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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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»Ich könnte Sie hier sogleich«, sagte Jean Paul, »mit grimmigen Tiergefechten und kriegenden Kinderstuben aufhalten; denn beide fühlen keine Immoralität des Feindes und hassen ihn doch; aber ich kann mich selber beantworten, wenigstens so so. Hasseten wir nicht bloße Immoralität: so müßte der hereinhangende Zweig, der uns entgegenschlüge, und der Mensch, der ihn abgeschnitten, um dasselbe damit gegen uns zu tun, uns auf gleiche Art erbittern. Die Entrüstung eines geschlagenen Kindes ist vom Abscheu des Selbsterhaltungtriebes, z.B. von dem Abscheu vor Scheidewasser oder vor Wunden, verschieden; es ist in ihm ein doppeltes, wesentlich verschiedenes Unbehagen vorhanden, das über die Wirkung und das über die Ursache. – Wesen, die der Moralität fähig sind, unterscheiden sich von denen, die es nicht sind, nicht im Grade, sondern in der Art; folglich kann kein nichtmoralisches mit der Zeit oder stufenweise in ein moralisches übergehen. Wenn nun Kinder in irgendeinem Alter völlig nichtmoralische Wesen wären: so könnten sie in keinem Jahre auf einmal anfangen, andere zu werden. Kurz ihr Zorn ist nur ein dunkleres Gefühl der fremden Ungerechtigkeit. Bei den Tieren weiß ich weiter nichts zu sagen, als daß in ihnen Verwandtschaften unserer moralischen Gefühle sein müssen – wer ihnen Seelen-Unsterblichkeit verleiht wie wir, der muß ihnen ohnehin einige Anfanggründe und präexistierende Keime der Moralität einräumen, wären auch diese von ihrem tierischen Wulste noch stärker als das Gewissen bei Schlafenden, Wahnsinnigen und Trunknen überschwollen ... Ach, hier ist Nacht an Nacht! – Und diese Dunkelheit, Hr. Professor, sei meine Strafe für mein Unterbrechen und Verbauen Ihres Lichts.« –

»Wenn also«, fuhr er fort, »der Haß sich bloß gegen moralische Fehler richtet: so ists sonderbar, daß wir niemals, auch sogar für die größten, uns selber hassen.«

»Mich dünkt«, sagte Flamin, »man sei sich aber zuweilen wegen seiner Übereilungen spinnefeind.« – »Auch würden Ihre Gründe«, setzte Jean Paul hinzu, »ebensogut gegen die Liebe gelten, halb wenigstens; aber antworten Sie nur dem da!«

»Uns selber«, sagt' er, »hassen wir nie, sondern wir verachten oder bedauern uns nur, wenn wir gesündigt haben; gleichwohl – das wollt' ich noch dazufügen – feinden wir alle Menschen, unser Ich ausgenommen, der Laster wegen an. Kann das recht sein? – Selberhaß, Hr. Regierungrat«, fuhr er mit höherer Stimme fort, »ist nicht möglich; denn Haß ist nichts als ein Wunsch des fremden Unglücks, d. h. ein Wunsch der Strafe, nicht einer bessernden, sondern einer rächenden. Eine solche Züchtigung kann sich aber der bußfertigste Sünder selber nicht wünschen; und sogar dieser Wunsch wäre nichts als ein versteckter der Besserung, d.h. der Beglückung. Einem fremden Sünder aber gönnen wir kaum schnelle Bekehrung, wenigstens keine ohne den Durchgang durch vergeltende Büßungen. Was also in unserer Empfindung gegen fremde Fehler mehr ist als in der gegen eigne, das ist eine Verfälschung von unserer Eigensucht. – Der kleinste Haß begehrt das Unglück des Feindes: das hab' ich noch zu erweisen.«

Seine eigne Frau wandte ein: »Mein eignes Herz sagt mir ja deutlich, daß ich meine ärgste Feindin weder um Haus und Hof noch um ihre Kinder noch ins Elend bringen möchte – ich hielt' es nicht einmal aus, wenn eine meinetwegen ein Auge naß machen müßte.«

