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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Erstes Fruchtstück

Brief des Doktor Viktor an Kato den Ältern über die Verwandlung des Ich ins Du, Er, Ihr und Sie – oder das Fest der Sanftmut am 20ten März

Flachsenfingen, den 1ten April 1795

Mein lieber Kato der Ältere!

Einen Wortbrüchigen wie Sie, der so heilig zu meinem Feste zu reisen versprach und doch nicht kam, muß man nicht wie die Wilden andere Fälscher ihres eignen Wortes damit strafen, daß man ihm die Lippen vernäht – dabei verlöre nur der Zuhörer –, sondern daß man sie ihm wässerig macht. Wenn ich Ihnen unser Friedenfest der Seele recht treu und reich werde geschildert haben: so will ich mir vor dem Fluche die Ohren zuhalten, den Sie über Ihren schlimmen Genius ausstoßen. Wir philosophierten alle am Feste, und alle bekehrten sich, mich ausgenommen, der ich zu keinem Neubekehrten taugte, weil ich der Heidenbekehrer selber war.

Unsere Flotille von drei Kähnen – der Furchtsamkeit der Damen wegen mußten wir den dritten nehmen – lief den 20ten März nachmittags um 1 Uhr aus, stach in den Fluß, gewann die hohe See, und nach 1 Uhr konnten wir schon die – Staubfäden und Spinnengewebe der Insel deutlich erkennen. Um ¼ auf 2 Uhr stiegen wirklich ans Land der Professor – dessen Eheliebste nebst einer Kleinen und einem Kleinen – Melchior – Jean Paul – der Regierungrat Flamin – die schöne Luna (hier tun Sie Ihren ersten Fluch) – der Endes-Unterschriebene und die Frau desselben.

Es wurde einiger Burgunder ausgeschifft; in den Frühlinganfang, der heute um 3 Uhr 38 Minuten bevorstand, wollten wir auf einem Strome der Zeit hineinfahren, den wir ansehnlich gefärbt und versüßet hatten. Über die Insel, Kato, waren viele außer sich und wünschten meistens, sie hätten dieses holde bowlinggreen des Rheins, dieses Lustlager in den Wogen nur eher betreten. Luna, älterer Kato (irr' ich nicht, so haben Sie diese weiche Seele, die statt eines Körpers eine weiße Rose bewohnen und röten sollte, schon einmal gesehen), Luna weinte halb vor Entzücken (denn halb wirds Trauer über jeden Abwesenden gewesen sein), halb vor Entzücken nicht sowohl über die Erlen-Familien am runden Ufer oder über die italienischen Pappeln, die trunken und zitternd in den umfangenden wiegenden Lüften lagen, noch über die grün-sonnigen Gänge, sondern zwar erstlich über alles dieses und über den Frühling-Himmel und über den Rhein, der ihm seinen zweiten Himmel über Amerika vormalte, und über die Ruhe und Wonne ihrer Seele, aber doch hauptsächlich über die Alpe mitten im Eilande.

Die Alpe wird bei Gelegenheit in diesem Schreiben abgeschattet. Ich fragte Lunen sogleich, wo Sie wären; »auf der Frankfurter Messe«, repartierte sie. Wars denn wahr?

Eine ankommende Gesellschaft wird nicht wie die Bruchschlange von jeder Berührung des Zufalls in zehn zappelnde Stücke zerlegt; sogar die Weiber blieben bei uns, denen ich durch mein Anordnen des Abendessens alle Gelegenheit zu häuslichen Verdiensten abschnitt. Die Barataria-Insel sollte heute zu einem gelehrten Waffenplatz und Kriegtheater werden. Ich liebe das Disputieren; gelehrte Zänkereien sind einer Gesellschaft so ersprießlich als verliebte der Liebe oder als Schlägereien der Marionetten-Oper. – Gewisse Menschen sind gleich den Herrnhutern, die sonst den Beichtstuhl und das Beichtkind wechselnd machten und sich einander ihre Seelen malten, ihre eigne Steckbriefe und heften Anschlagzettel von ihrem Innern in dreier Herren Landen an – – und so bin ich: einen Fehler, den ich an mir finde oder ändere, nämlich einen deutschen Anzeiger davon, trag' ich sogleich durch die halbe Stadt, wie Damen den Zeugenrotul von einem fremden. Seit drei Wochen, mein lieber Kato, ist nun meine ganze Seele mit einem unverrückten Sonnenschein von Ruhe und Liebe überdeckt, den mir der sel. Oberpikeur, der ihn selber nicht hatte, ohne sein Wissen vermachte; und jetzo rast' ich nicht, bis ich diesen köstlichen Nachlaß auf euch alle weiter vererbe.

