Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jean Paul Richter >

Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
Schließen

Navigation:

Das war für Siebenkäs eine Schanzarbeit – eine Reise über die Alpen – eine um die Welt – eine in die Höhle zu Antiparos – und eine Erfindung der Meerlänge – – er dachte gar nicht daran, nur Anstalten dazu zu machen; ja er hatte auch schon früher Leibgebern gesagt: wäre sein Sterben bloß ein wahres, so spräche niemand lieber als er mit ihr davon; nur mit dem Aussprechen eines scheinbaren könn' er sie unmöglich betrüben, sie müsse sich auf Geratewohl und unbedingt zur Witwenschaft verstehen; »und ist denn mein Sterben so etwas ganz und gar Unmögliches?« fragte er. »Ja!« hatte Leibgeber gesagt, »wo bliebe unser spaßhaftes? und die Donna muß alles aushalten.« Er sprang, wie es scheint, etwas härter und kälter mit Weiberherzen um als Siebenkäs, für welchen, als einsiedlerischen Kenner seltener weiblicher Kraftseelen, freilich eine solche wunde und warme kaum genug zu schonen war; indes will ich zwischen beiden Freunden nicht richten.

Er stellte sich, als Heinrich mit Yorick hinaus war, vor ein Freskobild, das diesen Yorick neben der armen flötenden Maria und ihrer Ziege malte – denn die Gemächer der Großen sind Bilderbibeln und ein Orbis pictus, sie sitzen, speisen und gehen auf Gemälde-Ausstellungen, und es ist ihnen desto unangenehmer, daß sie zwei der größten schon grundierten Räume nicht können ausmalen lassen, den Himmel und das Meer. – Natalie war kaum neben ihn nachgetreten, so rief sie: »Was ist heute daran zu sehen? Weg davon!« Sie war ebenso freimütig und unbefangen gegen ihn, als er es nicht zu sein vermochte. Sie zeigte ihre schöne, warme Seele bloß in etwas, worin sich die Menschen unwissend am meisten entweder entschleiern oder entlarven – in ihrer Art zu loben: der erleuchtete Triumphbogen, den sie über den Kopf der wiederkehrenden Britin führte, hob ihre Seele selber empor, und sie stand als Siegerin im Lorbeerkranz und in der schimmernden Orden-Kette der Tugend auf der Ehrenpforte. Ihr Lob war das Echo und Doppelchor des fremden Werts; sie war so ernst und so warm! – O es steht tausendmal schöner, Mädchen, wenn ihr für euere Gespielinnen Braut- und Lorbeerkränze schlingt und legt, als wenn ihr ihnen Strohkränze und Halseisen dreht und krümmt! –

Sie machte ihm ihre Vorliebe für gedruckte und ungedruckte Britinnen und Briten bekannt, ob sie gleich erst vorigen Winter den ersten Engländer in ihrem Leben gesehen, »wenn nicht«, sagte sie lächelnd, »unser Freund draußen der erste war.« Leibgeber schaute sich draußen auf seiner grünen Gras-Matratze um und sah durch geöffnete Fenster beide freundlich zu ihm herunterblicken; und in sechs Augen floß der Schimmer der Liebe. Wie sanft drückte eine einzige Sekunde drei verschwisterte Seelen aneinander! –

Da die Kammerjungfer aus der Beichte in ihren weißglänzenden Kleidern wiederkam, welche statt leichter Schmetterlingflügel dicke Flügeldecken waren und woran noch einiges mattbunte Bändergeflügel flatterte: sah Firmian diese geputzte Bußfertige ein wenig an und nahm das schwarzgoldene Gesangbuch, das sie in der Eile hingelegt; er schnallte es auf und fand eine ganze seidene Musterkarte darin – ferner Pfauengefieder. Natalie, die ihm eine satirische Reflexion über ihr Geschlecht ansah, trieb sie sogleich ab: »Ihr Geschlecht hält so viel auf Ornate als unseres; das beweisen die Kurhabite, die Krönungkleider in Frankfurt und alle Amtkleidungen und Monturen. – Und der Pfau ist ja der Vogel der alten Ritter und Dichter; und wenn sie auf seine Federn schwören oder sich damit bekränzen durften: so können wir doch einige aufstecken, oder Lieder damit bezeichnen, wenn auch nicht belohnen.« – Dem Armenadvokaten entwischte zuweilen eine unhöfliche Verwunderung über ihr Wissen. Er blätterte unter den Festliedern und stieß auf umgoldete Marienbilder und auf ein ausgestochnes Bild, das zwei bunte Kleckse, die zwei Verliebte vorstellen sollten, samt einem dritten phosphoreszierenden Herzen vorzeigte, das der männliche Klecks dem weiblichen mit den Worten anbot: »Hast du meine Liebe noch nicht 'kennt? Schau nur, wie hier mein Herze brennt.« Firmian liebte Familien- und Gesellschafts-Miniaturstücke, wenn sie elend waren wie hier. Natalie sah und las es und nahm eilig das Buch und schnappte das Gesperre zu und fragte ihn erst dann: »Sie haben doch nichts darwider?«

