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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Achtzehntes Kapitel

Nachsommer der Ehe – Vorbereitungen zum Sterben

Ob es gleich Sonntag war und der Spezial (der Superintendent) so wenig als seine Zuhörer ein Auge aufmachte, weil er, wie viele Geistliche, mit zugedrückten – physischen – Augen predigte – so holte doch mein Held beim Spezial seinen Geburtschein ab, weil dieser bei der brandenburgischen Witwenkasse unentbehrlich war.

Leibgeber hatte das übrige zu besorgen unternommen. Genug davon! denn ich spreche nicht gern viel von der Sache, seitdem mir vor mehren Jahren der Reichs-Anzeiger – als schon längst die Siebenkäsische Kassenschuld bei Heller und Pfennig berichtigt gewesen – öffentlich vorgehalten, ich brächte durch den letzten Band des Siebenkäs Sitten und Witwenkassen in Gefahr, und er, der Anzeiger, habe mich deshalb nach seiner Art derb vorzunehmen. Aber bin ich und der Advokat denn eine Person? Ist es nicht jedem bekannt, daß ich – wie mit meiner Ehe überhaupt, so noch besonders – mit der preußischen Zivilwitwenkasse ganz anders umgehe als der Advokat – und daß ich dato weder zum Schein noch im Ernste mit Tod abgegangen, so viele Jahre hindurch ich auch schon in gedachte preußische Kasse ein Bedeutendes eingezahlt? Ja will ich nicht sogar – ich darf es wohl versichern – der Kasse noch recht lange Zeiten fort, wenn auch zu meinem Schaden, jährlich das Gesetzte entrichten, so daß sie bei meinem Tode von mir mehr soll gezogen haben als von irgendeinem Einsetzer? Dies sind meine Grundsätze; aber dem Armenadvokaten darf ich nachrühmen, daß die seinigen wenig von meinen abweichen. Er war bloß in Baireuth dem freundschaftlichen Sturm und Drang seines Leibgebers mit seinem sonst wahren Herzen gegen einen Freund erlegen, welchem er jeden Wunsch, am meisten sein eignes Versprechen erfüllte. Leibgeber hatte ihn in jenem begeisterten Augenblicke mit seiner wilden weltbürgerlichen Seele berauscht, welche auf ihrer bandlosen Seelenwanderung des ewigen Reisens zu sehr das Leben für ein Karten- und Bühnenspiel, für ein Glück- und Kommerz-Spiel zugleich, für eine Opera buffa und seria zugleich ansah. Und da er noch dazu Leibgebers Geldverachtung und Geldmittel kannte und seine eignen dazu: so ging er eine an sich unrechtliche Rolle ein, deren strafende Peinlichkeit unter dem Durchführen er so wenig voraussah als die Bußpredigt aus Gotha.

– Und doch hatt' er von Glück zu sagen, daß nur der Beckersche Anzeiger hinter den Strohwitwenstuhl Nataliens gekommen war, und nicht Lenette. Himmel! hätte vollends diese mit ihrem seidnen Vergißmein in der Hand (das Nicht war fort) Firmians Adoptiv-Ehe erfahren! – Ich mag die Frau nicht richten lassen und nicht richten. Aber hier will ich allen meinen Leserinnen – besonders einer darunter – zwei auffallende Fragen herschreiben: »Würden Sie nicht meinem Helden für sein frommes und warmes Betragen gegen dieses weibliche Paar, wenn nicht einen Eichen-, doch Blumenkranz oder wenigstens (weil er auf seinem Herzen eine Doppelsonate durch vier weibliche Hände spielen lässet) nur ein Brustbukett von Ihrem Richterstuhle herunterreichen? – Teuerste Leserinnen, Sie können unmöglich schöner richten, als Sie eben gerichtet haben, wiewohl meine Überraschung nicht so groß ist als mein Vergnügen. Meine zweite Frage soll niemand an Sie tun als Sie selber; jede frage sich: ›Gesetzt, du hättest diesen vierten Teil in die Hände bekommen, wärest aber jene Lenette selber und wüßtest nun alles haarklein: wie würde dir das von deinem Eheherrn Siebenkäs gefallen, was würdest du tun?‹«

Ich wills sagen: weinen – stürmenDie weißblühende wird weinen, die rotblühende wird stürmen, wie der bleiche Mond Regenwetter, und der rötliche Sturmwind ansagt (pallida luna pluit, rubicunda flat). – keifen – grollen – schweigen – brechen etc. So fürchterlich verfälschet die Selbsucht das feinste moralische Gefühl und besticht es zu doppelten Richtersprüchen über einerlei Rechtssache. Ich helfe mir, wenn ich über den Wert eines Charakters oder eines Entschlusses schwankte, sogleich dadurch, daß ich mir ihn naß aus der Presse kommend und in euern Roman oder einer Lebensbeschreibung vorgemalet denke – heiß' ich ihn dann noch gut, so ist er sicher gut. –

