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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Siebenzehntes Kapitel

Der Schmetterling Rosa als Minierraupe – Dornenkronen und Distelköpfe der Eifersucht

Das vorige Kapitel war kurz wie unsere Täuschungen. Ach es war auch eine, armer Firmian! – Nach der ersten stürmischen gegenseitigem Katechetik, ferner nach den erhaltenen und erteilten Berichten wurde er immer mehr gewahr, daß aus Lenettens unsichtbarer Kirche, worin der Pelzstiefel als Seelenbräutigam stand, recht klar eine sichtbare werden sollte. Es war, als wenn das Erdbeben der vorigen Freude den Vorhang des Allerheiligsten, worin Stiefels Kopf als Cherubim flatterte, ganz entzweigerissen hätte. Aber ich sage hier, die Wahrheit zu sagen, eine Lüge; denn Lenette suchte absichtlich eine besondere Vorliebe für den Rat an den Tag zu legen, der vor Freude darüber sich von Arkadien nach Otaheite, von da nach Eldorado, von diesem nach Walhalla verflatterte; ein gewisses Anzeigen, daß sein bisheriges Glück in Firmians Abwesenheit kleiner gewesen war. Der Rat erzählte, daß Rosa mit dem Heimlicher gebrochen, und daß der Venner, den dieser zu einer Spinnmaschine brauchen wollte, sich zu einer Kriegmaschine gegen ihn umgekehrt habe: der Anlaß sei die Nichte in Baireuth, die vom Venner den Korb erhalten, weil er sie im Kusse eines Baireuther Herren angetroffen. – Firmian wurde brennend rot und sagte: »Du elender Kakerlak! Der jämmerliche Schwindelhaber hat einen Korb bekommen, aber nicht gegeben. Hr. Rat, werden Sie der Ritter des armen Frauenzimmers und durchbohren Sie diese Mißgeburt von einer Lüge, wo Sie sie finden – von wem haben Sie dieses Unkraut?« – Der Stiefel wies gelassen auf Lenetten: »von Ihnen da!« – Firmian fuhr zusammen. »Von wem hast denn du es?« – Sie sagte mit einer über das ganze Gesicht ausgelaufnen Wangenglut: »Hr. v. Meyern waren hier bei mir und erzählten es selber.« Der Rat fuhr dazwischen: »Ich wurd' aber sogleich hergeholet und schaffte ihn geschickt beiseite.« – Stiefel hielt um die verbesserte Geschichte der Sache an. Firmian stattete furchtsam und mit wechselnder Stimme einen günstigen Bericht von dem Rosenmädchen ab – im dreifachen Sinne eines, wegen der Rosen auf den Wangen, wegen ihrer siegenden Tugend, wegen der Gabe der grünen Rosenknospen –; er bewilligte ihr aber Lenettens wegen nur das Akzessit, nicht die goldene Medaille. Er mußte den verräterischen Venner, als den Widder, an der Stelle Nataliens auf den Opferaltar binden oder ihn wenigstens vor ihren Triumphwagen anschirren als Sattelgaul und es frei erzählen, daß Leibgeber die Verlobung verhütet und sie durch die satirischen Skizzen, die er von Meyern entworfen, gleichsam beim Ärmel zurückgezogen habe vom ersten Tritte in die Höhle des Minotaurus. »Aber von dir«, sagte Lenette, aber ohne den Frageton, »hatte doch Hr. Leibgeber alles erst?« – »Ja!« sagt' er. – Die Menschen legen in einsilbige Wörter, zumal in Ja und Nein, mehr Akzente, als die Sineser haben; das gegenwärtige Ja war ein herausgeschnelltes, tonloses, kaltes Ja, denn es sollte bloß einem » Und« gleichgelten. Sie unterbrach eine abirrende Frage des Rats mit einer Kernschuß-Frage: wann Firmian bei ihr mit gewesen? Dieser merkte endlich mit seinem Kriegperspektiv in ihrem Herzen allerlei feindliche Bewegungen: er machte eine lustige Schwenkung und sagte: »Hr. Rat, wann besuchten Sie Lenetten?« – »Dreimal wenigstens in jeder Woche, oft öfter, immer um gegenwärtige Zeit«, sagt' er. »Ich will weiter nicht eifersüchtig werden«, sagte Firmian mit freundlichem Scherz, »aber geben Sie acht, meine Lenette wird es, daß ich mit Leibgebern zweimal, einmal nachmittags, einmal abends, bei Natalien gewesen und in Fantaisie spazieren gegangen: nun, Lenette?« – Sie warf die Kirschen-Lippe auf, und ihr Auge schien Voltas elektrischer Verdichter zu sein.