»Recht gut!« verfolgt' er kalt, »die bessere Seele wird nie ihrem Gegenfüßler einen Beinbruch vergönnen, noch ihn hülflos ohne einen Flocken von Wundfäden oder einen Wunsch der Heilung verlassen im Knochenbruch; aber ich weiß, daß dieselbe bessere Seele sich an seinen kleinern Schnittwunden des Lebens belustigt – an seinen Beschämungen – an seinem Spielverlust – am Rückgange seiner Schlitten-Lustfahrt – an seinem komischen Gebärdenspiel und Anzuge – am Ausfallen seines Haars –« (Hier kam er unschuldigerweise unserm Jean Paul in seines, dessen Scheitel das Schicksal der neunten Kurwürde hat.) »Die mildeste Seele verbirgt nur hinter ihre weiche Teilnahme an großen Schmerzen das harte Wohlgefallen an kleinen, die doch das kleinere Beileid fodern. Die zartesten Menschen, die ihrem Feinde nicht die kleinste Hautwunde ritzen könnten, schlagen seinem Herzen doch mit Vergnügen tausend tiefere.« – »Ach, wie ist das möglich?« sagte Luna. – »Es wäre auch wohl nicht möglich«, antwortete ihr Klotilde, »wenn der Seelenschmerz eine so bestimmte Physiognomie und so sichtbare Tränen hätte wie der körperliche.«

»Ja«, sagte der Professor, »- das ists ... Um sich gegen Lasterhafte sanfter zu machen, denke man sie sich nur ganz in seine Hände geliefert: was würde man ihnen denn antun wollen? Die peinliche Frage oder Folter würden wir nach dem ersten Bekenntnisse ihrer Mängel einstellen. Aber eben durch die Unmöglichkeit, die Strafe auszuteilen, wird unsere Entrüstung sowohl verewigt als verdoppelt.«

»Ja, wahrlich!« sagte Melchior. »je öfter ich von den zwei lebendigen Guillotinen des Jahrhunderts, deren Lippen Parzenscheren waren, von Alba und Philipp, lese oder meinetwegen von den zwei andern Völker-Schnittern, Marat und Robespierre: desto schärfer frißt mir, da ihnen der Tod die Amnestie-Akte geschrieben, das Ätzwasser des Grimms ihr Strafurtel in mein eignes Herz.«

»Und doch«, fiel ich einmal ein und ließ den Pikeur bei dem Nachtrab, »soll mir und Ihnen heute jemand den Herzog und den König lebendig einhändigen und zwei Kessel warmes Öl dazu ... nein, ich könnte keinen hineinwerfen, es müßte denn das Öl recht lange in der Kälte gestanden sein; ich würde sie mit einer Realterrition und mit einigen hundert Infamienstrafen begnadigen. Ach, welcher eiserne Mensch wäre doch das, der ein von Qualen berstendes Herz und ein Angesicht, auf das der Wurm der Pein seine Windungen zöge, nicht wenn er könnte mit einer kühlenden heilenden Hand besänftigte und labte. – Aber«, fuhr ich hurtig fort, um einmal von meinem Pikeur Gebrauch zu machen, »im Affekte stellet uns die Erinnerung an alle vorige Irrtümer desselben nicht im geringsten gegen jetzige sicher.«

»Sie lassen mich«, fiel der Professor ein, »nur nicht zum Worte. Denn ich bin noch manche Erweise schuldig, die ich so gern abtrage. Unser Haß verkehrt als Affekt allemal jede Tat in ein ganzes Leben – jede Eigenschaft in eine Person, oder richtiger, da wir die Person doch nur im Spiegel ihrer Eigenschaften erblicken, eine Eigenschaft in alle; nur in der Freundschaft, nicht im Hasse wissen wir recht leicht den verdorbenen Bestandteil von der Person zu trennen, ja bei ihr verstatten wir uns die umgekehrte Verwandlung der Attribute (Eigenschaften) ins Ich. – Wir hassen, insofern wir hassen, immer so, als hätte der Gegenstand weder vergangne Tugenden, noch Anlagen dazu, kein Mitleiden, keine Wahrheit, keine Kinderliebe, keine einzige gute Stunde, gar nichts. Kurz wir machen, da wir nur auf das Ich, nicht auf die augenblickliche Erscheinung desselben zürnen, das Wesen, dessen Strafe wir aussprechen, zu einem rein-bösen Wesen. Und doch ist nicht einmal eines denkbar; die Stimme des Gewissens, die in ihm tönte, obwohl umsonst, würde das erste Gute sein, der Schmerz, den es fühlte, das zweite, und jede Freude und jeder Trieb des Lebens wieder eines.«

