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Siebenkäs

Jean Paul Richter: Siebenkäs - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
authorJean Paul
year1987
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32680-4
titleSiebenkäs
sendergerd.bouillon@t-online.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
firstpub1796
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Die meisten Leser werfen mit dem Advokaten mir und Leibgebern ein, daß Nataliens Liebe sich nicht mit ihrem Charakter, und die Heirat nach Geld sich nicht mir ihrer Kälte gegen Geld vereine. Aber mit einem Wort: sie hatte von dem bunten Fliegenschnapper Rosa noch nichts gesehen als seine Esaus-Hand – nämlich seine Handschrift, d. h. seine Jakobs-Stimme: er hatte ihr bloß untadelige sentimentalische Assekuranz-Briefe (Nadelbriefe voll Amors-Pfeile und Heftnadeln) geschrieben und so den papiernen Adel seines Herzens gut verbrieft. – – Der Heimlicher hatte seiner Nichte noch dazu geschrieben: den Pankratiustag (den 12. Mai, also in vier Tagen) komme der Hr. Venner und stelle sich ihr vor, und wenn sie ihm den Korb gebe: so solle sie nie sagen, daß sie Blaisens Nichte gewesen, sondern in ihrem SchraplauEin Städtchen in der Grafschaft Mansfeld, gehörig dem Kurfürsten von Brandenburg. in Gottesnamen verhungern.

Aber als ehrlicher Mann zu sprechen, ich habe nicht mehr als drei kaum der besten Briefe Rosas eine Minute in Händen gehabt, und eine Stunde in der Tasche; aber sie waren in der Tat nicht schlecht, sondern viel moralischer als ihr Verfasser. –

Gerade als Leibgeber gesagt hatte, er wolle das Vor-Konsistorium bei Natalien machen und sie von Rosa noch vor der Trauung scheiden: kam sie mit einigen Freundinnen gefahren und stieg aus, aber ohne sie zu dem Sammelorte der Gesellschaft zu begleiten, und begab sich allein in einen einsamen Seitenlaubgang hinauf, in den sogenannten Tempel. Sie hatte in ihrer Hastigkeit ihren Freund Leibgeber nicht sitzen sehen den Pferdeställen gegenüber. Die Baireuther Gäste der Eremitage sitzen nämlich in einem kleinen, durch Schatten und Zugluft stets abgekühlten Wäldchen seit langen und markgräflichen Zeiten bloß dem langgestreckten Wirtschaftgebäude gegenüber und dessen Stallungen, haben aber nahe die schönsten Aussichten hinter ihrem Rücken, welche sie leicht gegen die kahle Futtermauer des Auges eintauschen, wenn sie aufstehen und über das Wäldchen auf beiden Seiten hinaus spazieren.

Leibgeber sagte zum Advokaten, er könne ihn sogleich zu ihr bringen, da sie, wie gewöhnlich, oben im Tempel sitzen werde, wo sie die Zauberaussichten über die Kunstwäldchen hinüber nach den Stadttürmen und Abendbergen unter der scheidenden Abendsonne genieße. Er setzte hinzu, sie kümmere sich leider – daher sie allein ins Häuschen hinauf gelaufen – wenig um den schönsten spröden Anschein und ärgere dadurch ihre Engländerin stark, die, wie ihre Landsmänninnen, ungern allein gehe und ohne eine Versicherung-Anstalt oder Bibelgesellschaft von Weibern sich nicht einmal einem männlichen Kleiderschranke zu nahen getraue. Er hab' es von guter Hand, sagte er, daß eine Britin sich nie einen Mann in ihrem Kopf vorstelle, ohne ihn zugleich mit den nötigen Vorstellungen von Frauen zu umringen, die ihn zügeln und festhalten, wenn er in ihren vier Gehirnkammern sich so frei benehmen will, als sei er da zu Hause.

