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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Glücklicher Firmian, ungeachtet deiner Bedrängnisse! Wenn du jetzo durch die Glastüre auf den eisernen Fußboden hinaustrittst: so sieht dich die Sonne an und sinkt noch einmal, und die Erde deckt ihr großes Auge, wie das einer sterbenden Göttin, zu! – Dann rauchen die Berge um dich wie Altäre – aus den Wäldern rufen die Chöre – die Schleier des Tages, die Schatten, flattern um die entzündeten, durchsichtigen Gipfel auf und liegen über den bunten Schmucknadeln aus Blumen, und das Glanzgold der Abendröte wirft ein Mattgold nach Osten und fället mit Rosenfarben an die schwebende Brust der erschütterten Lerche, der erhöhten Abendglocke der Natur! – Glücklicher Mensch! wenn ein herrlicher Geist von weitem über die Erde und ihren Frühling fliegt, und wenn unter ihm sich tausend schöne Abende in einen brennenden zusammenziehen: so ist er nur elysisch wie der, der um dich verglimmt.

Als die Flammen der Fenster verfalbten, und der Mond noch schwer hinter der Erde emporstieg: gingen beide stumm und voll ins helldunkle Zimmer hinab. Firmian öffnete das Fortepiano und wiederholte auf den Tönen seinen Abend, die zitternden Saiten wurden die feurigen Zungen seiner gedrängten Brust; die Blumenasche seiner Jugend wurde aufgeweht, und unter ihr grünten wieder einige junge Minuten nach. Aber da die Töne Nataliens gehaltenes geschwollenes Herz, dessen Stiche nur verquollen, nicht genesen waren, mit warmem Lebenbalsam überflossen: so ging es sanft und wie zerteilet auseinander, und alle seine schweren Tränen, die darin geglühet hatten, flossen daraus ohne Maß, und es wurde schwach, aber leicht. Firmian, der es sah, daß sie noch einmal durch das Opfertor ins Opfermesser gehe, endigte die Opfermusik und suchte sie von diesem Altar wegzufahren. – Da lag der Mond plötzlich mit seinem ersten Streif, wie mit einem Schwanenflügel, auf der wächsernen Traube. Er bat sie, in den stillen, nebligen Nachsommer des Tages, in den Mondabend, hinauszugehen: sie gab ihm den Arm, ohne ja zu sagen.

Welche flimmernde Welt! Durch Zweige und durch Quellen und über Berge und über Wälder flossen blitzend die zerschmolzenen Silberadern, die der Mond aus den Nachtschlacken ausgeschieden hatte, sein Silberblick flog über die zersprungene Woge und über das rege, glatte Apfelblatt und legte sich fast um weiße Marmorsäulen an und um gleitende Birkenstämme! Sie standen still, eh' sie in das magische Tal wie in eine mit Nacht und Licht spielende Zauberhöhle stiegen, worin alle Lebenquellen, die am Tage Düfte und Stimmen und Lieder und durchsichtige Flügel und gefiederte emporgeworfen hatten, zusammengefallen einen tiefen, stillen Golf anfüllten; sie schaueten nach dem Sophienberg, dessen Gipfel die Last der Zeit breit drückte, und auf dem, statt der Alpenspitze, der Koloß eines Nebels aufstand; sie blickten über die blaßgrüne, unter den fernern, stillern Sonnen schlummernde Welt und an den Silberstaub der Sterne, der vor dem heraufrollenden Mond weit weg in ferne Tiefen versprang – und dann sahen sie sich voll frommer Freundschaft an, wie nur zwei unschuldige, frohe, erstgeschaffene Engel es vor Freude können, und Firmian sagte: »Sind Sie so glücklich wie ich?« – Sie antwortete, indem sie unwillkürlich nicht seine Hand, sondern seinen Arm drückte: »Nein, das bin ich nicht – denn auf eine solche Nacht müßte kein Tag kommen, sondern etwas viel Schöneres, etwas viel Reicheres, was das durstige Herz befriedigt und das blutende verschließt.« – »Und was ist das?« fragt' er. – »Der Tod!« sagte sie leise. Sie hob ihre strömenden Augen auf zu ihm und wiederholte: »Edler Freund, nicht wahr, für mich der Tod?« – »Nein«, sagte Firmian, »höchstens für mich.« Sie setzte schnell dazu, um den zerstörenden Augenblick zu unterbrechen: »Wollen wir hinunter an die Stelle, wo wir uns zum erstenmale sahen, und wo ich zwei Tage zu früh schon Ihre Freundin war – und es war doch nicht zu früh – wollen wir?«