»Ach, wie schön«, sagte Luna, »daß es kein so böses Wesen gibt und daß wir keines ganz zu hassen brauchen.«

»Das ich kann schon darum«, schloß er weiter, »nicht angefeindet werden, weil es noch dasselbe ist, wenn es sich bessert und unsre Zuneigung erringt.«

In der Eiligkeit des Kampfes wurde von den zwei Hohlspiegeln, die uns die fremde moralische Verzerrung noch wilder verzerren, einer vergessen, es war unsere Ichsucht. Wenn ich oft Frauen von gleichem Wert und Selbstgefühle auf dem Markte keifen hörte und sah, und wenn die erste mit Lust das Schimpfwort wie einen glühenden Stein in die Brust der zweiten schleuderte, die mit Unlust in Wellen um den Stein aufsod und brauste, indes die dritte sich auf dem Mittelwege kühl dabei verhielt: so schämt' ich mich der Menschheit, daß dieselbe Injurie oder Immoralität, die auf alle dieselbe Wirkung machen sollte, in dem einen Menschen eine zu starke, im zweiten eine zu schwache, im dritten eine gleichgültige nachließ.

Auf den zweiten Verzerr-Spiegel zeigte Paul: auf die Sinne. Denn diese machen den Essig des Hasses um die Hälfte schärfer, indem sie das Sinnliche des Feindes, seine Kleider, Mienen, Bewegungen, Töne etc. gar in den Sauertopf als Essigmutter werfen.

Hier erschien der gordische Knoten, den ich nur mit dem Pikeur zerhauen konnte: »Wer rettet uns denn von den Sinnen?« fragt' ich mit einiger Hoffnung. – »Ich lasse«, fuhr Melchior auf, »wenigstens meiner Menschenliebe die Sinne nicht abrechnen: sie sind das Stroh, womit das Feuer unter dem steigenden Luftball des Herzens unterhalten wird.« Aber Jean Paul drängte mich von dem Knoten zurück. »Ich bewahre«, sagt' er, »ein gutes versüßendes Mittel, wenn ein Sünder meine Sinne erbittert. Ich nehm' ihn und zieh' ihm wie ein siegender Feind alle Kleider aus und lass' ihm nicht einmal Hut und Zopf – wenn er nun so jämmerlich und kahl wie ein Toter vor mir steht (in der Phantasie nämlich): so fängt der Schelm schon an, mich zu dauern. Das langt aber nicht zu: ich muß mich noch mehr versüßen und gehe weiter und schlitze ihn durch einen langen Schnitt in die drei Kavitäten (Höhlungen) von oben bis unten entzwei wie eine Karpfen, so daß ich leicht das Gehirn und Herz pulsieren sehen kann. Der bloße Anblick eines roten Menschenherzens – dieses Danaidengefäßes der Freude, dieses Behältnisses von so manchem Jammer – macht als eine lebendige Lorenzodose mein eignes weich und schwer; und ich habe oft auf dem anatomischen Theater einem Straßenräuber nicht eher vergeben, als bis uns der Prosektor das Herz und das Gehirn des Inquisiten vorwies. Du unglückliches, du jammervolles Herz, wie manche glühende und wieder gefrierende Blutwellen mögen sich durch dich gewälzet haben! mußt' ich allzeit mit innerster Rührung denken. – Verfing aber alles nichts an mir: so tat ich das Äußerste und schlug den Feind tot und zog das nackte flatternde Seelchen, den Abendschmetterling, aus der Gehirnkammer-Verpuppung und hielt mir so den zappelnden Abendvogel zwischen den Fingern vors Gesicht und sah den Vogel an – ohne allen, allen Groll.«