Beide fanden Natalie oben im offenen Tempelchen mit einigen Papieren in der Hand. »Hier bring' ich«, sagte Leibgeber, »unsern Verfasser der Auswahl aus des Teufels Papieren – die Sie ja gerade, wie ich sehe, lesen – und stell' ihn hier vor.« – Nach einem flüchtigen Erröten über ihre Verwechslung Firmians mit Leibgeber in Fantaisie sagte sie recht freundlich zu Siebenkäs: »Es fehlt nicht viel, Hr. Advokat, so verwechsle ich Sie wieder, und zwar geistlicherweise mit Ihrem Freunde; Ihre Satiren klingen oft ganz wie seine; nur die ernsthaften AnhängePoetisch-philosophische Kapitel in der nun seit vielen Jahren in Gera gedruckten und als Makulatur reißend abgegangenen Auswahl. , die ich eben lese und die mir recht gefallen, schien er mir nicht gemacht zu haben.«

Ich habe jetzt nicht Zeit, Leibgebers eigenmächtige Mitteilung fremder Papiere an eine Freundin mit langen Druck-Seiten gegen Leser zu verteidigen, welche in dergleichen außerordentliche Delikatesse begehren und beobachten; es sei genug, wenn ich sage, daß Leibgeber jedem, der ihn lieben wollte, zumutete, er müßte ihm auch seine andern Freunde mit lieben helfen, und daß Siebenkäs, ja sogar Natalie in seinem kühnen Mitteilen nichts fanden als ein freundschaftliches Rundschreiben und seine Voraussetzung dreiseitiger Wahlverwandtschaft.

Natalie sah beide, besonders Leibgebern – dessen großen Hund sie streichelte – freundlich-aufmerksam und vergleichend an, als ob sie Ungleichheiten suche; denn in der Tat stand Siebenkäs nicht ganz ähnlich genug vor ihr, der länger und schlanker und gesichtjünger erschien; was aber davon kam, daß Leibgeber, mit seiner etwas stärkeren Schulter und Brust, das seltsame ernstere Gesicht mehr vorbückte, wenn er sprach, gleichsam als rede er in die Erde hinein. Jung (sagt' er selber) habe er nie recht ausgesehen, sogar als Täufling – seine Taufzeugen seien die Zeugen –, und er werde sich auch schwerlich früher wieder verjüngen als im Spätalter bei dem zweiten Kindischwerden. Richtete sich aber Leibgeber auf und neigte sich Siebenkäs ein wenig: so sahen beide einander ähnlich genug; doch sind dies mehr Winke für ihre Paßschreiber.

Man wünsche dem Kuhschnappler Advokaten Glück zu Sprechminuten mit einem weiblichen Wesen von Stande und von so vielseitiger Ausbildung, sogar für Satiren; und er selber wünschte für sich nur, daß ein solcher Phönix, von welchem er nur einige Asche im Leben oder ein paar Phönixfedern in Büchern fliegen sehen, nicht sogleich davonflattern, sondern daß er ein recht langes Gespräch mit Leibgeber vernehmen und eigenhändig mit fortspinnen könnte: als ihre Baireuther Freundinnen gelaufen kamen und ankündigten, den Augenblick sprängen die Wasser und sie hätten alle nichts zu versäumen. Sämtliche Gesellschaft machte sich auf den Weg zu den Wasserkünsten hinab, und Siebenkäs suchte nichts als der edelsten Zuschauerin so nahe als möglich zu bleiben.

Unten stellten sie sich auf den Steinrand des Wasserbeckens und sahen den schönen Wasserkünsten zu, welche längst vor dem Leser werden gesprungen haben an Ort und Stelle oder auf dem Papiere der verschiedenen Reisebeschreiber, welche darüber sich hinlänglich ausgedrückt und verwundert haben. Alles mythologische halbgöttliche Halbvieh spie, und aus der bevölkerten Wassergötterwelt wuchs eine kristallene Waldung empor, die mit ihren niedersteigenden Strahlen wieder wie Lianenzweige in die Tiefe einwurzelte. Man erfrischte sich lange an der geschwätzigen, durcheinander fliegenden Wasserwelt. Endlich ließ das Umflattern und Wachsen nach, und die durchsichtigen Lilienstengel kürzten sich zusehends vor dem Blicke ab. »Woher kommt es aber?« sagte Natalie zu Siebenkäs, »- ein Wasserfall erhebt jedem das Herz, aber dieses sichtliche Einsinken des Steigens, dieses Sterben der Wasserstrahlen von oben herab beklemmt mich, sooft ich es sehe. – Im Leben kommt uns nie dieses anschauliche, furchtbare Einschwinden von Höhen vor.«

