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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Natalie blieb unsichtbar. – Alles, was Firmian von ihr zu sehen bekam, war ein Brief an sie, den er aus dem Postbeutel schütten sah, als er täglich nach einem von seiner Frau nachfragte. Zu einem Billet brauchte Lenette vielleicht nicht mehr Stunden, als Isokrates Jahre zu seiner Lobrede auf die Athener bedurfte; nicht mehr, sondern gerade zehn. Der Brief an Natalien kam, der Hand und dem Siegel zufolge, vom Landes-(Stief-)Vater v. Blaise. Du gutes Mädchen! (dacht' er) wie wird er nun mit dem aus dem Eis seines Herzens gegossenen Brennspiegel den stechenden Brennpunkt langsam um alle Wunden deiner Seele führen! Wie viele verdeckte Tränen wirst du vergießen, die niemand zählt; und du hast keine Hand mehr, die sie trocknet und bedeckt, außer deiner!

An einem blauen Nachmittage ging er allein in den einzigen für ihn nicht zugesperrten Lustgarten, in die Eremitage. Überall begegneten ihm Erinnerungen, aber nur schmerzlich-süße, überall hatte er da verloren oder hingegeben, Leben und Herz, und hatte von der Einsiedelei sich ihrem Namen gemäß zum Einsiedler machen lassen. Konnt' er die große dunkle Stelle vergessen, wo er neben dem knieenden Freunde und vor der untergehenden Sonne zu sterben geschworen und sich von seiner Gattin und seiner Bekannten-Welt zu scheiden versprochen?

Er hatte den Lustort verlassen, das Angesicht nach der sinkenden Sonne gerichtet, die mit ihren fast waagrechten Flammen die Aussicht verbauete, und zog nun die Stadt im Bogen weit vorüber, immer mehr nach Abend bis in die Straße nach Fantaisie dahin. Er sah mit einem bewegten Herzen dem sanft auflodernden Gestirne nach, das, gleichsam in die glühenden Kohlen von Wolken zerbröckelnd, in jene Fernen hinabzufallen schien, wo seine verwaisete Lenette mit dem Angesicht voll Abendrot in dem verstummten Zimmer stand. »Ach, gute, gute Lenette«, rief es in ihm, »warum kann ich dich nicht jetzt, in diesem Eden, an diesem vollen weichen Herzen selig zerdrücken – ach, hier würd' ich dir lieber vergeben und dich schöner lieben!« – Du gute Natur voll unendlicher Liebe bist es ja, die in uns die Entfernung der Körper in Annäherung der Seelen verwandelt; du bist es, die vor uns, wenn wir uns an fernen Orten recht innig freuen, die freundlichen Bilder aller derer, die wir verlassen mußten, wie holde Töne und Jahre vorüberführt, und du breitest unsere Arme nach den Wolken aus, welche über die Berge herfliegen, hinter denen unsere Teuersten leben! So öffnet sich das abgetrennte Herz dem fernen, wie sich die Blumen, die sich vor der Sonne auftun, auch an den Tagen, wo das Gewölk zwischen beide tritt, auseinander falten. – Der Glanz losch aus, nur die blutige Spur der gefaltnen Sonne stand im Blau, die Erde trat höher mit den Gärten hervor – und Firmian sah auf einmal nahe an sich das grünende Tempetal der Fantaisie, übergossen von roter Wolken- und von weißer Blüten-Schminke, vor sich schwanken und rauschen; aber ein Engel stand aus dem Himmel mit dem Schwerte eines funkelnden Wolkenstreifs davor und sagte: geh hier nicht ein; kennst du das Paradies, aus dem du gegangen bist?

Firmian kehrte um, lehnte sich im Helldunkel des Frühlings an die Kalkwand des ersten baireuthischen Hauses, um die Wundenmale seiner Augen auszuheilen und vor seinem Freunde mit keinen Zeichen zu erscheinen, die vielleicht erst zu erklären waren. Aber Leibgeber war nicht da; jedoch etwas Unerwartetes, ein Blättchen an diesen von Natalie. Ihr, die ihrs empfindet oder betrauert, daß immer und ewig eine Mosisdecke, ein Altargeländer, ein Gefängnisgitter, aus Körper und Erde gemacht, zwischen Seel' und Seele gezogen ist, ihr könnt es nicht verdammen, daß der arme, gerührte, einsame Freund ungesehen das kalte Blatt an den heißen Mund, an das zitternde Herz anpreßte. Wahrlich für die Seele ist jeder Körper, sogar der menschliche, nur die Reliquie eines unsichtbaren Geistes, und nicht etwa der Brief, den du küssest, auch die Hand, die ihn schrieb, ist wie der Mund, dessen Kuß dich mit der Nähe einer Vereinigung täuschet, nur das sichtbare, von einem hohen oder teuern Wesen geheiligte Zeichen, und die Täuschungen unterscheiden sich nur in ihrer Süßigkeit.

