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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Wir waren fortgerissen und umfaßten uns mit Tränen ohne Worte im ersten Dunkel der Nacht. Auf der Begräbnisstelle der Sonne stand der Zodiakalschein als eine rote Grabes-Pyramide und loderte unbeweglich in die stumme blaue Tiefe hinauf.

Die Stadt Gottes, die hoch über der Erde schwebt, erschien aus der ewigen Ferne, auf den Bogen der Milchstraße gebauet, mit allen ihren angezündeten Sonnen-Lichtern.

Wir stiegen den Berg herab – jede Stelle der Erde war jetzo ein Berg – eine unsichtbare Hand trug die Seele über den dunkeln Dunstkreis, und sie schauete wie von Alpen herab, und sie sah nichts als die glänzenden Spitzen andrer Gebürge, und alles Niedrige, alles Tiefe, alle Gräber und alle kleine Ziele und Laufbahnen der Menschen waren mit einem großen Dufte zugehüllt.

Wir verloren uns voneinander in die Gänge, aber in unsern Herzen waren wir alle beisammen – wir kamen wieder zueinander, aber in unsrer Seele blieb die Stille ungestört; denn jedes Herz schlug wie das andere, und ein Gebet war von einer Umarmung in nichts verschieden als in der Einsamkeit. –

Die zerstreueten Flammen unserer Gefühle hatten sich allmählich in unserm Geiste zusammengezogen zu einer heißen Sonnenkugel und kleine Minuten zu einer Ewigkeit, wie die Alten glaubten, daß die herumflatternden Flammen der Nachmitternacht sich am Morgen in eine Sonne verdichtenPomp. Mel. de S. O. 1. 18. .

Ach! ich schwacher Unbekannter mit solchen Paradiesen stand unter blätterlosen Zweigen traurig vor dem gestirnten dunkelblauen Rhein, der wie ein himmlisches, zwischen zwei Republiken geknüpftes BandSchweiz und Holland. wallend auf der deutschen Erde aufliegt, und mir war, als könnte der Durst und das Feuer einer so kleinen Brust nur mit seinen großen Wellen gelöscht werden. Ach, wir sind alle so: im flüchtigen Gefühle unsrer kleinen Größe und Wonne wollen wir alle an großen Gegenständen ruhen und sterben, wir wollen alle uns in den tiefen Himmel stürzen, wenn er über uns zitternd funkelt, und an die bunte Erde, wenn sie neben uns wallend blüht, und in den unendlichen Strom, wenn er gleichsam aus der Vergangenheit in die Zukunft zieht.

Unsre Freundinnen und die Kinder hatten still den Ankerplatz so schöner Stunden verlassen – ich sah sie singend wie Schwanen über die Wellen ziehen und in diese ihre Lenzblumen werfen, damit sie als Erinnerungen an unser Insel-Ufer zurückschwämmen; und die zwei Kinder schliefen sanft in stillen Armen zwischen der Pracht des Himmels und der Erde, und die Arme und die Lieder und die Fluten wiegten sie.

Als es 12 Uhr wurde und der Frühling seinen ersten Morgen hatte: suchte und rief uns alle Viktor auf den Berg zusammen, wir wußten noch nicht weswegen. Der Rhein klang hinauf und hinab – die hellen Frühlingtöne der Nachtigall glitten zerschneidend durch sein Brausen – die Sterne der zwölften Stunde fielen tropfend in das verfinsterte Grab der Sonne und loschen aus in der grauen Asche des westlichen Gewölks – als plötzlich eine gerade schöne Flamme in Abend aufstieg und ein harmonisches Schmettern sich durch die Finsternis riß.

»Denkt ihr denn nicht«, sagte Viktor, »an euer Frankreich, für das heute am 21ten März die erste Stunde des Tages anbricht, an dem die sechstausend Ur-Versammlungen sich wie Gestirne vereinigen, damit aus Millionen Herzen ein einziges Gesetz entstehe?« –

Und als ich gen Himmel sah, kam mir die gebogne Milchstraße wie der eiserne Waagbalken des bedeckten Schicksals vor, in dessen Schalen, aus Welten ausgewölbt, die zertrümmerten blutigen Völker liegen und der Ewigkeit vorgewogen werden. Aber die Waage des Schicksals schwankt bloß darum auf und nieder, weil die Gewichte erst seit einigen Jahrtausenden in sie geworfen worden. Wir traten zusammen und sagten, in der Begeisterung der Nacht und der Töne, unter den steigenden und fallenden Sternen, vereinigt: »Du armes Land, deine Sonne und dein Tag steige einmal höher und werfe das Bluthemde deiner blutigen Morgenröte zurück – möge der höhere Genius dein Blut von deinen Händen und deine Tränen von deinen Augen abwischen – o, dieser Genius baue und trage und schirme den großen freien Tempel, der sich über dich als zweiter Himmel wölbt, aber er tröste auch jede Mutter und jeden Vater und jedes Kind und jede Gattin und alle Augen, die den geliebten zerdrückten Herzen nachweinen, die geblutet haben und zerfallen sind und die nun als Grundsteine unter dem Tempel liegen.« –