Der Mut gegen Weiber wird nicht angeboren, sondern erworben – Firmian war mit wenigen in Verkehr gestanden, daher hielt seine Furcht einen weiblichen, besonders einen vornehmen Körper – denn bei Herren, nicht bei Damen, ist es leicht und recht, sich über den Stand hinweg zu setzen – für eine hl. Bundeslade, an die kein Finger stoßen darf, und jeden Weiberfuß für einen, auf welchem eine spanische Königin steht, und jeden Weiber-Finger für eine Franklinische Spitze, aus der elektrisches Feuer spritzt. Wäre sie in ihn verliebt gewesen, so könnt' ich sie mit einer elektrisierten Person vergleichen, die alle Vexier-Schmerzen und Funken, die sie gibt, selber verspürt. Indessen war nichts natürlicher, als daß seine Scheu mit der Zeit abnahm, und daß er sich zuletzt, wenn sie gerade sich nicht umsah, kein Bedenken machte, die Bandschleife ihres Kopfes dreist zwischen die Finger zu nehmen, ohne daß sie es merkte. Kleine Vorschulen zu diesem Wagstück mochten es sein, daß er vorher die besten Dinge, die oft durch ihre Hände gegangen waren, in seine zu fassen versuchte; sogar die englische Schere, ein abgeschraubtes Nähkissen und einen Bleistift-Halter.

Auf dasselbe wollt' er sich auch bei einer wächsernen Weintraube einlassen, von der er glaubte, sie bestehe, wie eine auf Butterbüchsen, aus Stein. Er faßte sie daher in seine Faust wie in eine Kelter auf und platschte zwei oder drei Beeren entzwei. Er reichte Bittschriften und Gnadenmittel und Indulgenzen ein, als ob er den Porzellan-Turm in Nanking hätte fallen und zerspringen lassen. Sie sagte lächelnd: »Es ist nichts verloren. Unter den Freuden gibts solcher Beeren noch genug, die eine schöne reife Hülle haben und ohne allen berauschenden Most sind und ebenso leicht entzwei gehen.«

Er fürchtete sich, daß dieser erhabne vielfarbige Regenbogen seiner Freude zusammenbreche in einen Abendtau und heruntersinke mit der Sonne draußen; und er erschrak, da er Leibgebern auf dem blühenden Rasen nicht mehr lesen sah. Die Erde draußen verklärte sich zu einem Sonnenlande – jeder Baum war eine festere, reichere Freudenblume – das Tal schien wie ein zusammengerücktes Weltgebäude zu klingen von der tiefen brausenden Sphärenmusik. Gleichwohl hatt' er nicht den Mut, dieser Venus zu einem Durchgang durch die Sonne, d. h. durch die übersonnte Fantaisie den Arm zu reichen; das Schicksal des Venners und die Nachlese umherirrender Garten-Gäste machte ihn blöde und stumm.

Plötzlich klopfte Heinrich mit seinem achatenen Stockknopf ans Fenster und schrie: »'nüber zum Essen! Der Stockknopf ist die Wiener LaterneUns ist allen schon aus den Zeitungen bekannt, daß durch die Wiener »Gala-Redouten« eine Papier-Laterne mit der Aufschrift wandert: »es ist aufgetragen«, welches man das Wiener Laternisieren nennen kann. . Wir kommen doch heute vor Mitternacht nicht heim.« (Er hatte nämlich in dem Gasthöfchen daneben für sich und ihn ein Abendessen sieden lassen.) – Auf einmal rief er nach: »Da fragt eben ein schönes Kind nach dir!« – Siebenkäs eilte heraus, und dasselbe liebliche kleine Mädchen, dem er nach dem großen Festabende in der Eremitage auf dem begeisterten Flügellaufe durch das Dorf Johannis seine Blumen in die Hände gedrückt, stand mit einem Kränzchen da und fragte: »Wo ist denn Seine Frau, die mich vorgestern aus dem Wasser herausgezogen? ich soll ihr ein paar schöne Blumen verehren von meinem Herrn Paten; und nächstens kommt meine Mutter bald und bedankt sich recht schön; sie liegt aber noch im Bette, denn sie ist gar zu krank.« –