Leibgeber kam an, riß es auf, las es vor:
 

»Morgen um 5 Uhr liegt Ihre schöne Stadt hinter meinem Rücken. Ich gehe nach Schraplau. Ich hätte nicht, o teurer Freund, aus diesem holden Tale weichen können, ohne noch einmal vor Sie mit der Versicherung meiner längsten Freundschaft und mit dem Danke und Wunsche der Ihrigen zu kommen. Ich würde gern von Ihnen auf eine lebendigere Art als auf diese Abschied genommen haben; aber das lange Trennen von meiner britischen Freundin ist noch nicht vorüber, und ich habe jetzt ihre Wünsche, wie vorher meine, zu bekämpfen, um mich in meine bürgerliche Einsamkeit zu begraben oder vielmehr zu flüchten. Mit Freuden und Schmerzen hat mich der schöne Frühling verwundet: doch bleibt mein Herz wie Cramners seines – wenn ich so fremd vergleichen darf – in der Asche des Restes auf dem Scheiterhaufen einsam-unversehrt für meine Geliebten. – Aber Ihnen geh' es wohl, wohl! Und besser, als es mir, einem Weibe, je gehen kann. Ihnen kann das Geschick nicht viel nehmen, ja nicht einmal geben; auf allen Wasserfällen liegen Ihnen lachende ewige Regenbogen; aber die Regenwolken des weiblichen Herzens färben sich spät und erst, wenn sie lange getropft, mit dem wehmütigen heitern Bogen, den die Erinnerung an ihnen erleuchtet. – Ihr Freund ist gewiß noch bei Ihnen? – Drücken Sie ihn feurig an Ihr Herz und sagen ihm, alles, was ihm Ihres wünscht und gibt, wünscht meines ihm; und nie wird er und sein Geliebter von mir vergessen.

Ewig
Ihre Natalie«

Firmian hatte sich unter der Vorlesung mit dem gegen den Abendhimmel gekehrten Gesicht voll Tränen auf das Fenster gestützt. Heinrich griff mit freundschaftlicher Feinheit seiner Antwort vor und sagte, ihn ansehend: »Ja, diese Natalie ist wirklich gut und tausendmal besser als tausend andere, aber ich lasse mich rädern von ihrem eignen Wagen, pass' ich ihr nicht morgen um 4 Uhr auf und setze mich dicht neben sie: wahrlich! Ich muß ihre Ohren fassen und füllen, oder meine sind länger als die an einem Elefanten, der seine zu Fliegenwedeln gebraucht.« – »Tu es, lieber Heinrich«, sagte Firmian mit der heitersten Stimme, die aus der zugepreßten Kehle zu ziehen war, »ich will dir drei Zeilen mitgeben, um nur etwas einzubringen, da ich sie nie mehr sehen darf.« – Es gibt eine lyrische Trunkenheit des Herzens, worin man keine Briefe schreiben sollte, weil nach 50 Jahren Leute darüber geraten können, denen das Herz und die Trunkenheit zugleich abgeht. Firmian schrieb denn doch; und siegelte nichts; und Leibgeber las nichts.
 

»Ich sage zu Ihnen: lebe auch wohl! Aber ich kann nicht sagen: vergiß mich nicht! O vergiß mein! Nur mir laß das Vergißmeinnicht, das ich bekommen. – Der Himmel ist vorüber, aber das Sterben nicht. Meines kommt bald; und für dieses nur tu' ich und noch stärker mein Leibgeber eine Bitte an Sie, aber eine so seltsame – Natalie, schlage sie ihm – nicht ab. Deine Seele hat ihren Stand hoch über weiblichen Seelen, welche jede Sonderbarkeit erschreckt und verwirrt; Du darfst wagen; Du wagst nie dein großes Herz und Glück. – So hab' ich denn an jenem Abende zum letzten Male gesprochen und am heutigen zum letzten Male geschrieben. Aber die Ewigkeit bleibt mir und dir!

F. S.«
 

Er schlief die ganze Nacht nur träumend, um Leibgebers Wecker zu sein. Aber um 3 Uhr morgens stand dieser schon als Briefträger und Requetenmeister unter einer Riesenlinde, deren Hängebette mit einer schlafenden Welt über die Allee hineinsank, wodurch Natalie kommen mußte. Firmian spielte in seinem Bette Heinrichs Rolle des Wartens nach und sagte immer zu sich: jetzt wird sie von der Britin Abschied nehmen – jetzt einsitzen – jetzt vor dem Baum vorbeifahren, und er wird ihr in die Zügel fallen. Er phantasierte sich in Träume hinein, die ihn mit einem peinlichen Wirrwarr und mit wiederholten Versagungen seiner Bitte wund stießen. Wie viele trübe Tage werden oft, im physischen und im moralischen Wetter, von einer einzigen sternhellen Nacht geboren! – Endlich träumte ihn, sie reich' ihm aus ihrem herrollenden Wagen die Hand, mit weinenden Augen und mit dem grünen Rosenzweige vor der Brust, und sagte leise: »Ich sage doch nein! Würd' ich denn lange leben, wenn du gestorben wärest?« – Sie drückte seine Hand so stark, daß er erwachte; aber der Druck währte fort, und vor ihm stand der helle Tag und sein heller Freund und sagte: »Sie hat ja gesagt; aber du hast fest geschlafen.«