Er gehorchte ihr; aber seine Seele schwamm noch im vorigen Gedanken, und indem sie einem langen, gesenkten Kiesweg nachsanken, den die Schatten des Laubenganges betropften, und über dessen weißes, nur von Schatten wie Steinen geflecktes Bette das Licht des Mondes hinüberrieselte, so sagt' er: »Ja, in dieser Stunde, wo der Tod und der Himmel ihre Brüder schickenDer Tod den Schlaf, der Himmel den Traum. , da darf schon eine Seele wie Ihre an das Sterben denken. Ich aber noch mehr; denn ich bin noch froher. O! die Freude sieht am liebsten bei ihrem Gastmahl den Tod; denn er selber ist eine und das letzte Entzücken der Erde. Nur das Volk kann den himmelhohen Zug der Menschen in das ferne Land der Frühlinge mit den Larven- und Leichenerscheinungen unten auf der Erde verwechseln, ganz so wie es das Rufen der Eulen, wenn sie in wärmere Länder ziehen, für Gespenster-Toben hält. – Und doch, gute, gute Natalie! kann ich bei Ihnen nicht denken und ertragen, was Sie genannt. – Nein, eine so reiche Seele muß schon in einem frühern Frühling ganz aufblühen als in dem hinter dem Leben; o Gott, sie muß!« – Beide kamen eben an einer vom breiten Wasserfalle des Mondlichts überkleideten Felsenwand herunter, an die sich ein Rosen-Gegitter andrückte. – Natalie brach einen grün- und weichdornigen Zweig mit zwei anfangenden Rosenknöspchen und sagte: »ihr brecht niemals auf«, steckte sie an ihr Herz, sah ihn sonderbar an und sagte: »Ganz jung stechen sie noch wenig.«

Unten an der hl. Stätte ihrer ersten Erscheinung, am steinernen Wasserbecken, suchten beide noch Worte für ihr Herz: da stieg jemand aus dem trocknen Becken heraus. Niemand konnte anders lächeln als gerührt, da es ihr Leibgeber war, der hier versteckt mit einer Weinflasche neben abgebildeten Wassergöttern gelauert hatte, bis sie kamen. Es war in seinem verstörten Auge etwas gewesen, das für diese Frühlingnacht aus solchem, wie eine Libation unseres Freudenkelches, gefallen war. »Dieser Platz und Hafen euerer ersten Landung hier«, sagt' er, »muß sehr verständig eingeweihet werden. Auch Sie müssen anstoßen. – Beim Himmel! von seinem blauen Gewölbe hanget heute mehr Kostbares herunter, daß mans ergreifen kann, als von irgendeinem Grünen.« Sie nahmen drei Gläser und stießen an und sagten (mehre unter ihnen, glaub' ich, mit erstickter Stimme): »Es lebe die Freundschaft! – – es grüne der Ort, wo sie anfing! es blühe jede Stelle, wo sie wuchs – und wenn alles abblüht und alles abfällt, so dauere sie doch noch fort!« Natalie mußte die Augen abwenden. Heinrich legte die Hand auf seinen achatenen Stockknopf; aber bloß (weil die seines Freundes, der ihn noch hatte, schon vorher darauf lag), bloß um diese recht herzlich und ungestüm zu drücken, und sagte: »Gib her; du sollst heute gar keine Wolken in der Hand haben.« Auf dem Achat hatte nämlich die unterirdische Natur Wolkenstreifen eingeätzt. Diese verschämte Hülle über den heißen Zeichen der Freundschaft würde jedes Herz, nicht bloß Nataliens weiches, mit gerührter Wonne umgekehret haben »Sie bleiben nicht bei uns?« sagte sie schwach, als er fort wollte. »Ich gehe hinauf zum Wirte«, sagt' er, »und wenn ich droben eine Querpfeife oder ein Waldhorn ausfinde: so stell' ich mich heraus und musiziere über das Tal herein und blase den Frühling an.« –

Als er verschwand, war seinem Freund, als verschwände seine Jugendzeit. Auf einmal sah er hoch über den taumelnden Maikäfern und verwehten Nachtschmetterlingen und ihren pfeilschnellen Jägern, den Fledermäusen, im Himmel ein breites, einem zerstückten Wölkchen ähnliches Gefolge von Zugvögeln durch das Blaue schweben, die zu unserem Frühling wiederkamen. Hier stürzten sich alle Erinnerungen an seine Stube im Marktflecken, an sein Abendblatt und an die Stunde, wo ers unter einer ähnlichen Wiederkunft früherer Zugvögel mit dem Glauben geschlossen hatte, sein Leben bald zu schließen, diese Erinnerungen stürzten mit allen ihren Tränen an sein geöffnetes Herz – und brachten ihm den Glauben seines Todes wieder – und diesen wollt' er seiner Freundin geben. Die breite Nacht lag vor ihm, wie eine große Leiche auf der Welt; aber vor dem Wehen aus Morgen zuckten ihre Schattenglieder unter den beschienenen Zweigen – und vor der Sonne richtet sie sich auf als ein verschlingender Nebel, als ein umgreifendes Gewölke, und die Menschen sagen: es ist der Tag. In Firmians Seele standen zwei überflorte Gedanken, wie Schreck-Larven, und stritten miteinander; der eine sagte: er stirbt am Schlage, und er sieht sie ohnehin nicht mehr – und der andere sagte: er stellet sich gestorben, und dann darf er sie nicht mehr sehen. – Er ergriff, von Vergangenheit und Gegenwart erdrückt, Nataliens Hand und sagte: »Sie dürfen mir heute die höchste Rührung vergeben – ich sehe Sie nie mehr wieder, Sie waren die edelste Ihres Geschlechts, die ich gefunden, aber wir begegnen uns nie mehr – Bald müssen Sie hören, daß ich gestorben bin oder mein Name verschwunden ist, auf welche Art es auch sei; aber mein Herz bleibt noch für Sie, für dich ... O daß ich doch die Gegenwart mit ihrer Gebirgkette von Totenhügeln hinter mir hätte und – die Zukunft jetzo vor mir mit allen ihren offnen Grabhöhlen, und daß ich heute so an der letzten Höhle stände und dich noch ansähe und dann selig hinunterstürzte.«

