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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Natalie hatte aus vielen Gründen in den sonderbaren Antrag gewilligt; weil er eben sonderbar war – weil ferner der Name »Witwe« für ihr schwärmendes Herz noch immer ein Trauerband zwischen ihr und Firmian zusammenwebte, das sich reizend und phantastisch um den Auftritt und den Eid jener nächtlichen Trennung schlang – weil sie heute von einer Empfindung zur andern gestiegen war und nun in der Höhe schwindelte – weil sie uneigennützig ohne Grenzen war und mithin nach dem möglichen Schein des Eigennutzes wenig fragte – und weil sie endlich überhaupt nach dem Scheinen und dem Urteilen darüber weniger fragte, als wohl ein Mädchen darf.

Leibgeber streckte nach dem Erreichen aller seiner Ziele nur einen freudigen langen Zodiakalschein aus; Siebenkäs warf seinen Trauer-Nachtschatten nicht hinein, sondern einen Halbschatten. Nur jetzt aber war er unvermögend, die beiden Lustgegenden Baireuths, Eremitage und Fantaisie, zu besuchen, welche für ihn Herkulaneum und Portici waren. Und über letztes mußt' er ja ohnehin bei seiner Abreise ziehen und da manches Versunkne wieder ausgraben. Dieses wollte er nicht lange hinaussetzen, da nicht nur die Luna untergegangen war, welche von ihrem Himmel auf alle weißen Blumen und Blüten des Frühlings einen neuen Silberschein geworfen, sondern weil auch Leibgeber sein Memento mori-Totenkopf war, der ohne Zunge und Lippe immer deutlich sagte, man erinnere sich, daß man sterben muß – in Kuhschnappel – zum Spaß. Leibgebers Herz brannte nach außen in die Weite, und die Flammen seines Waldbrandes wollten auf Alpen, auf Inseln, in Residenzstädten ungebunden umherschießen und spielen; der Aktenwasserschatz in Vaduz, dieses papierne Parade- und Wochenbette der Justiz – lit de justice – wäre für ihn ein schweres, dumpfes Siechbette gewesen, mit welchem die Leute sonst den auf ihm erliegenden Wasserscheuen zuletzt selber erstickten aus Mitleid. Freilich konnte eine kleine Stadt ihn so wenig ausstehen als er sie; denn verstehen konnte sie ihn noch weniger. Saßen ja sogar im größern Baireuth an der Wirts-Tafel in der Sonne mehre Justizkommissarien (ich habe die Sache aus ihrem Munde selber), welche seine Tafelrede (im 12ten Kapitel) über die den Fürsten so schweren Palingenesien von Kronprinzen für eine förmliche Satire auf einen lebenden Markgrafen angesehen, indes er bei allen Satiren auf niemand anders zielte als auf sämtliche Menschen zugleich. Freilich, wie unbesonnen führte er sich nicht in den elenden acht Tagen, die er in unserem Hof im Voigtlande verbrachte, auf öffentlichem Markte auf? Wollen mirs nicht glaubhafte Varisker – wie die alten Voigtländer zu Cäsars Zeiten nach einigen hießen, nach andern aber Narisker – bezeugen, daß er in den besten Kleidern neben dem Rathause Bergamottebirnen und in der Brotbank Gebacknes dazu öffentlich eingekauft? Und haben ihm nicht Nariskerinnen nachgesehen, die beschwören wollen, daß er besagtes Speisopfer – da doch Stallfütterung allgemein empfohlen wird – im Freien verzehrt habe, als wär' er ein Fürst, und im Gehen, als wär' er eine römische Armee? – Man hat Zeugen, die mit ihm gewalzt, daß er Maskenbällen in Schlafrock und Federmütze beigewohnt, und daß er beide schon den ganzen Tag im Ernst getragen, eh' er sie zum Spaße abends anbehalten. Ein nicht unverständiger Narisker voll Memorie, der nicht wußte, daß ich den Mann unter meinen historischen Händen hatte, ging mit folgenden frechen Reden Leibgebers heraus: jeder Mensch sei ein geborner Pedant. – Wenige hängen nach, fast alle vor dem Tode in verdammten Ketten, ein Freimann bezeichne daher in den meisten Ländern nur einen Profos oder auch einen Scharfrichter. – Torheit als Torheit sei ernsthaft, man verübe daher so lange die kleinste, als man scherze. – Er halte den Geist, der schaffend auf der Dinte der Kollegien schwebe, wie bei Moses auf den Wassern, mit vielen Kirchenvätern für Wind. – In seinen Augen seien die ehrwürdigen Konzilien, Konferenzen, Deputationen, Sessionen, Prozessionen im Grunde nicht ohne alles komische Salz, als ernsthafte Parodien eines steifen leeren Ernstes betrachtet, um so mehr, da nur meistens einer unter der Kompanie (oder gar seine Frau) eigentlich referiere, votiere, dezidiere, regiere, indes das mystische corpus selber mehr nur zum Scherze an dem grünen Sessiontische vexierend angebracht sei; so hänge zwar an Flötenuhren außen ein Flötenspieler angeschraubt, dessen Finger auf der kurzen, aus dem Mund wachsenden Flöte auf- und niedertreten, so daß Kinder über die Talente des hölzernen Quanzes außer sich geraten; inzwischen wissen alle Uhrmacher, daß innen eine eingebauete Walze gehe und mit ihren Stiften versteckte Flöten anspiele. – Ich antwortete: »Solche Reden verraten sehr einen frechen und vielleicht spöttischen Menschen.« Es wäre wohl zu wünschen, jeder könnt' es dem Verfasser dieses nachtun, der hier die Narisker aufzufodern imstande ist, ihn, wenn sie können, eines Schrittes oder Wortes zu zeihen, das satirisch oder nicht genau nach dem Hut- und Haubenstock eines pays coutumier geformet gewesen; er verlangt freien Widerspruch, wenn er lügt. – –

