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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Vierzehntes Kapitel

Verabschiedung eines Liebhabers – Fantaisie – das Kind mit dem Strauße – das Eden der Nacht und der Engel am Tor des Paradieses

Weder das tiefere Himmelblau, das am Sonnabend so dunkel und einfarbig war als sonst im Winter oder in der Nacht – noch die Vorstellung, heute der trauernden Seele unter die Augen zu kommen, die er aus ihrem Paradiese von dem Sodoms-Apfel der Schlange (Rosa) weggetrieben hatte – noch Kränklichkeit – noch Bilder seines häuslichen Lebens allein – sondern diese Halbtöne und Molltöne insgesamt setzten in unserem Firmian ein schmelzendes Maestoso zusammen, das zu seinem nachmittägigen Besuch seinen Blicken und Phantasien ebensoviel Weichheit mitgab, als er draußen in den weiblichen anzutreffen erwartete.

Er traf das Gegenteil an: in und um Natalien war jene höhere, kalte, stille Heiterkeit, deren Gleichnis auf den höchsten Bergen ist, unter denen das Gewölke und der Sturm liegt, und um welche eine dünnere, kühlere Luft, aber auch ein dunkleres Blau und eine bleichere Sonne ruhen.

Ich tadl' es nicht, wenn ihr jetzo der Leser aufmerksam unter dem Bericht zuhören will, den sie von ihrem Bruch mit Everard erstatten muß; aber der Bericht könnte um einen preußischen Taler – so klein ist erster – herumgeschrieben werden, wenn ich ihn nicht mit meinem vermehrte und ergänzte, den ich aus Rosas eigner Feder abziehe in meine. Der Venner hat nämlich fünf Jahre darauf einen sehr guten Roman – wenn dem Lobe der Allgem. deutschen Bibliothek zu glauben ist – geschrieben, worein er das ganze Schisma zwischen ihm und ihr, die Trennung von Leib und Seele, künstlich einmauerte: wenigstens will man es aus mehren Winken Nataliens schließen. Das ist also meine Vauclusens Quelle. Ein geistiger Hämling wie Rosa kann nichts erzeugen, als was er erlebt, und seine poetischen Fötus sind nur seine Adoptiv-Kinder der Wirklichkeit.

Es ging kürzlich so: kaum waren Firmian und Heinrich das vorigemal unter die Bäume hinaus: so holte der Venner seine Rache nach und fragte Natalien empfindlich, wie sie solche bürgerliche oder verarmte Besuche erdulden könne. Natalie, schon durch die Eiligkeit und Kälte des entflohenen Paars ins Feuer gesetzt, ließ dieses gegen den gelbseidenen Katecheten in Flammen schlagen. Sie versetzte: »eine solche Frage beleidigt fast« – und tat noch ihre hinzu (denn zum Verstellen oder Auskundschaften war sie zu warm und zu stolz) – »Sie haben ja selber oft Herrn Siebenkäs besucht.« – »Eigentlich (sagte der Eitle) nur seine Frau; er war bloß Vorwand.« – »So?« sagte sie, und dehnte die Silbe so lang aus wie ihren zornigen Blick. Meyern, erstaunt über diese allem vorigen Briefwechsel widersprechende Behandlung, die er den Zwillingduzbrüdern aufrechnete, und dem jetzo seine körperliche Schönheit, sein Reichtum und ihre Dürftigkeit und Abhängigkeit von Blaise und sein Ehemanns-Näherrecht den größten Mut einflößte, dieser kühne Leue machte sich aus dem nichts, was sich kein anderer erdreistet hätte, aus der erzürnten Aphrodite nämlich, um sie mit seinen Ernennungen zu Cicisbeaten und überhaupt mit seiner Perspektive in hundert für ihn offne Gynäzeen und Witwensitze zu demütigen – er sagte ihr, sag' ich, geradezu: »Es ist so leicht, falsche Göttinnen anzubeten und ihre Kirchentüren zu öffnen, daß ich froh bin, durch Ihre babylonische Gefangenschaft zur wahren weiblichen Gottheit auf immer zurückgeführet worden zu sein.«