Natalie antwortete nichts. Auf einmal stockte ihr Gang, ihr Arm zuckte, ihr Atem quälte sich, sie hielt an und sagte mit zitternder Stimme und mit einem ganz bleichen Angesicht: »Bleiben Sie auf dieser Stelle – lassen Sie mich nur eine Minute lang auf die Rasenbank dort allein sitzen – ach! ich bin so hastig!« – Er sah sie wegzittern. Sie sank, wie unter Lasten, auf eine lichte Rasenbank, sie heftete ihre Augen geblendet an den Mond, um welchen der blaue Himmel eine Nacht wurde, und die Erde ein Rauch; ihre Arme lagen erstarrt in ihrem Schoß, bloß ein Schmerz, einem Lächeln ähnlich, zuckte um den Mund, und in dem Auge war keine Träne. Aber vor ihrem Freund lag jetzo das Leben wie ein aus- und ineinanderrinnendes Schattenreich, voll dumpfer, hereingesenkter Bergwerkgänge, voll Nebel wie Berggeister, und mit einer einzigen, aber so engen, so fernen, oben hereinleuchtenden Öffnung hinaus in den Himmel, in die freie Luft, in den Frühling, in den hellen Tag. Seine Freundin ruhte dort in dem weißen kristallenen Schimmer, wie ein Engel auf dem Grabe eines Säuglings... Plötzlich ergriffen die hereinfallenden Töne Heinrichs, gleichsam das Glockenspiel eines Gewitterstürmers, die zwei betäubten Seelen wie vor einem Gewitter, und in den heißen Quellen der Melodie ging das hingerissene Herz auseinander... Nun nickte Natalie mit dem Haupte, als wenn sie eine Entschließung bejahte; sie stand auf und trat wie eine Verklärte aus der grünen überblühten Gruft – und öffnete die Arme und ging ihm entgegen. Eine Träne nach der andern floß über ihr errötendes Angesicht; aber ihr Herz war noch sprachlos – sie konnte, erliegend unter der großen Welt in ihrer Seele, nicht weiter wanken, und er flog ihr entgegen – sie hielt, heißer weinend, ihn von sich, um erst zu sprechen – aber nach den Worten: »erster und letzter Freund, zum ersten und letzten Male« mußte sie atemlos verstummen, und sie sank, von Schmerzen schwer, in seine Arme, an seinen Mund, an seine Brust. »Nein, nein«, stammelte sie, »o Gott, gib mir nur die Sprache – Firmian, mein Firmian, nimm hin, nimm hin meine Freude, alle meine Erdenfreuden, was ich nur habe. Aber niemals, bei Gott, nie sieh mich mehr wieder auf der Erde; aber (sagte sie leise) das beschwöre mir jetzt!« – Sie riß ihr Haupt zurück, und die Töne gingen wie redende Schmerzen zwischen ihnen hin und her, und sie starrete ihn an, und das bleiche, zerknirschte Angesicht ihres Freundes zerrüttete ihr wundes Herz, und sie wiederholte die Bitte mit brechendem Auge: »Schwöre nur!« – Er stammelte: »Du edle herrliche Seele, ja ich schwöre dirs, ich will dich nicht mehr sehen.« – Sie sank stumm und starr, wie vom Tode berührt, auf sein Herz mit gebücktem Haupte nieder, und er sagte noch einmal wie sterbend: »Ich will dich nicht mehr sehen.« Dann hob sie leuchtend wie ein Engel das erschöpfte Angesicht auf zu ihm und sagte. »Nun ists vorbei! – nimm dir noch den Todes-Kuß und sage nichts mehr zu mir.« Er nahm ihn, und sie entwand sich sanft; aber im Umwenden reichte sie ihm rückwärts noch die grüne Rosenknospe mit weichen Dornen und sagte: »Denk an heute.« – Sie ging entschlossen, obwohl zitternd, fort und verlor sich bald in den dunkelgrünen, von wenigen Strahlen durchschnittenen Gängen, ohne sich mehr umzuwenden.

– Und das Ende dieser Nacht wird sich jede Seele, die geliebt, ohne meine Worte malen.

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