Ein Briefchen war die Wurfschaufel, die den Armenadvokaten am andern Tage aus Baireuth fortwarf, nämlich eines vom Grafen zu Vaduz, der Leibgebers kaltes Fieber und Talg-Aussehen freundschaftlich bedauerte und zugleich den schnellem Regierantritt des Inspektorats bestellete. Dieses Blättchen legte sich an Siebenkäs als Flughaut an, womit er seinem scheinbaren Kokons-Grabe zueilte, um daraus als frischer Inspektor aufzufliegen. Im nächsten Kapitel kehrt er um und räumt die schöne Stadt. In diesem nimmt er noch bei Leibgebern, dessen Rolle ihm zustirbt, im Silhouetten-Schneiden Privatstunden. Der Schneider-Meister und Mentor in der Schere tat hiebei nichts, was durch mich auf die Nachwelt zu kommen verdiente, als das, wovon ich in meinen Belegen kein Wort antreffe, was ich aber aus dem Munde des Hrn. Feldmanns, Gasthof-Inhabers, selber habe, der gerade an der Tafel vorschnitt, als es vorfiel. Es war nichts, als daß ein Fremder vor der Wirtstafel stand und unter mehrern Tischgenossen auch den Silhouetten-Improvisatore Leibgeber ausschnitt in Schattenpapier. Dieser ersah es und schnitt unter der Hand und unter dem Tellertuche seinerseits den Supernumerarkopisten des Gesichtes nach – und als dieser den einen Nachschnitt hinreichte, langte jener den andern hin, sagend: »Al pari, mit gleicher Münze bezahlend!« Der Passagier machte übrigens außer den Schatten-Holzschnitten noch Luftarten; worunter ihm keine gelang als die phlogistische, die er leicht mit seiner Lunge verfertigte, und in der er, gleich den Pflanzen, gedieh und sich färbte; sie ist einatembar und bekannter unter dem Namen »Wind«, um sie von den andern, untrinkbaren phlogistischen zu unterscheiden. – Als der phlogistische Windmacher, der von Stadt zu Stadt aus dem tragbaren Katheder seines Leibes gute Vorlesungen über die andern Luftarten hielt, das Macher- und Schneiderlohn und sich fortgetragen hatte, so bemerkte Heinrich nur folgendes:

»Reisen und dozieren zugleich sollten Tausende; wer sich auf drei Tage einschränkt, kann sicher darin über alle Materien als außerordentlicher Lehrer lesen, von denen er wenig versteht. So viel seh' ich schon, daß sich jetzt überall leuchtende Wandelsterne um mich und andere drehen, die uns über Elektrizität, über Luftarten, über Magnetismus, kurz, über die Naturlehre ein fliegendes Licht zuwerfen; aber das ist nur etwas: ich will an diesem Entenflügel ersticken, wenn solche Kathederfahrer und Kurrendlehrer (nicht Kurrendschüler) nicht überhaupt über alles Wissenschaftliche lesen können, und mit Nutzen, über die kleinsten Zweige besonders. Könnte nicht der eine auf das erste Jahrhundert nach Christi Geburt – oder aufs erste Jahrtausend vor derselben, weil es nicht länger ist – vorlesend reisen, ich meine nämlich, solches den Damen und Herren in wenigen Vorlesungen beibringen, der zweite aufs zweite, der dritte aufs dritte, der 18te auf unseres? Solche transzendente Reiseapotheken für die Seele kann ich mir gedenken. Ich freilich für meine Person bliebe dabei nicht einmal, ich kündigte mich als peripatetischer Privatdozent in den allerkleinsten Kapiteln an – z.B. ich würde an kurfürstlichen Höfen Unterricht über die Wahlkapitulation erteilen, an altfürstlichen bloß über die Fürstenerianer – exegetisch an allen Orten über den 1. Vers im 1. Buch Mosis – über den Seekraken – über den Satan, der halb dieser sein mag – über Hogarths Schwanzstück, mit Beiziehung einiger Vandykischen Köpfe auf Gold- und Kopfstücken – über den wahren Unterschied zwischen Hippozentauren und Onozentauren, den der zwischen Genies und deutschen KritikernDie Ähnlichkeit, die sie mit den Onozentauren haben sollen, bezieht sich wahrscheinlich auf den Reiter Bileam, der ungünstig rezensieren sollte und es doch nicht vermochte am meisten aufhellet – über den ersten Paragraph von Wolf oder auch von Pütter – über Ludwigs (XIV.) des Vergrößerten Leichenbier und Volkfeste unter seiner Bahre – über die akademischen Freiheiten, die ein akademischer kursorischer Lehrer sich außer dem Ehrensold nehmen kann, und deren größte oft der Torschluß des Hörsaals ist – überhaupt über alles. So und auf diesem Wege (will es mir vorkommen), wenn hohe circulating schoolsSind von Dorf zu Dorf reisende und lehrende Schulhalter in England. so gemein würden wie Dorfschulen, wenn die Gelehrten (wie man doch wenigstens angefangen) als lebendige Weberschiffe zwischen den Städten auf und niederfahren und den Faden der Ariadne, wenigstens der Rede, überall anhängen und zu etwas verweben wollten; auf einem solchen Wege, wenn jede Sonne von einer Professur nach dem ptolomäischen System ihr Licht selber um die finstern, auf Hälse befestigten Weltkugeln herum trüge – welches wohl offenbar nichts vom kopernikanischen hätte, nach welchem die Sonne auf dem Katheder stille steht, mitten unter den herreisenden und umlaufenden Wandelsternen oder Studenten – auf diesem Wege könnte man sich endlich einige Rechnung machen, daß aus der Welt etwas würde, wenigstens eine gelehrte. – Weisen würde der bloße Stein der Weisen, das Geld, den Toren aber würden die Weisen selber zuteil, und Wissenschaften aller Art und noch mehr die Wiederhersteller der Wissenschaften kämen auf die Beine – es gäbe keinen Boden mehr als klassischen, worauf man mithin ackern und fechten müßte – jeder Rabenstein wäre ein Pindus, jeder Nacht- und jeder Fürstenstuhl eine delphische Höhle – und man sollte mir dann in allen deutschen Kreisen einen Esel zeigen. – – Das folgte, wenn alle Welt auf gelehrte und lehrende Reisen ginge, der Teil der Welt freilich ausgenommen, der durchaus zu Hause sitzen muß, wenn jemand da sein soll, der hört und zahlt – gleich dem point de vue, wozu man bei Heerschauen oft den Adjutanten erlieset.« – –

Auf einmal sprang er auf und sagte: »Wollte Gott, ich ginge einmal nach BrückenauSeite 163 des Taschenbuchs für Brunnen- und Badegäste 1794 steht die Nachricht: daß vor Damen, während sie in den Badewannen eingeriegelt liegen, auf den Deckeln der letzten junge Herren sitzen, um sie unter dem Wasser zu unterhalten. Dagegen kann freilich die Vernunft nichts haben – da das Wannenholz so dicht ist wie Seide, und da in jedem Falle jede allemal in einer Hülle stecken muß, in der sie ohne Hülle ist – aber wohl das Gefühl oder die Phantasie, und zwar aus demselben Grunde, warum ein Deckbette, ¼ Elle dick, keine so anständige und dichte Kleidung ist als ein Florhabit für einen Ball. Sobald nicht die Unschuld der Phantasie geschonet wird: so ist keine andere weiter zu schonen; die Sinnen können weder unschuldig noch schuldig sein. . Dort auf Badezubern wäre mein Lehrstuhl und Musensitz. Die Kauffrau, die Rätin, die Landedelfrau oder deren Tochter läge als Schaltier im zugemachten Bassin und Reliquienkasten und steckte, wie aus ihrer andern Kleidung, nichts heraus als den Kopf, den ich zu bilden hätte – welche Predigten wollt' ich als Antonius von Padua erobernd der weichen Schleie oder Sirene halten, wiewohl sie mehr eine Festung mit einem Wassergraben ist! Ich säße auf der hölzernen Hulfter ihrer feurigen, wie Phosphor unter Wasser gehaltenen Reize und dozierte! – Was wär' aber das gegen den Nutzen, den ich stiften könnte, wenn ich mich selber in ein solches Besteck und Futteral einschöbe und drinnen im Wasser wie eine Wasserorgel ginge und als Flußgott meine wenigen Amtgaben an der Schulbank auf meiner Wanne versuchte; wenn ich zwar die Lehr-Gestus unter dem warmen Wasser machte, weil nur der Kopf mit dem Magisterhut aus der Scheide, wie ein Degenknopf, herauslangte, indessen aber doch schöne Lehren, üppige unter Wasser stehende Reis-Ähren und Wasserpflanzen, einen philosophischen Wasserbau und dergleichen aus dem Zuber heraustriebe und alle Damen, die ich jetzt ordentlich mein Quäker- und Diogenes-Faß umringen sehe, mit dem herrlichsten Unterricht besprenget entließe? – Beim Himmel! ich sollte nach Brückenau eilen, als Badgast weniger denn als Privatdozent.«

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