»Sich den Feind«, sagt' ich, »entkleidet oder entkörpert zu denken, um ihn so zu ertragen wie Tote, die man vielleicht eben deswegen so liebt, das ist ja ganz meine Operation, wenn ich oft den gehässigen Eindruck einer abscheulichen Physiognomie mir dadurch zu mildern trachte, daß ich solche schinde und dann die skalpierte Haut zurückschlage.«

Nunmehr nahm ich mir ernstlich vor, die Throninsignien und den Zepter der Unterredung nicht mehr aus meinen Händen zu geben. Ich hob also an: »Wer schenkt uns aber Kraft oder Zeit, mitten im Waffentanze der Welt, in den schnellen Evolutionen unserer Affekten uns diese wahren Grundsätze nicht bloß erinnerlich, sondern sinnlich und lebhaft zu machen? Wer kann der Äther-Flamme der Menschenliebe unter so vielen Menschen, die sie ausgießen, ersticken und überbauen, genug Brennstoff nachschüren? Wer hält uns für den Mangel eines heitern milden Temperaments schadlos? wer oder was?« – Als ich diesem Waffengriffe oder Schafte den Pikeur als Spitze anmachen wollte – wurde das kalte Abendessen hergetragen, und die Professorin lief weg, ihre Kinder zu holen. Denn das Essen mußte vor Sonnenuntergang abgetan sein, weil es als eine neue Lage grünes Brennholz die Flamme des Enthusiasmus auf einige Zeit verschlichtet und die gerade purpurne Feuer-Pyramide zersplittert. – Man wartete vergeblich auf mein Fortfahren; ich schüttelte und nickte: wenn wir wieder beisammen sind und alle sitzen.

Unter dem Essen konnte ich gemächlich meine Sprachmaschine aufstellen und drehen: »Ich fragte vor dem Essen einige Male – fing ich an –: wer kann uns alle Grundsätze der Menschenliebe beleben, auffrischen, tätig machen? Der Oberpikeur, versetz' ich; aber ich befahre, ich habe durch öfteres Anlaufen und Ansetzen zu meinem Fechtsprunge eine größere Erwartung davon erregt, als mir und dem Sprunge frommen mag. Der Pikeur ließ mich einen Tag vorher, ehe das Stümpchen von seinem Lebenlichte gar in den Leuchter versank und zerfloß, vor sein hartgedrücktes Krankenlager kommen und verlangte von mir – kein Rezept – eine Haussuchung. Er zog meinen Kopf zu seinem magern Kopfkissen nieder und sprach so: ›Sie sehen, Hr. Doktor, der Tod setzt mir sein Weidmesser schon an die Kehle. Ich fahre aber wohlgemutet dahin, und was ich Zeitliches hinter mir lasse, wend' ich der Armut zu. Ich habe mir – dessen darf ich mich rühmen – in meinem ganzen Leben wenig zugute getan und bloß für Arme gedarbt, gekargt und geschwitzt – und ein solcher Christ macht sein Testament mit Freuden: er weiß, er wird dort belohnt. Aber ein harter Stein liegt mir auf dem Herzen: ich habe weder Kind noch Kegel, weder Hund noch Katz, und pfeif' ich auf dem letzten Loche, so ist die alte Frau, die mir die Stube auskehrt, ganz allein im Hause. Nun kann sie mich – sie ist ein grundehrliches Ding, aber blutarm – ausstehlen, eh' gerichtlich versiegelt ist. Hr. Doktor, Sie fleh' ich an, Sie sind ein Freund der Armen wie ich und rezeptieren oft gratis, Sie sollen mit dem Notarius, dem ich nicht mehr traue als meiner Vettel, zum Besten einer armen Jägerschaft und hiesigen Hausarmut, die ich gestern mit meinem sauern Schweiß testamentlich bedacht, in alle Stuben gehen und alles ehrlich inventieren und über alles, was im Hause ist, ein Notariatinstrument ausfertigen lassen. Hier beim ersten Artikel fängt der Notarius an, bei den Hosen unter dem Kopfkissen, weil mein Geldbeutel drinnen steckt.‹

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