Während der Armenadvokat noch auf eine sehr richtige Erwiderung dieses so wahren Gefühlwortes sann: war Natalie ins Wasser gesprungen, um ein Kind, das, von ihr wenige Schritte fern, vom Beckenrand hineingefallen, eiligst zu retten, da das Wasser über halbe Mannhöhe gestiegen. Ehe die danebenstehenden Männer, die noch leichter retten konnten, daran dachten, hatte sie es schon getan, aber mit Recht; und nur Eile ohne Rechnen war hier das Gute und Schöne. Sie hob das Kind empor und reichte es den Frauen hinauf; Siebenkäs und Leibgeber aber ergriffen ihre Hände und hoben die Feurige und Seelenrotwangige leicht auf die Beckenküste. »Was ists denn? Es schadet ja nichts«, sagte sie lachend zum erschrocknen Siebenkäs und enteilte mit den verblüfften Freundinnen davon, nachdem sie Leibgebern gebeten, morgen abends gewiß mit seinem Freunde in die Fantaisie zu kommen. »Dies versteht sich, aber ich allein komme schon frühmorgens«, hatt' er versetzt.

Beide Freunde hatten jetzt sich und Einsamkeit sehr vonnöten; Leibgeber konnte, von neuem aufgeregt, die Birkenwaldung kaum erwarten, wo er das vorige Gespräch über Firmians Haus- und Ehelage gar hinauszuspinnen vorhatte. Über Natalie bemerkte er gegen den verwunderten Freund nur flüchtig, eben dies sei, was er an ihr so liebe, ihre entschiedene Aufrichtigkeit im Handel und Wandel und ihre männliche Heiterkeit, in welcher Menschen und Armut und Zufälle nur als leichte lichte Sommerwölkchen schwammen und verflögen, ohne ihr den Tag zu trüben.

»Was nun dich und deine Lenette anbelangt«, fuhr er in der waldigen Einsamkeit so ruhig fort, als hätte er bis hieher gesprochen, »so nähm' ich, wenn ich an deiner Stelle wäre, ein zerteilendes Mittel und schaffte mir den schweren Gallenstein der Ehe heraus. Wenn ihr noch Jahre lang mit eueren Haar- und Beinsägen auf dem ehelichen Bande hin und her kratzet und streicht: so könnt ihrs vor Schmerzen nicht mehr aushalten. Das Ehegericht tut einen derben Schnitt und Riß – entzwei seid ihr.«

Siebenkäs erschrak über die Ehescheidung, nicht als ob er sie nicht wünschte, als die einzige Wetterscheide; nicht als ob er sie und die daraus sich anspinnende Verbindung mit dem Schulrate Lenetten nicht gönnte: sondern weil er bedachte, daß Lenette, ihrer ähnlichen Wünsche ungeachtet, aus Hermesschen Gründen und bürgerlicher Scham sich nie ins gewaltsame Trennen fügen würde; daß ferner er und sie auf dem Wege zur Trennung noch grausame, schneidende Stunden voll Herzgespann und Nervenfieber durchgehen müßten, und daß sie beide kaum eine Trauung, geschweige eine Scheidung bezahlen könnten. Und ein Nebenumstand war noch: es tat ihm wehe, daß er das arme unschuldige Geschöpf, das in so manchen kalten Stürmen des Lebens neben ihm gezittert hatte, auf immer aus seinen Armen und aus seiner Stube, und noch dazu mit dem Schnupftuch in der Hand, sollte gehen sehn.