Als Polizeileutnant der Insel konnt' ich also auch Polizeianstalten über die Gespräche auf ihr treffen; und ich lenkte unsers auf den Pikeur. Die Wespen sumsten nun aus ihrem Neste; die erste Wespe war Ihr Hr. Bruder Melchior selber, der in den Geiz des Pikeurs seinen Stachel schoß und sagte: diese Leute, die ihre Beute im Sarge erst der Armut vererbten, glichen den Hechten, die im Fischkasten den verschluckten Raub sogleich von sich geben; sie sollten es aber lieber wie Judas Ischariot machen und noch vor ihrem Hängetag ihre Silberlinge in die Kirchen werfen. Der zweite Bruder war die zweite Wespe, Hr. Jean Paul, der sagte: »Bloß Geizhälse sterben nie lebensatt, noch unter den Händen des Todes suchen sie mit ihren etwas zu verdienen und kütten sich, wie die zerschnittene Napfmuschel, noch fürchterlich mit der blutigen Hälfte an die Erdscholle fest.« – »Ach«, sagt' ich, »jeder Mensch ist in irgend etwas ein ausgemachter Filz. Ich kann einen Menschen, der sich nur auf eigne Kasteiungen und Mortifikationen einschränkt, nicht mehr so bitter verfolgen, als ich sonst tat: was für ein außerordentlicher Unterschied ist denn zwischen einem gelehrten antiken Wardein, der alle Freuden seines Lebens destilliert, abdampfet und anschießen läßt in den Rost eines Münzkabinetts, und was für einer zwischen dem Filze, der die Exemplare seines Münzkabinetts wie Stimmen zugleich wiegt und zählt? Wahrlich ein geringerer als der unserer Urtel über beide.« Nun wollt' ich geschickt auf den Pikeur überlenken; aber man bat mich allgemein, nach der Uhr zu sehen. Den Insulanern hatt' ich als Vice-Re beim Hafen alle Uhren wie Degen abgenommen, damit sie heute ohne Zeit, bloß in einer seligen Ewigkeit lebten; nur Paul behielt seine, weil es eine von den neuen Genfern war, deren Zeiger, immer auf 12 Uhr hinweisend, erst nach dem Druck einer Springfeder die rechte Stunde angibt. –

Es war schon 3 Uhr vorbei: in 38 Minuten hielt der Frühling, dieser Vor-Himmel der Erde, dieses zweite Paradies, seinen großen Einzug über die mürben Ruinen des ersten; aus dem Himmel waren schon alle Wolken geräumt, Frühlinglüfte hingen kühlend um die im Blauen brennende Sonne; und drüben auf einem Weinhügel des Rheins schlug schon in einem zusammengeschlichteten Gebüsche von abgeschnittenen Kirschenzweigen ein vom Frühling vorausgeschickter Vorsänger, eine Nachtigall, und wir konnten in ihrem durchsichtigen Gitterwerk die Töne in ihrem Kehlengefieder zittern sehen.

Wir stiegen auf den künstlichen Gotthardsberg, der sich mit Rasenbänken und ausgeraubten Nischen umgürtet und auf dessen Gipfel eine Eiche statt einer Krone steht. Oben sind statt eines zwingenden Rundes aus Rasen, das jedem seine Richtung vorschreibt, bloß einzelne Rasensitze. – Der Mensch, die Eintagfliege über einer Welle Zeit, braucht überall Uhren und Datumzeiger zu Abmarkungen am Ufer des Zeitenstroms; er muß, obgleich jeder Tag ein Geburt- und Neujahrtag ist, doch einen eignen dazu münzen: es schlug in uns 38 Minuten – aus dem wellenschlagenden Blau herab schwamm ein weites Wehen nieder und wiegte, im Auseinanderwallen, die quellenden Reben und die matten Pfropfreiser und die weichen Holunderfühlfäden und die kräftige spitzige Wintersaat und warf die ziehenden Tauben höher. – Die Sonne beschauete sich trunken über der Schweiz im glänzenden erhabnen Eisspiegel des Montblanc, indes sie unbewußt wie mit zwei Armen des Schicksals Tag und Nacht in Hälften zerstückte und jedem Lande und Auge so viel herunterwarf wie dem andern. – Wir sangen Goethes Lied auf den Frühling. – Die Sonne zog uns von dem Berge in die Höhe wie Tau, und die losfallende Erde rührte taumelnd an unsere Füße, und die Lethe des Lebens, der Wein, hüllte das dunkle Ufer zu, worin er zog, und spiegelte bloß Himmel und Blüten ab. – Klotilde sagte jetzo, als ich weghörte, nicht zu uns, sondern zu Ihrer Luna – ich bin jetzt, lieber Kato, erinnerungtrunken, und ich lade Sie hiemit sogleich ein auf den 10ten April-: »Ach wie schön ist die Erde zuweilen, Teuerste – ich glaube, wir sollten sie weniger herabsetzen – sind wir nicht wie Orest in der Iphigenie und glauben in der Verbannung zu sein, indes wir schon im Vaterlande sind?«

