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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Er war in seinem Leben nie anders gekommen als zu spät oder zu bald; so wie er nie ernsthaft, sondern entweder weinerlich oder schäkerhaft war. Das Format von drei Gesichtern war jetzo das Langduodez – bloß Leibgeber machte seines nicht auf der Ziehbank lang, sondern im Färbekessel und Brütofen rot, weil er einen eignen Ingrimm gegen alle Stutzer und Mädchen-Sperber hatte. Everard hatte aus dem Stolbergischen Homer einen Antritt-Einfall mitgebracht: er wollte die homerischen Helden nachahmen und Aquilianen beim Eintritt fragen, ob sie eine Göttin oder ein Mensch sei, weil er sich nur mit letztem kämpfend messen könne; aber beim Anblicke des männlichen Paars, das der Teufel wie eine Doppelflinte gegen sein Gehirn hinhielt, wurd' in letztem alles käsig und klößig und fest; er konnte den Einfall um 20 Küsse nicht in Fluß bringen. Erst fünf Tage darauf hatt' er den geringen Inhalt seiner Kopfknochen wieder so ausgebessert, daß er den Einfall einer weitläuftigen Verwandten von mir – denn wie wüßt' ichs sonst? – noch gut erhalten überreichen konnte. Überhaupt lähmte ihn in weiblicher Gesellschaft nichts ärger als eine männliche, und er stürmte leichter ein ganzes weibliches Stift als – sobald ein einziger elender Mann dabei stand – nur zwei Stiftfräulein, geschweige eine Stiftdame.

Eine solche stehende Theatertruppe spielte noch nicht im Schlosse von Fantaisie, als ich hier vor meinem Pinsel sehe. Natalie war in eine unhöfliche Verwunderung und in ein kaltes Vergleichen dieser Originalausgabe mit ihrem brieflichen Ideal verloren. Der Venner, der ein anderes Fazit der Vergleichung voraussetzte, wäre gern ein offenbarer Widerspruch und sein eigner Gegenfüßler gewesen, hätt' ers machen können; ich meine, hätt' er sich auf einmal empfindlich-kalt gegen Natalien über den verhaßten Fund eines solchen Paars, und doch zugleich vertraulich und zärtlich zeigen können, um das dürftige Paar mit seiner Ernte und Weinlese herzlich zu ärgern. Er wählte – zumal da er über ihre Gestalt ebenso, nur angenehmer, betroffen war als sie über seine, und da ihm noch immer Zeit genug zum Rächen und Strafen blieb – lieber das Prahlen, um den zwei Reichsgerichten neben ihm den Besuch durch Neid zu versalzen und zu gesegnen. Auch hatt' er vor beiden den Vorzug eines feuerflüchtigen Körpers, und er machte seine Landmacht von leiblichen Reizen geschwinder als beide die ihrige mobil. Siebenkäs sann nichts Näherem nach als seiner – Frau; vor Rosas Ankunft hatt' er den Gedanken daran wie eine sauere Wiese abgewendet, weil seine Eigenliebe von der zersprungnen Borke der ehelichen Hand nicht so weich überfahren wurde als von den mit Eider-Dunen gefüllten Schneckenfühlfäden oder Fingern einer jungfräulichen; aber jetzo wurde aus dem Gedanken an Lenette eine süße Wiese, weil seine in zwei Orten eingepfarrte Eifersucht über Rosan sich an Lenettens Betragen weniger stieß als an Nataliens Verhältnissen. Heinrich nahm an Augen-Grimm zu und fuhr an Rosas Sommer-Hasenbalg von gehler Seide mit gehlsüchtigen Blicken auf und ab. Er krabbelte aus zorniger Selbtätigkeit in der Westentasche und erpackte den Schattenriß des Heimlichers von Blaise, den er, wie bekannt, als er die gläserne Perücke zertrat, ihm wie aus den Augen geschnitten hatte, und an dem ihn seit einem Jahr nichts verdroß, als daß er in seiner Tasche anstatt am Galgen war, woran er ihn an jenem Abschied-Abend mit einer Haarnadel hätte schlagen können. Er zog die Silhouette heraus und glitt, unter ihrem Zerzausen, leicht zwischen ihr und Rosa hin und her und murmelte, indem er den Blick an den Venner befestigte, Siebenkäsen zu: »à la SilhouetteVom Generalkontrolleur Silhouette hat der Schattenriß seinen zweiten Namen. Ein leeres ödes Gesicht heißt in Paris eines à la Silhouette.