Was ich jetzt sage, kann ich nur meinem Bruder erzählen, denn nur er wird es vergeben. Ich und Viktor stiegen in einen Kahn, den ein langes Seil ans Ufer kettete und mit welchem der Zug des Stroms spielte; wir arbeiteten uns gegen das Ufer zurück, und dann ließen wir den Kahn wieder mit den Wellen der Mitternacht entgegen fließen. In unsrer Seele war wie außer uns Wehmut und Erhebung sonderbar gemischt: die Musik des Ufers wich und kam – Töne und Sterne stiegen auf und sanken ein – die Wölbung des Himmels stand im zitternden Rhein wie eine geborstene Glocke, und oben über uns ruhte das von der alten Ewigkeit bewohnte Tempel-Gewölbe mit seinen festen Sonnen unerschüttert – der Frühling wehte vom Morgen her, und die Baumgerippe auf dem Totenacker des Winters wurden zum Auferstehen angeregt. Auf einmal sagte Viktor. »Mir ist, als wäre der Rhein der Strom der Zeit; denn unser schwankendes Leben wird ja von beiden Strömen nach Mitternacht gerissen.« Auf einmal rief mir mein Bruder auf der Insel zu: »Bruder, kehre in den Hafen zurück und schlafe, es ist zwischen 1 und 2 Uhr.«

Diese brüderliche, sich durch die Töne und die Wellen drängende Stimme warf plötzlich eine neue Welt, vielleicht die Unterwelt, in meine offne Seele: denn es leuchtete auf einmal der Blitz der Erinnerung über mein ganzes dunkles Wesen, daß ich gerade in dieser Nacht vor 32 Jahren in diese überwölkte, mit täglichen Nächten bedeckte Erde getreten und daß die Stunde zwischen 1 und 2 Uhr, worin mich mein Bruder in den Hafen und zum Schlafe gerufen, meine Geburtstunde gewesen sei, die so oft dem Menschen beide nimmt.

Es gibt schauerliche Dämmeraugenblicke in uns, wo uns ist, als schieden sich Tag und Nacht – als würden wir gerade geschaffen oder gerade vernichtet – das Theater des Lebens und die Zuschauer fliehen zurück, unsre Rolle ist vorbei, wir stehen weit im Finstern allein, aber wir tragen noch die Theaterkleidung, und wir sehen uns darin an und fragen uns: »Was bist du jetzo, Ich?« – Wenn wir so fragen: so gibt es außer uns nichts Großes oder Festes für uns mehr – alles wird eine unendliche nächtliche Wolke, in der es zuweilen schimmert, die sich aber immer tiefer und tropfenschwerer senkt – und nur hoch über der Wolke gibt es einen Glanz, und der ist Gott, und tief unter ihr ist ein lichter Punkt, und der ist ein Menschen-Ich. –

Für diese Augenblicke ist das aus schwerer Erde gebildete Herz nicht lange gemacht. – Ich ging in die süßern über, wo das volle tränentrunkne Herz nichts kann und nichts will als bloß weinen. Ich hatte nicht den Mut, meinen teuern Viktor von der erhabnen Nachbarschaft um ihn herabzuziehen auf meine Geringfügigkeiten; aber ich bat ihn, nur noch ein wenig mit mir in dieser Stille, über diesem düstern, in die Mitternacht rinnenden Strome zu verharren. Und dann lehnt' und drückt' ich mich warm an meinen sanften Liebling, und die kleinen Tropfen der gesenkten Augen fielen ungesehen in den großen Strom, gleich als wär' er der weite Strom der Zeit, in den jedes Auge seine Zähren und so viele tausend Herzen ihre Bluttropfen fallen lassen und der darum weder schwillt noch eilt.