Es ist schöner, wenn in den alten Satyrs und im Sokrates Grazien steckten, als wenn in den Grazien Satyrs wohnen; der im Lenetten ansässige stieß mit sehr spitzen Hörnern um sich. Ihr unerwiderter Zorn wurde spöttisch, denn seine Sanftmut machte mit seinen vorigen Hiobs-Disputationen einen verdächtigen Abstich, woraus sie die vollständige Erstarrung seines Herzens abzog. Sonst wollt' er, wie ein Sultan, von Stummen bedienet sein, bis sein satirischer Fötus, sein Buch, mit dem Roonhuysischen Hebel und dem Kaiserschnitt des Federmessers in die Welt gehoben war; wie Zacharius so lange stumm verblieb, bis das Kindlein aufhörte es zu sein, und geboren wurde und zugleich mit dem Alten schrie. Sonst war ihre Ehe oft den meisten Ehen ähnlich, deren Paare jenen ZwillingstöchternIn der Komorner Gespannschaft. Windisch, Geograph. von Ungarn. – Buchan erzählt von einer ähnlichen Doppelgeburt in Schottland. gleichen, die, mit den zwei Rücken ineinandergewachsen, sich immer zankten, aber niemals erblickten und immer nach entgegengesetzten Weltgegenden zogen, bis die eine mit der andern auf und davon lief. Jetzt hingegen ließ Firmian alle Mißtöne Lenettens ohne Zorn ausschnarren. Auf ihre Ecken, auf ihre opera supererogationis im Waschen, auf die Wasserschößlinge ihrer Zunge fiel nun ein mildes Licht, und die Farbe des Schattens, den ihr aus dunkler Erde geschaffnes Herz wie jedes warf, verlor sich sehr ins Himmelblaue, wie (nach Mariotte) sich die Schatten unter dem Sternenlicht so bläuen wie der Himmel darüber. Und stand nicht der große blaue Sternenhimmel in der Gestalt des Todes über seiner Seele? – jeden Morgen, jeden Abend sagt' er sich: »Wie sollt' ich nicht vergeben; wir bleiben ja noch so kurz beisammen.« Jeder Anlaß, zu vergeben, war eine Versüßung seines freiwilligen Abschieds; und wie die, welche verreisen oder sterben, gern verzeihen, und noch mehr die, so beides sehen: so wurde in seiner Brust den ganzen Tag die hohe wärmende Quelle der Liebe nicht kalt. Er wollte die kurze, dunkle Allee aus Hängeweiden, die aus seinem Hause bis zu seinem leeren Grabe – ach ein volles für seine Liebe – lief, nur an werten Armen zurücklegen und auf jeder Moosbank darin zwischen seinem Freund und seinem Weibe, in jeder Hand eine geliebte, ausruhen. So verschönert der Tod nicht nur, wie Lavater bemerkt, unsere entseelte Gestalt, sondern der Gedanke desselben gibt dem Angesicht auch schon im Leben schönere Züge und dem Herzen neue Kraft, wie Rosmarin zugleich sich als Kranz um Tote windet und mit seinem Lebenwasser Ohnmächtige belebt.

»Mich wundert – sagt hier der Leser – dabei nichts; in Firmians Fall dächte wohl jeder so, wenigstens ich.« – Aber, du Lieber, sind wir denn nicht schon darin? Macht die Ferne oder die Nähe unserer ewigen Abreise denn einen Unterschied? O, da wir hienieden nur als trügerisch-feste und rot gefärbte Gebilde neben unsern Höhlen stehen und gleich alten Fürsten in Grüften stäubend einfallen, wenn die unbekannte Hand das mürbe Gebilde erschüttert: warum sagen wir denn nicht wie Firmian: »Wie sollt' ich nicht vergeben; wir bleiben ja noch so kurz beisammen.« – Es wären daher für uns vier bessere Buß-, Bet- und Fasttage als die gewöhnlichen, wenn wir jährlich nur vier harte, hoffnungslose Krankentage hintereinander auszuhalten hätten; weil wir auf dem Krankenlager, dieser Eisregion des Lebens neben dem Krater, mit erhöhten Augen auf die einschrumpfenden Lustgärten und Lustwälder des Lebens niedersehen würden – weil da unsere elenden Rennbahnen kürzer, und nur die Menschen größer erscheinen – und wir da nichts mehr lieben würden als Herzen, keine andern Fehler vergrößern und hassen als unsere, und weil wir mit schönern Entschlüssen das Siechbette verlassen, als wir es bestiegen. Denn der erste Genesungtag des überwinterten Körpers ist die Blütezeit einer schönen Seele, sie tritt gleichsam verklärt aus der kalten Erdenrinde in ein laues Eden, sie will alles an den schwachen, schwer atmenden Busen ziehen, Menschen und Blumen und Frühlinglüfte und jede fremde Brust, die am Krankenbette für sie geseufzet hatte, sie will alles, wie andere Auferstandene, eine Ewigkeit hindurch lieben, und das ganze Herz ist ein feucht-warmer, quellender Frühling voll Knospen unter einer jungen Sonne. – –

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