönes Zeichen des Dienens. Die Friesen taten längst ihren Schwur mit Anfassen des Zopfes, und hieß solcher der Bödel-EidDreyers Miszellen. S. 105. – so setzt denn in manchen Ländern der Soldaten- oder Fahneneid einen Zopf voraus; und wenn bei den alten Deutschen schon ein auf der Stange getragener Zopf eine Gemeinde vorstellteWestenrieders Kalender von 1791. , wie natürlich muß eine Kompanie, ein Regiment, wovon jeder einzelne Soldat den seinigen hinten trägt, nicht gleichsam einen Kompaniezopf der vaterländischen Vereinigung bilden und deutsches Wesen zeigen!

Lenette machte nun vor ihrem Manne kein Geheimnis daraus – denn ihr stand Stiefel von weitem bei –, daß sie sich im Grund wenig über Leibgeber und sein Betragen und sein Tragen erfreue. »Mein Vater Seliger war doch lange Rats-Kopist«, sagte sie in Leibgebers Gegenwart, »aber er betrug sich immer wie andere Leute in Kleidung und sonst.«

»Als Kopist«, versetzte Siebenkäs, »mußte er freilich immer kopieren, so oder so, mit Federn oder Röcken; mein Vater hingegen spannte Fürsten die Büchsen und schor sich um nichts, und was fiel, das fiel. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen beiden Vätern, Frau!« Sie hatte schon früher bei Gelegenheit den Kopisten gegen den Büchsenspanner gehalten und gemessen und von weitem angedeutet, daß Siebenkäs keinen so vornehmen Vater wie sie und folglich auch nicht die vornehme éducation gehabt, wodurch man Manieren bekommt und überhaupt lernt, wie man sich trägt. Dieser lächerliche Herabblick auf seinen Stammbaum verdroß ihn immer so, daß er oft über sich selber lachte. Indes fiel ihm der kleine Seitenschlag auf Leibgeber weniger auf als ihre ungewöhnliche körperliche Zurückziehung von ihm; sie war nicht zu bewegen, seine Hände anzufassen, und gar ein Kuß von ihm, sagte sie, wäre ihr Tod. Mit allem peinlichen Eindringen und Fragen über den Grund holte er keine andere Antwort aus ihr heraus als die: sie woll' es sagen, wenn er fort sei. Aber dann war er selber leider auch fort und im Sarge, d. h. auf dem Wege nach Vaduz.

Auch diese ungewöhnliche Hartnäckigkeit eines starren Haubenkopfes wurde von ihm noch leidlich ertragen in einer Zeit, wo sich das eine Auge am Freunde wärmte, und das andere am Grabe kühlte.

Endlich kam noch etwas dazu, und niemand erzählt es gewiß treuer als ich; daher man mir glauben sollte. Es war abends, ehe Leibgeber in seinen Gasthof (ich glaube zur Eidechse) zurückging, als die tiefschwarze Halbscheibe eines Gewitters sich stumm über den ganzen Westen der Sonne wölbte und immer weiter herüberbog auf die bange Welt, da war es, daß beide Freunde über die Herrlichkeit eines Gewitters, über das Beilager des Himmels mit der Erde, des Höchsten mit dem Tiefsten, über die Himmelfahrt des Himmels nach der Erde, wie Leibgeber sagte, sprachen, und daß Siebenkäs bemerkte, wie eigentlich nur die Phantasie hier das Gewitter vorstelle oder ausbilde, und wie nur sie allein das Höchste mit dem Niedrigsten verknüpfe. Ich wollte, er hätte dem Rate von Campe und Kolbe gefolgt und statt des fremden Wortes Phantasie das einheimische Einbildungkraft gebraucht; denn die Puristin und Sprachfegerin Lenette fing an zuzuhören, sobald er nur das Wort ausgesprochen. Sie, die in der Brust nichts hatte als Eifersucht und im Kopfe nichts als die Fantaisie, hatte alles auf die Baireuther Fantaisie bezogen, was nur der menschlichen Phantasie von beiden Männern nachgerühmt wurde, z.B. wie sie (die markgräfliche Fantaisie nämlich, dachte Lenette) selig mache durch die Schönheit ihrer hohen Geschöpfe – wie nur im Genusse ihrer Schönheiten ein Kuhschnappel zu ertragen sei – (freilich, weil man an seine Natalie denkt, dachte sie) – wie sie das kahle Leben mit ihren Blumen überkleide – (mit ein paar seidnen Vergißmeinnicht, sagte Lenette zu sich) – und wie sie (die markgräfliche Fantaisie) nicht nur die Pillen des Lebens, auch die Nüsse, ja den Paris-Apfel der Schönheit selber versilbere.

Himmel, welche Doppelsinnigkeiten von allen Ecken! Denn wie trefflich hätte Siebenkäs den Irrtum der Verwechslung der Phantasie mit Fantaisie widerlegen können, wenn er bloß gezeigt hätte, daß von der dichterischen wenig in der markgräflichen zu finden sei und daß die Natur schöne romantische Täler und Berge gedichtet, welche der französische Geschmack mit seinen rhetorischen Blumen- und Periodenbauten und Antithesen behangen und ausstaffiert, und daß Leibgebers Wort von der Phantasie, die den Paris-Apfel versilbere, in einem andern Sinne auf Fantaisie passe, von deren Äpfeln der Natur man erst das gallische Weihnachtsilber abzuschaben habe, eh' man sie anbeißt.

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