Stiefel ging, und Lenette warf ihm aus einem Angesicht, auf dem zwei Feuer, das Zornfeuer und ein schöneres, zu brennen schienen, einen Funken voll Augenliebe über die Treppe nach, der die ganze Pulvermühle eines Eifersüchtigen in Brand hätte stecken können. Das Ehepaar war kaum droben, so fragte er sie, um ihr zu schmeicheln: »Hat dich der verwetterte Venner wieder gequält?« – Jetzo knatterte ihr Feuerwerk, dessen Gerüst schon lange im Gesichte gestanden, zischend los.- »Ei, du kannst ihn freilich nicht leiden, deiner schönen gelehrten Natalie wegen bist du auf ihn eifersüchtig. Denkst denn du, ich weiß es nicht, daß ihr miteinander die ganze Nacht im Walde herumgegangen, und daß ihr euch geherzet und geküsset habt! Schön! – Pfui! Das hätt' ich aber nicht gedacht – Da mußte freilich der gute Hr. von Meyern die reizende Natalie mit aller ihrer Gelehrsamkeit sitzen lassen. Defendier dich doch!« –

Firmian antwortete sanft: »Ich hätte den unschuldigen Punkt, der mich betrifft, vor dem Schulrat mit erzählt, hätt' ich dirs nicht schon angesehen – nehm' ichs denn übel, daß er dich unter meiner Reise geküsset hat?« Das entflammte sie noch mehr, erstlich, weil es ja Firmian nicht gewiß wußte – denn richtig wars –, zweitens, weil sie dachte: »Jetzo kannst du leicht vergeben, da du eine Fremde lieber hast als mich«; aber aus demselben Grunde, da sie ja auch einen Fremden lieber hatte als den Mann, hätte sie ja auch verzeihen müssen. Anstatt seine vorige Frage zu beantworten, tat sie, wie gewöhnlich, selber eine: »Hab' ich noch jemanden seidne Vergißmeinnicht gegeben, wie eine Gewisse einem Gewissen getan? Gottlob, ich habe meine ausgelöset noch in der Kommode.« Jetzo stritt Herz mit Herz in ihm; sein weiches wurde innig von dem absichtlosen Zusammenbinden so unähnlicher Vergißmeinnicht durchdrungen; aber sein männliches wurde heftig aufgereizt durch ihr verhaßtes Schutz- und Trutzbündnis mit dem, der das von Natalie gerettete einfältige Mädchen, wie es jetzt am Tage lag, in die Fantaisie als ein Schießpferd hingeschickt, um darhinter sich und sein Rachgewebe zu verstecken. Da nun Siebenkäs mit zorniger Stimme seinen Richterstuhl zu einem Armensünderstuhl des Venners machte, diesen einen weiblichen Knospenkäfer schalt und einen Taubenhabicht und Hausdieb der Eheschätze und einen Seelenverkäufer gepaarter Seelen – und da er mit dem höchsten Feuer beschwur, daß nicht Rosa eine Natalie, sondern sie einen Rosa ausgeschlagen – und da er natürlich seiner Frau jede Verbreitung des Vennerischen lügenden Halbromans gebieterisch untersagte: so verwandelte er die arme Frau vom Fuß bis auf den Kopf in einen harten, beißenden – Rettig aus Erfurt... Lasset unsere Augen nicht zu lange und nicht zu richterlich auf dieser Hitzblatter oder auf diesem Eiterungfieber der armen Lenette bleiben! – Ich meines Orts lasse sie stehen und falle lieber hier das ganze Geschlecht auf einmal an. Ich werde das tun, hoff' ich, wenn ich behaupte, daß die Weiber nie mit fressendern Farben malen – so daß Swifts schwarze Kunst dagegen nur eine Wasserkunst ist –, als wenn sie körperliche Häßlichkeiten fremder Weiber abzufärben haben; ferner, daß das schönste Gesicht zu einem häßlichen aufbirst, aufquillt und sich auszackt, wenn es, statt der Trauer über den Überläufer, Entrüstung über die Werboffizierin verrät. Genau genommen, ist jede auf ihr ganzes Geschlecht eifersüchtig, weil demselben zwar nicht ihr Mann, aber doch die übrigen Männer nachlaufen und so ihr untreu werden. Daher tut jede gegen diese Vice-Königinnen der Erde den Schwur, den Hannibal gegen die Römer, die Könige der Erde, ableistete und ebensogut hielt. Jede hat daher die Kraft, die Fordyce allen tierischen Körpern beilegt, die andern kalt zu machen; und in der Tat muß jede ein Geschlecht verfolgen, das aus lauter Nebenbuhlerinnen besteht. Daher nennen sich viele, z. B. ganze Nonnen-Klöster, die Herrnhuterinnen, Schwestern oder auch verschwisterte Seelen, um etwan, weil gerade Geschwister sich am meisten veruneinigen, durch diesen Ausdruck das Verhältnis ihrer Gesinnung zum Teil zu bezeichnen. Daher bestehen die parties carrées de Madame Bouillon aus drei Männern, und nur aus einer Frau. Das hat vielleicht den hl. Athanasius, Basillus, ScotusLocor. Theol. a. Gerhard. Tom. VIII. p. 1170. und andere Kirchenlehrer gezwungen, anzunehmen, daß die Weiber – bloß die Maria ausgenommen – am jüngsten Tage als Männer auferstehen, damit im Himmel kein Zank und Neid entstehe. Nur eine einzige Königin wird von vielen 1000 ihres Geschlechts geliebt, genährt, gesucht – die Bienenkönigin von den Arbeitbienen, die nach allen neuern Augen Weibchen sind. –