Natalie, die es oben gehört, kam herunter und sagte errötend: »Liebe Kleine, war ichs denn nicht? – Gib mir nur dein Sträußchen her.« – Die Kleine küßte, sie erkennend, ihr die Hand, dann ihren Rocksaum und endlich den Mund; und wollte die Kußrunde wieder anfangen, als Natalie den Strauß aufblätterte und unter seinen lebendigen Vergißmeinnicht und weißen und roten Rosen auch drei seidne Nachbilder derselben antraf. Auf Nataliens Frage der Befremdung, woher sie die teuere Blumen habe, antwortete die Kleine: »wenn Sie mir aber vorher ein paar Kreuzer schenkt«; und setzte, da sie solche bekommen, hinzu: »von meinem Hrn. Paten, der ist gar sehr vornehm«, und lief die Gesträuche hinunter.

Allen war der Strauß ein wahres türkisches Selam- oder Blumenrätsel. Des Kindes schnelle Trauung Nataliens mit Siebenkäs erklärte Leibgeber an sich leicht aus dem Umstande, daß der Advokat auf dem Wasserbecken-Ufer neben ihr gestanden und ihr die helfende Hand gereicht, und daß die Leute aus Irrtum über die körperliche Ähnlichkeit dafür gehalten, anstatt Leibgeber sei niemand mit ihr so oft bisher spazieren gegangen als der Advokat.

Allein Siebenkäs dachte mehr an den Maschinenmeister Rosa, der die Flickszene seines Lebens gern in jedes weibliche Spiel einflickte, und die Ähnlichkeit der welschen Blumen mit denen, die der Venner einmal in Kuhschnappel für Lenetten ausgelöset, war ihm auffallend; aber wie hätt' er die frohe Zeit und selber die Freude über die Votiv-Blumen des geretteten Kindes mit seinem Erraten trüben können? – Natalie bestand freundlich auf Teilung der Blumen-Erbschaft, da jedes etwas getan und sie beide wenigstens die Retterin gerettet. Sich behielt sie die weiße Seiden-Rose vor; Leibgebern trug sie die rote an – der sie aber ausschlug und dafür eine vernünftige natürliche verlangte und solche sofort in den Mund steckte – und dem Advokaten reichte sie das seidne Vergißmeinnicht und noch ein paar lebendige duftende dazu, gleichsam als Seelen der Kunstblumen. Er empfing sie mit Seligkeit und sagte, die weichen lebendigen würden nie für ihn verwelken. Darauf nahm Natalie nur einen kurzen Zwischen-Abschied von beiden; aber Firmian konnte seinem Freunde nicht genug danken für alle seine Anstalten zum Verlängern einer Gnadenzeit, die mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde sein altes abgelebtes Leben einfaßte.

Kein König in Spanien kann, obgleich die Reichsgesetze für ihn 100 Schüsseln füllen und auftragen, so wenig aus nicht mehr als sechsen nehmen, als Firmian aus einer genoß. Trinken aber mocht' er – wie uns glaubwürdige Geschichtschreiber melden – etwas, und Wein ohnehin, und in der Eile dazu; denn für Leibgeber konnt' er überhaupt heute nicht selig genug sein, weil eben letzter, an und für sich sonst nicht leicht von Herzen und Gefühlen ergriffen, eine desto unaussprechlichere Freude darüber empfand, daß sein lieber Firmian endlich einmal einen höchsten Glück- und Pol- und Ruhstern am Himmel über sich bekommen, welcher ihm nun die Blütezeit seiner so dünngesäeten Blumen lind erwärme und bestrahle.

Durch seinen eiligen Doppel-Genuß gewann er der Sonne den Vorsprung ab und kam wieder vor das sonnenrote Schloß, dessen Fenster der prächtige Abend in Feuer vergoldete. Natalie stand außen auf dem Balkon wie eine überglänzte Seele, die der Sonne nachfliegen will, und hing mit ihren großen Augen an der leuchtenden, erschütterten Welt-Rotunda voll Kirchengesang und an der Sonne, die wie ein Engel aus diesem Tempel niederflog, und am erleuchteten heiligen Grabe der Nacht, in das die Erde sinken wollte. –

Noch unter dem Gitter des Balkons, auf den ihn Natalie winkte, gab ihm Heinrich seinen Stock: »Heb ihn auf – ich habe andere Sachen zu tragen – willst du mich haben, so pfeif!« – Der gute Heinrich trug physisch und moralisch hinter einer zottigen Bären-Brust das schönste Menschen-Herz.

 << Kapitel 69  Kapitel 71 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.