Ihr ganzes zerquetschtes Herz stöhnte: »Alles, ach alles ist wahr – er ist nicht rechtschaffen – und ich bin nun so unglücklich!« Aber sie schwieg äußerlich und ging erzürnt an den Fenstern herum. Ihr Geist, der auf der weiblichen Ritterbank saß, den es immer nach ungemeinen, heroischen, opfernden Taten gelüstete, und an dem eine Vorliebe zum gesuchten Großen das einzige Kleinliche war, schlug jetzo, da der Venner auf einmal seine Prahlerei durch einen plötzlichen Übersprung in einen leichten scherzenden Ton vergüten wollte und ihr einen Spaziergang in den schönen Park als einen bessern Ort zum Versöhnen vorschlugDa Mädchen den Eiteln am ersten durchschauen: so erriet sie, daß er sie an einem solchen Tage nur als seine Paradewache, als seine Ehrenpforte zum Prahlen gebrauchen und in der besuchten Fantaisie vorführen wollte. – ein Ton, der auch bei dem kleinen Kriege mit Mädchen mehr richtet und schlichtet als ein feierlicher – ihr edler Geist schlug nun seine reinen weißen Flügel auf und entfloh auf immer aus dem schmutzigen Herzen dieses gebognen, silberschuppigen Hechtes, und sie trat nahe an ihn und sagte ihm glühend, aber ohne einen nassen Blick: »Hr. v. Meyern! nun ists entschieden. Wir sind auf ewig getrennt. Wir haben uns nie gekannt, und ich kenne Sie nicht mehr. Morgen wechseln wir unsere Briefe aus.« – Er hätte sich im Besitze dieser starken Seele durch einen feierlichem Ton um mehre Tage, vielleicht Wochen behauptet.

Sie sperrte, ohne ihn weiter anzusehen, ein Kästchen auf und schlichtete Briefe zusammen. Er sagte 100 Dinge, um ihr zu schmeicheln und zu gefallen: sie antwortete nicht einmal. Sein Inneres geiferte, weil er alles den beiden Advokaten schuld gab. Endlich wollt' er die Taubstumme in seiner zornigsten Ungeduld zugleich demütigen und bekehren, indem er sagte: »Ich weiß nur nicht recht, was Ihr Herr Onkel in Kuhschnappel dazu sagen wird; er scheint mir auf meine Gesinnungen gegen Sie einen viel größern Wert zu legen als Sie hier; ja er hält unser Verhältnis für Ihr Glück so notwendig als ich für meines.«

Diese Bürde fiel zu hart auf einen vom Schicksal ohnehin tief zerritzten Rücken. Natalie schloß eilig das Kästchen zu und setzte sich und stützte ihr taumelndes Haupt auf den bebenden Arm und vergoß glühende Tränen, die die Hand umsonst bedeckte. Denn der Vorwurf der Armut fähret aus einem sonst geliebten Munde wie glühendes Eisen ins Herz und trocknet es mit Flammen aus. Rosa, dessen gelöschte Rachsucht der durstigen Liebe wich, und der in selbsüchtiger Rührung hoffte, sie sei auch in einer über ein zertrenntes Band, dieser warf sich vor sie auf die Knie und sagte: »Es sei alles vergessen! Worüber entzweien wir uns denn? Ihre köstlichen Tränen löschen alles aus, und ich mische die meinigen reichlich darein.«

»Oh!« sagte sie sehr stolz und stand auf und ließ ihn knien, »ich weine über gar nichts, was Sie angeht. Ich bin arm, aber ich bleibe arm. Mein Herr, nach dem niedrigen Vorwurfe, den Sie mir gemacht haben, können Sie unmöglich dableiben und mich weinen sehen, sondern Sie müssen fortgehen.« –

Er zog demnach ab, und zwar – wenn man als billiger Mann seine Rückfracht von Körben aller Art und von Maulkörben dazu nachwiegt – wirklich aufgerichtet und aufgeweckt genug. Besonders sticht seine Heiterkeit (wenn ich ihn loben soll) dadurch hervor, daß er sie an einem Nachmittage behalten und mit heimgenommen, wo er mit zwei seiner feinsten und längsten Hebel nicht das Kleinste in Nataliens Herz und Herzohren zu bewegen vermocht. Der eine Hebel war der alte, bei Lenetten angesetzte, in den Spiral- und Schneckenlinien kleiner Annäherungen und Gefälligkeiten und Anspielungen sich wie ein Korkzieher einzuschrauben; aber Natalie war nicht weich und locker genug für ein solches Eindringen. Von dem andern Hebel hätte man etwas erwarten sollen – der aber noch weniger angegriffen – und hatte solcher darin bestanden, daß er wie ein alter Krieger seine Narben aufdeckte, um sie zu Wunden zu verjüngen; er entblößte nämlich sein leidendes, von so mancher Fehlliebe verwundetes und durchbohrtes Herz, das wie ein durchlöcherter Taler als Votivgeld an mancher Heiligen gehangen; seine Seele warf sich in allerlei Hoftrauer der Schmerzen, in ganze und halbe, hoffend, im Trauerschwarz wie eine Witib zauberischer zu glänzen. Aber die Freundin eines Leibgebers konnten nur männliche Schmerzen erweichen, weibische hingegen nur verhärten.