Ich dachte nach und sah in den Rhein: »so rinnt es und rinnt es, das gaukelnde wallende Leben, aus seiner verhüllten Quelle wie der Nil. Wie wenig hab' ich bisher getan und genossen! – Unsre Verdienste und unsre Freuden sind nicht groß! – Unsre Verwandlungen sind größer, unser Herz und unser Kopf kommen tausendfach verändert und unkenntlich unter die Erde, wie der Kopf der eisernen MaskeBekanntlich wurde das Gesicht des sogenannten Mannes mit der eisernen Larve nach seinem Tode mit so vielen Wunden verstümmelt, bis diese die eiserne durch eine andere ersetzten. oder wie Ermordete so lange verwundet und zerschnitten werden, bis sie nicht mehr kenntlich sind. – – Ach und doch werden wir nur verändert, aber wir selber verändern so wenig in der Erde, nicht einmal in uns. – – Jede Minute kommt uns als das Ziel aller vorigen vor. – Die Saat des Lebens halten wir für die Ernte, den Honigtau an den Ähren für die süße Frucht, und wie Tiere käuen wir die Blüten. – – Du großer Gott! welche Nacht liegt um unsern Schlaf! Wir fallen und wir steigen mit geschlossenen Augen und fliegen blind und in einem festen Schlafe umherEine Art Seevögel schläft fliegend und woget sich auf und nieder, und die Berührung des Meers weckt sie oft. Marollas Reise nach Afrika. .«... Meine Hand hing in den Strom hinaus und seine kalten Wogen hoben sie. ich dachte: »Wie brennt doch das kleine Licht in uns mitten im wehenden Sturme der Natur so gerade und unbeweglich auf! Alles um mich stößet mit Riesenkräften zusammen und ringet! Der Strom ergreift die Inseln und die Klippen, der Nachtwind tritt in den Strom und watet herauf und drängt seine Wellen zurück und ringet mit den Wäldern – selber droben im friedlichen Blau arbeiten Welten gegen Welten. – Die unendlichen Kräfte ziehen wie Ströme gegeneinander und begegnen sich wirbelnd und brausend, und auf den ewigen Wirbeln laufen die kleinen Erden um den Sonnenstrudel. – Und die sanft heraufsteigenden schimmernden Reihen der Sternbilder sind bloß unabsehliche Kettengebürge von tobenden Sonnenvulkanen... Und doch ruhet in diesem Sturme der Menschengeist so still und friedlich wie ein stiller Mond über windigen Nächten – in mir ist jetzt alles ruhig und sanft, ich seh' den kleinen Bach meines Lebens vor mir rinnen und in den Zeitenstrom mit andern tropfen – der helle Geist schauet durch die brausenden Blutströme, die ihn umziehen, und durch die Stürme, die ihn überhüllen und verfinstern, hell hindurch und sieht drüben stille Auen, leise lichte Quellen, Mondschimmer und einen ruhigen schönen Engel, der langsam darin wandelt.« – In meiner Seele stand ein stiller Karfreitag, windstill und regenfrei und lau, wiewohl mit einem sanften Gewölke bezogen.

Aber das klare Bewußtsein der Ruhe wird bald ihr Untergang. Ich sah hin auf drei um die Insel schwimmende Hyazinthen, die Klotilde im Scheiden den Wellen zugeworfen: »Jetzt in deiner Geburtstunde«, sagt' ich zu mir, »spült das Meer der Ewigkeit tausend kleine Herzen ans steinige Ufer der Erde: ach, wie wird es ihnen einmal an der Feier ihrer Geburttage sein? – Und was mögen die unzähligen Brüder denken, die mit dir vor 32 Jahren in diese Dunstkugel mit verbundnen Augen stiegen? Vielleicht erdrückt ein großer Schmerz den Gedanken an ihren Anfang – vielleicht schlafen sie tief jetzo, wie ich sonst – oder noch tiefer, tiefer.«... Und nun sanken alle meine jüngern und ältern Freunde, die schon tiefer schlafen, recht schwer auf die gebrochne Brust...

»Ich weiß wohl, was du jetzt so still übersinnst und so stumm betrauerst«, sagte mein Viktor. Ich antwortete: »nein« – und nun sagt' ich ihm alles... Du gute beste Seele! –

Als ich ihn lange genug umarmt hatte: kehrten wir eilig zurück – und ich umfaßte meine andern Brüder – und ich sehnte mich nach Dir, mein Teurer. – – Wir zogen endlich aus der Baustelle eines friedlichern Lehrgebäudes für unser Herz, aus der stummen Insel fort, und der hohe Berg, das erhabne Gerüst für die Vasen unsrer Freudenblumen, die Empor im großen Tempel, unser Leuchtturm im Hafen der Ruhe, schauete uns lange nach, und der hangende Garten unsrer Seele lag auf ihm im Sternenlicht. –

Und als wir ans Ufer traten: stieg der Hesperus als Morgenstern, dieser nah' aufspringende Funke der Sonne, über den Morgennebel auf und kündigte früher als das Morgenrot seine blühende Mutter an. – Und als wir bedachten, daß er als der Abendstern um unsre Nacht unten herumziehe, um als Morgenstern die Nachmitternacht und den Osten mit der ersten glänzenden Tauperle zu schmücken: so sagte jedem sein froheres Herz: »und so werden alle Abendsterne dieses Lebens einmal als Morgensterne wieder vor uns treten.«

Denke auch an Morgen, mein Bruder, wenn Du nach Abend siehest, und wenn vor Dir eine Sonne untergeht, so wende Dich um und siehe wieder in Morgen einen Mond aufsteigen: der Mond ist der Bürge der Sonne, wie die Hoffnung die Bürgin der Seligkeit. – Aber komm nun bald zu Deinem Viktor und zu Deinem Bruder

J. P.

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