Bei einem Haare, erzählte er, hätt' er sie verpasset. Sie war mit ihrem Ankleiden und Abreisen schneller fertig geworden als andere mit ihrem Auskleiden und Ankommen. Ein betaueter Rosenast, dessen Blätter mehr stachen als seine Dornen, lag an ihrem Herzen, und ihre Augen hatte der lange Abschied rot gefärbt. Sie empfing ihn liebreich und freudig, obwohl erschrocken und horchend. Er gab ihr zuerst, als Vollmacht, Firmians offnen Brief. Ihr brennendes Auge glühte noch einmal unter zwei großen Tropfen, und sie fragte: »Und was soll ich denn tun?« – »Nichts«, sagte Leibgeber, künstlich zwischen Scherz und Ernst, »Sie sollen bloß leiden, daß Sie von der preußischen Kasse, sobald er gestorben ist, jedes Jahr an seinen Tod erinnert werden, als wären Sie seine Witwe.« – »Nein«, sagte sie gedehnt mit einem Tone, hinter dem aber nur ein Komma auftritt, und kein Punktum. Er wiederholte Bitten und Gründe und setzte dazu: »Nur wenigstens meinetwegen tun Sie es, ich kann es nicht sehen, wenn er eine Hoffnung oder einen Wunsch verliert; er ist ohnehin ein Tanzbär, den der Bärenführer, der Staat, im Winter fortzutanzen zwingt, ohne Winterschlaf; – ich hingegen bringe die Tatzen selten aus dem Maul und sauge beständig. Er hat die ganze Nacht gewacht, um mich aufzuwecken, und zählt nun zu Hause jede Minute.« – Sie überlas den Brief noch einmal von einem Buchstaben zum andern. Er bestand auf keinem Entscheidespruch, sondern zwirnte ein anderes Gespräch aus dem Morgen, aus der Reise und aus Schraplau zusammen. Der Morgen hatte schon hinter Baireuth seine Feuersäulen aufgerichtet, die Stadt trat mit immer mehren Rauchsäulen heran; er mußte in wenigen Minuten vom Wagen herab. »Leben Sie wohl«, sagte er im sanftesten Tone, mit einem Fuß im Wagenfußtritte hängend, »Ihre Zukunft ahme den Tag um uns nach und werde immer heller. – Und nun, welches letzte Wort geben Sie mir an meinen guten, teuern, geliebten Firmian mit?« – (Ich will nachher eine Bemerkung machen.) Sie zog den Reiseflor wie einen Vorhang des ausgespielten Bühnenlebens nieder und sagte eingehüllt und erstickt: »Muß ich, so muß ich. Auch dies sei! Aber Sie geben mir noch einen großen Schmerz mit auf den Weg.« Allein hier sprang er herab, und der Wagen rollte mit der vielfach Verarmten über die Trümmer ihrer Tage dahin.

Hätt' er statt des abgequälten Ja ein Nein erhalten – er wäre ihr hinter der Stadt wieder nachgekommen und wieder als blinder Passagier aufgesessen.

Ich versprach oben, etwas zu bemerken: es ist dieses, daß die Freundschaft oder Liebe, die ein Mädchen für einen Jüngling hat, durch die Freundschaft, die sie zwischen ihm und seinen Freunden wahrnimmt, unter unsern Augen wächst und solche polypenartig in ihre Substanz verwendet. Daher hatte Leibgeber aus Instinkt die seinige wärmer offenbart. Uns Liebhabern hingegen wird dergleichen elektrische Belegung oder magnetische Bewaffnung unserer Liebe durch die Freundschaft, die wir zwischen unserer Geliebten und ihrer Freundin bemerken, nur selten beschert, so sehr auch durch die Bemerkung unsere Flamme wüchse; alles, was uns zufället, ist der Anblick, daß unsere Geliebte unsertwegen gegen alle andere Menschen erstarret und ihnen nur Eistassen und kalte Küche präsentiert, um uns einen desto feurigern Liebetrank zu kochen. Aber die Methode, das Herz, wie den Wein, dadurch geistiger, stärker und feuriger zu machen, daß man es um den Siedpunkt herum eingefrieren lässet, kann wohl einer blinden, eigensüchtigen, aber nie einer hellen, menschenfreundlichen Seele gefallen. Wenigstens bekennt der Verfasser dieses, daß er, wenn er im Spiegel oder im Wasser ersah, daß der Januskopf, der vor ihm auf dem einen Gesicht liebend zerfloß, sich auf dem abgekehrten hassend gegen die ganze Erde verzog – er bekennt, daß er auf der Stelle ein oder ein paar solcher feindseliger Gesichter selber nachgeschnitten habe gegen den Januskopf. – Verleumden, schelten, hassen sollte ein Mädchen, des Abstichs halber, wenigstens so lange nicht, als es liebt; ist es Hausmutter, hat es Kinder und Rinder und Mägde, so wird ohnehin kein billiger Mann gegen mäßiges Ergrimmen und gegen ein bescheidenes Schmähen etwas haben. – –

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