Jeder Tritt vom Berge herab senkte uns wieder in die gewöhnliche Sumpfwiese des Lebens ein. »Was hilft uns«, sagte Melchior ordentlich unmutig, »alle diese Pracht in und außer uns, wenn morgen eine einzige leidenschaftliche Erschütterung eine Lauwine von Schneeklumpfen auf alles Warme und Blühende in uns wirft. – Der April im Universum verdrießt mich nicht, aber der in der Menschen Brust – man ist am härtsten nach der Erweichung und bis zum Weinen zerschmolzen nach einer mörderischen Erschütterung, wie das Erdbeben warme Quellen gibt. – Morgen, das weiß ich, feind' ich und fahr' ich in der Sitzung wieder alles an. – Jämmerlich, jämmerlich! Und du, Flamin, bist gar nicht besser!« Dieser sagte rührend-aufrichtig: »Jawohl!« – Luna und meine Frau nahmen die Professorin zwischen sich und jede eines ihrer Kinder auf den Schoß und setzten sich auf den untersten grünenden Wall des Berges, auf die Sonnenseite der Nachtigall: wir waren zu lebhaft zum Sitzen.

»Ach«, sagte Jean Paul und lief mit hinabhängenden gefalteten Händen auf und ab und schüttelte den Kopf und warf den Hut weg, um wenigstens die Augen höher und freier zu haben, »ach, wer ist denn anders? Den Schwur einer ewigen Menschenliebe tun wir in allen Stunden, wo wir weich sind oder jemand begraben haben oder recht glücklich waren oder einen großen Fehler begangen oder die Natur lange betrachtet haben oder im Rausche der Liebe oder in einem irdischern sind; aber anstatt menschenfreundlich werden wir bloß meineidig. Wir schmachten und dürsten nach fremder Liebe, aber sie gleicht dem Quecksilber, das sich zwar so anfühlt wie Quellwasser und so fließt und so schimmert und das doch nichts ist als kalt, trocken und schwer. Gerade die Menschen, denen die Natur die meisten Geschenke gemacht hat und die also andern keine abzufordern, sondern bloß zu erteilen hätten, begehren, gleich Fürsten, desto mehr vom Nebenmenschen, je mehr sie ihm zu geben haben und je weniger sie es tun. Gerade zwischen den ähnlichsten Seelen sind die Mißhelligkeiten am peinlichsten, wie Mißtöne desto härter kreischen, je näher sie dem Einklange sind. – Man vergibt ohne Ursache, weil man ohne Ursache zürnte; denn ein gerechter Zorn müßte ein ewiger sein. Nichts beweiset die elende Unterordnung unserer Vernunft unter unsere herrischen Triebe so auffallend, als daß wir unter den Heilmitteln gegen Haß, Kummer, Liebe u.s.w. die bloße platte Zeit aufstellen – die Triebe sollen vergessen oder ermüden, zu siegen – die Wunden sollen unter dem Markgrafen- oder sympathetischen Pulver des Flugsandes in der Sanduhr der Zeit versanden. – – Gar zu jämmerlich! – Was hilft aber alles und am Ende mein Klagen?«

»Die Sache ist« – antwortete der helle sanfte Professor, in dessen Kolorite nur einige pedantische Tuschen gebraucht sind –: »die Gefühle der MenschenliebeIm ganzen Aufsatze ist nicht von der praktischen Menschen- und Feindes-Liebe, die sich durch Taten und durch Enthalten von Rache äußert und die keinem Rechtschaffenen schwer sein kann, sondern von den misanthropischen und philanthropischen Gefühlen die Rede, worüber die bloße Moral wenig vermag, von der innern Liebe ohne Taten, von der peinlichen geheimen Entrüstung über Sünder und Toren. Es ist leichter, sich für die Menschen aufzuopfern als sie zu lieben; es ist leichter, dem Feinde Gutes zu tun als ihm zu vergeben. – Die Sehnsucht und die Seltenheit der Liebe hat erst einen Maler gehabt – F. Jacobi; wir brauchen keinen zweiten. helfen nichts ohne Grundsätze.« – »Und Grundsätze«, sagte Paul, »nichts ohne Gefühle.«

»Folglich« – fuhr der Professor fort; denn ich konnte mit meinem Pikeur nicht zum Schlagen kommen und hielt müßig mit ihm im Hintertreffen – »müssen beide so verbunden sein wie Genie und Kritik, wovon jenes allein nur Meister- und Schülerwerke, und diese allen nur Alltagwerke liefern kann. Mich dünkt, der Mangel an Liebe kommt nicht von unserer Kälte, sondern von der Überzeugung her, daß der andere keine verdiene; die kältesten Menschen würden die bessere Meinung von ihren Mitbrüdern und die größere Wärme gegen sie zugleich bekommen.«

»Muß man denn aber nicht, Hr. Professor«, sagte Klotilde, »eben das Unrecht dem Feind vergeben? Das Recht soll man ja nicht vergeben?«

»Natürlich nicht« – antwortete er, aber weiter wollt' er sich nicht stören lassen. »Eigentlich kann keine andere Häßlichkeit und Schädlichkeit ein Gegenstand unsers Hasses sein als die moralische.«

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