Everards Eigenliebe erriet diese schmeichelnden, aber unwillkürlichen Opfer der fremden beleidigten und legte, immer übermütiger gegen den Armenadvokaten, Fragmente aus seiner Reisebeschreibung, Empfehlungen seiner Bekannten und Fragen über die Ankunft seiner Briefe dem verlegnen Mädchen zudringlich ans Herz. Die Gebrüder Siebenkäs und Leibgeber bliesen einander zum Abzug, aber als echte – Mannspersonen; denn sie zürnten ein wenig über die schuldlose Natalie, gerade als wenn diese dem eintretenden Sponsus und Briefgatten mit dem Handwerk-Gruße hätte entgegenschreiten können: »Mein Herr! Sie können mein Herr gar nicht werden, gesetzt auch, Sie wären nichts Schlimmers als ein Halunke – Tropf – Fratz – Geck – etc.« Aber müssen wir nicht alle (denn ich glaube nicht, daß ich selber auszunehmen bin) an unsere beinerne, mit Sünden gefüllte Brust schlagen und bekennen, daß wir Feuer speien, sobald scheue Mädchen nicht sogleich eines auf die Leute geben, auf die wir vor ihnen Schatten und Bannstrahle geworfen haben – daß wir sie ferner im Fortjagen schlimmer Schildknappen rasch erfinden wollen, da sie es doch im Annehmen derselben nicht sind – daß sie sich aus den Not- und Ehrenzügen ihrer Kossäten und andern Lehnleute so wenig machen sollen als wir andern Mitbelehnten – und daß wir ihnen schon gram werden, nicht über ihre Untreue, sondern über eine unverschuldete Gelegenheit dazu? – Der Himmel bessere das Volk, wovon ich eben gesprochen habe.

Firmian und Heinrich schweiften einige Stunden in dem Zaubertale voll Zauberflöten, Zauberzithern und Zauberspiegeln umher, aber ohne Ohren und Augen; das Reden über den Vorfall schürte ihre Köpfe wie Ballonöfen voll, und Leibgeber blies aus Famas-Trompete a posteriori mit lauter satirischen Injurien jede Baireutherin an, die er in den Lustgängen spazieren gehen sah. Er tat dar: Weiber wären die schlimmsten Fahrzeuge, in die ein Mann sich in die offne See des Lebens wagen könnte, und zwar Sklavenschiffe und Bucentauros (wenn nicht Weberschiffe, mit denen der Teufel seine Jagdtücher und Prellgarne abwebt), und das um so mehr, da sie eben wie andere Kriegschiffe häufig gewaschen, überall mit einem giftigen Kupfer-Anstrich gegen außen versehen würden und eben solches überfirnißtes Tauwerk (Bänder) führten. Heinrich war mit der (höchst unwahrscheinlichen) Erwartung gekommen, daß Natalie seinen Freund als Augen- und Ohrenzeugen über Rosas kanonische Impedimente (kirchliche Ehehindernisse) protokollarisch vernehmen werde; – und dieses Mißlingen nagte ihn so sehr.

Aber eben, als sich Firmian über des Venners lispelnde, ineinanderrieselnde, um die Zungenspitze kräuselnde Aussprache ohne Ausdruck aufhielt, so rief Heinrich: »Dort läuft ja die DrecklilieDie gelbe Gold- oder Asphodillwurzel. !« Es war der Venner, gleichsam ein in seinem Verkaufnetz schnalzender Markthecht. Als der Specht – denn der Naturforscher nennt alles Geflügel mit buntem Gefieder Spechte – näher vor ihnen vorüberflog, sahen sie sein Gesicht von Erbosung glimmen. Wahrscheinlich war der Leim zwischen ihm und Natalien aufgegangen und abgelaufen. –

Die zwei Freunde verweilten noch ein wenig in den Schattengängen, um ihr zu begegnen. Endlich aber nahmen sie ihren Rückweg zur Stadt, auf dem sie einer Dienerin Nataliens nachkamen, die Leibgebern folgendes Schreiben nach Baireuth zu überbringen hatte:
 

»Sie und Ihr Freund hatten leider recht – und nun ist alles vorbei. – Lassen Sie mich einige Zeit einsam auf den Ruinen meiner kleinen Zukunft ruhen und denken. Leute mit verwundeter zugenähter Lippe dürfen nicht reden; und mir blutet nicht der Mund, sondern das Herz, und dies über Ihr Geschlecht. Ach, ich erröte über alle die Briefe, die ich bisher leider mit Vergnügen und Irren geschrieben; und fast sollt' ich es kaum. Haben Sie doch selber gesagt, man müsse sich schuldloser Freuden so wenig schämen als schwarzer Beeren, wenn sie auch nach dem Genusse einen dunkeln Anstrich auf dem Munde nachließen. Aber ich dank' Ihnen in jedem Falle von Herzen. Da ich einmal entzaubert werden mußte, so war es unendlich sanft, daß es nicht durch den bösen Zauberer selber geschehen, sondern durch Sie und durch ihren so redlichen Freund, den Sie mir recht grüßen sollen von mir.