Indes ließ er, wie schon angedeutet, die Braut Natalie zwar ohne alle Rührung über ihr Selberopfern, doch auch ohne sonderlichen Ingrimm über ihr Weigern sitzen – zum Henker fahre sie, dacht' er bloß, und er könne sich kaum selig genug preisen, daß er so leicht der unabsehlich-langen Verdrüßlichkeit entgangen, ein dergleichen Wesen jahraus jahrein ausstehen und verehren zu müssen in einer verdammt langen Ehe; – hingegen über alle Maßen entzündete sich seine Leber gegen Leibgeber und vollends gegen Siebenkäs – den er für den eigentlichen Ehescheider hielt –, und er setzte in der Gallenblase einige Steine an und in den Augen einiges Gallen-Gelb, alles in bezug auf den Advokaten, der ihm nicht genug zu hassen war.

Wir kehren zum Samstag zurück. Natalie verdankte ihre Heiterkeit und Kälte zwar ihrer Herzens-Stärke, doch auch etwas den beiden Pferden und beiden Kränzeljungfern oder Rosen-Mädchen, womit Rosa auf die Eremitage gefahren war. Die weibliche Eifersucht wird immer einige Tage älter als die weibliche Liebe; auch weiß ich keinen Vorzug, keine Schwäche, keine Sünde, keine Tugend, keine Weiblichkeit, keine Männlichkeit in einem Mädchen, die nicht dessen Eifersucht mehr entflammen als entkräften hälfe.

Nicht nur Siebenkäs, sogar Leibgeber war diesen Nachmittag, um gleichsam ihre nackte, von ihrem warmen Gefieder entblößte, frierende Seele mit seinem Atem zu erwärmen, ernsthaft und warm, anstatt daß er sonst seine Prämien und Rügen in Ironien umkleidete. Vielleicht macht' ihn auch ihr schmeichelhafter Gehorsam zahmer. Firmian hatte außer diesen Gründen noch die wärmern, daß morgen die Britin kam und diese Gartenlust verdarb oder verbot – daß er, mit den Stichwunden einer verlornen Liebe vertrauter, ein unendliches Mitleiden mit ihren hatte und gern den Verlust ihres Herzblutes mit dem seinigen erleichtert oder ersetzet hätte – und daß er, in nackten, unscheinbaren Zimmern aufgewachsen, für die glänzenden, vollen um ihn eine Empfindung hatte, die er natürlicherweise auf die Mietbewohnerin und Klausnerin derselben übertrug.

Gerade die Dienerin, die uns in dieser Woche schon einmal in die Hände gelaufen ist, kam herein mit Augen voll Tränen und stammelte: sie gehe zum hl. Beichtstuhle, und wenn sie ihr etwas zuleide getan hätte etc. – »Mir?« sagte Natalie mit liebenden Augen. »Aber im Namen Ihrer Herrschaft (der Britin) kann ich Ihr vergeben«, und ging mit ihr hinaus und küßte sie, wie ein Genius, ungesehen. – Wie schön steht einer Seele, die sich vorher kraftvoll gegen den Unterdrücker aufrichtete, das Vergeben an und das Herabneigen und Niederbücken zu einem Bedrängten! –

Leibgeber nahm einen Band von »Tristram« aus der Bibliothek der Engländerin und legte sich damit hinaus unter den nächsten Baum; er wollte seinem Freunde das Anismarzipan und Honiggewirke eines solchen verplauderten Nachmittags, das für ihn schon Hausmannkost war, ungeteilt zuwenden. Auch hatt' ihn, wenn er heute eine Miene zum Scherzen machte, Nataliens Auge bittend angeblickt: »Tu es nur heute nicht – zähl ihm die Blatternarben meines innern Menschen nicht vor – schone mich dasmal!« – Und endlich – und darauf wars hauptsächlich abgesehen – sollte es sein Firmian leichter haben, der empfindlichen, nunmehr auf Achtel-Sold gesetzten Natalie den Vorschlag, seine lachende Erbin, seine apanagierte Witwe zu werden, hinter dreifachen Leichenschleiern mit verzognen Buchstaben zu zeigen.

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