Alle diese Bedenklichkeiten, manche schwächer, manche stärker, trug er seinem Liebling vor und schloß mit der letzten: »Ich bekenne dir auch, wenn sie mit allem ihren Geräte von mir fortzieht und mich allein, wie in einem Erbbegräbnis, in der weiten Stube lässet und an allen den ausgerichteten, geschleiften Plätzen, wo wir sonst doch in mancher freundlichen Stunde beisammensaßen und Blumen um uns grünen sahen: so darf sie nachher nicht mehr, zumal mit meinem Namen, ohne doch die meine zu sein, vor meinem Fenster vorbeigehen; oder es schreiet etwas in mir: stürz dich hinunter und falle zerbrochen vor ihre Füße ... Wär's nicht zehnmal gescheuter«, fuhr er in einem andern Tone fort und wollte in einen aufgewecktern kommen, »man wartete es ab, bis ich oben in der Stube selber (was nützt mir sonst mein Schwindel) auf eine ähnliche Art hinfiele und auf eine schönere zum Fenster hinauskäme und zur Welt auch ... Der Freund Hein nimmt sein langes Radiermesser und schabet meinen Namen außer andern Klecksen aus ihrem Trauschein und Ehering heraus.« – –

Das schien wider alle Erwartung seinen Leibgeber immer munterer und belebter zu machen. »Das tu«, sagt' er, »und stirb! Die Leichenkosten können sich unmöglich so hoch wie andere Scheidekosten belaufen, und du stehst noch dazu in der Leichenkasse.« Siebenkäs sah ihn verwundert an.

Er fuhr im gleichgültigsten Tone fort: »Nur, muß ich dir sagen, wird für uns beide wenig herauskommen, wenn du lange satteln und hocken und erst in einem oder zwei Jahren mit Tod abgehen willst. Für sachdienlicher hielt' ichs für meine Person, wenn du von Baireuth nach Kuhschnappel gingest und dich gleich nach deiner Ankunft aufs Kranken- und Totenbette legtest und da Todes verblichest. Ich will dir aber auch meine Gründe angeben. Einesteils würde dann gerade vor der Adventzeit das Trauerhalbjahr deiner Lenette aus, und sie brauchte dann nicht erst eine Dispensation von der Adventzeit, sondern nur eine von der Trauerzeit einzuholen, wenn sie noch vor Weihnachten sich mit dem Pelzstiefel trauen lässet. Auch meinerseits wär's gut; ich verschwände dann unter die Volkmenge der Welt und sähe dich nicht eher wieder als spät. Und dir selber kann es nicht gleichgültig sein, bald zu verscheiden, weil es dein Nutzen ist, wenn du früher – Inspektor wirst.« – –

»Das ist das erstemal, lieber Heinrich«, versetzte er, »daß ich kein Wort von deinem Scherze verstehe.«

Leibgeber zog mit einem unruhigen Gesicht, auf dem eine ganze künftige Welthistorie war, und das die größte Erwartung sowohl verriet als verursachte, ein Schreiben aus der Tasche und gab es schweigend hin. Es war ein Bestallungschreiben vom Grafen von Vaduz, das Leibgebern zum Inspektor des Vaduzer Ober-Amts erhob. Er reichte ihm dann ein durchsichtiges Handbriefchen vom Grafen. Während es Firmian las, brachte er seinen Taschenkalender heraus und murmelte kalt vor sich: »Vom Quatember – (lauter) nicht wahr, am Quatember nach Pfingsten soll ich einziehen? – Das ist von heute, als am Stanislaustag – höre, ach Stanislaustag! – eins – zwei – drei – vier – vier fünfthalbe Woche.« –

Als ihm es Firmian freudig wieder zulangte: schob ers zurück und sagte: »Ich hab' es eher gelesen als du – steck es wieder ein. Schreib aber dem Grafen heute lieber als morgen!«

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