Ich will dieses Kapitel mit einem Vorwort für Lenetten ausmachen. Der böse Feind Rosa hatte, um Gleiches mit Gleichem oder mit noch etwas Schlimmerem zu vergelten, ganze Säetücher voll Unkraut ins offne Herz Lenettens ausgeleert und vor ihr anfangs Komplimente und Nachrichten von ihrem Manne, und zuletzt Verkleinerungen ausgepackt. Sie hatte ihm schon darum sehr geglaubt, weil er ein – gelehrtes Mädchen anschwärzte, verließ und aufopferte. Ihr Groll aber gegen den Schuldigen, Siebenkäs, mußte unendlich wachsen, bloß weil sie den Ausbruch desselben – verschieben mußte. Zweitens hassete sie an Natalien die – Gelehrsamkeit, durch deren Mangel sie selber so zu Schaden gekommen; sie hielt mit mehren Weibern an einer Venus, wie viele Kenner an der medizeischen, den Kopf nicht für echt. Es brachte sie am meisten auf, daß Firmian einer Fremden mehr beistand als seiner Frau, ja auf Kosten derselben; und daß Natalie aus Hochmut für einen solchen reichen Herren, wie Meyern war, einen Korb statt eines Netzes geflochten – und daß ihr Mann alles eingestanden, weil sie seine Offenheit bloß für herrschsüchtige Gleichgültigkeit gegen ihren Widerwillen nehmen mußte.

Was tat Firmian? – Er vergab. Seine zwei Gründe dazu werden von mir gutgeheißen: Baireuth und das Grab – jenes hatte ihn so lange von ihr getrennt, und dieses wollte ihn auf immer von ihr scheiden. Ein dritter Grund könnt' auch dieser sein: Lenette hatte im Punkte seiner Liebe gegen Natalien so ganz und gar unrecht – nicht.

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