Ihre
A. Natalie«

Heinrich hatte gar auf eine Einladkarte aufgesehen, da (sagt' er) ihr ausgeleertes Herz eine kalte Lücke fühlen müsse, wie ein Finger, dem der Nagel zu scharf beschnitten worden. Aber Firmian, den die Ehe geschulet, und dem sie über die Weiber Barometerskalen und Zifferblätter gegeben hatte, war der klugen Meinung: eine Frau müsse in der Stunde, worin sie aus bloßen moralischen Gründen einen Liebhaber verabschiedet habe, gegen den, der sie mit jenen dazu überredet hätte, und wär' es ihr zweiter, ein wenig zu kalt sein. Und aus demselben Grunde (das muß noch von mir dazu) wird sie gegen den zweiten sogleich nach der Kälte die Wärme übertreiben.

»Arme Natalie! Mögen die Blüten und die Blumen der englische Taft-Verband für die Schnitte in deinem Herzen werden und der milde Äther des Frühlings die Milchkur für deine engatmende Brust!« wünschte Firmian unaufhörlich in seiner Seele und fühlte es so schmerzlich, daß eine Unschuldige so geprüft und gestraft werde wie eine Schuldige und daß sie die reinigende Luft ihres Lebens anstatt von gesunden Blumen sich von giftigen holen mußteBekanntlich hauchen auch Giftpflanzen Lebenluft aus. .

Den Tag darauf machte Siebenkäs weiter nichts als einen Brief, worunter er sich Leibgeber unterzeichnete, und worin er dem Grafen von Vaduz berichtete, daß er krank sei und so graugelb aussehe wie ein Schweizerkäse. Heinrich hatt' ihm keine Ruhe gelassen: »Der Graf«, sagt' er, »hat an mir einen blühenden und weißglühenden Inspektor gewohnt. So aber, wenn ers schriftlich hat, findet er sich ins Wirkliche und glaubt, du bist ich. – Zum Glück sind wir beide sonst Männer, die sich in keinem Mautamt aufzuknöpfen brauchenZ.B. in Engelhardszell knöpfet die österreichische Maut jeden Schmerbauch auf, um zu sehen, ob der Speck kein – Tuch sei. , und die nichts unter der Weste führen als ihr Näbel.«

Am Donnerstag stand Siebenkäs unter dem Tore des Gasthofes und sah den Venner in einem Kurhabit mit einem belorbeerten Parade-Kopf und mit einem ganzen Bahrdtischen Weinberg auf dem Gesicht zwischen zwei Frauenzimmern nach der Eremitage fahren. Als ers hinauftrug ins Zimmer, fluchte und schwur Leibgeber: »Der Spitzbube ist keine wert, als die statt des Kopfes eine Schädelstätte und statt des Herzens eine gorge de Paris hat oder (die Richtung ist nur anders) einen cul de Paris.« – Er wollte durchaus heute Natalien besuchen und benachrichtigen; aber Firmian zog ihn gewaltsam zurück.

Freitags schrieb sie selber so an Heinrich:
 

»Ich widerrufe kühn meinen Widerruf und bitte Sie und Ihren Freund, morgen, wo der Sonnabend die schöne Fantaisie entvölkert, diese eben deswegen lieber zu besuchen als den Sonntag darauf. Ich halte die Natur und die Freundschaft in meinen Armen; und mehr fassen sie nicht. – Mir träumte die vorige Nacht, Sie sähen beide aus einem Sarge heraus, und ein weißer, über Sie flatternder Schmetterling würde immer breiter, bis seine Flügel so groß würden wie weiße Leichenschleier, und dann deckt' er Sie beide dicht zu, und unter der Hülle war alles ohne Regung. – Übermorgen kömmt meine geliebte Freundin. – Und morgen meine Freunde: ich hoffe. Und dann scheid' ich von euch allen.

N.A.«
 

Dieser Sonnabend nimmt das ganze künftige Kapitel ein, und ich kann mir einen kleinen Begriff von des Lesers Begierde darnach machen aus meiner eignen; um so mehr, da ich das künftige Kapitel (wenn nicht geschrieben, doch) schon gelesen habe; er aber nicht.

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